
Städtische blaue Infrastrukturen – Flüsse, Seen, Brunnen, Wasserspielplätze und andere Wasserelemente – werden zunehmend für ihre Rolle Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität in Städten zu fördern anerkannt. Über ihre ökologischen Funktionen hinaus bieten diese Räume kulturelle Ökosystemleistungen, indem sie Möglichkeiten zur Erholung, sozialen Interaktion und Ortsverbundenheit bieten.
Trotz dieser Vorteile wird der städtischen blauen Infrastruktur in der Planung oft zu wenig Bedeutung beigemessen. Es besteht ein zunehmender Bedarf ihre Funktionen innerhalb städtischer Systeme besser zu verstehen und sie systematischer in die lokale Planung und Gestaltung zu integrieren. Dies erfordert einen transdisziplinären Ansatz, der Fachwissen und Kenntnisse aus verschiedenen Blickwinkeln zusammenführt, darunter von akademischen und praxisorientierten Akteur*innen sowie Bürger*innen als Expert*innen für ihre alltägliche Umgebung.
Das BLUEMAP Forschungsprojekt, das vom Jubiläumsfond der Stadt Wien für den Zeitraum von März 2024 bis Februar 2025 finanziert wurde, kartierte und analysierte Bürger*innen-Wissen über die Zugänglichkeit, Verfügbarkeit und Qualität der städtischen blauen Infrastruktur in Wien.
Das Projekt verfolgte zwei Hauptziele:
1) Empirische Erkenntnisse zum internationalen akademischen Diskurs über die Rolle der blauen städtischen Infrastruktur bei der Planung gesunder, lebenswerter und klimaresistenter Städte beizutragen.
2) Lokale Wissensbedarfe aufzugreifen und Bürger*innen-Beteiligung in städtischen Planungsprozessen in Wien zu unterstützen.
Beide Ziele wurden mit Hilfe partizipativer und kartenbasierter Online-Umfragen erreicht, die es Stadtbewohner*innen ermöglichten, ihre Erfahrungen und Wahrnehmungen von blauen Infrastrukturen in der Stadt zu teilen.
Zur Beantwortung der Hauptforschungsfrage „Wie kann das Wissen von Bürger*innen über die Verfügbarkeit und Qualität von blauer städtischer Infrastruktur in die Entwicklung von naturbasierten Lösungen in städtischen Kontexten einfließen?“ wurden im Rahmen des Projekts digitale partizipative Kartierungstools in Bürger*innenbeteiligungsprozessen in Wien erprobt und getestet, wobei der Schwerpunkt auf Planungsfragen im Zusammenhang mit blauer städtischer Infrastruktur lag.
In einem ersten Schritt wurden potenzielle Fallstudiengebiete anhand von Daten aus dem FWF-geförderten Forschungsprojekt CURB - The COVID-19 Pandemic as a Disruptive Force for Urbanization identifiziert. Die räumliche Analyse der CURB-Daten, insbesondere der wahrgenommenen Erreichbarkeit von städtischer blauer Infrastruktur in den Nachbarschaften der Befragten, ergab, dass Gebiete in der Nähe des Westgürtels die geringste wahrgenommene Erreichbarkeit hatten. Diese Gebiete wurden als potenzielle Standorte für Fallstudien ausgewählt.
In einem zweiten Schritt wurden öffentliche Akteur*innen, die mit der Planung der städtischen blauen Infrastruktur in Wien befasst sind, interviewt, um potenzielle Kooperationspartner*innen und den aktuellen Wissensbedarf zu ermitteln. Infolgedessen wurden zwei Forschungskooperationen eingeleitet, die im Weiteren beschrieben werden.
Die erste der beiden digitalen partizipativen GIS-Umfragen wurde in Zusammenarbeit mit der Gebietsbetreuung Stadterneuerung Südwest (gb*südwest), der Bezirksvorstehung von Rudolfsheim-Fünfhaus (dem 15. Wiener Gemeindebezirk) und dem Wiener Klimateam entwickelt.
Während des Co-Design-Prozesses mit der gb*südwest wurde die Umfrage so gestaltet, dass sie sich auf die Rolle der städtischen blauen Infrastruktur – und das Fehlen derselben – bei der Abschwächung und Anpassung an die urbane Hitze konzentriert. Ziel der Umfrage war es, einerseits Wissen von Bürger*innen über öffentliche Räume zu sammeln, die während sommerlicher Hitzewellen als unangenehm heiß empfunden werden, sowie andererseits über Orte, die im Rahmen persönlicher Strategien zur Anpassung an die Hitze zur Kühlung genutzt werden. Die Umfrage war in mehreren Sprachen verfügbar und wurde über die Kommunikationskanäle der Kooperationspartner*innen beworben, darunter Newsletter, die Stadtteilzeitung, soziale Medien sowie gedruckte Poster und Flyer.
An der Umfrage nahmen 219 Personen teil, die 2.060 Orte in drei Kartierungsfragen markierten. Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass sich Hitze negativ auf die wahrgenommene Lebensqualität der Studienteilnehmer*innen und verschiedener Bevölkerungsgruppen auswirkt. Die Mehrheit der Teilnehmenden bewertete die Auswirkungen von Hitzewellen auf ihre Lebensqualität als negativ oder sehr negativ. Sechzig Prozent der Befragten schätzten, dass sie mehr als zehn Minuten benötigen würden, um die nächstgelegene öffentliche, im Sommer angenehme Grünfläche zu erreichen, was darauf hindeutet, dass objektive Erreichbarkeitskriterien die Verfügbarkeit von kühlenden Grünflächen in der Nachbarschaft möglicherweise überbewerten.
