Wichtige Textzeugen in Wiener griechischen Palimpsesten
FWF Projekt P 24523-G19


Die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) besitzt eine große Anzahl griechischer Palimpseste. Viele der palimpsestierten Handschriftenfragmente wurden bei der von Herbert Hunger, Otto Kresten, Christian Hannick und Wolfgang Lackner in den 60er bis 90er Jahren des 20. Jahrhunderts durchgeführten Gesamtkatalogisierung der griechischen Handschriftenbestände der ÖNB erfasst, andere Palimpseste konnten erst in der letzten Dekade dank moderner technischer Möglichkeiten genauer untersucht werden. Die neue, systematische Bearbeitung der griechischen Palimpseste der ÖNB hat im Rahmen des EU-Projekts Rinascimento virtuale - Digitale Palimpsestforschung (2001–2004) begonnen und wurde in den Jahren 2005–2008 im Rahmen des Projekts "Griechische Palimpseste" und im Rahmen des vorliegenden, vom FWF (Austrian Science Fund) geförderten Projekts am Institut für Byzanzforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften weitergeführt.

Wichtige Textzeugen in Wiener griechischen Palimpsesten

(FWF-Projekt P 24523-G19, 1. Juni 2012 – 31. Mai 2017)

Anschliessend an die bisherige Forschungsarbeit verfolgte dieses Projekt das Ziel, fünf wichtige, einzigartige griechische Textzeugen, die in der getilgten Textschicht von Palimpsesten bisher zum großen Teil verborgen waren, weiter zu entziffern und zu untersuchen, um dieses wertvolle Kulturerbe allen einschlägigen wissenschaftlichen Disziplinen und auch einem breiten interessierten Publikum zugänglich zu machen. Bei der Erfassung der Palimpseste sind vielfältige Einblicke in die byzantinische Kultur und Buchproduktion vom 6. bis zum 13. Jahrhundert ermöglicht worden. Die Texte wurde in Zusammenarbeit mit weltweit anerkannten Spezialisten untersucht: Klaus Alpers, Oliver Primavesi, Bernard H. Stolte, Gunther Martin, Ernst Gamillscheg, Olivier Gengler, Michael Featherstone.

1) Herodian, De prosodia catholica

 

Von zentraler Bedeutung für die Geschichte der griechischen Literatur und Grammatik ist das berühmte Herodian-Palimpsest im Codex Vind. Hist. gr. 10 (entdeckt von H. Hunger) mit Fragmenten aus dem Werk De prosodia catholica über die Akzentuierung des Griechischen (2. Jh. n. Chr.), mit zahlreichen, zum Teil nur hier überlieferten Zitaten aus klassischen Autoren (Bearbeiter: O. Primavesi, K. Alpers, J. Grusková). Siehe dazu O. Primavesi – K. Alpers, Empedokles im Wiener Herodian-Palimpsest. ZPE 156 (2006), 27–37; J. Grusková, Untersuchungen zu den griechischen Palimpsesten der ÖNB. Wien 2010, S. 35–37; J. Grusková, Further Steps in Revealing, Editing and Analysing Important Ancient Greek and Byzantine Texts Hidden in Palimpsests. GLO 33–34 (2012), 69–82. In Vorbereitung: O. Primavesi – K. Alpers – J. Grusková, Zum Wiener Herodian-Palimpsest (I): De prosodia catholica, Bruchstück VIc (ÖNB, Codex Historicus graecus 10, fol. 7r, untere Schrift); K. Alpers – O. Primavesi – J. Grusková, Zum Wiener Herodian-Palimpsest (II): De prosodia catholica, Bruchstück VIIa (ÖNB, Codex Historicus graecus 10, fol. 25r, untere Schrift); J. Grusková – K. Alpers – O. Primavesi, Zum Wiener Herodian-Palimpsest (III): De prosodia catholica, Bruchstücke Ia-Id (ÖNB, Codex Historicus graecus 10, fol. 6rv+3rv, untere Schrift).

2) Florilegium Basilicorum Vindobonense

In der unteren Schrift des Codex Vind. Hist. gr. 10 ist auch ein bisher unbekanntes Florilegium der Basiliken erhalten geblieben, des ausführlichsten Textes zur Gesetzgebung im byzantinischen Recht (Bearbeiter: B. Stolte, J. Grusková). Siehe dazu B. H. Stolte – J. Grusková, Zwei neue Basiliken-Handschriften in der Österreichischen Nationalbibliothek (mit 30 Tafeln), in: Quellen zur byzantinischen Rechtspraxis. Wien 2010, 107–182. In Vorbereitung: B. H. Stolte – J. Grusková, Florilegium Basilicorum Vindobonense (Bratislava 2018).

