Dieses anthropologische Projekt untersucht Wiens historische und gegenwärtige Rolle als postjugoslawisches Forschungszentrum (Tyll-Schranz 2023; Živadinović 2022). Es fragt: Wie wurde Wien zu einem Knotenpunkt für postjugoslawische Forschung, und wie erlebt die akademische Gemeinschaft die Stadt – emotional und materiell?
Der erste Teil verfolgt die historischen Entwicklungen, die Wien zu diesem Zentrum gemacht haben. Der zweite Teil nutzt ethnografische Methoden wie Interviews, teilnehmende Beobachtung und Workshops, um die Erfahrungen von Geistes- und Sozialwissenschaftler*innen zu erforschen, die zur postjugoslawischen Region arbeiten. Die Bedeutung dieser Gemeinschaft zeigt sich in Institutionen, informellen Netzwerken, Konferenzen und Forschungsgruppen zum postjugoslawischen und Balkanraum.
Das Projekt schließt eine Forschungslücke in Stadtanthropologie, Migrations- und Hochschulforschung. Während Wiens Rolle als Zentrum der Balkan-, Südosteuropa- oder Slawistik-Studien anerkannt wird (Mishkova 2017), bleibt die akademische postjugoslawische Gemeinschaft oft unbeachtet. Obwohl Forschung zu Migrant*innen in Wien existiert, wird ihre Rolle in der Wissensproduktion selten thematisiert (Fischer-Nebmaier 2007; Tyll-Schranz 2023; Mijić 2020; Živadinović 2022).
Das Projekt zeigt, wie postjugoslawische Forschung Wiens intellektuelle Landschaft bereichert. Es verfolgt einen „Post-Migrations“-Ansatz, der Migration als selbstverständlichen Teil gesellschaftlicher Realität betrachtet (Dahinden 2016). Die transnationalen Verflechtungen zwischen Wien und dem jugoslawischen Raum werden als Wissensnetzwerke verstanden, die gängige Ost/West- und Zentrum/Peripherie-Dichotomien hinterfragen (Vezenkov 2017). Dies hat besondere Relevanz für Narrative der Europäisierung in der Region.
Die Anerkennung migrantischer Wissenschaftler*innen hat zudem eine politische Bedeutung, insbesondere angesichts migrationskritischer Diskurse. Das Projekt liefert der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Stadt Wien wertvolle Einblicke in die postjugoslawische akademische Gemeinschaft und Empfehlungen zur Förderung dieses zentralen Bereichs der Wissensökonomie.
Februar 2026 - Februar 2027
Jubiläumsfonds der Stadt Wien