
Repetition is possible and repetition is impossible. Repetition is an attempt to overcome time. Repetition aims at reinforcement and recognition. Repetition can reduce complexity or contribute to it.
In text, literature, music, language, code and data, repetition can be recognized and digitally researched as a fundamental and universal principle of design, systematization, structuring, etc. The creation of recognizable patterns through repetition with different intentions and effects is present in all our objects of research. The tools and workflows used to recognize repeated patterns and their functions, which in turn make use of them, are also based on repetition and repeatability.
As part of the REPEAT! research day, all four ACDH research departments and others interested in the topic are invited to discuss and debate the issue of repetition using selected examples.
If you wish to attend the Research Day, please register using the registration form no later than 18 November 2025:
Registration form
09:00-09:15 | Opening | Alexandra N. Lenz, Claudia Resch, Silvia Waltl, Hanno Biber |
Moderation: Hanno Biber
09:15-09:40 | Aage A. Hansen-Löve, Juliane Werner | |
09:40-10:05 | Repeat, reiterate, reuse – Nachnutzung von Trainingsmaterialien im Kontext von DARIAH-Campus | Elisabeth Königshofer |
10:05-10:30 | Clemens Gubsch | |
10:30-11:00 | Coffee Break | |
Moderation: Silvia Waltl
11:00-11:25 | Wiederholung und Innovation in der Erforschung der Logienquelle Q | Thomas Klampfl |
11:25-11:50 | Claudia Resch | |
11:50-12:15 | Verkettung autonomer Texte zu Supertexten, deren Wiederverkettung zu Superstrukturtexten und die Rolle von Wiederholungsmustern | Wolfgang U. Dressler, Martin Reisigl |
12:15-13:45 | Lunch Break | |
Moderation: Hanno Biber
13:45-14:10 | Agnes Kim | |
14:10-14:35 | Henrike Rost | |
14:35-15:00 | Resonanz – Figuren der Reihung in literarischen Diskursformen der Moderne | Imelda Rohrbacher |
15:00-15:30 | Coffee Break | |
Moderation: Claudia Resch
15:30-15:55 | Investigating Greek loanwords in the context of intertextuality in rabbinic texts | Michael Gassner, Christina Katsikadeli, Thomas Klampfl |
15:55-16:20 | Björn R. Tammen | |
16:20-16:45 | Hanno Biber | |
16:45-17:00 | Closing (discussion) | |
Aage A. Hansen-Löve | Österreichische Akademie der Wissenschaften, Universität Wien
Juliane Werner | Österreichische Akademie der Wissenschaften, Universität Wien
Vom Frühwerk bis zu den letzten Veröffentlichungen, von der Textoberfläche bis in die existenzielle Tiefenstruktur dominieren Wiederholungen das Werk Thomas Bernhards. Im wiederkehrenden Motiv- und Konfliktfundus seiner Handlungen stabilisieren Routinen und Rituale den Affekthaushalt der Figuren, destabilisieren ihn zugleich durch fortwährend auftretende Störungen. Umso mehr gestalten sich die Wiederholungen als Gewohnheiten an der Grenze zum Zwang, etwa als »sogenannte Zählkrankheit« (Bernhard 1982) in der Erzählung Wittgensteins Neffe, allerdings auch als Traumakonfrontationen unterhalb der Verbalisierungsschwelle.
Paradigmatisch zeigt sich Bernhards Wiederholungs- und Variationskunst insbesondere durch die Wiedergabe von Figurenrede aus zweiter und dritter Hand, Rapporte, durch die der Autor intratextuell die Erkenntnis umsetzt, dass »alles, was gesagt wird, zitiert« ist (Bernhard 1971). Seine Poetik des Hörensagens signalisiert dabei, dass narrative Verbindlichkeit Sache der Vergangenheit ist: Das insistierende Ringen der Erzählenden um die verlorengegangene Autorität bleibt vergeblich.
Im Gespräch mit Janko von Musulin berichtet Thomas Bernhard im Jahr 1967, einer Zeit, in der sich sein Wiederholungsfuror erheblich verstärkt, von seinem »Ekel« gegenüber den »ewigen Wiederholungen, die man bei anderen Leuten nicht vertragt […], und der Ekel ist am allergrößten bei den eigenen [Sachen]«, die man daher auf den Dachboden zu stellen oder alternativ, wie er selbst, in die »Welt hinaus« zu tragen habe. Und in der literarischen Welt ist Bernhards Repetitionsästhetik durch die inzwischen mehr als ein halbes Jahrhundert währende internationale Rezeption nicht ohne Resonanz geblieben, vielmehr wurde sie verschiedentlich imitiert und adaptiert (vgl. Werner 2022), bis hin zu fiktionalen Entwürfen zu künstlichen Bernhard-Generatoren (vgl. Oloixarac 2019, Cárdenas 2022). Gaben die Wiederholungen durchaus auch zu Skepsis, Kritik, schließlich sogar der »Ein-Buch-These«(Pfabigan 1999) Anlass, zu einer gewissen Enttäuschung über den »Rotationskünstler« (Ransmayr 2024), sein allzu leicht durchschaubares »Maschinchen« (Winkler 2019), wurde mit Blick auf »Bernhards wichtigstes Stilmittel« jedoch in jedem Fall gewürdigt, »daß ein solcher Mut zur Wiederholung zuvor unmöglich schien« (Kehlmann 2010).
