
Mit dem Förderprogramm Data:Research:Austria fördert die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) Forschungsvorhaben im Bereich der Register-/Mikrodatenforschung, bei denen existierende Daten zur grundlegenden Erforschung von gesellschaftlichen Themen und Fragestellungen herangezogen werden. Für das von der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung aus Mitteln des Fonds Zukunft Österreich (FZÖ) finanzierte Programm konnten bisher drei Ausschreibungen (2023, 2024, 2025) mit insgesamt 9 Millionen Euro kompetitiv und österreichweit umgesetzt werden. 17 Projekte wurden in den ersten beiden Runden vergeben, die dritte Ausschreibung ist in Vollziehung (Einreichungen sind nicht mehr möglich).
Dank einer Weiterfinanzierung durch den FZÖ in Höhe von 6 Millionen Euro werden zwei weitere Ausschreibungsrunden (2026, 2027) möglich sein, beginnend im zweiten Quartal 2026. Weitere Informationen erhalten Sie zu gegebener Zeit auf dieser Website.
Die Ausschreibung ist geschlossen
Das von der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung aus Mitteln des Fonds Zukunft Österreich finanzierte Programm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) dient der Förderung datengestützter Forschung (Mikrodatenforschung) in Österreich. 2022 wurde die Forschung an Registerdaten durch gesetzliche Bestimmungen und die Gründung des Austrian Micro Data Center (AMDC) bei der Statistik Austria ermöglicht.
Das Förderprogramm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften versteht sich als Impulsgeber für datengetriebene Forschung in Österreich. Gefördert werden Projekte an wissenschaftlichen Institutionen in Österreich, die existierende Datenbestände des AMDC oder vergleichbare amtlich-statistische Administrativdaten (Register, Panels, Surveys etc., ASEP), eventuell unterstützt durch vorhandene Forschungsdaten (AUSSDA), für erweiterte empirisch-quantitative Anwendungen und Fragestellungen im Bereich der sozialwissenschaftlichen Forschung erschließen. Der ÖAW ist im Rahmen des Förderprogramms die Nachwuchsförderung ein großes Anliegen.
Datengestützte Forschung stellt ein enormes Potenzial für gesellschaftlich relevante Grundlagenforschung dar. Sie kann Antworten zu wesentlichen gesellschaftlichen Fragen liefern und soziale Trends und Problemlagen durch Analyse und Verknüpfung von Daten aus den Bereichen Gesundheit, Demographie, Soziales, Wirtschaft, Bildung, Arbeitsmarkt, Migration und Integration evident machen und damit einen Beitrag zu evidenzbasierter Politik liefern.
In drei Förderrunden (2023, 2024, 2025) werden projektbezogen Mittel zur Verfügung gestellt, um die Nutzung, Verknüpfung und Analyse bestehender Datenbestände in Österreich nachhaltig als Forschungsgegenstand zu etablieren.
Das Förderprogramm richtet sich an Forscher:innen aller Disziplinen in Österreich, die empirisch-quantitative Anwendungen und Fragestellungen im Bereich der sozialwissenschaftlichen Forschung erschließen.
Projekte können individuell und in Gruppen von bis zu drei Forscher:innen aus unterschiedlichen Disziplinen beantragt werden. Die Antragstellung als Gruppe erlaubt es, die Datenbestände aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu analysieren bzw. unterschiedliche Datenbestände gemeinsam zu bearbeiten. Es soll damit dem interdisziplinären Potenzial datengestützter Forschung Rechnung getragen und die entsprechenden Zugänge in der wissenschaftlichen Praxis verankert werden. Das Programm spricht insbesondere Nachwuchswissenschaftler:innen an, die bereits früh in ihrer Karriere die Möglichkeiten datengestützter Forschung nutzen möchten. Auf Ausgewogenheit des Geschlechterverhältnisses bei Antragstellung und Durchführung der Projekte ist zu achten.
Maximal 2 Jahre
Für jedes der Projekte ist ein Budgetrahmen zwischen min. EUR 150.000,- und max. EUR 350.000,- vorgesehen. Die zur Verfügung stehende Gesamtvergabesumme beträgt EUR 3,0 Mio.
Der Förderbetrag soll Overheadkosten in Höhe von 10 % der direkten Projektkosten enthalten. Folgende direkte Kosten können beantragt werden:
Die Ausschreibung ist themenoffen und erfolgt österreichweit.
Das Verfahren ist zweistufig: Stufe 1 der Antragstellung (Short Proposal/Kurzantrag) ist offen für alle Antragsteller:innen, die die Voraussetzungen für eine Antragstellung (siehe oben) erfüllen; Stufe 2 der Antragstellung (Full Proposal/Vollantrag) ist nur nach Einladung möglich.
Das Auswahlverfahren ist international; Antragstellung und Begutachtung erfolgen in englischer Sprache.
Start der Ausschreibung:3. März 2025
Der Eingang der Unterlagen wird per E-Mail bestätigt.
Webinar (deutschsprachig) – Mittwoch, 19. März 2025, 14-15 Uhr, Zoom-Link
Webinar (englischsprachig) – Mittwoch, 26. März 2025, 14-15 Uhr, Zoom-Link
Die Antragsteller:innen nehmen mit ihrer Beteiligung an der Ausschreibung zur Kenntnis, dass die damit verbundenen Daten und Unterlagen an die Jurymitglieder und Gutachter:innen weitergeleitet werden. Zweck der Weiterleitung ist die Bewertung des Antrags und die Entscheidungsfindung zur Vergabe der Förderung (siehe auch Datenschutzinformation der ÖAW).
Die ÖAW ist den Richtlinien guter wissenschaftlicher Praxis der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität (ÖAWI) verpflichtet. Alle Anträge werden unter Verwendung der Software Similarity (Turnitin) auf Plagiate überprüft. Verstöße gegen die Regeln guter wissenschaftlicher Praxis haben den sofortigen Ausschluss des Antrages zur Folge.
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Abteilung Forschungsförderung – Nationale und Internationale Programme
Dr. Alexander Nagler
E-Mail: programmmanagement(at)oeaw.ac.at
Tel.: +43-1-515-81-1272; -1270
Geförderte Projekte
In der dritten Ausschreibungsrunde 2025 wurden die folgenden zwölf Projekte bewilligt:
Projektleitung: Patrick Mellacher (Universität Graz), Theresa Hager (Universität Linz), Magdalena Rath (Universität Graz)
Fördersumme: 349.884,68 €
Kurzbeschreibung: Der 2019 in das österreichische Steuersystem eingeführte Familienbonus Plus schuf für bestimmte Familien ökonomische Anreize, eine traditionellere Rollenverteilung anzunehmen, in der hauptsächlich der Mann erwerbstätig ist. Da sich diese Anreize auf eine klar umrissene Gruppe an Haushalten beschränkt, stellt die Reform ein einzigartiges “natürliches Experiment” dar. Im Projekt EDMAGEN wird dieses natürliche Experiment erstmals dazu genutzt, um zu untersuchen, wie ökonomische Anreize sich auf die Arbeitsteilung innerhalb von Haushalten auswirken und mit Geschlechternormen wechselwirken.
Das Projekt kombiniert zwei verschiedene methodische Ansätze, um die Auswirkungen des Familienbonus Plus möglichst umfassend zu beleuchten. Einerseits wird das Verhalten der betroffenen Haushalte im Zeitverlauf mit jenem von geeigneten Kontrollgruppen verglichen. Dabei bedient sich das Projektteam etablierter statistischer und ökonometrischer Verfahren (sogenannten Difference-in-Differences Designs).
Andererseits nutzt das Projektteam Computersimulationen mit einem sogenannten agentenbasierten Modell, um den Familienbonus Plus, aber auch andere hypothetische Reformen zu analysieren. Dieser innovative Ansatz erlaubt es uns, nicht nur die direkten, sondern auch die indirekten Auswirkungen der Reform zu beleuchten. Die indirekten Auswirkungen ergeben sich aus der Tatsache, dass das menschliche Verhalten erwiesenermaßen auch vom Verhalten anderer geprägt wird. Dieser Effekt wird in der wissenschaftlichen Literatur auch als sozialer Multiplikator bezeichnet und kann einerseits die unmittelbaren Auswirkungen ökonomischer Anreize verstärken; andererseits kann der soziale Multiplikator die Auswirkungen von Maßnahmen wie dem Familienbonus Plus auch über den ursprünglich betroffenen Personenkreis hinaus verbreiten. Das dem Projekt zugrundeliegende Modell wurde vom Projektteam bereits vor Projektbeginn entwickelt und publiziert. Im Rahmen von EDMAGEN soll es erstmals mit Hilfe von empirischen Daten kalibriert werden.
Für beide methodische Zugänge nutzt das Projektteam Mikrodaten auf der Personen- und der Haushaltsebene vom Austrian Micro Data Center (AMDC). Dafür werden Daten aus Umfragen (etwa der Zeitverwendungserhebung) mit Daten aus administrativen Quellen (etwa der Lohnsteuerstatistik) verknüpft, um ein umfassendes Verständnis für die Arbeitsteilung in Haushalten im Zeitverlauf zu erlangen.
Die Ergebnisse dieses Forschungsprojektes können dabei helfen, zukünftige steuerliche Maßnahmen zur Unterstützung von Familien so zu gestalten, dass sie zu einer gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern am Erwerbsleben sowie zu einer gerechteren Aufteilung unbezahlter Arbeit beitragen.
Projektleitung: Manuel Valdés, Laura Zilian, Nadia Steiber (Universität Wien)
Fördersumme: 345.202,00 €
Kurzbeschreibung: Der traditionelle Bildungsvorsprung von Männern erodiert. In einem Bereich sind sie jedoch weiterhin im Vorteil: Mädchen und junge Frauen entscheiden sich seltener für eine Ausbildung im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Zahlreiche politische Initiativen zielen darauf ab, mehr Mädchen für eine Bildungslaufbahn im MINT-Bereich zu gewinnen. Die Unterrepräsentation von Frauen im MINT-Bereich (MINT-Gender-Gap) resultiert jedoch nicht nur aus geschlechtsspezifischen Unterschieden bei der Wahl des Ausbildungsfeldes: Frauen mit MINT-Ausbildung ergreifen auch mit geringerer Wahrscheinlichkeit einen MINT-Beruf und verlassen häufiger den MINT-Bereich als ihre männlichen Kollegen.
Um unser Verständnis der geschlechtsspezifischen Wahl von MINT-Fächern bzw. des Verbleibs im MINT-Bereich zu vertiefen, untersuchen wir, wie die Herkunftsfamilie Studienentscheidungen prägt, und wie sich die Gründung einer eigenen Familie später auf den Verbleib im MINT-Sektor auswirkt (Lebensverlaufsperspektive). Um die Entstehung und Entwicklung des MINT-Gender-Gaps im Bildungsverlauf zu untersuchen, rekonstruieren wir anhand österreichischer Registerdaten die Bildungswege einer Kohorte von Schüler:innen, die 2011 zwischen 12 und 15 Jahren alt waren. Mittels Dekompositionsanalysen schätzen wir, zu welchen Anteilen der MINT-Gender-Gap auf die Nichtergreifung bzw. den Abbruch einer MINT-Ausbildung zurückzuführen ist. Zudem vergleichen wir gemischtgeschlechtliche Zwillingspaare, um den Beitrag familiärer Faktoren für die Entstehung des MINT Gender Gap zu schätzen. Dabei untersuchen wir die Rolle verschiedener Mechanismen: die Geschlechtstypizität elterlicher Ausbildung, die Vorbildwirkung älterer Geschwister und die „Gender-Traditionalität“ der Herkunftsfamilie. Ein zweiter Schwerpunkt der Analyse liegt auf Frauen mit abgeschlossenem MINT-Studium, die 2011 zwischen 22 und 24 Jahre alt waren. Wir untersuchen Muster der Familiengründung (Partnerschaft, Fertilität) und prüfen, wie das Timing dieser familiären Übergänge die weitere Berufstätigkeit beeinflusst: Bleiben Frauen im MINT-Bereich, wechseln sie in Teilzeit oder verlassen sie das Feld? Zudem fragen wir, ob sich diese Effekte mit dem Alter der Kinder verändern und inwiefern der Beruf des Partners eine Rolle spielt.
