
Konflikte sind der Humus der Demokratie. Schwierig wird es, wenn Konflikte nicht konstruktiv ausgetragen werden, weil die Verständigungsgrundlage erodiert. Um Verständigung zu fördern, gilt es daher, Verständnis schaffen – für die Komplexität von Krisen, für die Ursachen von Konflikten und für die Möglichkeit von Dialog. Zu diesem Ziel hat das sozialwissenschaftliche Projekt beigetragen.
Im Frühjahr 2023 hat die Bundesregierung die ÖAW mit der Durchführung eines wissenschaftlichen Projekts beauftragt, um die gesellschaftlichen Folgen der Coronakrise systematisch aufzuarbeiten. Das Projekt war auf neun Monate angelegt und wurde kurz vor Jahresende 2023 mit der Veröffentlichung eines öffentlich zugänglichen Projektberichts beendet. Am 21. Dezember 2023 wurde dieser Bericht im Rahmen einer Pressekonferenz im Bundeskanzleramt von Bundeskanzler Karl Nehammer und Projektleiter Alexander Bogner (ÖAW) präsentiert.
19 Wissenschafter:innen aus den Kommunikationswissenschaften, aus Politikwissenschaft, Soziologie sowie der Wissenschafts- und Technikforschung waren an diesem sozialwissenschaftlichen Projekt beteiligt. Im Rahmen dieses Projekts wurden fünf Themen analysiert, die während der Pandemie (und teilweise bis heute) zahlreiche und teilweise heftige Kontroversen ausgelöst haben:
Im Rahmen der von der Bundesregierung initiierten „Corona-Aufarbeitung“ wurde auch ein großes Bürgerbeteiligungsverfahren durchgeführt. Dieses Verfahren fand im Herbst 2023 in allen Landeshauptstädten statt. Pro Bundesland nahmen im Durchschnitt 35 Personen an den Diskussionsrunden teil. In Summe heißt das: Insgesamt 319 Personen, nach Repräsentativitätsgesichtspunkten von der Statistik Austria ausgewählt, diskutierten einen ganzen Tag lang miteinander über ihre Erfahrungen in der Pandemie. Am Ende dieses Diskussionstages wurden die Bürgerinnen und Bürger gebeten, ihre Erwartungen an Politik, Wissenschaft und Medien für zukünftige Krisen zu formulieren. Die Unabhängigkeit der Wissenschaft bzw. der Medien wurde am häufigsten als zentrale Empfehlung für die nächste Krise genannt.
Science and politics function as distinct yet structurally interconnected social systems, creating a delicate need to balance expertise and democratic representation. The COVID-19 pandemic exposed tensions in this relationship, with initial public support for containment measures giving way to growing skepticism. This paper explores two distinct perspectives on this development: (1) the technocratic overreach perspective, which attributes low support to perceptions that experts overstepped their role in political decision-making; and (2) the blame-deflection perspective, which links it to the perception that politicians strategically used appeals to scientific authority to shield themselves from criticism. Using survey data from the Austrian Corona Panel Project, we test hypotheses derived from these contrasting perspectives to better understand public concerns surrounding the boundary between science and politics during the pandemic. Our findings show that both technocratic overreach and blame deflection perceptions are associated with lower support for mitigation measures, but the patterns of underlying attitudes differ. Perceptions of technocratic overreach were associated with low trust in science, but overall levels of trust in science remained high and stable, suggesting that overreach perceptions stemmed primarily from pre-existing skepticism toward science rather than concerns about technocratic policy-making during the pandemic. In contrast, perceptions of blame deflection were related to low trust in government, which strongly declined during the pandemic. Overall, the study identifies crisis management as a key area where a clearer demarcation between science and politics is needed.
Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell die Wissenschaft zum Gegenstand öffentlicher Konflikte und Attacken werden kann, wenn Expertise zur zentralen politischen Ressource wird. Daraus ergeben sich zwei grundsätzliche Fragen: (1) Warum trägt eine Verwissenschaftlichung von Konflikten nicht zu deren Lösung bei? (2) Und wie lässt sich ein konstruktiver politischer Dialog über wissenschaftsbasierte Themen dennoch stärken? Die erste Frage wird im qualitativen Teil der Studie behandelt: Es wird gezeigt, dass in hochgradig verwissenschaftlichten Krisen alle Konfliktparteien sich auf Expert:innen (oder Pseudoexpert:innen) berufen. Der Konflikt wird selbst zum Mittel, um epistemische Autorität dort, wo eine institutionelle Basis fehlt, situativ zu behaupten. Dies erklärt das Desinteresse der Maßnahmengegner:innen an einer Konfliktlösung.
Im quantitativen Teil der Studie wird die zweite Frage diskutiert: Anhand von Survey-Experimenten wird gezeigt, dass sich das Vertrauen in die Wissenschaft steigert, wenn die politikberatenden Expert:innen nicht von der Regierung, sondern von der Wissenschaft selbst ausgewählt werden. Außerdem spielt der Kommunikationsstil der Expert:innen eine wichtige Rolle: Vertrauen entsteht dort, wo sie nicht als missionsgetriebene Aktivist:innen auftreten, sondern als bescheidene Berater:innen, die der Politik verschiedene, gut begründete Handlungsoptionen eröffnen. Allerdings haben Expert:innen im Fall stark politisierter Themen sowieso einen schweren Stand, wie der Vergleich mit politisch unbelasteten Themen zeigt.
Bogner, A. (Speaker)
Bogner, A. (Speaker)
Bogner, A. (Speaker)
Bogner, A. (Speaker)
Bechtold, U. (Speaker)
Die Pandemie hat gezeigt, wie schnell die Wissenschaft zum Gegenstand öffentlicher Konflikte und Attacken werden kann, wenn Expertise zur zentralen politischen Ressource wird. Daraus ergeben sich zwei grundsätzliche Fragen: (1) Warum trägt eine Verwissenschaftlichung von Konflikten nicht zu deren Lösung bei? (2) Und wie lässt sich ein konstruktiver politischer Dialog über wissenschaftsbasierte Themen dennoch stärken? Die erste Frage wird im qualitativen Teil der Studie behandelt: Es wird gezeigt, dass in hochgradig verwissenschaftlichten Krisen alle Konfliktparteien sich auf Expert:innen (oder Pseudoexpert:innen) berufen. Der Konflikt wird selbst zum Mittel, um epistemische Autorität dort, wo eine institutionelle Basis fehlt, situativ zu behaupten. Dies erklärt das Desinteresse der Maßnahmengegner:innen an einer Konfliktlösung.
Im quantitativen Teil der Studie wird die zweite Frage diskutiert: Anhand von Survey-Experimenten wird gezeigt, dass sich das Vertrauen in die Wissenschaft steigert, wenn die politikberatenden Expert:innen nicht von der Regierung, sondern von der Wissenschaft selbst ausgewählt werden. Außerdem spielt der Kommunikationsstil der Expert:innen eine wichtige Rolle: Vertrauen entsteht dort, wo sie nicht als missionsgetriebene Aktivist:innen auftreten, sondern als bescheidene Berater:innen, die der Politik verschiedene, gut begründete Handlungsoptionen eröffnen. Allerdings haben Expert:innen im Fall stark politisierter Themen sowieso einen schweren Stand, wie der Vergleich mit politisch unbelasteten Themen zeigt.
04/2023 - 05/2024
Eva Barlösius (Soziologin, Uni Hannover, Mitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften)
Alena Buyx (Ethikerin, TU München, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats)
Armin Grunwald (Physiker und Philosoph, Karlsruhe Institut für Technologie, Vorstand der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften)
Caspar Hirschi (Historiker, Uni St. Gallen, Vorstand der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften)