Übersetzungen werden seit geraumer Zeit als ein bedeutendes Element und ein zentraler Mechanismus in der Vermittlung von Wissen verstanden. Diese werden traditionell entlang einzelner Sprachen bzw. Sprachenpaare untersucht, wodurch vielfach eine nationale Betrachtungsweise gestützt wird. Zugleich dominiert ein qualitativer Ansatz, der sich stark auf einzelne oder einige wenige Artefakte stützt und auf bestimmte Textsorten fokussiert.
Das vorliegende Projekt verfolgt einen multidisziplinären Ansatz, bei dem quantitative und qualitative Methoden kombiniert werden, um auf diese Weise nationale Betrachtungsweisen zu überkommen. Ausgangspunkt ist nicht eine bestimmte Ausgangs- oder Zielsprache im Hinblick auf eine einzelne Textsorte, sondern alle bekannten Übersetzungen, die in der Habsburgermonarchie zwischen 1848 und 1918 gedruckt und veröffentlicht wurden. Zu diesem Zweck wird eine öffentlich zugängliche Datenbank erstellt, die Informationen zu Autor:innen, Übersetzer:innen und Übersetzungen zusammenbringt. Dadurch ist es erstmals möglich, strukturelle Aussagen über den Wissenstransfer in einer mehrsprachigen und plurikulturellen Gesellschaft zu treffen. Dazu zählen Fragen der Multidirektionalität (von wem und für wen werden Übersetzungen erstellt?), Binarität (wer ist an einer Übersetzung beteiligt?), Simultanität (in welchem zeitlichen Verhältnis stehen Ausgangs- und Zieltexte?) und räumliche Eigenschaften (zwischen welchen Orten finden Ausgangs- und Zieltexte statt?).
Das innovative Potenzial dieses Ansatzes besteht in der Verwendung computergestützter Methoden zur Sammlung und Auswertung dieser Daten. Bestehende Übersetzungsbibliografien werden digitalisiert und in einem Wissensgraphen modelliert. Dabei kommen sowohl statistische Analysen als auch Netzwerkanalysen zum Einsatz. Mithilfe von qualitativen Datenvisualisierungen (wie thematische Landkarten und individuell erstellten Darstellungsformen) werden relevante Beziehungen, Muster und ungewöhnliche Gruppierungen aufgezeigt.
Neben umfangreichen quantitativen Analysen werden individuelle Fallstudien zu relevanten Aspekten durchgeführt, beispielsweise zum Verhältnis peripherer Sprachen zueinander, zu den räumlichen Eigenschaften dieser Übersetzungen, zum Verhältnis von Ausgangs- und Zieltexten sowie zu Neuauflagen und Parallelübersetzungen. Schließlich wird das Verhältnis einzelner Textsorten (wie Belletristik und Sachliteratur) zueinander sowie die Rolle einzelner Verlagshäuser im allgemeinen Wissenstransfer eingehend beleuchtet. Das Forschungsprojekt richtet sich nicht nur an die historisch ausgerichtete Translationswissenschaft, sondern auch an weitere Disziplinen der Geisteswissenschaften, darunter einzelne Philologien, Literaturwissenschaften sowie die Geschichtswissenschaften.


Österreichischer Wissenschaftsfonds FWF 10.55776/PIN2689125
03/2026–02/2029