Insgesamt zielt das Projekt darauf ab, ein besseres Verständnis dafür zu entwickeln, wie die Familie die Unterrepräsentation von Frauen im MINT-Bereich beeinflusst—sowohl in der frühen Lebensphase, in der Bildungsentscheidungen getroffen werden, als auch später, wenn es um den Verbleib im MINT-Bereich geht. Erkenntnisse zur Entstehung des MINT-Gender-Gaps sind von großer gesellschaftlicher Bedeutung, da die Unterrepräsentation von Frauen wesentlich zum geschlechtsspezifischen Lohngefälle beiträgt und zu einem erheblichen Verlust an Talenten in einem für das künftige Wirtschaftswachstum entscheidenden Sektor führt.
Projektleitung: Benjamin Bittschi, Ulrike Famira-Mühlberger, Manuel Zerobin (WIFO – Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung)
Fördersumme: 349.753,21 €
Kurzbeschreibung: Der demografische Wandel infolge der Bevölkerungsalterung wird die öffentlichen Ausgaben für Langzeitpflege in Österreich erheblich ansteigen lassen. Das derzeitige System stützt sich stark auf informelle, überwiegend von Frauen erbrachte häusliche Pflege. Steigende Erwerbsbeteiligung von Frauen und sinkende Fertilitätsraten stellen jedoch die langfristige Tragfähigkeit dieses Modells infrage.
Das Projekt zielt darauf ab, eine wesentlich umfassendere Evidenzbasis zu den ökonomischen und sozialen Auswirkungen von Langzeitpflege in Österreich zu schaffen, als sie bisher vorliegt. Hierfür wird ein innovativer Datensatz zu Haushalten mit Pflegebedarf aufgebaut, der Informationen zu Arbeitsangebot, Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen und Einkommen enthält. Darauf aufbauend werden die Effekte informeller Pflege in diesen Bereichen untersucht, mit besonderem Fokus auf pflegende Angehörige, die im selben Haushalt wohnen und Spillover-Effekte auf die weiteren Haushaltsmitglieder.
Methodisch nutzen wir neuartige Identifikationsstrategien, die sich auf exogene Variation durch rechtliche Verzögerungen und gestaffelte Bewilligungszeitpunkte stützen, um kausale Effekte zu identifizieren. Erwartete Ergebnisse sind die Quantifizierung der verdeckten ökonomischen Kosten der starken Abhängigkeit Österreichs von informeller Pflege, die Dokumentation anhaltender gesundheitlicher Belastungen der pflegenden Angehörigen sowie die Unterscheidung zwischen vorübergehenden und strukturellen Effekten.
Das Projekt liefert damit belastbare Grundlagen für die Weiterentwicklung des Pflegesystems und bietet politischen Entscheidungsträgern wertvolle Orientierung. Dies ist besonders relevant, da für Österreich bislang nur wenige Forschungsarbeiten vorliegen – insbesondere zu der am stärksten betroffenen Gruppe der pflegenden Angehörigen, die im selben Haushalt wohnen.
Projektleitung: Emanuel List (Wirtschaftsuniversität Wien)
Fördersumme: 330.627,00 €
Kurzbeschreibung: Österreichs Wirtschaft und Arbeitsmarkt stehen vor der Herausforderung, die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und zugleich die Beschäftigten an Produktivitätszuwächsen zu beteiligen. In den vergangenen Jahrzehnten verlief die Lohnentwicklung zwischen und innerhalb verschiedener Berufs- und Bevölkerungsgruppen jedoch unterschiedlich – ein Hinweis darauf, dass betriebliche Lohnsetzungsprozesse eine Schlüsselrolle spielen. Dieses Forschungsprojekt liefert evidenzbasierte Analysen dazu, wie Unternehmen Entlohnung an die Produktivität anpassen und wie dieser Mechanismus Lohnungleichheit prägt. Auf Basis anonymisierter, verknüpfter Arbeitgeber–Arbeitnehmer-Mikrodaten des Austrian Micro Data Center untersuchen wir drei zusammenhängende Fragen: (1) Wie teilen Unternehmen produktivitätsbedingte Gewinne mit Mitarbeitern mit unterschiedlichen demografischen Charakteristika und Einkommensniveaus? (2) Wie haben die durch die EU-Arbeitsmarktöffnungen 2011 und 2014 induzierten Zuwanderungsströme Lohnsetzung und das Teilen von Produktivitätszuwächsen in lokalen Arbeitsmärkten und Betrieben verändert? (3) Welche Rolle spielen gewerkschaftliche Strukturen und die Marktmacht auf Arbeitgeberseite für die Lohnbildung? Wir setzen auf transparente, state-of-the-art Methoden, die es ermöglichen, betriebliche Einflüsse klar von individuellen Merkmalen zu trennen, Erwerbs- und Unternehmensverläufe über die Zeit nachzuzeichnen und sichtbar zu machen, wie Löhne dynamisch auf politische und marktbedingte Schocks reagieren. Ziel ist kausal identifizierte Evidenz: Wo ist die Weitergabe von Produktivitätsgewinnen stark oder schwach? Wie wirken sich Schocks entlang betrieblicher und regionaler Arbeitsmärkte aus? Und wie greifen Institutionen und Marktmacht ineinander, wenn es um Einkommen geht? Die Ergebnisse sollen der Politik und Sozialpartner eine fundierte Grundlage für wachstumsfördernde und ungleichheitssensible Reformen bieten. Das Projekt sieht die Veröffentlichung wissenschaftlicher Artikel sowie von Policy Briefs vor, um eine faktenbasierte Diskussion über Lohnbildung und Arbeitsmarktungleichheit in Österreich zu fördern.
Projektleitung: Martin Spielauer, Sebastian Poledna (WIFO – Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung), Pauline Pohl (Statistik Austria)
Fördersumme: 349.800,00 €
Kurzbeschreibung: Migrationsbedingte demografische Veränderungen stellen fortgeschrittene Volkswirtschaften vor komplexe arbeitsmarktpolitische Herausforderungen. Dieses Projekt entwickelt einen neuartigen hybriden Modellierungsrahmen zur Analyse der wirtschaftlichen Auswirkungen von Migration in Österreich, mit Fokus auf dem Zusammenspiel zwischen individueller Heterogenität und Makroökonomie. Der Ansatz kombiniert Mikrosimulation mit agentenbasierter Modellierung und integriert detaillierte Analysen auf individueller Ebene mit einer makroökonomischen Modellierung. Dieser integrierte Ansatz bettet empirisch fundierte individuelle Übergänge in makroökonomische Dynamik ein und ermöglicht die Analyse emergenter Effekte mit einem Maß an Konsistenz, wie es keine der beiden Methoden allein schafft.
Die Mikrosimulationskomponente nutzt umfangreiche AMDC-Daten und verfolgt, wie persönliche Merkmale – Bildung, Familienstruktur, Herkunftsland, Migrationsstatus – Erwerbsverläufe prägen. Damit wird erfasst, wie diese Faktoren individuelle Karrierepfade beeinflussen.
Das agentenbasierte Modell (ABM) simuliert die österreichische Gesamtwirtschaft und modelliert, wie Unternehmen und Haushalte dynamisch interagieren. Im Gegensatz zu traditionellen Gleichgewichtsmodellen erfasst es, wie sich demografische Trends und Schocks über Kohorten und Sektoren ausbreiten und erzeugt realistische Rückkopplungen zwischen individuellen Entscheidungen und makroökonomischen Auswirkungen.
Die wesentliche Neuerung liegt in der Integration der beiden Modellierungsansätze, um ihre komplementären Stärken zu nutzen. Die Modellintegration erfolgt durch die Übertragung realistischer Verteilungen individueller Arbeitsmarktübergänge aus der Mikrosimulation an das ABM. Die Interaktionen zwischen den Agenten bestimmen aggregierte Ergebnisse, welche wiederum die individuellen Wahrscheinlichkeiten beeinflussen und so ein virtuelles Labor zur Evaluierung wirtschaftspolitischer Szenarien schaffen.
Die Verwendung von AMDC-Daten ermöglicht eine genaue Darstellung der Population von Unternehmen und Haushalten. Das Modell orientiert sich an den offiziellen Bevölkerungsprognosen von Statistik Austria mit detaillierten migrationsspezifischen Annahmen. Diese Verknüpfung gewährleistet politische Relevanz und ermöglicht eine direkte Integration in die Politikgestaltung.
Diese methodologische Innovation trägt zur Migrationsforschung bei und stellt österreichischen Entscheidungsträger:innen gleichzeitig präzise Instrumente für evidenzbasierte Politik zur Verfügung. Statt sich auf vereinfachte Annahmen zu stützen, liefert unser hybrider Ansatz detaillierte Einblicke in die komplexen wirtschaftlichen Auswirkungen von Migration. Dies unterstützt eine optimale Politikgestaltung in Hinblick auf Österreichs demografischen Wandel und ermöglicht die Bewertung der Verteilungswirkungen verschiedener Politikoptionen.
Projektleitung: Lea Steininger (Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, wiiw)
Fördersumme: 248.261,51 €
Kurzbeschreibung: Wie wirken sich Klimapolitiken auf Arbeitsplätze und Einkommen in Österreich aus? Das Europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS) ist ein zentrales Instrument der europäischen Klimapolitik. Es bepreist Treibhausgasemissionen und umfasst in Österreich rund 200 Industrie- und Energieanlagen. Diese Unternehmen sind für mehr als ein Drittel der österreichischen Emissionen verantwortlich. Zwar ist das Ziel des EU-ETS die Reduktion von Emissionen, doch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen sind bisher unzureichend untersucht. Wie wirken steigende CO₂-Preise auf Beschäftigung, Löhne und Investitionen in regulierten Unternehmen, in indirekt betroffenen Firmen mit höheren Energiekosten sowie in der gesamten Wirtschaft? Welche Regionen und Arbeitnehmergruppen sind besonders betroffen?
Unser Projekt untersucht diese Fragen mit innovativen Methoden und neu verknüpften Datensätzen. Wir verbinden detaillierte Verwaltungs-Mikrodaten aus dem Austrian Micro Data Center (AMDC) mit Informationen zu österreichischen EU-ETS-Unternehmen, darunter deren Emissionszertifikate und Handelsaktivitäten. Durch die Kombination dieser Daten mit neu entwickelten Reihen von „CO₂-Preisschocks“, die unerwartete Änderungen in der Klimapolitik abbilden, können wir die ursächlichen Effekte solcher Politikschocks auf Unternehmen und Arbeitnehmer identifizieren.
Die Studie liefert erstmals für Österreich detaillierte Erkenntnisse darüber, wie sich die CO₂-Bepreisung auf Erwerbsverläufe, Einkommen und Unternehmenskennzahlen wie Umsatz und Investitionen auswirkt. Darüber hinaus analysieren wir Spillover-Effekte, etwa wenn steigende Energiekosten von regulierten Unternehmen an indirekt betroffene Firmen weitergegeben werden und so Beschäftigung und Löhne dort beeinflussen. Schließlich untersuchen wir, wie sich die Auswirkungen entlang der Einkommensverteilung und zwischen verschiedenen sozio-demographischen Gruppen unterscheiden, um Fragen der Fairness und einer gerechten Transformation zu berücksichtigen.
Die Ergebnisse sind nicht nur für Österreich relevant, sondern auch für andere EU-Staaten, die eine Ausweitung der CO₂-Bepreisung planen. Sie liefern Entscheidungsträgern wertvolle Hinweise, welche Regionen, Branchen und Arbeitnehmergruppen im Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft besonders gefährdet oder widerstandsfähig sind. Das Projekt trägt damit dazu bei, Klimapolitiken so zu gestalten, dass sie sowohl ökologisch wirksam als auch sozial ausgewogen und wirtschaftlich tragfähig sind.
Projektleitung: Birgit Meyer (WIFO – Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung), Christine Zulehner (Universität Wien), Harald Oberhofer (WIFO – Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung)
Fördersumme: 327.048,99 €
Kurzbeschreibung: Obwohl Frauen in Österreich heute besser ausgebildet sind, mehr Berufserfahrung sammeln können und häufiger erwerbstätig sind als je zuvor, bestehen weiterhin deutliche Unterschiede bei Löhnen und Gehältern. Während viele Ursachen für die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern am Arbeitsmarkt bereits erforscht wurden, ist bislang wenig darüber bekannt, wie internationaler Handel und globaler Wettbewerb diese Lohn- und Gehaltsunterschiede beeinflussen. Hier setzt das Forschungsprojekt an: Wir untersuchen, wie globaler Wettbewerb und die Strukturen am Arbeitsmarkt die Lohn- und Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern im österreichischen Privatsektor prägen.