Der Vortrag entfaltet Thomas Bernhards grundlegendes poetologisches Prinzip zunächst theoretisch auf drei Ebenen: als (1) Reduplikation verbaler Elemente sowie als syntagmatische und motivische Repetition, (2) als Wiederholung auf personale Ebene in Gestalt von Verdopplung und Spaltung, und (3) als Ausdruck existenzieller Erfahrung und Erkenntnis.
Exemplarische Textanalysen legen die Spezifik von Bernhards vielkopiertem Verfahren offen: die Spannung zwischen Wiederholungslust und Wiederholungszwang, die Strategien sprachlicher und semantischer Übersteuerung durch Hypertrophie und Hyperbolik, sowie die Gegenläufigkeit der Wiederholung als Textgenerator und Textdegenerator bis hin zur ›Auslöschung‹ von Bedeutung – somit eine ambivalente Kraft zwischen Textproduktion und -destruktion, Sinnstiftung und Sinnvernichtung, Eros- und Thanatostrieb. Angst, innerer Drang und Erstarrung verdichten sich als sprachlich-performative Dauerkrise in Bernhards ›Protokollen der Atemnot‹, anhand derer der Vortrag abschließend das besondere Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der Repetierkunst des Autors beleuchtet.
Elisabeth Königshofer
Während Wiederholung sich als zuverlässige Lernmethode längst etabliert hat, um sich neues Wissen anzueignen, zu festigen und zu verinnerlichen, gilt die wiederholte Nutzung von bereits existierenden Ressourcen um Wissen zu vermitteln oft als wenig innovativ, geradezu langweilig. Nachnutzung spielt aber gerade im Bereich des digital-gestützten Trainings eine zentrale Rolle. Die Nachnutzbarkeit (reusability) selbst gilt als Qualitätskriterium. Dies gilt sowohl für die Inhalte als auch für rechtlichen Anforderungen (z.B. Lizensierung) und technischen Anforderungen an die Materialien. In Rahmen der E&E Forschungseinheit wird jener Nachnutzbarkeit in der Entwicklung, Bearbeitung und Verfügbarkeit von Lernmaterialien als eines der vier FAIR-Prinzipien (Wilkinson et al, 2016) eine zentrale Bedeutung beigemessen.
Anhand der vom ACDH technisch entwickelten und lektorierten Lernplattform (DARIAH, 2019) DARIAH-Campus soll gezeigt werden, wie durch Iterationsprozesse bereits bestehende Lernmaterialien einerseits inhaltlich weiterentwickelt werden, um eben nicht langweilig zu sein, sondern Wissen in vielfältiger Weise weitergeben zu können. Andererseits muss die Plattform selbst regelmäßig überarbeitet und kuratiert werden, um den wechselnden technischen Anforderungen gewachsen zu sein, die eine digitale Nachnutzbarkeit ermöglichen. Hier wird auf wandlungsfähige und kompatible Formate wie MDX für Lerninhalte gesetzt und auch die Verwaltung über Git trägt zur Transparenz in der Nachnutzung bei.
Als konkretes Beispiel werden drei unterschiedliche Prozesse vorgestellt: erstens die Sicherstellung der Nachnutzbarkeit der ACDH Tool Galleries und ACDH Lectures, der Weg vom synchronen Lernereignis zur asynchronen Dokumentation und Nachnutzung. Zweitens wird anhand der Lernmaterialien zum Umgang mit Git gezeigt, wie mit Hilfe eines Double Diamond Designprozesses (British Design Council, 2005) wie bestehenden Materialien einen neuen Zweck erfüllen können. Hierzu wird dargestellt, wie aus einem sehr konkreten Anwendungsfall innerhalb des ACDH durch iterative Weiterentwicklung ein Lernmaterial für die größere Arts and Humanities Lern-Community entsteht. Aus konkreten Beispielen wurden generalisierte Anwendungen abstrahiert, um das Lernmaterial kontextunabhängiger aufzubereiten. Drittens wird Weiterentwicklung durch zyklische Wiederholung anhand der Linked Open Data Materialien dargestellt und es werden konkrete Lösungswege aufgezeigt, wie Nachnutzbarkeit in der Praxis aussehen kann: im CLS INFRA Projekt (2021-2025) wurden Vorträge zu LOD im Rahmen einer Summer School entwickelt. In Folge entstanden aus diesen Vorträgen asynchrone Lehrmaterialien. Diese wurden für die Nachnutzung für DARIAH-Campus neu aufbereitet, und in seiner nächsten Lebensphase werden diese Materialien im Rahmen einer ACDH Tool Gallery genutzt. Damit tritt der Materialzyklus wieder ins oben beschriebene erste Beispiel ein, die Nachnutzung der ACDH Tool Gallery. Alle drei Anwendungsfälle unterstreichen die zentrale Bedeutung der Nachnutzbarkeit für die E&E Forschungseinheit und ihr Potential für Lehr- und Lernprozesse innerhalb der DH Community.
Clemens Gubsch
Das von Franz Schalk gefällte Urteil über die formale Anlage Brucknerscher Symphonien kann prototypisch für das bekannte Diktum herangezogen werden, Bruckner habe eine Symphonie neun bzw. elf Mal komponiert. Das Beharren auf einem bereits erprobten Formprinzip und damit das Wiederholen desselben bei gleichzeitig variierender musikalischer Ausgestaltung lässt sich vielfach ausdeuten und wirft kompositions- wie rezeptionsgeschichtliche Fragen auf, die sowohl auf Bruckner im speziellen als auch auf das ausgehende 19. Jahrhundert insgesamt zu beziehen sind.
