Hintergrund: Die Kommodifizierung der Zeit

Im Laufe des letzten Jahrhunderts löste sich die Zeit mit dem fortschreitenden Kapitalismus zunehmend von den natürlichen Rhythmen der Welt und wurde zu einem integralen Bestandteil des urbanen Lebens. Die tickende Uhr bestimmt die Geschwindigkeit des Lebens und der Aktivitäten, was zu einer kontinuierlichen Beschleunigung des Alltags und einer Entfremdung von Mensch und Umwelt führte. Die Zeit wurde zu einem monetären Messinstrument des Alltags. Dadurch kam zu einem Verlust an individueller Kontrolle über Zeit sowie zur Fragmentierung, Segregation und funktionaler Aufgliederung von Räumen. Für die Schaffung einer funktionierenden, lebenswerten Stadt bedarf es das Aufbrechen des kapitalistisch geprägten Rhythmus und der linearen Zeit – jene Zeit, welche die Nutzung der Lebenszeit reguliert und misst – sowie die Entschleunigung der Stadt.

Forschungsdesign

Aufbauend auf dieser Problemstellung beschäftigt sich die kumulativ durchgeführte Dissertation mit der Verknüpfung der drei Dimensionen Raum, Zeit und Bewegung. Ausgehend von den theoretischen Grundlagen um Thorsten Hägerstrands Zeitgeographie, Henri Lefebvres Rhythmusanalyse und Carlos Morenos 15-Minuten Stadt sowie alltäglich erlebte Erfahrungen von Menschen schließt die Dissertation auf ein neues Planungsparadigma: Raumzeitplanung. Die Dissertation verfolgt dabei zwei zentrale Ziele: (1) Sie untersucht, wie zeitgeographische Einschränkungen, die Zeitlichkeit von Infrastrukturen, und gelebte zeitliche Erfahrungen von Menschen alltägliche urbane bis suburbane Rhythmen prägen, und (2) wie diese Faktoren zu einer neuen zeitsensiblen Raumplanungskultur – aufbauend auf dem Konzept der 15-Minuten Stadt und über eine statische, raumorientierte Perspektive hinausgehend – beitragen können.

Erkenntnisgewinn: Auf dem Weg zu einer Raumzeitplanung

Die Dissertation stellt ein Plädoyer für eine bedürfnisorientierte, kontextsensitive, zeitsensible und auf den Menschen ausgerichtete Raumplanung dar. Anstelle von one-size-fits-all-Modellen wird argumentiert, dass es eine ortsspezifische Planung auf Quartiersebene sowie die grenzüberschreitende Planung auf stadtregionaler Ebene benötigt. Die Dissertation zeigt dabei auf, dass es ein neues Bewusstsein von Zeit, einen sinnvolleren Umgang mit Zeit sowie eine zeitsensible Raumplanung benötigt, welche die Zeit in die Planung und Verwaltung des Raums miteinbezieht. Auf diese Weise wird auf ein neues planungskulturelles Verständnis einer integrierten Raumzeitplanung geschlossen. Diese steht für eine zeitsensible, auf die Bedürfnisse des Menschen ausgerichtete Raumplanung, welche verschiedene Nutzungen zu unterschiedlichen Zeiten, verschiedene Siedlungsstrukturen – von monozentral über dezentral bis hin zu polyzentral – und entsprechend unterschiedlichen Rhythmen miteinbezieht.