05.10.2022

Nutzen Hörer und Hörerinnen die Geschwindigkeit des Sprechens auch in lauter Umgebung?

Eva Reinisch, Wissenschafterin und Leiterin der Phonetikgruppe am Institut für Schallforschung, gibt Einblick in die Fragestellung und zu den ausgeführten Experimenten.

Die Graphik zeigt Darstellungen der Akustik des Satzes "Im Kreuzworträtsel suchten sie den Begriff bahnen", in stiller Umgebung (oben) und in Rauschen (unten). Die Graphik ist ein Ausschnitt aus Figure 1, S. 2309 aus dem zitierten Artikel von Reinisch/Bosker https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/.

Um Sprache optimal zu verstehen benutzen Hörerinnen und Hörer Information aus dem Kontext, zum Beispiel über die Sprecherin oder den Sprecher, welche Sprache gesprochen wird, worüber gesprochen wird, aber unter anderem auch wie schnell ein Satz gesprochen wird. Das ist wichtig, weil sich mit der Sprechgeschwindigkeit die Dauern von Sprachlauten ändern und damit welches Wort wir hören. So ist im Deutschen das "a" im Wort "bahnen" lang, und im Wort "bannen" kurz. Wenn wir jetzt ein "a" mit einer bestimmten Dauer hören, dann wird es relativ zu der Lautlänge der vorherigen Laute interpretiert. Sind alle Lautlängen im Kontext kurz (bei schneller Sprechgeschwindigkeit) wird der Laut als länger wahrgenommen (das Wort eher als "bahnen") als wenn alle Lautlängen im Kontext lang sind (bei langsamer Sprechgeschwindigkeit). Dieser Effekt der geschwindigkeitsabhängigen Wahrnehmung (engl. rate-dependent speech perception) wurde bisher fast ausschließlich in "optimalen", das heißt ruhigen Umgebungen getestet.

Die zentrale Frage unserer Studie war, ob Sprechgeschwindigkeit auch dann zur Worterkennung genutzt wird, wenn Hörer und Hörerinnen sich in sehr lauten oder halligen Umgebungen befinden.

In zwei Experimenten hörten Hörerinnen und Hörer Sätze von 2 verschiedenen Sprecherinnen, in zwei verschiedenen Sprechgeschwindigkeiten (schnell, langsam) und in 3 verschiedenen "Umgebungen" (leise, mit Geräusch, mit Hall). Es musste entschieden werden, was das letzte Wort im Satz war, zum Beispiel ob gesagt wurde "Im Kreuzworträtsel suchten sie den Begriff bahnen" oder "... bannen". Da Geräusch oder Hall das Sprachsignal zum Teil überdeckt oder verzerrt, könnte dies dazu führen, dass die Sprechgeschwindigkeit nicht mehr so genau "berechnet" und folglich nicht so gut zur Worterkennung benutzt werden kann. Wir konnten zeigen, dass die Testpersonen die Sprechgeschwindigkeit von Sprache in Geräusch oder Hall sehr wohl zur Worterkennung nutzen, je nach genauer Bedingung jedoch nicht ganz so gut wie in stiller Umgebung.

Die geschwindigkeitsabhängige Wahrnehmung funktioniert also auch unter schwierigen Hörbedingungen in der alltäglichen gesprochenen Kommunikation.

Durch die Veröffentlichung in der Fachzeitschrift Attention, Perception & Psychophysics wird unsere Arbeit einem breiten Fachpublikum aus den Fachgebieten Sprache, Hören, und Psychologie präsentiert.

Reinisch, Eva; Bosker, Hans Rutger (2022). Encoding speechrate in challenging listening conditions: White noise and reverberation. Attention, Perception, & Psychophysics, 84, 2303-2318. doi.org/10.3758/s13414-022-02554-8