Die Symphonie als Gattung weist dabei in ihrer großformalen Anlage über die Sätze hinweg, als auch in diesen selbst sowie auf mikroformaler Ebene zahlreiche Wiederholungsstrukturen auf: An vorderster Stelle mag wohl der Repriseneintritt der Sonaten(hauptsatz)form anzuführen sein, ebenso dienen Bruckner aber auch thematische Bezüge zwischen den Sätzen, also die Einbindung von bereits bekanntem in einem neuen Kontext, der Herstellung übergeordneter Sinnzusammenhänge – die Schlussapotheose im 4. Satz der 8. Symphonie mag dafür als Beispiel gelten. Nicht zuletzt bilden sich auf mikroformaler Ebene durch Perioden- und Sequenzbildungen gleichermaßen Wiederholungsmuster aus, sodass insgesamt das stete Iterieren als solches zum Formprinzip erhoben wird, das wiederum gegen das ebenso stete Vorwärtsstreben des musikalischen Zeitflusses sowie der damit verbundene Progressivität motivisch-thematischer Arbeit austariert sein will.
Die Frage nach der Bedeutung der Wiederholung in der Musik ist vielfach diskutiert, scheint aber im Falle Bruckners weniger als kompositorische Leistung begriffen worden zu sein, als vielmehr der Abwertung der Kompositionen gedient haben. Gerade der vielfach erhobene Vorwurf der Strukturlosigkeit scheint mit Blick auf die strukturbildenden Wiederholungen eine pejorative Umdeutung zu sein, der einer genaueren Untersuchung nur bedingt standhält, führte bei Bruckner selbst aber zu Überarbeitung nahezu aller Symphonien. Übersieht man in diesem Kontext Bruckners Umgang mit seinen großen Werken, d. h. der zahlreichen Überarbeitung hinzu sowie der Ausarbeitung neuer Fassungen seiner Symphonien, muss wohl auch Bruckners Arbeitsweise bis zu einem gewissen Grad als repetitiv beschrieben werden.
Der Vortrag zielt letztlich auf die Analyse und Bewertung der formalen, strukturellen wie ästhetischen Bedeutung der Wiederholung in Bruckners symphonischem Schaffen ab. Ob und wie sich hier ein eigenständiges Gestaltungsprinzip Bruckners Bahn bricht oder aber bereits bekannte Kompositionsstrategien lediglich „wiederholt“ werden, wird ebenso zu fragen sein, wie ob der repetitive Charakter seiner Symphonieform als innovativer Beitrag zur Gattungsgeschichte oder als Ausdruck kompositorischer Begrenztheit zu bewerten ist.
Thomas Klampfl
In der Erforschung der synoptischen Evangelien erweist sich das Thema der Wiederholung, aufgrund der beschränkten Textbasis und der Fülle der Untersuchungen derselben, in Form der Repetition der Argumente als unausweichlich. Einerseits werden so einmal gewonnene Erkenntnisse weitervermittelt, andererseits besteht die Möglichkeit der Irreführung durch das Gewicht der Forschungstradition. Allerdings sind Korrekturen wiederum nur aufgrund der bestehenden Traditionen möglich, indem diese in der Diskussion geklärt, und wenig beachtete Positionen aufgewertet werden. Schließlich bilden neue Einsichten die Basis der zukünftigen Wiederholung.
Die drei Evangelien des Markus, Matthäus und Lukas werden synoptische Evangelien genannt, weil sie in Inhalt und Abfolge der Stoffe weitgehend übereinstimmen. Die Frage, wie diese Übereinstimmungen, als auch die Abweichungen, erklärt werden können, ist das sogenannte synoptische Problem. Den verbreitetsten Lösungsvorschlag stellt die Zwei-Quellen-Theorie dar, gemäß derer die Evangelien des Matthäus und Lukas unabhängig voneinander das Markusevangelium benutzen, und daneben eine zweite Quelle, die sogenannte Logienquelle Q, zur Erklärung des parallelen Materials, das sich nicht im Markusevangelium findet. Diese Quelle wird seit ungefähr 200 Jahren zu rekonstruieren versucht. Einen Meilenstein in der Erforschung stellt die Critical Edition of Q, erschienen im Jahr 2000, dar. Diese wird ergänzt durch die Bände der Reihe Documenta Q, die die Forschungsgeschichte dokumentieren und kritisch evaluieren. Diese Sammlungen ermöglichen es, Innovationen, Trends und Wiederholungen der Argumente bezüglich der Rekonstruktion von Q zu erkennen.
Im ersten Band der Documenta Q Bände wurde die Rekonstruktion des Vater-Unser thematisiert. Eine der diskutierten Abweichungen zwischen Matthäus und Lukas ist die Differenz zwischen der Vater-Anrede im Vokativ („Vater!“) und der Erweiterung um das Possessivum („Vater unser“). In ihren Evaluationen entscheiden sich Shawn Carruth und James M. Robinson für die erste Möglichkeit mit einem Sicherheitsgrad von „virtual certainty“. Das überrascht, da die Datenbasis hinsichtlich der Frage stark gespalten ist. Weitere, spätere Analysen der Frage nach dem Wortlaut von Q an dieser Stelle legen nahe, dass diese, aufgrund der verfügbaren synoptischen Daten, nicht entschieden werden kann, also ein Sicherheitsgrad von „undecided“ angebracht ist.
