Aigeira blickt auf eine außergewöhnlich lange Geschichte, die mit Unterbrechungen von der Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. bis in das Mittelalter reicht. Die laufenden Ausgrabungen auf der Akropolis liefern neue Einblicke in die Geschichte der Siedlung und ihres zentralen Heiligtums. Vor allem die Umgestaltungen in spätklassischer Zeit werfen ein neues Licht auf die städtebauliche Entwicklung der Polis.

Lage und Bedeutung

Das hoch über dem Korinthischen Golf gelegene Aigeira ist eine der bedeutendsten antiken Stätten der Landschaft Achaia im Nordosten der Peloponnes. Die Lage auf einem steil aufragenden Hügel mit weitem Blick über den Golf und ins Hinterland machte den Ort zu einer strategisch günstigen und weithin sichtbaren Landmarke. Diese Voraussetzungen erklären, warum Aigeira so lange besiedelt war – trotz schwieriger Bedingungen wie der Wasserversorgung.

Vom Neolithikum zur befestigten mykenischen Siedlung

Die frühesten Funde von der Akropolis und ihrer Umgebung reichen bis in die Mitte des 6. Jahrtausends v. Chr. zurück und verändern das Bild der frühen Besiedlung grundlegend. 

Die archäologischen Untersuchungen des Gipfelplateaus der oberen Akropolis sowie der tieferliegenden, umgebenden Terrassen förderten eine große Menge an neolithischen und frühbronzezeitlichen Funden zutage. Die ältesten neolithischen Funde stammen dabei nicht von der oberen Akropolis selbst, sondern wurden nördlich und unterhalb davon im Bereich des Gästehauses im Flurbereich von Solon festgestellt. Architektonische Reste, die mit diesen Funden in Verbindung stehen, fehlen bislang.

In der Spätbronzezeit, um 1200 v. Chr., entstand eine ausgedehnte mykenische Siedlung, die um die Mitte des 12. Jahrhunderts v. Chr. durch einen Brand zerstört wurde. Der Zerstörungshorizont bildet eine Art Zeitkapsel, die ungeahnte Einblicke auf die Lebens- und Ernährungsgewohnheiten seiner Bewohner eröffnet. Beim Wiederaufbau unmittelbar danach wurde das Zentrum der Siedlung mit einer Umfassungsmauer befestigt. Damit gehört Aigeira zu den wenigen Siedlungen, die am Ende der Bronzezeit neu befestigt wurden, ein Hinweis auf die strategische Bedeutung des Ortes und eine weiterhin organisierte Gemeinschaft.

Besiedlungslücke und Entstehen des Heiligtums

Nach dem Ende der mykenischen Siedlung im 11. Jahrhundert v. Chr. folgte eine Phase ohne gesicherte Besiedlung. Erst im 8. Jahrhundert v. Chr. wurde die Akropolis wieder genutzt, vor allem belegt durch korinthische Keramik. Das Gipfelplateau - die obere Akropolis - diente nun als Heiligtum, das ab der Mitte des 6. Jahrhunderts auch architektonisch gestaltet wurde. Hinweise auf zeitgleiche Wohnbebauung auf der unteren Akropolis fehlen dagegen bislang. Die Klärung der Frage, wie der Übergang von der mykenischen Siedlung zum spätgeometrisch/früharchaischen Heiligtum erfolgte, ist Ziel laufender Ausgrabungen.

Das Heiligtum auf dem Gipfelplateau der oberen Akropolis

In spätarchaischer Zeit, am Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr., erhielt das Kultgebäude ein aufwendig gestaltetes korinthisches Dach. In spätklassischer Zeit, gegen Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. kam es zu umfassenden und nachhaltigen Veränderungen: Der Kultbau wurde offenbar aufgegeben, und Teile seines Daches sowie Weihegaben wurden in einer Zisterne und an anderen Stellen deponiert. Zugleich wurden die tiefer gelegenen Plateaus erweitert und stark befestigt. Diese Eingriffe prägen das Erscheinungsbild der Akropolis bis heute.

Der große Ausbau im Hellenismus

Der Hellenismus ist eine Blütezeit Aigeiras. Zwischen der Mitte des 3. und dem 2. Jahrhundert v. Chr. entstand im Bereich des Theaters ein neues öffentliches Zentrum. Theater, Peripteraltempel, mehrere Naiskoi und ein Peristylgebäude bildeten ein Ensemble, das bis in die Kaiserzeit genutzt wurde. Dieser Ausbau hängt mit Aigeiras Beitritt zum Achaiischen Bund zusammen und machte die Stadt zu einem wichtigen politischen und kulturellen Zentrum. Ziel eines aktuellen Projekts ist es, durch 3D-Modellierungen den Theaterbereich als wichtiges öffentliches Zentrum, erfahrbar zu machen.
Ein Münzhort mit fast 600 Silbermünzen, vergraben 219 v. Chr. während eines Überfalls der Aitoler, belegt die bewegte Geschichte dieser Zeit.

Römische Kaiserzeit bis Mittelalter

Um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. war Aigeira eine blühende Stadt, mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten, wovon die eindrückliche Schilderung des Reiseschriftstellers Pausanias zeugt. Münz- und Keramikfunde zeigen eine kontinuierliche Nutzung der Akropolis bis ins 14. Jahrhundert In der Spätantike wurde das Gipfel-Plateau erneut befestigt – diesmal mit einer Mauer aus wiederverwendeten antiken Bauteilen des ehemaligen Heiligtums.

Grabungsleitung

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