
Die Erstellung und Nutzung von Listen bildet als grundlegende Kulturtechnik einen wiederkehrenden Bestandteil des menschlichen Alltag. Dennoch – oder gerade durch diesen fundamentalen Charakter – sind Listen lange Zeit nicht als wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand wahrgenommen worden. Hiervon insbesondere betroffen ist die Erforschung historischer Presseprodukte: Obwohl sich in einer Vielzahl frühneuzeitlicher Zeitungen in regelmäßigen Abständen publizierte Listen finden – etwa die „Anzeige der hier angekommenen Personen“ in der „Münchner Zeitung“, die „Lista aller Getaufften“ im „Wien[n]erischen Diarium“ oder das „Verzeichnis der Verstorbenen“ in der „Preßburger Zeitung“ – wurden Texte dieser Art bislang weder theoretisch diskutiert noch korpusbasiert auf ihre textuellen Eigenschaften hin untersucht – im Gegensatz zu anderen, als prototypisch(er) wahrgenommenen Zeitungstextsorten, wie zum Beispiel Nachrichten, Anzeigen oder Leserbriefen.
Ausgehend von dieser Forschungslücke setzt sich das Dissertationsprojekt empirisch mit periodisch publizierten Listen in historischen, deutschsprachigen Zeitungen auseinander und untersucht diese korpusbasiert innerhalb des Zeitraums von 1600 bis 1850. Praktisch umgesetzt wird dies über Methoden der multimodalen Korpuslinguistik sowie der Digital Humanities, die im Rahmen von drei Projektzielen zur Anwendung kommen: Erstens sollen periodische Listen in bestehenden digitalen Zeitungskorpora und -sammlungen identifiziert und so ein erster Überblick über ihr Vorkommen geschaffen werden. Zweitens soll das historische Material auf seine textuellen Eigenschaften untersucht werden, indem ein eigens zusammengestelltes Korpus an Listen mithilfe von Scalable Reading auf ausgewählte inhaltliche, sprachliche und typographische Muster hin analysiert wird. Drittens sollen im Rahmen des von der Stadt Wien geförderten Teilprojekts Zu Gast in Wien die Potenziale und Herausforderungen von in Zeitungen abgedruckten Listen für mögliche DH-Anwendungsszenarien, insbesondere für automatische Informationsextraktionsverfahren, herausgearbeitet werden. Über diesen konzeptuell-methodischen Dreischritt wird das bislang vernachlässigte Phänomen periodisch publizierter Listen erstmals empirisch untersucht und für die (digitalen) Geisteswissenschaften sichtbar(er) sowie zugänglich(er) gemacht.
Das Dissertationsprojekt „Listen in historischen Zeitungen“ wird, gefördert durch ein DOC-Stipendium der ÖAW, an der Forschungsabteilung Literaturwissenschaft & Printkulturforschung des ACDH durchgeführt und von PD Dr. Mag. Claudia Resch betreut.
Nina C. Rastinger
Nina C. Rastinger
10/2023–03/2026