Der Vortrag gibt eine kurze Einführung in das Thema der Erforschung der Spruchquelle Q, stellt die Methoden der Rekonstruktion vor, rekapituliert die Argumente hinsichtlich der Ermittlung des Q-Wortlautes der Anrede im Vater-Unser, und bewertet diese kritisch mittels einer detaillierten redaktionsgeschichtlichen Untersuchung der redaktionellen Tendenzen der Evangelisten Matthäus und Lukas.
Claudia Resch
Dass Wiederholungen im Text weitgehend zu vermeiden sind, ist ein meist unwidersprochenes Prinzip. Deren bewusster Einsatz hingegen kann als rhetorisches Stilmittel verstanden werden, das dazu geeignet ist, bestimmte Aussagen zu betonen und zu verstärken. Besonders frequent treten Wiederholungsstrukturen laut früheren Studien (vgl. etwa Pfefferkorn 1999: 361, 378) in erbaulichen Textsorten auf, wo sie die Einprägsamkeit und Verinnerlichung von Aussagen fördern und daher von besonderer Relevanz sind.
Vorliegender Beitrag setzt sich daher zum Ziel, diese Wiederholungsstrukturen mit digitalen Verfahren systematisch in größeren Textkorpora zu ermitteln, zu quantifizieren und anschließend in ihren Funktionen zu untersuchen. Als geeignete Datenbasis stehen hierfür zwei frühneuzeitliche Textkorpora zur Verfügung: das an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entstandene „Austrian Baroque Corpus“ (ABaC:us) sowie das an der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelte „Korpus Erbauungsliteratur“, das ein Subkorpus des Deutschen Textarchivs (DTA) darstellt.
Da beide Korpora mit mehreren Annotationsebenen angereichert und u. a. linguistisch erschlossen sind, bezieht der Vortrag nicht nur jene Wiederholungsstrukturen mit ein, die sich unmittelbar an der Textoberfläche zeigen, sondern wertet auch tieferliegende Annotationsebenen, wie etwa Part of Speech-Tags aus. Dass sowohl das „Korpus Erbauungsliteratur“ als auch das „Austrian Baroque Corpus“ standardisiert mit dem Stuttgart-Tübingen-Tagset (STTS; Schiller et al. 1999) linguistisch annotiert sind, erweist sich hier als Idealfall. Die Analyse bleibt dadurch nicht auf lexikalische Muster beschränkt und kann auch ausgewählte syntaktische Einheiten in den Blick nehmen, die sich mittels Konkordanzen visualisieren lassen. Um die Vielzahl an erbaulichen Texten auch vergleichend auswerten zu können, wird das Korpusanalysetool SketchEngine verwendet.
Obwohl korpusbasierte Verfahren für die Stilanalyse nützliche Ansätze und Werkzeuge bereithalten, gibt es bislang kaum Vorschläge zur computergestützten systematischen Ermittlung von konkreten Stileigenschaften – einzig Susanne Haafs Untersuchung gibt erste Hinweise zur mehrdimensionalen Beschreibung erbaulicher Textsorten (vgl. Haaf 2019). Da aktuell kein standardisiertes Methodeninventur zur computergestützten Ermittlung von Stileigenschaften, insbesondere von rhetorischen Stilmitteln existiert, werden für vorliegenden Beitrag zunächst beispielhafte Wiederholungsphänomene mittels Close reading-Verfahren ausgewählt, verschiedene Optionen der Operationalisierung zu deren automatischer Auffindbarkeit getestet und erste Resultate vergleichend vorgestellt. Zu den in den Texten musterhaft vorkommenden Wiederholungserscheinungen zählen etwa wörtliche Wiederholungen (entweder unmittelbar aufeinander folgend bzw. innerhalb von definierten Paragraphen) oder aber Figuren wie Doppel- und Dreifachformeln sowie die Reihung von Worten und Wortgruppen zu komplexeren Sequenzen. Ergänzend dazu sollen im Beitrag auch KI-Ansätze zur Auffindung bestimmter sich wiederholender Muster evaluiert werden.
Der Beitrag wird einerseits das Potential digitaler, korpusbasierter Ansätze und Verfahren in Bezug auf die automatische Ermittlung von sich wiederholenden Mustern in Texten verdeutlichen und andererseits unseren derzeitigen Wissensstand über die Funktion wiedererkennbarer Muster durch Repetition in der hier untersuchten frühneuzeitlichen Erbauungsliteratur erweitern. Inwieweit das Vorkommen und die Frequenz von Wiederholungsstrukturen dazu geeignet sind, erbauliche Textsorten einigermaßen verlässlich von anderen zu unterscheiden, soll ebenfalls diskutiert werden.
Wolfgang U. Dressler | Austrian Academy of Sciences
Martin Reisigl | University of Vienna
The main aim of this contribution is to introduce and analyse a new concept, i.e. chaining of texts within the area of intertextuality, referring to associated texts, whose association is fixed in a certain order. The degree of fixedness of chaining is determined by the degree of intertextual coherence and cohesion, also by its situationality and by the main and minor functions of each text and by the global functions oft he text chaining itself. But in regard to the main topics of the REPEAT conference a focus will be laid on the analysis of the number, the form and the position of repetitions. The forms of repetitions discussed will be mainly lexical repetitions (including proper names), but also prosodic repetitions within our model of textual cohesion and semantic and pragmatic repetitions within our model of textual coherence (Dressler and Beaugrande 1981). Here a well-founded distinction between a) chained texts, b) one single text and c) traditional intertextual relations is fundamental. The linguistic theoretical framework is Natural Linguistics (see Dziubalska-Kolaczyk, Donegan and Dressler 2025).
