Technikkonflikte haben westliche Gesellschaften entscheidend geprägt. Atomkraft und Gentechnik führten zu großen Auseinandersetzungen um Nutzen und Risiken. Daraus haben sich neue soziale Bewegungen, neue Parteien wie Europas „Grüne“ und neue Forschungsfelder etabliert. Heute mobilisieren Technologien kaum mehr. Debattiert wird trotzdem heftig.

Im Nachkriegseuropa war Innovation lange Zeit kein politisches Thema. Technischer Fortschritt wurde mit sozialem Fortschritt gleichgesetzt. Die europäische Politik beschränkte sich darauf, Technologien zu ermöglichen und deren Sicherheit zu gewährleisten. Erst mit der Atomenergie wurde dieser Konsens massenwirksam aufgebrochen. Der Volksentscheid gegen das Atomkraftwerk in Zwentendorf (Niederösterreich) oder die teils gewaltsamen Proteste gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf (Bayern) sind zu Symbolen des Widerstands und einer weit verbreiteten Technikskepsis geworden.

Von dieser Technikskepsis war auch die zähe und langjährige Kontroverse um die grüne Gentechnik geprägt. Risiken und unerwünschten Nebenfolgen standen zunächst im Vordergrund der öffentlichen Aufmerksamkeit. Mit dem Aufstieg der „Life Sciences“ und der Biomedizin trat dann – ab den 1990er Jahren – die Frage in den Mittelpunkt, ob wir alles dürfen, was wir technisch in der Lage sind zu realisieren. Darum geht es aktuell auch in der Diskussion um Nanotechnologien oder in der CRISPR-Debatte.

Und was macht die Technikfolgenabschätzung?

Technikkonflikte unterscheiden sich voneinander je nachdem, welche Technologie im Vordergrund steht. Die Technikfolgenabschätzung hilft dabei, die großen Technikkonflikte der letzten Jahrzehnte in ihrem unterschiedlichen Charakter zu verstehen: Bei der grünen Gentechnik ging es vor allem um gesundheitliche und ökologische Risiken, bei der Biomedizin um ethische Aspekte. Wer darf in diesen Konflikten mitreden, wer erhält eine Stimme? Welche Argumente werden verwendet, um politische Entscheidungen zu legitimieren? All das hängt von der Art und Weise ab, in der die jeweilige Technologie problematisiert wird.

Das ITA untersucht seit den 1980er Jahren, welche Bedeutung Technikkonflikte für den öffentlichen Diskurs und den politischen Umgang mit den strittigen Technologien haben. Denken wir z.B. an Nanotechnologien: Sie werden vielseitig angewendet, von Lebensmitteln über Kosmetika, Bekleidung und medizinische Anwendungen, bis hin zu Elektronik und IT-Anwendungen. Aber wie sicher sind Nanoprodukte? Mit dem ITA-Projekt NanoTrust ist es gelungen, mögliche Konflikte über Nanotechnologien zu antizipieren und die österreichische Politik darauf vorzubereiten.

Politik entfacht Debatten

Aktuelle Forschungsergebnisse des ITA zeigen, dass man sich heute auf eine Art mit Technologien auseinandersetzt, die von früheren Technikkonflikten weit entfernt ist. Heute sieht es die EU-Politik vielmehr als ihre Aufgabe an, öffentliche Debatten zu initiieren. Dabei will man besonders jene Bürger:innen ansprechen, die keine Möglichkeit oder geringes Interesse haben, aktiv an der Diskussion über Technik- und Innovationsfragen teilzunehmen. Im EU-Projekt PROSO gingen wir noch einen Schritt weiter und untersuchten, welche Voraussetzungen für eine informierte Debatte notwendig sind. Statt über abstrakte Themen wie Synthetische Biologie oder Nanotechnologie zu diskutieren, wurden die Bürger:innen zunächst einmal gefragt, welche Informationen sie dazu benötigen. Dabei hat sich u.a. herausgestellt, dass von EU-Bürger:innen oft Beteiligung an Technologien eingefordert wird, für die es in der Praxis noch gar keine konkreten Anwendungen, und daher in der Öffentlichkeit auch wenig Interesse gibt. Eine informierte, breit gefächerte Debatte ist unter diesen Umständen aber kaum zu erwarten.

Der Dialog als Instrument

Technikkonflikte befinden sich gerade in einer Transformation. Ein Grund dafür könnte sein, dass technische Zusammenhänge immer komplexer werden. Die maßgebliche Initiative zur Mitsprache kommt oft nicht mehr aus der Zivilgesellschaft, sondern „von oben“, auf Geheiß der Politik. Hinter dem Drängen alle Betroffenen möglichst früh einzubeziehen steckt auch der Gedanke, dass man so mehr über Technikvisionen und denkbare Entwicklungspfade sprechen kann, und weniger über konkrete Risiken. Gleichzeitig lässt die Protestbereitschaft in der Bevölkerung nach. Die Einführung des Smartphones, des Internets und vieler anderer alltäglich gewordener Technologien haben zu einer allgemeinen Technikakzeptanz beigetragen. Selbst die Bedrohung der Privatsphäre durch das ständige Sammeln von Daten wird oft in Kauf genommen, nur um neue Anwendungen benutzen zu können.

Proteste im Netz statt auf der Straße

Potenzielle Protestaktivitäten verlagern sich auch von der Straße ins Netz. Für Millionen Menschen stellen Online-Petitionen, Internet-Foren oder über soziale Medien organisierte Protest-Aktionen eine adäquate, wenn auch relativ flüchtige, Form der politischen Einflussnahme dar. Das Schwinden von explosiven, kraftvollen Technikkonflikten lässt sich also auch mit einem fundamentalen Wandel dessen erklären, was man unter Politik und politischer Teilhabe versteht – und wie sie praktiziert wird. Eine wirklich breite Mobilisierung in einer spezifischen Technikfrage gab es jedenfalls schon längere Zeit nicht. Das heißt aber nicht, dass es sie in Zukunft nicht mehr geben kann. Man kann diese Entwicklung als Zeichen einer problematischen Entpolitisierung deuten – oder aber als Hinweis auf einen pragmatischeren und individuell abgestimmten Umgang mit Technologien.

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