Österreich ist als kleine offene Volkswirtschaft besonders stark in den internationalen Handel eingebunden. Deshalb ist es wichtig zu verstehen, wie sich internationale Konkurrenz und unternehmensspezifische Merkmale auf Löhne und Gehälter von Frauen und Männern auswirken. Auf Basis neuer, detaillierterDatensätze des Austrian Micro Data Center können wir umfassende Informationen zu Beschäftigten und ihren Tätigkeiten mit Unternehmensdaten verknüpfen und analysieren, wie internationaler und nationaler Handel sowie das Wettbewerbsumfeld österreichischer Unternehmen die Lohn- und Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern beeinflussen.
Das Projekt gliedert sich in drei zentrale Bereiche:
Moderne statistische Methoden und innovative Schätzverfahren werden angewendet, um die Auswirkungen von Handelsschocks – wie etwa der Integration Chinas in die Weltmärkte – auf österreichische Unternehmen und deren Beschäftigte zu analysieren. Indem Einflüsse von Arbeitnehmermerkmalen, Unternehmenspraktiken und Marktbedingungen getrennt betrachtet werden, können neue Erkenntnisse über Ursachen von Lohn- und Gehaltsunterschieden zwischen Frauen und Männern in einer kleinen offenen Volkswirtschaft gewonnen werden. Die Analysen berücksichtigen auch branchen- und berufsspezifische Unterschiede, die Frauen und Männer unterschiedlich betreffen können.
Die Ergebnisse dieses Projekts sollen nicht nur die wissenschaftliche Debatte bereichern, sondern auch konkrete Impulse für eine faire Bezahlung liefern. Das Ziel dieses Projektes ist aufzuzeigen, wie globaler Wettbewerb, Unternehmensstrukturen und die Zusammensetzung der Belegschaft die Einkommen von Frauen und Männern beeinflussen und soll einen Beitrag zur Schließung der Lohnlücke in Österreich und anderen Ländern leisten.
Projektleitung: Linda Li, Daniel Grabner, Jürgen Essletzbichler (Wirtschaftsuniversität Wien)
Fördersumme: 349.979,85 €
Kurzbeschreibung: Wiens Bevölkerung stieg in den letzten Jahrzehnten stark an und ist zugleich diverser geworden. Gleichzeitig haben auch Einkommensunterschiede zugenommen. Diese Realitäten spiegeln sich auch in Klassenräumen und Schulen der Stadt wider. Vor diesem Hintergrund stellt sich zunehmend die Frage, wie allen Kindern ein gleichwertiger Zugang zu hochwertiger Bildung gewährleistet werden kann. Segregationstendenzen stellen in diesem Zusammenhang eine zunehmende Herausforderung dar.
Schulische Segregation bezeichnet die ungleiche Verteilung von Schüler:innen entlang sozialer und ethnischer Herkunft auf unterschiedliche Schulen. Damit eng verbunden ist die räumliche Segregation, also die ungleiche Verteilung von Bevölkerungsgruppen auf verschiedene Stadtviertel. Dabei beeinflussen sich schulische und räumliche Segregation gegenseitig. Die meisten Kinder besuchen Schulen in ihrer direkten Wohnumgebung. Manche Eltern wählen jedoch gezielt ihren Wohnort, um ihren Kindern den Zugang zu bestimmten Schulen zu ermöglichen. Solche Mechanismen verstärken sowohl Wohn- als auch Schulsegregation – mit weitreichenden Folgen.
Studien zeigen, dass Schulen, an denen viele Kinder aus privilegierten Familien lernen, oft über mehr Ressourcen, qualifizierteres Lehrpersonal, engere Elternnetzwerke und höhere akademische Erwartungen verfügen. Schulen mit einem hohen Anteil benachteiligter Schüler:innen sind dagegen häufig mit knapperen Mitteln, weniger sozialen Ressourcen, niedrigeren Leistungserwartungen und einer stärkeren Fluktuation im Lehrkörper konfrontiert. Diese Unterschiede wirken sich unmittelbar auf die Lernbedingungen und die zukünftigen Aufstiegschancen von Kindern aus – oft zum Nachteil benachteiligter Kinder.
Mithilfe detaillierter Bevölkerungsdaten der Statistik Austria möchte das Projekt VIESEG Einblicke in die Trends und Entwicklungen von Schulen und Wohnen in Wien geben. Dabei werden drei zentrale Fragestellungen untersucht:
Erstens möchte das Projekt VIESEG darstellen, wie sich die Segregation in Wien im Laufe der Zeit verändert hat, und diese Veränderungen im Zusammenhang mit politischen Entwicklungen erklären. Zweitens untersucht es, wie sich die Wahl der Schule und des Wohnorts durch die Eltern auf die Segregation von Schulen auswirkt. Drittens wird ein Zusammenhang zwischen der Segregation in der Schule und den schulischen Leistungen der Schüler:innen hergestellt. Das Ziel dieses Projekts besteht darin, die Segregation zwischen Schulen und Wohnorten sowie deren Wechselwirkungen und Folgen zu beleuchten.
Projektleitung: Anna Schwarz (Wirtschaftsuniversität Wien), Alice Kügler (Central European University), Franziska Disslbacher (Wirtschaftsuniversität Wien)
Fördersumme: 341.302,03 €
Kurzbeschreibung: Die Integration des europäischen Arbeitsmarktes basiert nicht nur auf Migration, sondern in erheblichem Maße auch auf der Entsendung von Arbeitnehmer*innen. Eine Entsendung ermöglicht Unternehmen, ihre Mitarbeiter*innen vorübergehend zu einem Unternehmen in einem anderen EU-Mitgliedstaat zu entsenden, um eine Dienstleistung zu erbringen. Entsandte Arbeitskräfte machten 2017 ein Viertel des Dienstleistungshandels in der EU aus und übertrafen in den letzten Jahren reguläre Migrationsströme sogar um 60 %. Empirische Evidenz zu den Auswirkungen von Entsendungen ist bislang jedoch rar.
Dieses Projekt untersucht die Auswirkungen entsandter Arbeitskräfte auf Unternehmen und Beschäftigte in Österreich. Dazu verknüpfen wir Registerdaten zu grenzüberschreitenden Entsendungen mit administrativen Firmen- und Beschäftigtendaten, die im Austrian Micro Data Center verfügbar sind. Zur Beantwortung unserer Forschungsfrage ist das Projekt in drei Arbeitspakete (APs) gegliedert.
In AP1 liefern wir eine umfassende deskriptive Analyse zu Entwicklung und Merkmalen entsandter Arbeitskräfte in Österreich. Dank der Granularität unseres Datensatzes können wir sektorale und regionale Unterschiede sowie Charakteristika der Unternehmen detailliert darstellen. Um die kausalen Effekte der Entsendung auf Unternehmen (AP2) und Beschäftigte (AP3) zu identifizieren, nutzen wir zwei Strategien: den Zustrom entsandter Arbeitskräfte nach der Liberalisierung des Dienstleistungshandels mit den neuen osteuropäischen Mitgliedstaaten sowie Unterschiede im Zeitpunkt der Inanspruchnahme von Entsendungen durch Unternehmen. In AP2 analysieren wir Effekte auf Unternehmen, wie etwa Umsatz und Profite, aber auch das Verhältnis von Arbeit und Kapital im Produktionsprozess. Zudem untersuchen wir mögliche Mechanismen, wie Monopson- und Marktmacht. In AP3 erweitern wir die bestehende Evidenz zu aggregierten Beschäftigungseffekten, indem wir Heterogenitäten nach Unternehmensmerkmalen sowie Effekte auf verdrängte Arbeitnehmer*innen betrachten.
Das Projekt trägt in mehrfacher Hinsicht zur knappen Literatur über Entsendung bei. Erstmals werden Auswirkungen auf Firmen untersucht und mit Beschäftigungseffekten verknüpft, wodurch wir Mechanismen hinter aggregierten Beschäftigungseffekten aufzeigen können. Zudem liefern wir die erste kausale Evidenz für Österreich, einem wichtigen Aufnahmeland.
Unsere Ergebnisse schließen Wissenslücken über die Folgen der Liberalisierung von Arbeitskräftemobilität. Ein besseres Verständnis dieser Effekte unterstützt Entscheidungsträger*innen bei der Entwicklung von Strategien zur Abmilderung negativer Folgen verstärkten Arbeitskräftewettbewerbs. Unser umfassender Ansatz zeigt außerdem, wie Kosten und Nutzen von Entsendungen zwischen Arbeitsmarktakteuren verteilt sind. Schließlich stellt unser neu kreierter, innovativer Datensatz eine wertvolle Ressource für künftige Forschung dar.
Projektleitung: Gergely Ódor, Andreas Bergthaler (Medizinische Universität Wien), Peter Klimek (Complexity Science Hub)
Fördersumme: 349.782,08 €
Kurzbeschreibung: In vielen europäischen Ländern ist die Zahl der Krankenstandstage seit dem Ende der COVID-19-Maßnahmen deutlich gestiegen. In Österreich fehlten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Jahr 2024 im Durchschnitt mehr als 15 Tage – rund 20 % mehr als vor der Pandemie. Ein erheblicher Teil dieses Anstiegs entfällt auf Atemwegserkrankungen wie Influenza oder COVID-19, doch die genauen Ursachen sind bislang unklar. Diese Entwicklung betrifft nicht nur die öffentliche Gesundheit, sondern auch die Wirtschaft und wirft Fragen der sozialen Gerechtigkeit auf, da manche Beschäftigtengruppen stärker betroffen sind als andere.
Der Anstieg der Krankenstände dürfte auf ein Zusammenspiel biologischer, verhaltensbezogener und gesellschaftlicher Faktoren zurückzuführen sein, deren genaue Bedeutung noch nicht geklärt ist. So könnten nicht erkannte COVID-19-Infektionen eine Rolle spielen. Gleichzeitig hat die Unterbrechung üblicher Infektionszyklen während der Pandemie möglicherweise dazu geführt, dass die Bevölkerung anfälliger für saisonale Atemwegsviren ist. Auch Veränderungen in der Arbeitskultur sind relevant, da es inzwischen üblicher geworden ist, bei Krankheit zu Hause zu bleiben. Schließlich könnten sinkende Impfquoten in bestimmten Gruppen den Schutz vor zirkulierenden Erregern verringert haben.
Um diese Faktoren zu untersuchen, verbindet das Projekt mehrere einzigartige österreichische Datenquellen. Dazu gehört das von Statistik Austria eingerichtete Austrian Micro Data Center, das den Zugang zu verknüpften Bevölkerungs- und Beschäftigungsdaten unter strengen Datenschutzauflagen ermöglicht. Ergänzend nutzen wir nationale Gesundheitsumfragen, Krankenstandsdaten der Sozialversicherung sowie Abwasseranalysen, die ein frühes Signal über zirkulierende Viren liefern. Auf dieser Grundlage entwickeln wir ein Modell, das Infektionen mit Krankenständen und deren wirtschaftlichen Folgen verknüpft und zukünftige Entwicklungen sowie politische Szenarien abbildet.
Das Projekt liefert neue Erkenntnisse darüber, welche Faktoren den Anstieg der Krankenstände antreiben und wie sich diese Entwicklungen in den kommenden Jahren gestalten könnten. Behörden erhalten damit eine fundierte Grundlage für wirksame und faire Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik. Arbeitgeber und Gewerkschaften profitieren von Prognosen zur Verfügbarkeit von Arbeitskräften und branchenspezifischen Risiken. Über Österreich hinaus schafft die entwickelte Methodik eine internationale Referenz, um Infektionsdynamiken mit Arbeitsmarktergebnissen unter strengen Datenschutzauflagen zu verknüpfen. Durch die enge Einbindung von Stakeholdern und die offene Veröffentlichung aggregierter Ergebnisse wird sichergestellt, dass die Erkenntnisse sowohl in politische Entscheidungen als auch in die internationale Forschung einfließen.
Projektleitung: Brigitte Schels (Paris-Lodron-Universität Salzburg), Stefan Vogtenhuber (Institut für Höhere Angewandte Studien, IHS)
Fördersumme: 345.559,57 €
Kurzbeschreibung: Bildungschancen hängen nicht allein von individuellen Fähigkeiten, Interessen oder der Herkunftsfamilie ab, sondern auch von den verfügbaren Schulen am Wohnort. Die Bildungsberichte zeigen für Österreich, dass Allgemeinbildende Höhere Schulen (AHS) in städtischen Regionen relativ leicht zugänglich sind, dagegen Jugendliche in ländlichen Regionen deutlich häufiger Mittelschulen (MS) besuchen.