The secondary aim is to analyse, on this basis, German cases of chained written texts, such as:
Agnes Kim | Universität Ostrava
Wenn in Bezug auf die Erstellung von Wörterbüchern in Überblicksartikeln von der „Wörterbücher-aus-Wörterbüchern-Methode“ (Mann und Schierholz 2014, S. 12) oder „plagiarism in alphabetical order“ (Van Keymeulen 2017, S. 47) gesprochen oder die „Natur“ der gesamten Lexikographie als jene von „successive plagiarisms“ (Green 2002, S. 97) bezeichnet wird, mutet dies auf den ersten Blick polemisch an. Die Themenkomplexe Plagiat und Urheber:innenrecht, Rezeption und Intertextualität – im Grunde also die Frage nach der Wiederholung von Informationen in Wörterbüchern – waren und sind jedoch in der (Meta-)Lexikographie von immananter Bedeutung. Dies liegt an Aspekten der kulturellen oder auch konkreten Produktionsbedingungen (vgl. L. Cooper 1962; E. Cooper 2015; Meyer und Gurevych 2014; Wiegand 1998; Zgusta 1988), sowie daran, dass die genuine Funktion von Wörterbüchern jene ist, ihre Gegenstandsvarietät lexikographisch abzubilden – und auf letztere können keine urheber:innenrechtliche Ansprüche erhoben werden (vgl. Zgusta 1988, S. 146).
Die Existenz von Wörterbüchern, so Frawley (1985, S. 13), ist außerdem untrennbar mit Schriftlichkeit und daher auch Textualität verknüpft, weshalb Wörterbücher nur „für und aufgrund von anderen Texten“ zustande kommen und dementsprechend „prototypische Intertext[e]“ sind. Es liegt gewissermaßen also tatsächlich in ihrer „Natur“, auf früheren Wörterbüchern zur selben Gegenstandsvarietät aufzubauen, sie neu darzustellen und nach ihrer Publikation selbst als Basis wiederum weiterer lexikographischer Werke zu dienen (vgl. Green 2002, S. 97). Diese spezifische Form der (textverbundübergreifenden) Intertextualität kann m. E. auch im Begriff des lexikographischen (Gesamt-)Prozesses gefasst werden, wo dieser die Summe aller auf dieselbe Gegenstandsvarietät bezogenen lexikographischen Tätigkeiten bezeichnet (vgl. Wiegand u. a. 2010, S. 3, 13; Kim 2022b, S. 28). Der lexikographische Gesamtprozess zu einer Varietät – etwa zum ‚Wienerischen‘ – kann dann als textverbundübergreifenden Intertext mit diachronem Charakter gesehen werden, innerhalb dessen ‚Wissen‘ zur Gegenstandsvarietät und gleichzeitig (implizit und explizit) der durch ihre sprachlichen Ausdrücke bezeichneten außersprachlichen Welt vermittelt wird (vgl. Kim 2022b, S. 32–37). (Nicht-)Einschreibung und (Nicht-)Fortschreibung von lexikographischen Informationen innerhalb dieses Prozesses hat aufgrund der autoritativen Kraft des Mediums Wörterbuch jedoch auch Implikationen auf sowohl die Gegenstandsvarietät als auch Assoziationen und Stereotype, die durch ihre sprachlichen Zeichen aufgerufen werden.
Dieser Vortrag widmet sich mehreren der hier knapp angeschnittenen Dimensionen der textverbundübergreifenden Wiederholung von lexikographischen Informationen anhand des lexikograpischen Gesamtprozessse zum ‚Wienerischen‘, also allen Wörterbüchern zu als typisch für Wien erachteten sprachlichen Varietäten des deutschen Diasystems, die zwischen 1800 (Sonnleithner 1800) und 2020 (Brauer 2020) erschienen sind.
Schließlich stellt der Vortrag in Anlehnung an Kim (2022a) dar, wie über inhaltliche Wiederholungen in Wörterbüchern Stereotype reproduziert und gefestigt werden bzw. diese metalexikographisch der Analyse zugänglich gemacht werden können.
Henrike Rost
Wiederholungen sind für musikalische Strukturen grundlegend. Möglicherweise noch bedeutsamer sind sie für musikalisches Verstehen. Je eingängiger eine Melodie oder musikalische Phrase ist, desto mehr Menschen sind in der Lage diese aufzufassen und/oder zu erinnern. Ähnliches gilt für musikhistorische Narrative. Je häufiger wiederholt und damit präsenter ein konkretes, leicht fassbares Narrativ – beispielsweise zum Leben und Wirken eines Komponisten oder einer Komponistin – ist, desto breitere Bevölkerungsschichten orientieren sich daran. Auf diese Weise hat eine bestimmte Sicht oder Erzählung gute Chancen, ins kollektive Gedächtnis überzugehen.
Darauf aufbauend möchte ich in meinem Vortrag geläufigen und weit verbreiteten Schubert-Bildern nachgehen. Ich konzentriere mich dabei zunächst auf Rudolf Hans Bartschs Schubert-Roman Schwammerl von 1912, der das „Klischee des lebensuntüchtigen, resignativen Musikers“ (Panagl, in: Oesterreichisches Musiklexikon online) massiv untermauert hat. Diskutieren möchte ich literarisch-sprachliche Wiederholungsstrukturen sowie die darin festgeschriebenen Vorstellungen von Schuberts Körperlichkeit und Charakter. Um den Wiederholungen und deren Wirkkraft systematisch auf die Spur zu kommen, experimentiere ich im Dialog mit Large Language Models, wie u. a. Gemini und Claude.
Schwammerl diente als Vorlage zu Heinrich Bertés Singspiel Das Dreimäderlhaus (Libretto: Alfred Maria Willner / Heinz Reichert), uraufgeführt am 15. Januar 1916 im Raimund Theater in Wien. Bartschs Geschichte wurde für die musikalische Umsetzung adaptiert, d.h. für den Bühnengesang passend gemacht. In der Singspielfassung ist Schuberts Zuneigung nur einer der drei Glasermeister-Töchter, Hannerl Tschöll, vorbehalten. Im Gegensatz zum Roman endet die Musikfassung, die auf erbauliche Unterhaltung zielt, zudem nicht mit Schuberts Tod.
Für sein Singspiel legte Berté Schuberts Musik zugrunde. Er fokussierte leicht erinnerbare Melodien, wobei er Schuberts Kompositionen gezielt vereinfachte, um Wiederholungsstrukturen noch greifbarer zu machen. Am Beispiel der Verarbeitung von Schuberts Moment musical op. 94 Nr. 6 (D 780) kann dieses Prinzip aufgezeigt werden: Die Komposition klingt an, wenn Schubert als Operettenfigur sein für das vermittelte Schubert-Bild substanzielles Lied „Nicht klagen, nicht klagen …“ singt.
Die Analyse von ausgewählten Wiederholungsstrukturen in Bartschs Schwammerl und Bertés Dreimäderlhaus soll verdeutlichen, wie durch die Vereinfachung musikalischer Strukturen in der Kombination mit prägnanten Sprachbildern ein Schubert-Narrativ entsteht, das zwar eingängig und massenwirksam ist, aber das Bild des Komponisten auf wenige, leicht reproduzierbare Elemente reduziert. Wiederholung als kulturelle Praxis kennzeichnet somit nicht nur musikalisches Verstehen, sondern prägt unsere Interpretation von Künstlerpersönlichkeiten – ein Mechanismus, der über das Schubert-Bild hinauszureichen scheint.
Imelda Rohrbacher
Formen der Wiederholung gehören in allen Künsten zu den lebendigsten Prinzipien ästhetischer Gestaltung, sind aber in den zeitlichen Künsten wie der Literatur und Musik von besonderer Bedeutung. In unserem Text-Wissen ist tief verankert, dass Abwechslung zentrales Mittel literarischer Gestaltung ist, wie sehr aber gerade der ästhetisch anspruchsvolle Text, um überhaupt Gewebe (textum) zu sein, Formen der Wiederholung braucht und gebraucht, ist vor allem Teil spezifisch fachlicher Beschreibung. Viele Formen der Repetition finden sich in Makro- wie Mikrostruktur literarischer Texte und verweisen ebenso wie Elemente der variatio darauf, dass eine gestaltende Instanz am Werk ist. Rhetorik und Philologie beschreiben daher zum Einen seit je Repetitives im Text – von einfachsten sprachlichen Doppelungen („Schickimicki“) bis zu den komplexen inhaltlichen und formalen Verknüpfungen („Spiegelstruktur“ im Werther), die dafür sorgen, dass der Text als ästhetisches Gebilde erkennbar, zugleich seine Deutung nur über die Entschlüsselung dieses Gewebesmöglich ist.
Andererseits ist die Perspektive der Formbetrachtung nicht so systematisch, wie angesichts der unhinterfragten Tatsache zu erwarten wäre, dass zur Deutung des literarischen Kunstwerks Inhalt und Form nicht zu trennen sind, i. e. seine ästhetische Dimension konstitutiv ist. Eine etablierte Tradition der strikt formal ausgerichteten Literaturgeschichtsschreibung, z. B. als Handbuch der Form- und Stilentwicklung der deutschen Literatur, gibt es nicht, während die inhaltlich orientierte diachrone Beschreibung, in der Formales nicht immer systematisch integriert ist, oder jene nach Denkrichtungen, lange Fokus blieb; kritisiert etwa von David E. Wellbery (et al.) in der von ihm initiierten „Neuen Geschichte der deutschen Literatur“ [dt. 2007]. Mit Blick auf den Einzeltext als Ereignis und im Kontext zunehmend multimedialer, internationaler Wahrnehmung von Literatur wird hier ein neuer, integraler Beschreibungsmodus vorgeschlagen. Nachhaltig hat der Strukturalismus die Integration der Formfrage angesprochen. An der Veränderung des Tempusgebrauchs im Roman machte Roland Barthes 1953 den Wechsel hin zur „engagierten Literatur“ (J.-P. Sartre) der Moderne fest. Seine Grundfrage lautete also: Was bedeutet es, wenn bestimmte Formen des Ausdrucks in einer Epoche immer wiederkehren? Häufig anzutreffende Elemente sind zu deuten.
Ein solches Element stellen Reihungen von Wörtern derselben Wortform dar: „[…] da ist man Volk, Publikum, Heerde, Weib, Pharisäer, Stimmvieh, Demokrat, Nächster, Mitmensch […]“ (Nietzsche Die fröhliche Wissenschaft; Hervorhebungen i. O.). Substantiv-, Verb- , Adjektivreihen gehören bis zum 19. Jahrhundert und um 1900 noch deutlich zum ornatus der literarischen wie teil-literarischen oder essayistischen Kommunikation in Belletristik und den Textgattungen der literatur- und kunstbezogenen Medien resp. der gehobenen Zeitungssprache. Während aber Substantivreihen aktives Genre geblieben zu sein scheinen, hat sich der Gebrauch von Verb- und Adjektivhäufungen nach einem Muster wie „üppig quellender Sinnenfülle, die […] jede soziale Form umwucherte, durchwuchs, zersprengte“ deutlich verändert, zumal in reflektierenden Texten; solche Reihungen sind nicht mehr Zeit-Stil.
Die Zeitschriften „Die Schaubühne“ (1905–1918/1933) und „Die Aktion“ (1911–1932) repräsentieren als Kultur-, Theater- und Literaturjournale Avantgarde-Blätter der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und vereinen belletristische und literarisch anspruchsvolle reflektierende Textsorten. Aufgrund der Vielfalt dieser Gattungen sowie von Schreiberinnen und Schreibern eignen sie sich zur Erhebung der Figur der Reihung am Beginn des Jahrhunderts; im Fall der „Schaubühne“ durch die Volltext-Edition im an Vollständigkeit grenzenden Umfang. Anhand von Beispielen aus beiden Journalen, die beide sowohl dem literarischen wie dem politischen Genre zurechnen sind, werden Grundfragen zur Reihung diskutiert und Substantiv-Reihungen als programmatisch relevante Form für Diskurs- wie Korpusfragen vorgeschlagen.
Michael Gassner
Christina Katsikadeli
Thomas Klampfl
Intertextual analysis and transformation of biblical passages is one of the most prominent and complex devices of rabbinic interpretation, thus the multiple repetition of the same midrashic passage is a very common phenomenon within this literary genre. In our presentation, we investigate special cases of rabbinic repetitions in connection with the usage of loanwords, the majority of them pertaining to Greek borrowings. The Greek loanwords also display a high degree of variation within various rabbinic texts, even in cases of multiple citations of the exact same passage in different works, an aspect that has been neglected or “downplayed” by scholars in the past, although the overall linguistic contact between Greek and other languages spoken by Jewish people lasted for almost 1750 years in total. The major linguistic encounter during the post-Classical times in Roman and Byzantine Palestine, as witnessed in the sources we have at our disposal, concerns in the first place two Großkorpussprachen, namely Greek and Aramaic, both of which have been well-attested for over three millennia. Language contact and bilingual settings resulted into a considerable amount of Greek (and “Latinate”) loanwords in Aramaic (and post-Classical Hebrew). Despite the fact that the rabbinic literature is of vast dimensions, significant progress has been made in the past decades resulting in considerable correction of readings and etymologies of these loanwords in the light of more recent research and methodology, which complies with the criteria of modern scholarly etymology and replaces adventurous, “impressionistic” explanations.
Our talk is based on recent data from two FWF projects: the Digital Dictionary of Loanwords in the Midrash Genesis Rabbah (DLGenR) and Loanwords in Yalkut Shimoni (DLYS): the outcome of both projects will cover text samples from the whole diachrony of Ancient and Early Medieval Judaism (5th-12th century CE) and will comprise almost 2/3 of the Greek loanwords in Post Biblical Hebrew/Aramaic.
Since our corpus-based digital dictionary compilation of GenR and DLYS often deals with a high frequency of the aforementioned repetitions, our TEI-LexO entry meticulously examines and encodes the interplay of borrowings with midrashic intertextuality.
Our presentation focusses on cases involving the form and function of lexical borrowings which occur in replicated passages and the differences regarding their usage information contained in our digital entry, namely the chronology and variation criteria for each loanword. We aspire to provide a set of explanations for these cases, which very often indicate the fact that spelling and morphological variants of the same loanword contained in textual repetitions are not random phenomena, but, on the contrary, they might be triggered by underlying diachronic, diatopic and diaphasic factors.
Björn R. Tammen
Die Wiederholung von Texten und Bildern zählt zu den wesentlichen Merkmalen frühneuzeitlicher Flugblätter. Geradezu unverzichtbar für dieses Massenmedium in produktionsästhetischer Hinsicht sind Repetition und Recycling. In der Vielfalt seiner möglichen Rezeptionsformen bietet es zugleich Raum für erstaunliche „Resonanz-Dynamiken“ und „Medienechos“ (Daniel Bellingradt), speziell in der Adaption und Weiterentwicklung vorgefundener Bildinventionen.
Mein eher zufällig am Rande des Katalogisierungsprojekts Bilder zur Musikgeschichte Österreichs entstandener, in methodischer Hinsicht zwischen Musikikonographie und historischer Kommunikationsforschung angesiedelter Beitrag beleuchtet eine Gruppe satirischer Flugblätter aus dem 17. Jahrhundert. Den Ausgangspunkt bildet ein spektakuläres, in zahlreichen Versionen überliefertes Blatt aus dem Jahre 1632, dessen Hauptmotiv, eine gigantisch große Diskantgeige (auch betitelt als Aufschneid-Geige), in der bisherigen Forschung eher pauschal als Kritik am Nachrichtenwesen während des Dreißigjährigen Krieges und einer prahlerisch-aufschneiderischen Soldateska gedeutet wurde.
