Das columbanische Netzwerk:

Identitäten der Eliten und christliche Gemeinschaften


Zwischen 550 und 750 wurde klösterliche Kultur stärker in Europa verankert. Die Rolle der Klöster selbst veränderte sich ebenso wie ihre Beziehungen zu ihrer sozialen Umwelt, weil monastische Einrichtungen stärker in den sozialen und politischen Machtnetzwerken der Zeit integriert wurden. Im Zentrum des Projekts stand einer der wichtigsten Akteure, die diesen Prozess beeinflussten, der Ire Columban (ca. 550-615), der auf den Kontinent ausgewandert war, um Askese zu betreiben und zu einem bedeutenden Klostergründer wurde. Gemeinsam mit seinen fränkischen Schülern schuf er ein Klosternetzwerk im merowingischen Gallien und langobardischen Italien.

Columban verließ Irland im Jahr 590 mit dem Ziel, den Rest seines Lebens in religiösem Exil zu verbringen. Dieses Ideal der Abschottung prägte alle Aspekte des Aufenthalts Columbans auf dem Kontinent, auch die Organisation seiner Gemeinschaften und seine Beziehungen mit der fränkischen Oberschicht. Die Sprache des Exils war eine Sprache der Trennung, weil Columban versuchte, seine Gemeinschaften als von der Gesellschaft getrennten heiligen Raum zu definieren, der über klare Grenzen und strikte Zugangsregeln verfügte. Aus bislang nicht genügend erforschten Gründen sprach diese Art des Diskurses die fränkische Oberschicht an, deren Angehörige immer stärker versuchten, in die Kirche zu investieren, um dadurch spirituellen Nutzen zu lukrieren und ihr Prestige und ihren Status zu erhöhen.

Die Grenzen, die Columban errichtet hatte um seine Gemeinschaften abzugrenzen, leiteten sich aus der Rhetorik des asketischen Exils ab. Sie bereiteten aber den Weg zu neuen, auf christlichem Diskurs basierenden Formen des Community-Building. Klösterliche Ideale beeinflussten nun die höfische Kultur Chlotars II. und Dagoberts I. und Angehörige des Hofes begannen Klöster zu gründen und griffen bestimmte Begriffe auf, die aus dem columbanischen monastischen Diskurs entlehnt waren.

Dieses Projekt untersuchte die Dynamiken dieser lebhaften Interaktion zwischen monastischen Netzwerken und jenen der Eliten während dieser Entstehungszeit genauer und stellte Forschungsfragen, die bislang nur unzureichend geklärt werden konnten, so zum Beispiel: Wie fügte sich der asketische Diskurs Columbans in die aristokratische Selbstdarstellung und die Entstehung der neustrisch-fränkischen Identität im Zuge der Konsolidierung der fränkischen Königreiche unter Chlotar II. ein? Auf welche Weise versuchte diese neue Oberschicht sich von der alten gallo-romanischen Elite zu unterscheiden und zugleich ihre Vorherrschaft über andere fränkische Gruppen zu beanspruchen? Wie kam es, dass der christliche Diskurs immer stärker die sozialen und politischen Rahmenbedingungen der nachrömischen Welt beeinflusste und was war die Rolle von Außenseiter wie Columban in dieser Entwicklung?

Jonas of Bobbio. Sanctity and Community in the Seventh Century