3) Scythica Vindobonensia

Zu den wichtigsten Ergebnissen des Projekts gehört zweifellos die weitere Entzifferung und Erschließung der Scythica Vindobonensia durch Jana Grusková und Gunther Martin. Diese neuen historischen Fragmente, die in den palimpsestierten Blättern 192r–195v des Cod. Hist. gr. 73 vor wenigen Jahren entdeckt wurden (s. Grusková, Untersuchungen, 2010, 50–53), bilden einen der wichtigsten neuen Zuwächse zum Corpus antiker Texte. Sie enthalten eine detaillierte Darstellung von Einfällen von "Skythen" (eine archaisierende Kollektivbezeichnung für Goten und andere ostgermanische Stämme) in die römischen Balkanprovinzen in der Mitte des 3. Jh. n.Chr. und entstammen höchstwahrscheinlich den "Scythica" des zeitgenössischen Historikers Dexippos von Athen. Die weitere Auswertung und Kontextualisierung der Fragmente wird in einem Nachfolgeprojekt weitergeführt (siehe "Scythica Vindobonensia"). Siehe dazu G. Martin – J. Grusková, ‚Dexippus Vindobonensis (?)‘. Ein neues Handschriftenfragment zum sog. Herulereinfall der Jahre 267/268. Wiener Studien 127 (2014) 101–120 (mit Abb. 1–4) (für die Corrigenda s. Tyche 2015); G. Martin – J. Grusková, ‚Scythica Vindobonens ia‘ by Dexippus (?): New Fragments on Decius’ Gothic Wars. Greek, Roman, and Byzantine Studies 54 (2014) 728–754 (with Figg. 1–4); J. Grusková – G. Martin, Ein neues Textstück aus den "Scythica Vindobonensia" zu den Ereignissen nach der Eroberung von Philippopolis. Tyche 29 (2014) 29–43 (mit Tafeln 12–15) (doi); J. Grusková – G. Martin, Zum Angriff der Goten unter Kniva auf eine thrakische Stadt (Scythica Vindobonensia, f. 195v). Tyche 30 (2015) 35–53 (mit Tafeln 9–11) (doi); G. Martin – J. Grusková, Rückkehr zu den Thermopylen: Die Fortsetzung einer Erfolgsgeschichte in den neuen Fragmenten Dexipps von Athen, in: Das dritte Jahrhundert. Kontinuitäten, Brüche, Übergänge. Hrsg. von A. Eich, S. Freund, M. Rühl und Ch. Schubert (Ergebnisse der Mommsen-Tagung in Wuppertal 2014). Franz Steiner Verlag 2017, 267–281.

4) Eusebii Chronici fragmentum Vindobonense

Von großem Interesse ist auch das neue, vier Codexseiten umfassende Fragment aus dem ansonsten verlorenen griechischen Original der Chronik-Weltgeschichte des Eusebios von Kaisareia (Buch I) im Codex Vind. Iur. gr. 18 (Bearbeiter: J. Grusková, O. Gengler). Siehe dazu J. Grusková, Zur Textgeschichte der Weltchronik des Eusebios zwischen Okzident und Orient (Eusebii Chronici fragmentum Vindobonense – ein neues griechisches Handschriftenfragment), in: Byzanz und das Abendland. Budapest 2013, 43–51. In Vorbereitung: J. Grusková – O. Gengler, The Vienna Greek Palimpsest of the Chronicon of Eusebius (Codex Vind. Iur. gr. 18).

5) Wiener Palimpsest der Georgslegende

Weltweit bekannt sind die palimpsestierten Reste eines uralten griechischen Volksbuches mit der Legende vom Heiligen Georg im Codex Vind. (lat.) 954 (Bearbeiter: E. Gamillscheg, J. Grusková). Siehe dazu J. Grusková, Untersuchungen zu den griechischen Palimpsesten der ÖNB. Wien 2010, S. 35–37; J. Grusková, Further Steps in Revealing, Editing and Analysing Important Ancient Greek and Byzantine Texts Hidden in Palimpsests. GLO 33–34 (2012), 69–82. In Vorbereitung: E. Gamillscheg – J. Grusková, Zum Wiener Palimpsest der Georgslegende (BHG 670). Codices Manuscripti (2018).