Ein gut vier Jahrzehnte später als Bassgeige (1673/1674) wiederum in verschiedenen Versionen erschienenes Remake fokussiert demgegenüber, weit mehr als nur medialer Nachzügler, auf ein konkretes Szenario – die prekäre politische wie konfessionelle Situation Breslaus in Zeiten fortschreitender Rekatholisierung des vormals protestantischen Schlesien. Der weitschweifig-fantasievolle Titel verschleiert diese Kontextzusammenhänge eher, als dass er sie konkret benennen würde: „Warhafftige Beschreibung/ Von einer grossen Baß-Geigen zu Breßlau in Schlesien/ Welche zween Maltheser-Ritter zu einem Gedächtnus haben machen lassen/ Weilen sie gleich von der Insul Maltha anheim kommen.“
Um die Fülle möglicher Anspielungen zu verstehen, gilt es einerseits lokale Kontextinformationen anhand der zumeist antiquarischen Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts zu rekonstruieren, andererseits interpikturale Bezüge zur antikatholischen Bildprogaganda aufzuzeigen. Ein besonderes Augenmerk gilt hierbei der in emblematischer Tradition stehenden Karikatur des Anführers der Katholischen Liga, Graf Tilly, nach der Schlacht bei Breitenfeld (1631) als General Lautenschläger, dembeim Theorbenspiel die Saiten reißen.
Weit über seinen ursprünglichen Entstehungskontext hinaus, wird der pfiffige Flugblatttext zunächst in der Salonliteratur des 18. Jahrhunderts, alsdann im 19. Jahrhundert im Zuge der kontroversen Berlioz-Rezeption in Deutschland aufgegriffen und mit satirischer Stoßrichtung regelrecht ‚parodiert‘. Damit beschließt eine ungewöhnliche Kontexttransformation vom frühneuzeitlichen Flugblatt hin zum bürgerlichen Feuilleton diese vorläufigen Sondierungen zu einem ‚Thema mit Variationen‘.
Hanno Biber
Das Thema des Beitrages zum Forschungstag ist die Wiederholung des AAC. Es ist dafür eine Wieder-Holung des „AAC–Austrian Academy Corpus“ geplant, die in fünf Abschnitte eingeteilt sein wird, um das in der Vergangenheit für die Vorhaben Gemachte, das in der Gegenwart Vorliegende und das in Zukunft Machbare für die Bearbeitung eines großen Textkorpus zur deutschen Sprache und Literatur zwischen 1848 und 1989 zu skizzieren, bewusst zu machen und in Erinnerung zu rufen. Es werden dazu die Grundlagen und die Voraussetzungen skizziert. Und es werden am Beispiel der Vorkommen des Wortes „Wiederholung“ in den Texten des AAC das Potential und die Möglichkeiten korpuslinguistischer Textsuchen für die Text-, Sprach- und Literaturwissenschaften ausgelotet:
Die Basis für eine derartige Exploration für die Untersuchung, die Analyse sowie die Strukturierung und die Beschreibung eines historischen Textkorpus ist das zu Beginn des 21. Jahrhunderts an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften konzipierte und erstellte „AAC–Austrian Academy Corpus“ (Breiteneder 2000). Das Potential und die korpuslinguistischen, lexikographischen, textwissenschaftlichen und literaturgeschichtlichen Dimensionen sind in der Vergangenheit ansatzweise beschreiben worden und werden in dem Beitrag auf die Anwendung Computer-basierter Möglichkeiten hin überprüft und evaluiert. Es ist dafür die erneuerte Durchsuchbarmachung des „AAC–Austrian Academy Corpus“ im Umfang von ungefähr sechshundert Millionen Tokens, die aus mehr als sieben Tausend retrodigitalisierten gedruckten Bänden extrahiert wurden, nötig (vgl. Biber 2020, Biber 2022). Zum Thema des Beitrages kommt die Fragestellung hinzu, wie ein großes digitales historisches Textkorpus mit einer Vielzahl an bedeutenden literarischen Texten als Grundlage für die historische Textforschung ebenso wie für die mit digitalen Methoden arbeitenden Literaturwissenschaften, Sprachwissenschaften und Kulturwissenschaften nützlich sein kann. Dabei können für wissenschaftliche Untersuchungen und Untersuchungsergebnisse auch Ansätze relevant sein, die die allgemeinen Konstruktionsprinzipien und die prinzipiellen Bedingungen von generativen Sprachmodellen mit in Betracht ziehen, die als historische LLMs anzusehen wären, wofür die psychologisch zu verstehenden Grundlagen kultureller Entwicklung, die in literarischen Texten manifest werden, ein Beispiel wären, denn „HLLMs would enable researchers interested in cultural change to measure the scope and evolution of a wide range of psychological tendencies” (Varnum et al. 2024). Dazu wären auch Vorschläge in die Überlegungen einzubeziehen, die den Rahmen und die Grenzen der Konstruktion historischer LLMs ebenso ziehen, wie das Potential skizzieren, diese Modelle als Werkzeuge zur Annotation, Analyse und Klassifikation von Texten einzusetzen. „The appeal of this proposal is obvious“ (Underwood 2025), um ein historisches Textkorpus wie das AAC auch dazu zu nutzen, Aussagen über historische Epochen weniger unbestimmt und weniger unsicher werden zu lassen und historische Texte und kulturelle Konzepte auf diese Weise in ihren sprachlichen Formen und in ihrer kulturellen Diversität besser zu verstehen.
25 November 2025
Theatersaal,
Sonnenfelsgasse 19,
1010 Vienna
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