Der öffentliche Raum spielt eine zentrale Rolle für die Lebensqualität in Städten. Straßen sind dabei hier nicht immer nur Verkehrsflächen, sondern können auch Orte des sozialen Austauschs, der Bewegung und des alltäglichen Zusammenlebens sein. Besonders Wohnstraßen wurden in vielen europäischen Städten eingeführt, um diese Idee zu stärken: Sie sollen Raum für Aufenthalt, Spiel und nachbarschaftliche Begegnungen bieten und gleichzeitig den motorisierten Verkehr einschränken. Damit sind sie stadtplanerische Reaktion auf dichte Besiedelung, steigenden Flächenbedarf für öffentliche Nutzung, Verkehrswende und Klimaadaption sowie auf den Wunsch nach lebenswerteren, sichereren und inklusiveren Nachbarschaften.
Auch in Wien stellen Wohnstraßen ein wichtiges Instrument der Verkehrs- und Stadtplanung dar. In Wien gibt es mittlerweile über 225 Wohnstraßen. Das Konzept der Wohnstraßen kommt ursprünglich aus Holland und wurde in Wien erstmals 1983 umgesetzt (Vettori, 2025). Allerdings kommt es bei der Implementierung selten zu baulichen oder sichtbaren Änderungen, vielmehr ist es ein Konzept zur Verkehrsberuhigung, das jedoch nach wie vor nicht immer ausreichend umgesetzt ist (Hashemi, 2024). Rechtlich sind Wohnstraßen als Bereiche definiert, in denen Fußgänger:innen die gesamte Straßenfläche nutzen dürfen, Kinder auf der Fahrbahn spielen können und Kraftfahrzeuge lediglich mit Schrittgeschwindigkeit fahren dürfen. Damit sollen Wohnstraßen zu lebendigen, sicheren und gemeinschaftlich genutzten Stadträumen beitragen. Viele Wohnstraßen werden jedoch weiterhin stark vom ruhenden und fahrenden Verkehr geprägt, Aufenthaltsnutzungen sind selten sichtbar und die besondere Funktion dieser Straßen ist vielen Bewohner:innen und Verkehrsteilnehmer:innen kaum bewusst. Dadurch entstehen Nutzungskonflikte zwischen unterschiedlichen Gruppen, etwa zwischen Durchfahrtsverkehr, Fußgänger:innen oder spielenden Kindern, das Potenzial dieser Straßen als lebendige öffentliche Räume bleibt ungenutzt.
Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt „Lebendiges Wien“ die Rolle der Wohnstraßen im heutigen Wiener Stadtraum, anhand dreier Wohnstraßen im Westen von Wien in der Bestandstadt, die im Wien-Plan 2035 als prioritäre Gebiete für die Transformation des öffentlichen Raums identifiziert wurden. Ziel ist es, mithilfe von Stakeholder Interviews und drei LivingLabs mit Anrainer:innen an den Wohnstraßen Pelzgasse (1150), Gaullachergasse (1160) und der Initiative Laurentiusplatz (1140) die Nutzungskonflikte im Zusammenhang mit Entstehung, Implementierung und Alltagserleben der Wohnstraßen zu identifizieren.
Ziel des Projekts „Lebendiges Wien“ ist es, die Rolle von Wohnstraßen im Wiener Stadtraum genauer zu untersuchen und sie als potenziellen Lebensraum im städtischen Alltag zu betrachten. Die Einbindung von Stakeholder-Interviews sowie Gesprächen mit Anrainer:innen ermöglicht es, die Wohnstraße nicht nur als räumliche oder verkehrliche Struktur zu analysieren, sondern auch als sozialen Aushandlungsraum zwischen unterschiedlichen Interessen. Durch diese Perspektiven können Nutzungskonflikte, Wahrnehmungen und Bedürfnisse verschiedener Gruppen sichtbar gemacht werden, die in stadtplanerischen Analysen oft verborgen bleiben. Das Forschungsprojekt kann dadurch aufzeigen, unter welchen Bedingungen ein funktionierender Konsens über die Nutzung des Straßenraums entsteht und welche Faktoren zu Konflikten oder mangelnder Akzeptanz führen. Diese Erkenntnisse sind für die Stadtplanung und somit für die Stadt Wien besonders wertvoll, da erfolgreiche Gestaltung und Umsetzung von Wohnstraßen und anderen Beteiligungsformaten im öffentlichen Raum stark von Kommunikation und lokaler Akzeptanz abhängen und somit wichtige Hinweise für zukünftige Planungs- und Beteiligungsprozesse liefern können. Es soll analysiert werden 1) Welche Faktoren zu einer lebendigen Nutzung beitragen oder diese verhindern und 2) welche Potenziale für die zukünftige Gestaltung von Wohnstraßen in Wien bestehen.
Die zentrale Forschungsfrage des Projekts lautet: Wie werden Wohnstraßen in Wien tatsächlich genutzt und wahrgenommen, und welche Konflikte sowie Potenziale ergeben sich daraus für den öffentlichen Straßenraum?
01.11.2026 - 31.10.2027
MA7 - Kulturförderungen der Stadt Wien