Das Projekt untersucht, wie diese räumlichen Diskrepanzen in den Bildungsentscheidungen mit langfristigen sozioökonomischen Chancen verknüpft sind. Das österreichische Bildungssystem ist durch frühe Differenzierung und ein starkes Berufsbildungssystem charakterisiert. Eine berufliche Ausbildung eröffnet den Einstieg in qualifizierte Arbeit, während die AHS-Matura in erster Linie zu akademischer Bildung führt. Obwohl sich ein Studium im Durchschnitt auszahlt, gibt es Berufsausbildungen, die nicht nur mit Blick auf Einkommen sondern auch Prestige, Beschäftigungssicherheit oder Arbeitszeiten vorteilhafter sind als manche Studienfächer. Es werden soziale Unterschiede in unterschiedlichen Dimensionen erwartet, da erstens die räumliche Nähe vor allem für Schüler:innen aus einkommensschwachen Familien relevant, zweitens Studien- und Ausbildungsentscheidungen stark geschlechtlich segregiert sind und drittens Schüler:innen in der Stadt eher MS meiden als auf dem Land.
Das Projekt widmet sich folgenden zentralen Fragestellungen: Welche Rolle spielt die räumliche Nähe von AHS vs. MS für die Bildungsentscheidung nach der Volksschule? Welche kausalen Effekte hat die Bildungsentscheidung für die späteren sozioökonomischen Chancen? Welche Auswirkungen hat in diesem Kontext die Gründung einer AHS in ländlichen Regionen? Variieren die Rolle der räumlichen Nähe und deren Effekte je nach Region (Stadt/Land), sozialer Herkunft und Geschlecht?
Zur Beantwortung dieser Fragen werden Registerdaten vollständiger Kohorten von Schüler:innen mit aggregierten sozioökonomischen Indikatoren für Berufs- und Studienfelder kombiniert und für deskriptive Analysen sowie Kausalanalysen mittels Instrumentenvariablen und natürlichen Experimenten genutzt.
Das Projekt erweitert die internationale Forschung, indem es erstmals für Österreich den Einfluss räumlicher Nähe auf die Bildungswahl nach der Volksschule betrachtet und dessen Konsequenzen kausal untersucht. Das Projekt liefert wichtige Befunde, wie regionale Bildungsstrukturen Ungleichheiten prägen und verspricht nuancierte Einblicke in die Heterogenität im österreichischen Bildungssystem, wenn die Bildungswege junger Menschen in unterschiedliche Studien- und Ausbildungsberufsfelder führen. Die Ergebnisse informieren Entscheidungsträger:innen und Politik über mögliche Stellschrauben zur Verbesserung des Bildungsangebots und zur Sicherstellung gerechter Berufschancen.
Projektleitung: Silvia Rocha-Akis, Marian Fink (WIFO – Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung)
Fördersumme: 287.822,31 €
Kurzbeschreibung: Österreich gehört zu den Ländern mit den niedrigsten Niveaus der Einkommensungleichheit; die Verteilung der verfügbaren Haushaltseinkommen ist in den vergangenen zwei Dekaden trotz erheblicher soziodemografischer und arbeitsmarktbezogener Veränderungen bemerkenswert stabil geblieben. Neuere Befunde zeigen jedoch, dass insbesondere junge Familien mit Kindern relative Rückgänge sowohl der Markt- als auch der verfügbaren Einkommen verzeichnet haben. Das zentrale Paradox: Wie kann die Ungleichheit insgesamt stabil bleiben, während einige Haushaltstypen ins Hintertreffen geraten? Wir analysieren, wie individuelle Einkommensverläufe, Verschiebungen in der Zusammensetzung der Bevölkerung und sich wandelnde Haushaltsstrukturen mit dem österreichischen Steuer- und Transfersystem zusammenwirken und so die Verteilung der Haushaltseinkommen prägen. Mithilfe von Dekompositionstechniken, Mikrosimulation sowie verknüpften Register- und Umfragedaten untersuchen wir, wie Arbeitsmarktentwicklungen, demografische Transformationen und politischer Maßnahmen sowohl die Entwicklung als auch die Struktur der Ungleichheit beeinflusst haben. Es handelt sich um eine umfassende Analyse, die die Verteilungswirkungen der demografischen und arbeitsmarktbezogenen Veränderungen in Österreich im Zusammenspiel mit dem Wohlfahrtsstaat bewertet und einen integrierten Blick auf Veränderungen der Einkommensverteilung bietet. Damit leistet das Projekt einen substanziellen Beitrag zum Verständnis von Ungleichheit und Umverteilung in Österreich.
In der zweiten Ausschreibungsrunde 2024 wurden die folgenden acht Projekte bewilligt:
Projektleitung: Zuzanna Brzozowska (Gesundheit Österreich GmbH – GÖG), Stephanie Lackner (Gesundheit Österreich GmbH – GÖG)
Fördersumme: 319.690,94 €
Kurzbeschreibung: Der Mangel an qualifizierten Gesundheits- und Krankenpflegepersonal (GuK-Personal, wie Diplomierte Gesundheits- und Krankenpfleger-Innen und Pflege(fach)assistentInnen) ist eine der größten Herausforderungen für alternde Gesellschaften. Schätzungen zufolge wird Österreich bis 2030 über 43.000 neue Pflegekräfte benötigen im Vergleich zu 2023. Aufgrund relativ niedriger Gehälter und schwieriger Arbeitsbedingungen fällt es Anbietern von Gesundheits- und Pflegedienstleistungen schwer, nicht nur genügend Pflegekräfte zu rekrutieren, sondern diese auch zu halten.
Das Projekt P-AT-H-CAREWORK hat zum Ziel, wissenschaftliche Erkenntnisse zu liefern, die Entscheidungsträgern helfen, gezielte und wirksame Maßnahmen zur Rekrutierung und Bindung von GuK-Personal in Österreich zu entwickeln. Dabei werden wir vier allgemeine Fragen beantworten, die, zusammengenommen, die individuellen und kontextuellen Faktoren determinieren, die das Angebot an GuK-Personal in Österreich beeinflussen:
(1a) Wie sieht die räumliche Verteilung und jährliche Schwankung des Angebots an GuK-Personal in Österreich aus? – Hier werden wir zeigen, wie viele Arbeitskräfte in GuK es in den verschiedenen Regionen Österreichs gibt und wie viele kommen und gehen.
(1b) Wie erklären kontextuelle Faktoren das Angebot an GuK-Personal? – Wir werden analysieren, wie die Zahlen aus (1a) von regionalen Merkmalen abhängen.
(2) Was sind die typischen Wege in GuK-Berufe und welche individuellen und kontextuellen Faktoren beeinflussen diese? - Wir werden zeigen, welche soziodemografischen und wirtschaftlichen Gruppen in verschiedenen Regionen (Kontexten) am ehesten einen GuK-Beruf ergreifen.
(3) Welche individuellen und kontextuellen Faktoren beeinflussen den Austritt aus GuK Jobs? –Hier werden wir die Faktoren analysieren, die dazu führen, dass GuK-Personal seine Beschäftigung eher reduziert oder ganz aufgibt.
Zur Beantwortung dieser Fragen verwenden wir pseudonymisierte Mikrodaten aus zwei verschiedenen Quellen: dem Gesundheitsberuferegister (GBR) und den administrativen Datensätzen des Austrian Microdata Center (AMDC), die soziodemografischen Daten, Erwerbsverläufe, Erwerbs- und Einkommensstatistik umfassen. Wir verknüpfen diese Daten und kombinieren sie mit lokalen Statistiken auf der NUTS-3-Ebene oder Bezirksebene. Lokale Statistiken geben Aufschluss über den Kontext, in dem die GuK-Beschäftigten leben und arbeiten, wie z. B. die Alters- und Geschlechtsstruktur der Bevölkerung, die Arbeitslosenquote, die Versorgung mit Kinderbetreuungseinrichtungen, das Durchschnittsgehalt oder Grenznähe.
Eine erstmals so umfangreiche und dennoch detaillierte Darstellung des GuK-Personals in Österreich wird erst durch die neuen Mikrodaten ermöglicht. Keine Umfragedaten können so reichhaltige Informationen von ähnlicher hoher Qualität liefern. Gleichzeitig lassen die von uns verwendeten Daten keine persönliche Identifizierung von Personen zu.
Projektleitung: Maryna Tverdostup (Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, wiiw)
Fördersumme: 190.795,00 €
Kurzbeschreibung: Frauen haben in den letzten Jahrzehnten große Fortschritte bei ihrer sozioökonomischen Gleichstellung gemacht. Dennoch gibt es nach wie vor enorme geschlechterspezifische Unterschiede bei Karriere und Entlohnung. Diese sind vor allem darauf zurückzuführen, dass Frauen immer noch die Hauptlast bei der Kinderbetreuung tragen. Dadurch werden Frauen in ihrem beruflichen Fortkommen eingeschränkt, was ein geringeres Einkommen bedingt.
Unser Projekt möchte sich daher der Frage widmen, inwieweit diese Ungleichheit bei Paaren mit Kindern in Österreich fortbesteht und wie eine Elternschaft die Karriere- und Lohnentwicklung beeinflusst. Österreich hat erst vor einigen Jahren ein Modell bei der Elternkarenz geschaffen, das Frauen und Männer am Arbeitsmarkt gleichstellen soll. Es trägt dem Umstand Rechnung, dass sich die Gesellschaft vom traditionellen, männlich dominierten, Alleinverdiener- und Karrieremodell verabschiedet. Dieser Wandel, der etwa in Skandinavien schon seit Jahrzehnten im Gange ist, vollzieht sich in Österreich nur langsam.
Als erstes Projekt dieser Art soll es die Auswirkungen auf die berufliche Entwicklung und die Löhne von Eltern in Österreich nach der Geburt eines Kindes beleuchten. Dafür wird es mehrere geschlechterspezifische Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt analysieren. Dazu zählen die unterschiedliche Karriere- und Lohnentwicklung bei Frauen und Männern sowie die zunehmende Lohnungleichheit nach der Heirat und der Geburt eines Kindes. Die Grundannahme ist für uns dabei, dass ein für beide Geschlechter faires Modell bei der Elternkarenz die Erwerbsbeteiligung von Müttern fördern und die Einkommensschere verringern sollte. Der Anteil der Väter, die den Vaterschaftsurlaub in Anspruch nehmen, ist in Österreich allerdings nach wie vor sehr gering. Das darauf hindeutet, dass Erwerbsarbeit und Kinderbetreuung auch bei jungen Familien immer noch entlang traditioneller Geschlechterrollen aufgeteilt werden.
Unser Projekt soll die Nutzung der Elternkarenz bei Müttern und Vätern genau untersuchen und analysieren, wie sie sich auf das Einkommen und die Karriere auswirkt. Eine gleichmäßige Inanspruchnahme zwischen Frauen und Männern kann bei bestimmten sozialen Gruppen (z. B. bei Hochqualifizierten) oder in bestimmten geografischen Gebieten (z. B. in Städten) durchaus vorherrschend sein. Daher steht auch die Analyse des Zusammenspiels verschiedener individueller, Job-spezifischer und haushaltsspezifischer Faktoren sowie die Aufteilung der Elternkarenz zwischen den Partnern im Mittelpunkt. Dabei sollen die beabsichtigten und unbeabsichtigten Folgen eines gleichberechtigten Modells bei der Elternkarenz aufgezeigt, und die Frage beantworten werden, wie sehr damit die Karriere- und Lohnentwicklung von jungen Müttern wirklich gefördert wird. Darauf aufbauend wird das Projekt auch Politikempfehlungen zur Verbesserung des österreichischen Systems erarbeiten, um die Gleichstellung von Frauen auf dem Arbeitsmarkt tatsächlich zu verwirklichen.
Projektleitung: BeateThies (Universität Wien), Lennart Ziegler (Wirtschaftsuniversität Wien), Omar Bamieh (Wirtschaftsuniversität Wien)
Fördersumme: 276.050,50 €
Kurzbeschreibung: Um den Klimawandel zu bekämpfen, bemühen sich Entscheidungsträger, die CO2-Emissionen durch Maßnahmen wie CO2-Bepreisung und Regelungen zur Kraftstoffeffizienz zu reduzieren, doch die politische Unterstützung für solche Maßnahmen ist generell gering. Die Emissionen von Kraftfahrzeugen stiegen in der EU zwischen 2000 und 2019 an, hauptsächlich aufgrund des wachsenden Verkehrsaufkommens. Dies trägt dazu bei, dass die Luftqualitätswerte in den meisten städtischen Gebieten Europas immer noch nicht die Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation erfüllen. Dieses Projekt wird untersuchen, ob das Arbeiten von zu Hause (Home Office) – das aufgrund der Corona-Pandemie stark zugenommen hat – zur Lösung dieser Umweltprobleme beitragen kann. Vermehrtes Home Office führt zu einer verringerten Pendelfrequenz und kann dadurch die CO2-Emissionen und die Luftverschmutzung durch den Straßenverkehr reduzieren. Ein Rebound-Effekt kann jedoch auftreten, wenn ArbeitnehmerInnen deshalb weiter entfernt von ihrem Arbeitsplatz wohnen und dies zu längeren Pendelstrecken beiträgt. Wenn Home Office dazu führt, dass ArbeitnehmerInnen seltener, aber über längere Strecken pendeln, ist der Nettoeffekt auf die Emissionen unklar.
