
Das vom Berliner Kritiker Siegfried Jacobsohn 1905 gegründete Wochenperiodikum „Die Schaubühne“ war zunächst eine Theater- und Kulturzeitschrift. Nachdem sie sich politischen Themen geöffnet hatte, wurde sie 1918 in „Die Weltbühne“ umbenannt und gilt bis heute als ein zentrales Forum der Weimarer Republik. Die Einbeziehung möglichst vieler namhafter AutorInnen des deutschsprachigen Raums und darüber hinaus war dabei durchgehendes Prinzip; zu den wichtigsten Beiträgern zählten etwa Alfred Polgar und Kurt Tucholsky. Im Kern stand der Bezug auf die Theaterzentren Berlin und Wien; ebenso die Auseinandersetzung mit dem neuen Inszenierungsstil Max Reinhardts, den dieser in Berlin entwickelte.
Die „Schaubühne“ präsentierte und kommentierte die Avantgarde in Literatur und Kunst, prominente Kritiker waren etwa Julius Bab und Willi Handl. Zentral ist die hohe Zahl an Vor- und Teilabdrucken aus Stücken – darunter etwa Else Lasker-Schülers „Die Wupper“ – sowie von Gedichten und Prosatexten. Darüber hinaus informierten theaterbezogene Rubriken über viele Themen, von Uraufführungen und Stückaufträgen bis hin zur Listung einzelner Engagements, neuer Bauvorhaben und illustrierten Regieplänen. Dokumentiert wurden zudem etwa rechtliche Fragen.
Vor dem Hintergrund der Kommerzialisierung des Theaters v.a. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts trat Jacobsohn explizit für eine Erneuerung der Bühne im Sinn einer Aufklärung der Moderne ein. Ein wichtiger Zug ist dabei der Blick auf das internationale Geschehen. Das europäische Theater sollte insgesamt beleuchtet werden, Berichte gab es aber auch zu „fremden Schaubühnen“ wie der indischen Pantomime oder malayischen Kleinbühnen.
Aus der Summe dieser Qualitäten resultiert der dokumentarische Wert der „Schaubühne“ und ihr Charakter als kulturgeschichtliche Quelle ersten Ranges, deren Erschließung über die Disziplinen der Theater-, Film- und Literaturwissenschaften hinaus äußerst relevant für die Medien- und Zeitgeschichte ist.
Die ÖAW verfügt über Digitalisate der 26 (Halbjahres-)Bände (ca. 17.000 Dateien) des Fraktur-Nachdrucks von 1979–1980. Das Vorhaben umfasst die Annotation, die Registererstellung, die Verknüpfung mit Normdatensätzen sowie die technische Einrichtung (u. a. Durchsuchbarkeit mittels SketchEngine, Aufbereitung der Faksimiles) und die open access-Publikation in mehreren Schritten. Die Textedition von 2024 umfasst alle 643 Ausgaben der Zeitschrift mit Lesefassung, Autorenverzeichnis und Druckfehlerauszeichnung.
10/2020–09/2026