Neben den Wiener Palimpsesten wurden im Rahmen des Projekts auch die Palimpsestblätter in den Codices Athous Vatop. 1003 und Chalc. S. Trinitatis 133 (125) mit Fragmenten des unter dem Namen des Kaisers Konstantinos VII. Porphyrogennetos überlieferten Werkes De cerimoniis aulae Byzantinae weiter untersucht (Bearbeiter: O. Kresten, M. Featherstone, J. Grusková). Siehe dazu M. Featherstone – J. Grusková – O. Kresten, Studien zu den Palimpsestfragmenten des sogenannten Zeremonienbuches. I. Prolegomena. BZ 98/2 (2005), 423–430 (mit vier Tafeln). In Vorbereitung: M. Featherstone – J. Grusková – O. Kresten, Studien zu den Palimpsestfragmenten des sogenannten "Zeremonienbuches" II. Codex Vatopedinus 1003 (mit 26 Tafeln).

Hoch-innovative multispektrale Aufnahmetechnologie ermöglichten die Entzifferung der getilgten Texte. Für 76 Palimpsestseiten wurden die bereits (aus dem Projekt "Rinascimento virtuale") zur Verfügung stehenden multispektralen Aufnahmen der italienischen Firma Fotoscientifica Snc Di Finzi & Broia aus Parma, die im Jahre 2003 von Daniele Broia mit seinem hochspeziellen Kamerasystem RE.CO.RD erstellt wurden, eingehend ausgewertet. Für 12 Palimpsestseiten mit zwei jüngst entdeckten Textzeugen – im Codex Hist. gr. 73 und im Codex Iur. gr. 18 – kammen die Aufnahmetechnik und die Methoden der digitalen Wiedergewinnung getilgter Texte der Early Manuscripts Electronic Library (EMEL, Direktor: Michael Phelps) aus California zum Einsatz. Im Februar 2013 fertigte das technische Team der EMEL mit einer Spezialkamera (bereitgestellt von Kenneth Boydston unter Mitarbeit von Damianos Kasotakis) und einem System mehrfacher schmalbandiger LED-Lichtquellen (bereitgestellt von William Christens-Barry) hochauflösende Multispektralaufnahmen der 6 Blätter an. Anschließend haben die "image scientists" William Christens-Barry, Keith Knox, Roger Easton und Dave Kelbe ein spezielles 'image processing' durchgeführt.

Frühere Homepage des Projekts: https://www.oeaw.ac.at/imafo/die-abteilungen/byzanzforschung/language-cultural-heritage/buchkultur/griechische-palimpseste/fwf-projekt-p-24523-g19/
 

Außerhalb des FWF-Projekts P 24523-G19 werden im Rahmen des Forschungsschwerpunktes "Griechische Palimpseste" – unter der Leitung und der Betreuung von Otto Kresten – auch die anderen Wiener griechischen Palimpseste weiter bearbeitet, darunter besonders: Homilien des Gregors von Nazianz in den Codices Suppl. gr. 189 und Suppl. gr. 59 (Bearbeiter: V. Somers, J. Grusková); Fragmente einer neuentdeckten Handschrift der Basiliken im Codex Suppl. gr. 200 (Bearbeiter: B. Stolte, J. Grusková); Fragmente der Vita BHG 884 des Johannes von Damaskos im Codex Phil. gr. 158 (Bearbeiter: R. Volk, E. Lamberz); Fragmente einer homiletisch-hagiographischen Sammelhandschrift im Codex Phil. gr. 158 (Bearbeiter: E. Lamberz, O. Kresten, J. Grusková); Trophaea Damasci im Codex Phil. gr. 286 (Bearbeiter: B. Campos); Diodoros᾽ von Tarsos Kommentar zu den Psalmen im Codex Theol. gr. 177 (Bearbeiter: O. Kresten, J. Grusková); ein neuentdecktes Palimpsestfragment juristischen Inhalts (Blotius-Signatur 1536, ursprünglich aus dem Vind. Theol. gr. 238) (Bearbeiter: B. Stolte, J. Grusková). Neben den früher erworbenen Spezialaufnahmen helfen dabei die neuen Multispektralaufnahmen, die von Mitarbeitern des Centre of Image and Material Analysis in Cultural Heritage der Technischen Universität Wien hergestellt und verarbeitet wurden.

