VISUALIZING SEMANTIC LANDSCAPES IN EARLY MEDIEVAL EUROPE (MMP)

Innovationsfonds Forschung, Wissenschaft und Gesellschaft (2020-2022)

Im Verlauf des Frühmittelalters entwickelten sich auf dem Gebiet des ehemaligen weströmischen Reiches neue politische und religiöse Gemeinschaften. Ethnische Identität stellte dabei eine Schlüsselkategorie in der Formierung und Neuorganisation der sogenannten barbarischen Königreiche dar: Sie war Mittel der Integration und/oder Exklusion und konnte dazu verwendet werden, um politische Herrschaft zu legitimieren und zu stabilisieren. Ethnische Zuschreibungen waren dabei aber keineswegs fest definiert, wie auch „römisch“ und „barbarisch“ nicht eindeutig voneinander abgrenzbar waren. Im Gegenteil, auch vermeintlich offensichtliche Kennzeichnen unterschiedlicher Herkunft wie Sprache, Kleidung oder Waffen waren keine verlässlichen Kriterien der Zuordnung. In der Forschung der letzten Jahrzehnte hat man daher verstärkt die Vielfalt und Veränderlichkeit ethnischer Identitätskonzepte und ihrer Terminologie in den Blick genommen. Daraus hat sich eine Reihe neuer Forschungsfragen ergeben: Wie und wann veränderten sich ethnische Begriffe und ihre Bedeutungen? Teilten Zeitgenossen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte ein gemeinsames Verständnis von ethnischer Identität? Wie wirkmächtig waren diesen ethnischen Zuschreibungen im zeitgenössischen Kontext überhaupt?

An dieser Stelle setzt das Projekt Mapping Medieval Peoples (MMP) an. In Zusammenarbeit mit dem Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage – ACDH-CH, mithilfe von Methoden aus dem Bereich der Digital Humanities soll ein neuer, innovativer Zugang zu diesen Fragen erarbeitet werden. Im Zentrum des Projekts steht die Visualisierung des semantischen Netzwerks ethnischer Terminologie in spätantiken und frühmittelalterlichen Quellen - Ausgangspunkt dafür ist die mehr als 4.200 lateinische Textstellen umfassende Datenbank GENS. Die Vorstellungswelten der damaligen Autoren sollen dabei veranschaulicht werden, um so die Verbindungen zwischen Ethnonymen, Vorstellungen von politischer Gemeinschaft und bestimmten wertenden Zuschreibungen während des Mittelalters gemeinsam analysieren sowie Bedeutungsänderungen in der Terminologie wie auch Veränderungen in der Wahrnehmung der Welt untersuchen zu können.