In diesem Projekt werden wir analysieren, wie die Arbeit von Zuhause das Pendeln und deren Umweltauswirkungen beeinflusst. Konkret sollen Pendeldistanzen und -frequenzen in Berufen mit hohem und niedrigem Home-Office-Potenzial vor und nach der Pandemie verglichen werden. Berufe mit begrenztem Potenzial dienen als Kontrollgruppe, da diese ArbeitnehmerInnen nicht von den neuen Möglichkeiten des Home Office profitieren können. Auf Basis dieser Ergebnisse können wir mit Daten zum Kraftstoffverbrauch von Fahrzeugen die Auswirkungen auf die CO2-Emissionen berechnen.
Unsere Analyse wird auf detaillierten Registerdaten aus Österreich basieren. Dazu werden wir Daten aus mehreren Registern im Austrian Micro Data Center (AMDC) verknüpfen. Diese beinhalten Daten zu Pendelstrecken, eine Vielzahl von ArbeitnehmerInnen- und Unternehmensmerkmalen sowie Informationen zu Home-Office-Tagen. Diese sind für den gesamten Arbeitsmarkt ab 2021 verfügbar, da sie auf den Gehaltszetteln der ArbeitnehmerInnen vermerkt werden. In Kombination mit satellitengestützten Daten zu Feinstaubkonzentrationen auf Gemeindeebene, können wir die pendelbedingten Auswirkungen von Home Office auf die Luftqualität errechnen.
Unsere Hypothese ist, dass der starke Anstieg von Home Office die Pendelfrequenzen reduziert hat, aber auch Veränderungen bei den Pendelstrecken aufgrund von Umzügen und Arbeitsplatzwechseln bewirkt hat. Wir erwarten, dass der Anstieg von Home-Office-Tagen zu einer Verringerung der CO2-Emissionen und der städtischen Luftverschmutzung geführt hat. Diese Reduktion ist jedoch geringer als in einem Szenario ohne Rebound-Effekt. Das Ausmaß der gegenläufigen Effekte auf das Pendeln und die daraus resultierenden Umweltauswirkungen sollen in diesem Projekt errechnet werden.
Projektleitung: Elisabeth Gruber (Universität Innsbruck), Alois Humer (Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW)
Fördersumme: 309.250,10 €
Kurzbeschreibung: Wenn Menschen zwischen städtischen und ländlichen Gebieten umziehen, geschieht dies oft in bestimmten Lebensabschnitten und teilweise auch mehr als einmal im Laufe ihres Lebens. Mit neu verfügbaren Mikrodaten sind wir in der Lage, diese Binnenwanderungen nicht nur als aggregierte Ströme zwischen verschiedenen Orten zu beobachten, sondern auch die spezifischen individuellen Wanderungsverläufe im Lebensverlauf zu untersuchen. Das INDUST-Projekt zielt darauf ab, typische Charakteristika von Migrationsverläufen innerhalb des österreichischen Stadt-Land-Systems aufzudecken und zu untersuchen, wie sich diese im Laufe der Zeit verändert haben. INDUST wird nicht nur Migrationsverläufe auf individueller Ebene untersuchen, sondern auch den Einfluss zusammenhängender Lebensereignisse - wie Bildung, Beschäftigung oder Familiendynamiken – betrachten. Zusätzlich werden soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Makrotrends und deren (möglicherweise unterschiedlicher) Einfluss auf Migrationsverläufe in unterschiedlichen Altersgruppen untersucht. Im Projekt werden daher Fragen beantwortet werden wie: Hat sich die Vorliebe junger Erwachsener für das Leben in der Stadt in den letzten 20 Jahren verändert? Welches sind die typische Wanderungsverläufe für verschiedene Altersgruppen über verschiedene Zeiträume hinweg? Und was sind die wichtigsten Einflussfaktoren für diese Verläufe im Laufe der Zeit? Durch ein tieferes Verständnis des individuellen Beitrags zu Urbanisierungsmustern und potenziellen Verschiebungen im Laufe der Zeit wird das Projekt neue Erkenntnisse darüber liefern, wie die Binnenmigration Österreichs Städte und ländliche Räume prägt, und so auch zu einer besseren räumlichen Planung für die Zukunft beitragen kann.
Projektleitung: Stefan Angel (WIFO - Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung), Karin Heitzmann (Wirtschaftsuniversität Wien), Philip Warum (WIFO - Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung)
Fördersumme: 279.908,09 €
Kurzbeschreibung: Dieses Projekt befasst sich mit Privatkonkursen in Österreich. Das Verbraucherinsolvenzverfahren ermöglicht es Überschuldeten, unter bestimmten Bedingungen eine Restschuldbefreiung zu erhalten. In Österreich gibt es seit 1995 ein Privatkonkursverfahren. Verbraucherinsolvenzverfahren sind ein wichtiges Element der Sozial- und Wirtschaftspolitik mit Auswirkungen auf verschiedene Bereiche wie Gesundheit, unternehmerische Aktivität und Arbeitsmarktbeteiligung. Dennoch gibt es nur wenige Studien zu den Ursachen und Folgen von Privatinsolvenzen in anderen Ländern als den Vereinigten Staaten.
Darüber hinaus gab es in der jüngeren Vergangenheit mehrere Krisen (Covid-19-Pandemie, Teuerung, hohe Zinssätze), die sich alle potenziell auf die Verschuldung der privaten Haushalte und die Zahlungsunfähigkeit der Verbraucher:innen auswirken können. Die mittel- bis langfristigen Auswirkungen dieser Krisen auf die Verschuldung der Haushalte und die privaten Insolvenzen sind jedoch noch weitgehend unbekannt.
Wir tragen zum Schließen dieser Forschungslücke bei, indem wir uns auf zwei Fragen konzentrieren:
Erstens, welche Lebensverläufe (in Bezug auf Beschäftigung, Einkommen Familienstand) gehen Verbraucherinsolvenzen voraus? Wie hängen „kritische Veränderungen“ (potenzielle finanzielle Schocks) in der Beschäftigung und im Familienstand (z. B. Arbeitslosigkeit, Scheidung) mit der Wahrscheinlichkeit einer Verbraucherinsolvenz zusammen? Ist der Weg in die Verbraucherinsolvenz nach solchen Ereignissen eher lang oder kurz? Allgemeiner ausgedrückt: Gibt es typische Muster für den Weg in die Zahlungsunfähigkeit?
Zweitens interessieren wir uns für die Beschäftigungsergebnisse und den Ehe-/Familienstatus nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Wie entwickeln sich Arbeitsmarkt, Einkommen und Familienstand nach der Eröffnung bzw. dem Abschluss eines Insolvenzverfahrens? Handelt es sich bei Privatinsolvenzen um ein wiederkehrendes Phänomen bei ehemals insolventen Personen? Unsere Daten ermöglichen es uns auch, die Entwicklung der Beschäftigung (Selbständigkeit) ehemaliger Unternehmer nach der Privatinsolvenz zu untersuchen, z. B. um festzustellen, ob sie wieder Unternehmer:in werden. Wie wahrscheinlich ist ein „Neuanfang“ für sie?
Um unsere Forschungsfragen zu beantworten, verknüpfen wir Registerdaten zu Verbraucherinsolvenzen (https://edikte.justiz.gv.at) mit Registerdaten zu Beschäftigung, Familienstand und Einkommen (AMDC). Wir wenden eine Sequenzanalyse an und schätzen Panelregressionen (Ereignisstudien) und Instrumentvariablen Regressionen, um etwas über typische Verläufe, Eintritts- und Austrittsdynamiken zu erfahren. Darüber hinaus möchten wir, Variationen bei den institutionellen Rahmenbedingungen für Privatkonkurse nutzen, um ihre kausalen Auswirkungen zu ermitteln.
Unser Projekt leistet Pionierarbeit, indem es anonymisierte Daten über Verbraucherinsolvenzen mit Registern für Einkommen, Familienstand und Beschäftigungsverläufe verknüpft.
Projektleitung: Ljubica Nedelkoska (Complexity Science Hub), Frank Neffke (Complexity Science Hub)
Fördersumme: 349.999,69 €
Kurzbeschreibung: Was der Anteil der im Ausland geborenen Bevölkerung betrifft, hat Österreich traditionelle Einwanderungsländer wie die USA und Kanada überholt. Die Mehrheit der Einwanderer, etwa 40%, lebt in Wien. Dies ist keine Seltenheit: Große Städte werden oft als "Türöffner" betrachtet, die Zugang zu einer Vielzahl an Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten bieten. Allerdings können Städte auch die Segregation fördern. Große Einwanderergemeinschaften erleichtern es Neuankömmlingen, Kontakte zu anderen Einwanderern zu knüpfen, möglicherweise zu Lasten der Integration. Dies kann zur Bildung sozialer Netzwerke nach ethnischen Gesichtspunkten führen. Da soziale Netzwerke bei der Arbeitssuche wichtig sind, verringert sich so der Zugang zu Beschäftigungsmöglichkeiten. Daher stellt sich die Frage, ob Einwanderer Vor- oder Nachteile aus Großstädten ziehen.
Ethnische Segregation wird häufig anhand des Wohnorts untersucht. Über die Segregation am Arbeitsplatz ist jedoch wenig bekannt. Hier untersuchen wir, inwieweit die Belegschaft von Betrieben aus Arbeitnehmern mit ähnlichem ethnischen Hintergrund und ähnlichem Geschlecht besteht. Dafür verwenden wir umfangreiche Verwaltungsdatensätze von 2008 bis 2022, die die genaue Zusammensetzung der Arbeitnehmer für jede Niederlassung im Land erfassen. Danach untersuchen wir, ob die Segregation am Arbeitsplatz mit beruflichen Netzwerke unter aktuellen und ehemaligen Kollegen zusammenhängt. Abschließend untersuchen wir, ob sich Netzwerke und Arbeitsplatzsegregation von Stadt zu Stadt unterscheiden und ob der Zusammenhang zwischen beruflichen Netzwerken und Arbeitsplatzsegregation von der Stadtgröße abhängt. Dies wird zeigen, wie Städte Netzwerke und Karrieren gestalten und ob sie die Segregation am Arbeitsplatz verschärfen oder mildern.
Zuerst analysieren wir, wie sich die Art und Geografie der Arbeitsplatzsegregation und den beruflichen Netzwerken entwickelt haben. Anschließend untersuchen wir, ob die Arbeitsplatzsegregation mit beruflichen Netzwerken und der Stadtgröße zusammenhängt. Abschließend analysieren wir, wie Netzwerke und Arbeitsplatzsegregation mit Beschäftigung und Löhnen zusammenhängen.
Daraufhin konzentrieren wir uns auf Arbeitnehmer, die durch Betriebsschließungen von ihrem Arbeitsplatz verdrängt wurden. Dieser Fokus stellt sicher, dass wir Arbeitssuchenden vergleichen, die ihren Arbeitsplatz aus Gründen verloren haben, die nichts mit ihrer Leistung zu tun haben. Um kontrafaktische Karrierewege zu konstruieren, wenn diese Arbeitnehmer nicht verdrängt worden wären, vergleichen wir sie mit ähnlichen, nicht verdrängten Arbeitnehmern. Ein Vergleich der tatsächlichen mit den kontrafaktischen Karrierewegen remöglicht es uns, kausale Zusammenhänge zwischen Netzwerken, Arbeitsmarktergebnissen und Segregation am Arbeitsplatz aufzudecken, sowie zu erforschen wie Großstädte diese Zusammenhänge beeinflussen. Letzteres wird dabei helfen zu verstehen welche Rolle Städte bei der Segregation am Arbeitsplatz spielen.
Projektleitung: Tobias Eibinger (Universität Graz), Ricarda Rosenball (Universität Graz)
Fördersumme: 298.380,55 €
Kurzbeschreibung: Die Child Penalty – die Verringerung des Einkommens und der Karrierechancen, die Frauen nach der Geburt eines Kindes erfahren – ist ein anhaltendes Problem, das zur Geschlechterungleichheit beiträgt und ein Phänomen, das bei Männern nach der Vaterschaft nicht auftritt. Ein wichtiger Mechanismus hierbei ist die geschlechtsspezifische Pendellücke: Nach der Geburt pendeln Frauen kürzer als Männer, da sie mehr Verantwortung für die Kinderbetreuung übernehmen. Dies erfordert flexible Arbeitszeiten und Nähe zum Wohnort, was oft zu Karriereanpassungen führt und das langfristige Einkommen verringert, wodurch die Child Penalty verstärkt wird.
Obwohl bereits viele Ursachen der Child Penalty untersucht wurden, erhielt das Pendelverhalten bisher wenig Aufmerksamkeit. Unser Projekt zielt darauf ab, empirische Belege für die geschlechtsspezifische Pendellücke in Österreich zu liefern. Insbesondere wollen wir aufzeigen, wie die Karriereanpassungen, die Frauen nach der Geburt eines Kindes vornehmen, um ihre Pendelzeiten zu verkürzen, zur Child Penalty beitragen. Indem wir diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellen, bietet unsere Forschung eine neue Perspektive auf die Mechanismen, die der Child Penalty zugrunde liegen.
Unser Projekt besteht aus drei Phasen: In der ersten Phase analysieren wir den Effekt der Geburt des ersten Kindes auf die Pendelentscheidungen innerhalb von Paaren. In der zweiten Phase untersuchen wir die beruflichen Anpassungen von Männern und Frauen nach der Geburt, insbesondere jene, die kürzere Pendelwege und geringere Löhne mit sich bringen. In der dritten Phase analysieren wir, wie die bessere Verfügbarkeit und Qualität von Kinderbetreuungseinrichtungen die Pendelherausforderungen für Eltern, insbesondere Mütter, mildern kann. Methodisch setzen wir auf modernste Difference-in-Differences (DiD)-Techniken und erweitern bestehende Ansätze, um heterogene Effekte zu berücksichtigen und unzulässige Vergleiche zu vermeiden. Um eine robuste kausale Inferenz zu gewährleisten, erstellen wir sorgfältig Kontrollgruppen, die den kontrafaktischen Zustand möglichst genau approximieren, auch wenn der wahre Kontrafakt unbekannt bleibt.
Wir erwarten, dass sich nach der Geburt des ersten Kindes deutliche Pendeldifferenzen zwischen den Geschlechtern zeigen. Mütter, häufiger als Väter, werden gezwungen, erhebliche berufliche Anpassungen vorzunehmen, wie etwa die Wahl von Arbeitsplätzen in Wohnortnähe, um familiäre Verpflichtungen zu bewältigen. Diese reduzierte Flexibilität schränkt ihre beruflichen Möglichkeiten ein und führt oft zu Einkommensverlusten. Mütter nehmen oft kinderfreundliche Teilzeitstellen mit kürzeren Arbeitswegen an, die häufig in schlechter bezahlten Sektoren und Firmen liegen. Wir argumentieren, dass eine bessere Kinderbetreuungspolitik den Bedarf an solchen Anpassungen nach der Geburt verringern und damit geschlechtsspezifische Pendeldifferenzen sowie die Child Penalty reduzieren kann.
Projektleitung: Philipp Heimberger (Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche, wiiw)
Fördersumme: 327.224,70 €
Kurzbeschreibung: Dieses Projekt liefert neue Erkenntnisse auf Mikroebene darüber, wie sich Steuer- und Transferschocks auf Einkommen und Beschäftigung auswirken. Da die Identifizierung exogener fiskalpolitischer Schocks der Schlüssel für das Schätzen eines kausalen Zusammenhangs zwischen steuer- und transferpolitischen Veränderungen und Einkommen und Beschäftigung ist, erheben wir neue Daten exogener Steuer- und Transferschocks für Österreich. Diese neuartigen Daten decken den Zeitpunkt, den Umfang und die Motivation gesetzlicher Steuer- und Transferänderungen im Zeitraum 2000-2022 ab und basieren auf Informationen aus Regierungsvorlagen, Budgetberichten, der jährlichen Budgetrede des Finanzministers im österreichischen Parlament, Presseberichten und Wirtschaftsberichten. Wir kombinieren diesen narrativen Datensatz mit Mikrodaten, die vom AMDC zu Einkommen und Beschäftigung bereitgestellt werden. Dies ermöglicht es uns zu prüfen, ob verschiedene fiskalpolitische Maßnahmen (z.B. Reformen der Einkommensteuer, Änderungen in Konsumsteuern oder Sozialversicherungstransfers) die individuellen Einkommens- und Beschäftigungsverläufe unterschiedlich beeinflussen. Das Kombinieren der AMDC-Mikrodaten mit unserem makroökonomischen Datensatz zu fiskalischen Schocks ermöglicht eine hochfrequente Identifizierung der Auswirkungen von Steuer- und Transferschocks auf der individuellen Ebene. Diese individuellen Steuer- und Transferschocks können dann als mögliche Erklärungen für individuelle Beschäftigungsverläufe, Gründe für (Nicht-)Beschäftigung und Arbeitszeitentscheidungen getestet werden, abhängig vom sozialen und wirtschaftlichen Status des Einzelnen.
Ein wichtiges Ergebnis unseres Projekts wird ein narrativer makroökonomischer Datensatz über Zeitpunkt, Umfang, Motivation und Ziel von Steuer- und Transferschocks für Österreich sein. Dieser Datensatz wird als Open-Source veröffentlicht und kann somit von anderen ForscherInnen für weitere Forschungsfragen auf nationaler Ebene verwendet werden. Er kann auch mit ähnlichen Datensätzen für andere Länder in internationalen Panelstudien oder Ländervergleichen kombiniert werden. Während es eine umfangreiche empirische Literatur zu den makroökonomischen Auswirkungen von Steuer- und Transferschocks gibt, sind die Transmissionsmechanismen von Steuer- und Transferschocks bei Einkommens- und Beschäftigungseffekten noch nicht hinreichend erforscht. Unsere Ergebnisse werden die politischen EntscheidungsträgerInnen über die Auswirkungen verschiedener Steuer- und Transferpolitiken auf die Beschäftigungs- und Einkommensentwicklung in Österreich informieren, wobei wir auch regionale Variation in den Daten nützen. Diese Ergebnisse werden auch einen Beitrag zur wissenschaftlichen Literatur über die Auswirkungen der Steuerpolitik leisten. Insbesondere werden wir ein neues Licht auf die Transmissionsmechanismen von Steuer- und Transferschocks im Hinblick auf Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfrageentscheidungen werfen. Dies könnte auch zur Parametrisierung moderner makroökonomischer Modelle mit heterogenen Akteuren beitragen.
Projektleitung: Erwin Stolz (Medizinische Universität Graz), Carlos Watzka (Sigmund Freud Privatuniversität Linz), Christian Jagsch (Medizinische Universität Graz, Landeskrankenhaus Graz II)
Fachgebiete: Public Health, Epidemiologie, Soziologie, Gerontologie, Psychiatrie
Fördersumme: EUR 181.979,49
Kurzbeschreibung: Der Suizid eines Menschen ist eine Tragödie auf individueller Ebene und gleichzeitig ein Problem der öffentlichen Gesundheitsfürsorge auf gesellschaftlicher Ebene. Wenig bekannt ist dabei, dass die Suizidraten sowohl in Österreich als auch allen anderen europäischen Ländern stark mit dem Alter ansteigen. Die allerhöchsten Suizidraten finden sich bei hochaltrigen Männern. Österreich hat gegenwärtig eine der höchsten Suizidraten bei Hochaltrigen in ganz Europa und es wird erwartet, dass die absolute Zahl der Suizide bei älteren Menschen in den nächsten Dekaden aufgrund der fortschreitenden Überalterung der Bevölkerung, insbesondere durch das Älterwerden der Babyboomer-Generation, steigen wird. Die zentrale Forschungsfrage dieses Projekts ist daher, welche Risikofaktoren Suizide bei älteren Menschen in Österreich vorhersagen können, was in weiterer Folge dazu beitragen soll, Präventionsmaßnahmen zu verbessern. Vor dem Hintergrund erstmalig zugänglicher und auf individueller Ebene verknüpfbarer Registerdaten in Österreich durch das Austria Micro Data Center (AMDC) soll im Rahmen dieses Projekts untersucht werden, welche älteren Personengruppen ein erhöhtes Risiko für Suizid haben. Konkret planen wir Risikofaktoren in zwei Bevölkerungsgruppen zu untersuchen: (1) die gesamte ältere Allgemeinbevölkerung (Niedrigrisiko-Ansatz) und (2) ältere gerontopsychiatrische Patient*innen (Hochrisiko-Ansatz). Potentielle Risikofaktoren werden demographische und sozioökonomische Faktoren, körperliche und psychische Erkrankungen, Pflegebedürftigkeit und soziale Isolation umfassen. Dabei werden diese Risikofaktoren nicht nur isoliert voneinander betrachtet, sondern auch deren multiplikativer Effekt, d.h. wenn beispielsweise der Verlust eines Partners mit einer neuen Krebsdiagnose zusammenfällt, untersucht. Mit diesem Forschungsprojekt wollen wir den Alterssuizid in Österreich besser verstehen und damit eine bessere Grundlage für Präventionsmaßnahmen schaffen, und nicht zuletzt die Lebensumstände jener älteren Personen besser zu beleuchten, die keinen anderen Ausweg sehen, als sich selbst (oft mit Gewalt) das Leben zu nehmen.
Projektleitung: Valeria Bordone (Universität Wien), Caroline Berghammer (ÖAW, Institut für Demographie – VID)
Fachgebiete: Demographie
Fördersumme: EUR 265.390,40
Kurzbeschreibung: Dieses Projekt untersucht die Folgen von Scheidung bzw. Trennung, mit Schwerpunkt auf wirtschaftlichen Ressourcen (Einkommen, Armut), Wohnortwechsel und neuen Partnerschaften. Es zielt darauf ab, soziale Ungleichheit aufzudecken und Evidenz für die Erarbeitung von sozialpolitischen Maßnahmen bereit zu stellen, indem es diese Konsequenzen in verschiedenen Bevölkerungsgruppen vergleicht. Das Projekt fokussiert auf Österreich, ein – im (westlichen) europäischen Vergleich – konservatives Land mit traditionellen Geschlechterrollen.
Die Scheidungsrate in Österreich ist moderat und rückläufig, seit ihrem Höhepunkt im Jahr 2007, aber nichteheliche Lebensgemeinschaften nehmen zu, ebenso wie das Phänomen der "Grey Divorce" (Auflösung nach dem 50. Lebensjahr oder langjährige Ehen). Diese Entwicklung macht es notwendig, Unterschiede zwischen verschiedenen Partnerschaftsformen und Altersgruppen zu erforschen. Österreich legalisierte gleichgeschlechtliche Partnerschaften relativ spät (gleichgeschlechtliche Ehe seit 2019), und die Akzeptanz von Homosexualität ist tendenziell geringer als in anderen (westlichen) europäischen Ländern.
Die bestehende europäische Forschung zu den Folgen von Scheidung bzw. Trennung für bestimmte Bevölkerungsgruppen ist begrenzt, hauptsächlich aufgrund von mangelnder Datenverfügbarkeit. Die Verwendung von Registerdaten ermöglicht es erstmals, die Folgen von Scheidung und Trennung in Österreich für verschiedene Bevölkerungsgruppen zu untersuchen.
Auf Basis theoretischer Überlegungen erwarten wir Unterschiede in wirtschaftlichen Ressourcen und Armut nach der Scheidung/Trennung, wobei Frauen, insbesondere ältere Frauen, tendenziell höhere finanzielle Verluste erleiden. Geschlechtsspezifische Ungleichheiten in wirtschaftlichen Ressourcen nach der Scheidung/Trennung sind aufgrund traditioneller Geschlechterrollen zu erwarten. Demnach könnten gleichgeschlechtliche Paare und jüngere Altersgruppen weniger geschlechtsspezifische wirtschaftliche Konsequenzen aufweisen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Wohnortwechsel nach der Scheidung/Trennung, d.h. Auszug aus der gemeinsamen Wohnung und neuer Wohnort. Die bisherige Evidenz für geschlechtsspezifische Unterschiede beim Auszug ist uneinheitlich, aber der obsorgeberechtigte Elternteil, oft Mütter, verbleibt tendenziell häufiger in der Wohnung. Das Projekt untersucht, geleitet von „marital search theory“ auch die Muster des Eingehens von neuen Partnerschaften. Diese Theorie geht davon aus, dass die Partnerauswahl von Überlegungen zu Ressourcen geleitet wird. Jüngere Personen und solche mit größerem Ressourcenbedarf werden erwartungsgemäß schneller wieder eine Partnerschaft eingehen.
Zusammenfassend trägt dieses Forschungsprojekt dazu bei, bisher wenig erforschte Folgen von Scheidungen/Trennungen zu untersuchen, neue verfügbare Registerdaten zu nutzen und politikrelevante Ergebnisse zur Bewältigung von Ressourcenungleichheiten nach der Auflösung zu liefern.
Projektleitung: Andrea Weber (Central European University)
Fachgebiete: Arbeitsmarktpolitik, Finanzwirtschaft, Gender Studies
Fördersumme: EUR 258.626,90
Kurzbeschreibung: Auch wenn Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu den Männern aufschließen, sind sie an der Spitze der Einkommensverteilung und in Führungspositionen immer noch stark unterrepräsentiert. Um der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern entgegenzuwirken und die "gläserne Decke" zu durchbrechen, die Frauen am Aufstieg in Spitzenpositionen in Unternehmen hindert, sind mehrere Länder dem norwegischen Beispiel gefolgt und haben Gesetze mit verbindlichen Geschlechterquoten für Aufsichtsräte erlassen. Im Jahr 2018 führte Österreich eine Geschlechterquote für Aufsichtsräte in großen Unternehmen ein. Die Regelung sieht einen Mindestanteil von 30 % für Aufsichtsratsmitglieder jedes Geschlechts vor und richtet sich an eine Gruppe von Unternehmen, die durch Rechtsform, Größe, Anzahl der Kapitalvertreter im Aufsichtsrat und andere Kriterien definiert ist.
Ziel dieses Projekts ist es, die Auswirkungen der Quotenreform auf die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf dem österreichischen Arbeitsmarkt zu untersuchen. Wir untersuchen zunächst die direkten Auswirkungen auf Unternehmen, die verpflichtet sind, den Frauenanteil in Aufsichtsräten zu erhöhen, indem wir den Anteil von Frauen in Positionen mit Entscheidungsbefugnis und die geschlechtsspezifischen Aufstiegswahrscheinlichkeiten innerhalb der Unternehmen betrachten. Zweitens untersuchen wir, ob die Reform auch Spillover-Effekte auf andere Unternehmen hat, indem sie Rollenmodelle schafft, die traditionelle Geschlechternormen durchbrechen können.
Die empirischen Auswertungen in diesem Projekt werden durch eine neuartige Datenbasis erleichtert, die mit Hilfe des Austrian Micro Data Center (AMDC) erstellt wird. Wir werden auf mehrere Verwaltungsregister zugreifen und Informationen auf Unternehmensebene über die Mitgliedschaft in Aufsichtsräten mit detaillierten Beschäftigungs- und Einkommensverläufen aus den Sozialversicherungsregistern und Informationen über Unternehmensergebnisse verknüpfen.
Die Hypothesen, die unserer Arbeit zugrunde liegen sind erstens, dass Frauen in den Aufsichtsräten aktiv Firmenentscheidungen beeinflussen können und Maßnahmen durchsetzen die Karrieremöglichkeiten, Arbeitsbedingungen und Löhne von Mitarbeiterinnen verbessern. Zweitens erwarten wir, dass Frauen in Aufsichtsräten eine Signalwirkung auf andere Betriebe und auf Entscheidungen von Frauen am Arbeitsmarkt haben und daher auch über die Firmengrenzen hinweg wirken können. Wie groß diese Effekte sind, ist eine empirische Frage, die wir anhand von österreichischen Mikrodaten erforschen.
Projektleitung: Harald Amberger (Wirtschaftsuniversität Wien)
Fachgebiete: Steuerlehre, Rechnungswesen, Finanzwissenschaft, Betriebswirtschaftslehre, Steuerrecht
Fördersumme: EUR 255.708,20
Kurzbeschreibung: Die grenzüberschreitende Verlagerung steuerlicher Gewinne durch multinationale Konzerne und die daraus resultierende Reduktion ihrer globalen Steuerlast setzt Staatshaushalte und Sozialsysteme in Hochsteuerländern zusehends unter Druck. Aus diesem Grund sind die Steuerstrategien multinationaler Konzerne sowie mögliche Maßnahmen zur Eindämmung der Gewinnverlagerung von Bedeutung für die Gesellschaft, Politik und Wissenschaft. Trotz der umfassenden gesellschaftlichen Implikationen der Verlagerung steuerlicher Gewinne und der tiefgehenden Reformvorschläge der OECD besteht nach wie vor kein Konsens über das Ausmaß der Gewinnverlagerung und die Effektivität bislang gesetzter regulatorischer Maßnahmen. Außerdem fehlt es an einem umfassenden Verständnis für real-ökonomische Konsequenzen der Gewinnverlagerung.
Das vorliegende Projekt nutzt pseudonymisierte Steuerdaten österreichischer Kapitalgesellschaften und adressiert diese Forschungslücken anhand von drei Dimensionen. Im ersten Schritt werden die aus einer kleinen offenen Volkswirtschaft (Österreich) verlagerten steuerlichen Gewinne sowie der daraus resultierende Steueraufkommensverlust geschätzt. Dazu wird der steuerliche Gewinn österreichischer Tochtergesellschaften multinationaler Konzerne mit dem Gewinn rein innerstaatlicher Gesellschaften verglichen. In diesem Zusammenhang untersucht das Projekt die Eignung öffentlich verfügbarer Bilanzdaten – diese Daten werden in der Forschung regelmäßig anstatt vertraulicher Steuerdaten genutzt – zur Identifizierung und Messung der grenzüberschreitenden Gewinnverlagerung. Außerdem werden Bedingungen identifiziert, unter denen der Zusammenhang zwischen steuerlichem und bilanziellem Gewinn variiert. Im zweiten Schritt nutzt das Projekt die Einführung steuerlicher Anti-Missbrauchsbestimmungen als quasi-exogene Schocks und untersucht deren Auswirkungen auf die grenzüberschreitende Gewinnverlagerung. Neben Einblick in die Effektivität der gesetzten Maßnahmen sowie aktueller internationaler Reformbemühungen, gibt die Analyse Aufschluss über mögliche Verhaltensänderungen von Konzernen und das Verhältnis verschiedener Gewinnverlagerungsstrategien. Im letzten Schritt untersucht das Projekt den Einfluss grenzüberschreitender Gewinnverlagerung auf unternehmerische Investitionsanreize sowie mögliche real-ökonomische Effekte von Anti-Missbrauchsbestimmungen.
Das Projekt trägt insgesamt zu einem besseren Verständnis der grenzüberschreitenden Gewinnverlagerung und der Eignung regelmäßig zu deren Messung verwendeter Datenquellen und Methoden bei. Zudem gibt das Projekt Aufschluss über die Effektivität steuerlicher Anti-Missbrauchsbestimmungen und deren real-ökonomische Effekte. Die erwarteten Ergebnisse des Projekts sind von Relevanz für Forschende mit Interesse an den Steuerstrategien multinationaler Konzerne, die Steuerpolitik und ihre Reformbemühungen und die zusehends emotional geführte öffentliche Debatte über die Besteuerung multinationaler Konzerne.
Projektleitung: Jesús Crespo Cuaresma (Wirtschaftsuniversität Wien), Serguei Kaniovski (Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung – WIFO), Sebastian Poledna (International Institute for Applied Systems Analysis – IIASA)
Fachgebiete: Wirtschaftswissenschaften, Computersimulation
Fördersumme: EUR 303.050,00
Kurzbeschreibung: Der aktuelle Inflationsanstieg und die darauf folgende geldpolitische Reaktion haben Verteilungswirkungen auf die Einkommen von Unternehmen und Haushalten. Mit dem Ziel, die Heterogenität in den Einkommens-, Kredit- und Risikokanälen der geldpolitischen Transmission im Produktionssektor realistisch abzubilden, wird ein neuartiges makroökonomisches Agenten-basiertes Modell (ABM) entwickelt, das mit Daten des Österreichischen Mikrodatenzentrums (AMDC) kalibriert ist.
Makroökonomische Agenten-basierte Modellierung auf Basis von mikroökonomischen Daten ist eine hochmoderne Technologie zur Simulation der Auswirkungen von Politikmaßnahmen, die in Österreich und anderen Ländern mit dem Verfügbarwerden umfassender mikroökonomischer Datensätze ermöglicht worden ist. Ähnliche Simulationsansätze haben sich auch in anderen Bereichen etabliert. Die COVID-19-Pandemie hat die Nützlichkeit feingranularer Simulationen für Prognosen und Politikanalysen im Zusammenhang mit der Seuchenbekämpfung gezeigt. Der globale Trend zur Öffnung administrativer Datenquellen für die Forschung, Verfügbarkeit der notwendigen Rechenleistung und Fortschritte in statistischen Methoden (insb. Machine Learning) dürften das Interesse an umfangreichen mikrobasierten Simulationen in der Forschung verstärken und den Bedarf nach solchen Simulationen seitens der Entscheidungsträger steigern, die zunehmend die Verteilungskonsequenzen von Maßnahmen als Standardelement der Folgenabschätzung berücksichtigen müssen.
Die Verknüpfung von AMDC-Daten mit Bilanzdaten wird die Entwicklung eines Simulationsmodells ermöglichen, das die finanziellen Bedingungen von Unternehmen mit einem beispiellosen Grad an Granularität und empirischem Realismus abbildet, der von bestehenden makroökonomischen Modellen nicht erreicht wird. Das Modell wird simulieren, wie Einkommen auf wirtschaftliche Bedingungen reagieren, indem Rückkopplungseffekte zwischen heterogenen Akteuren berücksichtigt werden. Dies wird es uns ermöglichen, die makroökonomische Dynamik unter verschiedenen Energiepreis- und Zinsszenarien realistisch zu modellieren und ihre Verteilungseffekte für Unternehmen und Haushalte aufzuzeigen. Wir untersuchen auch, wie eine hohe Bedeutung von Tariflöhnen und ein bankenbasiertes Finanzsystem die geldpolitische Transmission beeinflussen können. Dieses Projekt ist somit ein wichtiger Schritt zur Schaffung eines "digitalen Zwillings" einer Volkswirtschaft, der zur Abschätzung der Auswirkungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen auf einzelne Unternehmen und Haushalte im Allgemeinen verwendet werden kann und trägt zur Forschung über Geldpolitik und Ungleichheit bei, die traditionell das Haushaltseinkommen im Fokus hat.
Projektleitung: Daniela Dunkler, Susanne Strohmaier, Georg Heinze (Medizinische Universität Wien)
Fachgebiete: Statistik, Data science, Epidemiologie
Fördersumme: EUR 285.938,90
Kurzbeschreibung: Mikrodaten haben ein enormes Potenzial, Akteure wie gesundheitspolitische Entscheidungsträger, Angehörige der Gesundheitsberufe und die breite Öffentlichkeit über die Auswirkungen von Entscheidungen auf die Volks‐ und individuelle Gesundheit zu informieren. Die Schätzung relevanter Maßzahlen wird sowohl von der Datenqualität als auch durch den statistischen Analyseansatz beeinflusst. Für eine einzige Forschungsfrage kann es viele methodisch sinnvolle Analysepfade geben. Dies kann zu Variationen in den Ergebnissen führen, auch als ʺVibration der Effekteʺ bekannt. Diese natürliche Schwankung wird oft als Variation der Meinungen von Forschern und Forscherinnen wahrgenommen und könnte zur Skepsis gegenüber der Wissenschaft in der breiten Öffentlichkeit beigetragen haben.
Unter Verwendung österreichischer Mikrodaten werden wir folgende drei gesundheitsbezogene Forschungsfragen bearbeiten 1) die Wirksamkeit von Markenmedikamenten im Vergleich zu Generika bei chronischen Krankheiten, 2) den Zusammenhang zwischen Nachtarbeit und Krebsinzidenz und 3) die Auswirkungen einer Nierentransplantation auf das Überleben von Menschen mit Diabetes.
Diese Fragestellungen sind einerseits inhaltlich relevant, dienen aber auch einem metawissenschaftlichen Forschungsziel, nämlich das Ausmaß der Vibration von Effekten in diesen drei Anwendungen zu untersuchen. Dazu werden wir gemeinsam mit nationalen und internationalen Methodikern und Methodikerinnen dem momentanen Stand der Forschung entsprechende statistische Analysepläne (SAP) entwickeln, sowie Meta‐SAPs, die alle alternativen Optionen für jeden Schritt eines SAP umfassen. Die Datenanalyse wird sowohl den State‐of‐the‐Art‐SAPs als auch allen Pfaden durch die Meta‐SAPs folgen. Dadurch können wir die drei Forschungsfragen beantworten und auch die Vibration der Effekte in diesen Studien quantifizieren, wobei wir verschiedene Ursachen für diese Vibration untersuchen werden; z.B. Vibration durch die Übersetzung der textbasierten SAPs in Softwarecode oder durch unterschiedliche Erfahrungen oder Fachwissen der Datenanalytiker:innen.
