Griechische Palimpseste der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien


Die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) besitzt eine große Anzahl griechischer Palimpseste. Viele der getilgten (unteren) Handschriften wurden bei der Gesamtkatalogisierung der Wiener griechischen Codices erfasst, andere konnten erst in der letzten 15 Jahren dank technischer Möglichkeiten genauer untersucht werden. Die neue Bearbeitung, die sich auf die Fortschritte der modernen Aufnahmetechnik stützt, wird seit dem Jahre 2001 im Rahmen mehrerer aufeinander folgender Projekte an der Byzanzforschung der ÖAW systematisch durchgeführt. Dank dieser Forschung sind mehrere wichtige, sogar einige sensationelle Entdeckungen neuer Texte gemacht worden.

Wichtige Textzeugen in Wiener griechischen Palimpsesten

(FWF-Projekt P 24523-G19, 1. Juni 2012 – 31. Mai 2017)

Anschliessend an die bisherige Forschungsarbeit verfolgte dieses Projekt das Ziel, mehrere wichtige, einzigartige griechische Textzeugen, die in der getilgten Textschicht von Palimpsesten verborgen sind, weiter zu entziffern und in Zusammenarbeit mit weltweit anerkannten Spezialisten näher zu untersuchen, um dieses wertvolle Kulturerbe allen einschlägigen wissenschaftlichen Disziplinen und auch einem breiten interessierten Publikum zugänglich zu machen. Moderne multispektrale Aufnahmetechnologie der Early Manuscripts Electronic Library (EMEL) aus Kalifornien und der Firma Fotoscientifica aus Parma (Kamerasystem RE.CO.RD) ermöglicht die Entzifferung der getilgten Texte.

1) Herodian, De prosodia catholica

Von zentraler Bedeutung für die Geschichte der griechischen Literatur und Grammatik sind die Palimpsest-Fragmente im  Codex Hist. gr. 10 aus dem Werk zur griechischen Akzentuierung De prosodia catholia des Aelius Heriodianus (2. Jh. n. Chr.) mit zahlreichen Zitaten aus klassischen Autoren. O. Primavesi – K. Alpers – J. Grusková, Aus den Untersuchungen zum Wiener Herodian-Palimpsest (in Vorbereitung).

2) Florilegium Basilicorum Vindobonense

In der unteren Schrift des Codex Hist. gr. 10 ist auch ein bisher unbekanntes Florilegium der Basiliken, des ausführlichsten Textes zur Gesetzgebung im byzantinischen Recht, erhalten geblieben. B. H. Stolte – J. Grusková, Florilegium Basilicorum Vindobonense (in Vorbereitung).

3) Scythica Vindobonensia

Die neuen historischen Fragmente, die in den palimpsestierten Blättern 192r–195v des Cod. Hist. gr. 73 entdeckt wurden, beschreiben die Einfälle von Goten in die römischen Balkanprovinzen in der Mitte des 3. Jh. n.Chr. und entstammen höchstwahrscheinlich den „Scythica“ des zeitgenössischen Historikers Dexippos von Athen. Die Arbeit an und Auswertung von diesem historisch hochwichtigen Text wird in einem Nachfolgeprojekt weitergeführt (siehe „Scythica Vindobonensia“). G. Martin – J. Grusková, ‚Scythica Vindobonensia‘ by Dexippus (?): New Fragments on Decius’ Gothic Wars. Greek, Roman, and Byzantine Studies 54 (2014) 728–754 (with Figg. 1–4); J. Grusková – G. Martin, Zum Angriff der Goten unter Kniva auf eine thrakische Stadt (Scythica Vindobonensia, f. 195v). Tyche 30 (2015) 35–53 (mit Tafeln 9–11) (doi)

4) Eusebii Chronici fragmentum Vindobonense

Ein Bifolium im Codex Iur. gr. 18 enhält ein neuentdecktes Fragment, das wahrscheinlich eine Kopie des ansonsten verlorenen griechischen Originals der Chronik des Eusebios von Kaisareia darstellt. J. Grusková, Zur Textgeschichte der Weltchronik des Eusebios zwischen Okzident und Orient (Eusebii Chronici fragmentum Vindobonense – ein neues griechisches Handschriftenfragment), in: Byzanz und das Abendland. Budapest 2013, 43–51; J. Grusková – O. Gengler, The Vienna Greek Palimpsest of the Chronicon of Eusebius (Codex Vind. Iur. gr. 18) (in Vorbereitung).

5) Wiener Palimpsest der Georgslegende

Von grosser Wichtigkeit sind die palimpsestierten Reste eines uralten griechischen Volksbuches mit der Legende vom Heiligen Georg im Codex Vind. (lat.) 954. E. Gamillscheg – J. Grusková, Zum Wiener Palimpsest der Georgslegende (BHG 670). Codices Manuscripti (2018) (in Vorbereitung).

Im Rahmen des Forschungsschwerpunktes werden auch andere Palimpseste weiter bearbeitet, darunter besonders: Homilien des Gregors von Nazianz in den Codices Suppl. gr. 189 und Suppl. gr. 59 (V. Somers, J. Grusková); Basilikenfragmente im Codex Suppl. gr. 200 (B. Stolte, J. Grusková); Fragmente der Vita BHG 884 des Johannes von Damaskos im Codex Phil. gr. 158 (R. Volk, E. Lamberz); Fragmente einer homiletisch-hagiographischen Sammelhandschrift im Codex Phil. gr. 158 (E. Lamberz, O. Kresten, J. Grusková); Trophaea Damasci im Codex Phil. gr. 286 (B. Campos); Diodoros᾽ von Tarsos Kommentar zu den Psalmen im Codex Theol. gr. 177 (O. Kresten, J. Grusková); Palimpsestfragment juristischen Inhalts (Blotius-Signatur 1536) aus dem Codex Theol. gr. 238) (B. Stolte, J. Grusková). Neben den früher erworbenen Spezialaufnahmen helfen dabei die neuen Multispektralaufnahmen, die vom Centre of Image and Material Analysis in Cultural Heritage der Technischen Universität Wien hergestellt wurden.

Neben den Wiener Palimpsesten werden auch die Palimpsestblätter des unter dem Namen des Kaisers Konstantinos VII. Porphyrogennetos überlieferten Werkes De cerimoniis aulae Byzantinae in den Codices Athous Vatop. 1003 und Chalc. S. Trinitatis 133 (125) weiter untersucht. M. Featherstone – J. Grusková – O. Kresten, Studien zu den Palimpsestfragmenten des sogenannten „Zeremonienbuches“ II. Codex Vatopedinus 1003 (mit Tafeln) (in Vorbereitung).

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