Die von den Befragten kartierten Orte, die während Hitzewellen als unangenehm heiß empfunden wurden, befanden sich in erster Linie entlang von Hauptverkehrsstraßen und Geschäftsstraßen, in öffentlichen Freiflächen mit versiegelten Oberflächen und begrenztem Schatten sowie in Teilen des Straßenraums, in denen Fußgänger*innen der Hitze ausgesetzt sind und wenig Gelegenheit zur Abkühlung haben (z. B. Ampeln, Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs, Brücken). Die am häufigsten angegebenen Gründe für die wahrgenommene Hitze waren ein hoher Anteil an versiegelten Flächen (an 87 % der markierten Standorte angegeben), ein Mangel an Schatten (70 %) und ein Mangel an Bäumen (63 %). Die Cluster für als unangenehm heiß empfundene Orte während Hitzewellen fanden sich 1) um den Meiselmarkt und Leopold-Mistinger-Platz, 2) den Kardinal-Rauscher-Platz und die Märzstraße, 3) die Felberstraße, 4) den Europaplatz und 5) den Schwendermarkt und die Äußere Mariahilfer Straße.
Abkühlung wurde vor allem in den öffentlichen Parks des Bezirks gesucht, mit Clustern im 1) Auer-Welsbach-Park, 2) Dadlerpark, 3) am Burjan- und Kriemhildplatz, 4) im Reithofferpark und 5) am Kardinal-Rauscher-Platz. Das Vorhandensein von Bäumen war der am häufigsten genannte Grund für die wahrgenommene kühlende Wirkung und wurde für 79 % der Standorte angegeben. Es folgten das Vorhandensein von Schatten (76 %), Sitzgelegenheiten (73 %) und Vegetation (70 %). Wasserelemente (z.B. Trinkbrunnen, Wasserspielplätze und Sprühnebelanlagen) wurden bei 38 % der markierten Orte als Grund für den wahrgenommenen Kühleffekt angegeben.
Die Mehrheit der Befragten (56 %) hatte vor dieser Umfrage noch nicht an Stadt- oder Nachbarschaftsplanungsprozessen teilgenommen. Dieses Ergebnis bestätigen die Annahme, dass Online-Partizipationsinstrumente das Potenzial haben, die Öffentlichkeitsbeteiligung auszuweiten, indem sie Bewohner*innen einbeziehen, die normalerweise nicht an Beteiligungsveranstaltungen vor Ort teilnehmen.
Weitere Ergebnisse der Umfrage sind im Umfragebericht zu finden. Die Umfragedaten können im Österreichischen Sozialwissenschaftlichen Datenarchiv AUSSDA eingesehen werden (institutionelle Anmeldung erforderlich).
Eine zweite Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit der Wiener Gesundheitsförderung – WiG entwickelt, mit einem Fokus auf städtische blaue Räume und Jugendliche. Junge Menschen wurden als Zielgruppe ausgewählt, da sie in Stadtplanungsprozessen häufig marginalisiert werden, obwohl sie aktive und potenziell vulnerable Nutzer*innen des öffentlichen Raums sind. Ziel der Umfrage war es, herauszufinden, welche städtischen Freiräume am Wasser Jugendlichen nutzen, wie sie ihre Zeit dort verbringen und welche Einrichtungen und Infrastrukturen sie für wichtig oder verbesserungsbedürftig halten.
Die Umfrage war in mehreren Sprachen verfügbar und wurde durch Jugendzentren in ganz Wien beworben. Sie wurde von 44 Befragten ausgefüllt, von denen sich 60 % als weiblich identifizierten.
Die Ergebnisse zeigen, dass 77 % der Befragten regelmäßig (einmal oder öfter pro Monat) städtische blaue Räume besuchen, während nur zwei Prozent angaben, solche Räume nie zu besuchen. Siebzig Prozent der Befragten gaben an, dass die blauen Infrastrukturen leicht zugänglich sind. Zu den häufigsten Aktivitäten an Orten am Wasser gehörten Schwimmen und Freunde treffen, gefolgt von Abkühlung, Spazieren gehen, Sonnenbaden und Entspannen. 94 % Prozent der Befragten verbanden die Nähe zum Wasser mit positiven Emotionen, 87 % berichteten von einem Gefühl der Erholung, und 90 % fühlten sich in diesen Räumen mit der Natur verbunden. Als wichtigste Ausstattung wurden Bäume, Vegetation, Trinkbrunnen und Sitzgelegenheiten genannt, gefolgt von öffentlichen Toiletten, Abfallbehältern und Grünflächen.
Den größten Bedarf an zusätzlichen Wasserelementen sahen die Befragten im Westen Wiens. Dabei wurden Sprühnebelanlagen am positivsten bewertet, gefolgt von Trinkbrunnen, Teichen und offenen Wasserflächen. Zierbrunnen und Wasserspielplätze wurden von den Befragten weniger favorisiert.
Insgesamt unterstreicht die Umfrage, dass städtische Grünflächen wichtige Infrastrukturen für Jugendliche sind, um ihre Freizeit zu gestalten, soziale Kontakte zu pflegen und sich zu erholen. Die Ergebnisse deutet auch darauf hin, dass es für die Stadtplanung bereichernd wäre, die Perspektiven junger Menschen einzubeziehen, da sie als regelmäßige Nutzer*innen über wertvolles ortsbezogenes Wissen verfügen.
Weitere Ergebnisse der Umfrage können dem Factsheet entnommen werden.
1.03.2024 - 28.02.2025
Das Projekt ist finanziert durch den Jubiläumsfond der Stadt Wien für die ÖAW.