Wir werden unsere Erkenntnisse zu den medizinischen Fragestellungen als auch bzgl. Vibration von Effekten in relevanten Fachzeitschriften mit Peer‐Review publizieren und eine SAP‐Vorlage für Mikrodatenanalysen bereitstellen, um die Reproduzierbarkeit von wissenschaftlichen Studien zu verbessern. Zusätzlich werden zwei Webanwendungen entwickelt und über Social‐Media‐Kanäle verbreitet, um anderen Forschern und der Öffentlichkeit die Auswirkungen von Vibrationen von Effekten zu vermitteln. Den Open Science Prinzipien entsprechend werden wir alle Projektergebnisse zur Verfügung stellen und auf unterschiedliche Weise und über verschiedene Kanäle an verschiedene Zielgruppen verbreiten. Damit dient unser Projekt auch als Vorbild für ähnliche Vorhaben in anderen Bereichen mit dem langfristigen Ziel, die wissenschaftliche Arbeit transparenter und für die Öffentlichkeit zugänglicher zu machen.
Projektleitung: Bernhard Mahlberg (Industriewissenschaftliches Institut – IWI), Alexia Fürnkranz-Prskawetz (ÖAW, Institut für Demographie – VID)
Fachgebiete: Arbeitsmarktpolitik, Demographie
Fördersumme: EUR 346.160,28
Kurzbeschreibung: Industrieländer sind zunehmend mit einer alternden und schrumpfenden Erwerbsbevölkerung sowie einem Mangel an Fachkräften konfrontiert. Sofern dieser Trend eine Folge der anhaltend niedrigen Fertilität und des Eintritts in den Ruhestand der Babyboom-Generation ist, wird er sich auch in Zukunft fortsetzen. Um die Auswirkungen dieser demografischen Entwicklung abzumildern, ist es wichtig, die Integration älterer Arbeitnehmer*innen in den Arbeitsmarkt zu fördern. Dieses Projekt zielt darauf ab, die Produktivität älterer Arbeitnehmer*innen besser zu verstehen und Unternehmensmerkmale zu identifizieren, die die Integration älterer Arbeitnehmer*innen in die Erwerbsbevölkerung erleichtern. Mithilfe von regressionsanalytischen Verfahren und unter Verwendung eines Paneldatensatzes aus den Jahren 2009 bis 2021 analysieren wir den Zusammenhang zwischen der Altersstruktur der Erwerbsbevölkerung und der Arbeitsproduktivität beziehungsweise deren Löhne auf Unternehmensebene in Österreich. Da wir in der Lage sind, sowohl Unternehmensmerkmale (z. B. Größe, Branche, Standort, Kapitalintensität usw.) als auch Arbeitnehmer*innenmerkmale (z. B. Alter, Geschlecht, Betriebszugehörigkeit, Ausbildung usw.) zu berücksichtigen, können wir die Faktoren untersuchen, welche den Zusammenhang zwischen einer älteren Belegschaft und der Arbeitsproduktivität beziehungsweise den Löhnen auf Unternehmensebene bestimmen. Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf die Trends zur Digitalisierung und Automatisierung. Aus den Ergebnissen werden wir schließen, welche Faktoren auf der Firmenebene, aber auch auf der Arbeitnehmer*innenseite, darüber entscheiden, ob ältere Arbeitnehmer*innen länger im Erwerbsleben bleiben und dazu beitragen, den Rückgang der Erwerbsbevölkerung und den daraus resultierenden Fachkräftemangel abzumildern.
Projektleitung: Sonja Spitzer (Universität Wien)
Fachgebiete: Wirtschaftswissenschaften, Demographie
Fördersumme: EUR 334.228,10
Kurzbeschreibung: Dieses Forschungsprojekt untersucht, ob längere Elternkarenzzeiten mit arbeitsmarktrelevanten Kompetenzverlusten einhergehen. Damit schließt es eine wichtige Forschungslücke in Bezug auf die anhaltenden Geschlechterunterschiede in den Einkommen. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich lange Karrierepausen von Müttern negativ auf deren Einkommen auswirken können. Jedoch bleibt die genaue Ursache dafür unklar. In zahlreichen Publikationen wird der Verlust von Fachkenntnissen während der Elternkarenz als möglicher Grund genannt – empirische Belege für diesen Zusammenhang fehlen jedoch.
Wir schließen diese Forschungslücke, indem wir folgende Frage beantworten: Tragen arbeitsmarktrelevante Kompetenzverluste während der Elternkarenz zu den Einkommensunterschieden zwischen den Geschlechtern bei? Um diese Frage zu beantworten, verknüpfen wir Registerdaten aus Österreich und Schweden mit Testergebnissen über berufsbezogene Kompetenzen aus einer internationalen OECD-Studie zur Untersuchung von Schlüsselkompetenzen von Erwachsenen. Dies ermöglicht es uns, die Fähigkeiten von Erwachsenen mit deren Einkommens- und Karrierepfaden zu verknüpfen, und auch mit jenen ihrer Partner:innen. Mit Österreich und Schweden vergleichen wir zwei Länder, die sich hinsichtlich ihrer Familienpolitik, ihrer Geschlechternormen und der Arbeitsmarktbeteiligung von Eltern stark unterscheiden.
Zusätzlich untersuchen wir, wie sich gesetzliche Elternkarenzregelungen auf die Geschlechterunterschiede in Arbeitsmarktkompetenzen und Einkommen auswirken. Hierfür sammeln wir entsprechende Gesetze für 32 OECD-Länder von 1960 bis 2023 und untersuchen, inwieweit diese mit den berufsbezogenen Fähigkeiten von Müttern und Vätern im erwerbsfähigen Alter sowie im späteren Leben zusammenhängen.
Unsere Ergebnisse sind von hoher Relevanz für den Diskurs rund um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Auswirkung von Elternkarenz auf das Einkommen und die Beschäftigung von Eltern. Unser Projekt liefert wichtige Erkenntnisse für politische Entscheidungsträger:innen, die bei der Gestaltung von Elternzeitregelungen die Gesundheit und das Wohlbefinden von Familien berücksichtigen müssen, sowie finanzielle Aspekte, Arbeitsproduktivität und gesellschaftliche Ziele wie Geschlechtergerechtigkeit.
Das Projekt ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des hohen Fachkräftemangels in OECD-Ländern äußerst relevant. Vorhandene Kapazitäten besser zu nutzen, gilt als vielversprechende Strategie zur Bewältigung des Arbeitskräftemangels – hierbei wird die niedrige Arbeitsmarktteilnahme von Müttern oft als wichtiger Hebel angesehen. In diesem Zusammenhang ist es umso wichtiger herauszufinden, ob sich längere Elternkarenzzeiten negativ auf arbeitsmarktbezogene Kompetenzen auswirken. Schließlich sind unsere Ergebnisse für Unternehmen wichtig, die eventuelle Kompetenzverluste während der Elternkarenz und anderer langer Karriereunterbrechungen bewältigen müssen.
Projektleitung: Claudia Reiter, Mario Steiner, Henrika Langen (Institut für Höhere Studien – IHS)
Fachgebiete: Empirische Sozialforschung, Bildungssoziologie, Ökonometrie, Statistik
Fördersumme: EUR 347.352,50
Kurzbeschreibung: Wissenschaftler:innen interessieren sich seit langem für Ungleichheit von Bildungschancen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf dem Einfluss sozioökonomischer Faktoren auf Bildungslaufbahnen und Abschlüssen liegt. In Österreich ist dieses Thema von besonderem Interesse, da zahlreiche empirische Belege zeigen, dass Bildung in hohem Maße vererbt wird und es stark von der sozialen Herkunft abhängt, welche Ausbildung Kinder und Jugendliche erhalten. Nach wie vor ist es jedoch kaum erforscht, warum der Werdegang mancher Schüler:innen von dem abweicht, was man aufgrund ihrer sozialen Herkunft erwarten würde. Jene Studien, die diese Abweichungen untersuchen, konzentrieren sich in der Regel auf individuelle oder verhaltensbezogene Faktoren und analysieren einzelne Bildungsergebnisse oder Übergänge.
In diesem Projekt erweitern wir die bestehende Literatur um mindestens zwei wichtige Aspekte. Erstens verfolgen wir einen dynamischen Ansatz, der sich auf den gesamten Bildungsverlauf und nicht nur auf einzelne Übergänge oder Abschlüsse konzentriert, und untersuchen auch die Auswirkungen von Veränderungen in den Lebensumständen der Schüler:innen, wie z. B. familiäre Umbruchssituationen oder Arbeitsplatzverlust der Eltern. Zweitens untersuchen wir die Rolle von Kontextfaktoren auf regionaler, Schul- und Klassenebene bei der Überwindung von Ungleichheiten in Bildungschancen. Diese Verlagerung des Schwerpunkts von individuellen Merkmalen auf strukturelle Faktoren ermöglicht den Gewinn neuer empirischer Erkenntnisse über Gerechtigkeit und Ungleichheit im Bildungswesen und Schulsystem.
Unsere Forschung stützt sich auf einen umfassenden Datensatz, der administrative Daten aus der Schul- und Erwerbsstatistik mit Registerdaten zu individuellen Hintergrund- und Familienmerkmalen sowie standardisierten Testergebnissen und Kontextindikatoren auf regionaler, Schul- und Klassenebene kombiniert. Auf diese Weise können wir eine gesamte Schüler:innenkohorte über einen Zeitraum von 16 Jahren verfolgen. Durch die Anwendung innovativer Methoden, wie beispielsweise maschinelles Lernen, können wir atypische Bildungsverläufe identifizieren und die Rolle von Kontextfaktoren in diesem Zusammenhang untersuchen.
Das Hauptziel dieses Projekts ist die Untersuchung der Bedeutung von Kontextfaktoren in Bezug auf Bildungsungleichheiten. Dies stellt einen beträchtlichen Beitrag zur bestehenden Literatur dar, die hauptsächlich individuelle Merkmale im Zusammenhang mit Bildungserfolgen untersucht. Durch innovative Methoden, die Analyse einer gesamten Kohorte mit Fokus auf ungewöhnliche Bildungswege sowie die Berücksichtigung sich ändernder Lebensumstände und vielfältiger Kontextfaktoren, generieren wir neue bildungssoziologische Erkenntnisse. Unsere Ergebnisse sind nicht nur in akademischer Hinsicht relevant, sondern auch für politische Entscheidungsträger von Interesse, die Maßnahmen zur Förderung von Bildungsgerechtigkeit setzen wollen.
Begleitend zur Ausschreibung gibt die ÖAW interessierten Wissenschaftler:innen detaillierte Einblicke in den Call, informiert zu aktuellen Entwicklungen im Bereich der Mikrodaten-/Registerforschung und ermöglicht den direkten Austausch mit Fördergeber:innen, datenbereitstellenden Einrichtungen, Forscher:innen aus der Community und anderen wichtigen Akteur:innen.
WIRTSCHAFTSUNIVERSITÄT WIEN
Dienstag, 28. Jänner 2025, 13:00-16:00 Uhr
Galerie (Gebäude LC, Erdgeschoß rechts)
Welthandelsplatz 1, 1020 Wien
UNIVERSITÄT GRAZ
Dienstag, 11. März 2025, 14:00-17:00 Uhr
SZ 15.21 (ReSowi-Zentrum)
Universitätsstraße 15
A-8010 Graz
Donnerstag, 18. Jänner 2024, 10:00-13:00 Uhr
Raum Z.1.09
Universitätsstraße 65-67, 9020 Klagenfurt
Mittwoch, 28. Februar 2024, 12:00-15:00 Uhr
Europa-Saal
Mönchsberg 2, 5020 Salzburg
Dienstag, 5. März 2024, 10:00-13:00 Uhr
Claudiana-Saal
Herzog-Friedrich-Straße 3, 6020 Innsbruck
Mittwoch, 15. März 2023, 10:00-13:00 Uhr
Mittwoch, 8. März 2023, 14:00-17:00 Uhr
Montag, 30. Januar 2023, 10:00-13:00 Uhr
Österreichische Akademie der Wissenschaften
Alexander Nagler
Forschungsförderung – Nationale und Internationale Programme
Dr. Ignaz Seipel-Platz 2
1010 Wien
alexander.nagler(at)oeaw.ac.at
T +43 1 51581-1272