Projektpartner


Weitere Kooperationspartner


Projektpublikationen


Frühere Publikationen


  • B. H. Stolte, Zwei neue Basiliken-Handschriften in der Österreichischen Nationalbibliothek II: Rechtshistorische Analyse, in: Quellen zur byzantinischen Rechtspraxis. Aspekte der Textüberlieferung, Paläographie und Diplomatik. Akten des internationalen Kongresses (Wien, 5.–7. November 2007). Hrsg. von Ch. Gastgeber (Veröffentlichungen zur Byzanzforschung XXV). Wien 2010, 139–182 (mit 30 Tafeln)
  • J. Grusková, Zwei neue Basiliken-Handschriften in der Österreichischen Nationalbibliothek I: Paläographisch-kodikologische Analyse, in: Quellen zur byzantinischen Rechtspraxis. Aspekte der Textüberlieferung, Paläographie und Diplomatik. Akten des internationalen Kongresses (Wien, 5.–7. November 2007). Hrsg. von Ch. Gastgeber (Veröffentlichungen zur Byzanzforschung XXV). Wien 2010, 107–138, 153–182 (mit 30 Tafeln)
  • J. Grusková, Untersuchungen zu den griechischen Palimpsesten der Österreichischen Nationalbibliothek. Codices Historici, Codices Philosophici et Philologici, Codices Iuridici, Wien: Verlag der ÖAW 2010. ISBN 978-3-7001-6802-7
  • B. Stolte, Ein Florilegium Vindobonense der Basiliken, in: Palimpsestes et éditions de textes : les textes littéraires. Actes du colloque tenu à Louvain-la-Neuve (septembre 2003). Édités par V. Somers (Publications de l’Institut orientaliste de Louvain 56). Louvain-la-Neuve 2009, 111–113
  • E. Gamillscheg, Der Codex des Herodian in der Österreichischen Nationalbibliothek. Zur Anwendung neuer Technologien in der Handschriftenforschung, in: Palimpsestes et éditions de textes : les textes littéraires. Actes du colloque tenu à Louvain-la-Neuve (septembre 2003). Édités par V. Somers (Publications de l’Institut orientaliste de Louvain 56). Louvain-la-Neuve 2009, 101–110
  • J. Grusková – O. Kresten, Palimpsestfragmente der Homiliae I et III in nativitatem B. M. V. des Andreas von Kreta im Cod. Vind. theol. gr. 160. Anzeiger der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 43/1 (2008), 5–70
  • J. Grusková, Neue Ergebnisse aus der Palimpsestforschung an der Österreichischen Nationalbibliothek: Aus der Werkstatt des Schulmeisters, in: Libri palinsesti greci: conservazione, restauro digitale, studio. Atti del Convegno internazionale (Roma – Grottaferrata, 21–24 aprile 2004). A cura di S. Lucà. Rom 2008, 295–311
  • O. Primavesi – K. Alpers, Empedokles im Wiener Herodian-Palimpsest. ZPE 156 (2006) 27–37
  • M. Featherstone – J. Grusková – O. Kresten, Studien zu den Palimpsestfragmenten des sogenannten Zeremonienbuches. I. Prolegomena. BZ 98/2 (2005) 423–430 (mit vier Tafeln)
  • J. Grusková, Zwei neuentdeckte Basiliken-Handschriften in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, in: Palimpsestos. News from Rinascimento virtuale – Digitale Palimpsestforschung. Rediscovering written records of a hidden European cultural heritage (2001–2004). Hrsg. von A. Escobar. Zaragoza 2004, 47
  • E. Gamillscheg – J. Grusková, Neue Techniken für alte Bücher II. Erste Ergebnisse des Projektes Rinascimento Virtuale. Biblos 53/1 (2004) 31–36
  • H. Hunger unter Mitarbeit von O. Kresten, Katalog der griechischen Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek, Teil 2: Codices juridici, codices medici (Museion. Veröffentlichungen der Österreichischen Nationalbibliothek N.F. IV/1, 2). Wien 1969
  • H. Hunger, Palimpsest-Fragmente aus Herodians ΚΑΘΟΛΙΚΗ ΠΡΟΣΩιΔΙΑ, Buch 5–7, Cod. Vindob. Hist. gr. 10. JÖBG 16 (1967) 1–33