26.11.2021 | Studienstiftungsgespräche

Wie haben Sie das gemacht, Herr Schröder?

Klaus Albrecht Schröder, Generaldirektor der Albertina, diskutierte mit jungen Studienstifter/innen der ÖAW darüber, wie man ein modernes Museum führt, warum er für seinen Job eine Elefantenhaut braucht und das Treffen mit Sammler/innen weniger glamourös ist als man annehmen könnte.

In der Pfeilerhalle in der Ausstellung Hubert Scheibl. Seeds of Time trafen Studienstiftler/innen der ÖAW den Generaldirektor des Museums, Klaus Albrecht Schröder. © ÖAW/belle&sass

Klaus Albrecht Schröder, 1955 in Linz geboren, ist sich seiner Privilegien bewusst. „Ich hatte das Glück in einem bildungsbürgerlichen Milieu aufzuwachsen, mit Musik und Literatur“, sagt der Generaldirektor der Albertina im Gespräch mit jungen Studienstifter/innen der ÖAW. Wäre es nach seinen Eltern gegangen, hätte er Jurist werden sollen. Sie fanden sein Studium der Kunstgeschichte eine „Verrücktheit“, er musste sich selbst finanzieren. „Heute rate ich jedem, der geisteswissenschaftlich tätig ist, als Guide zu arbeiten“, so Schröder, der damals Kunstreisen nach Frankreich, Italien und Deutschland begleitete. Von 1998 bis 2000 leitete er das BA-CA Kunstforum, 1996 wurde er Direktor des heutigen Leopold Museums. Und 1999 übernahm er die Albertina, die sich damals in einer schweren Krise befand. „Das Museum hatte das Vertrauen des Publikums verloren“, sagt Schröder: „Es hatte lediglich 15.000 Besucher/innen pro Jahr.“

Transformation zum modernen Museum

Man merkt im Gespräch: Die Modernisierung der Albertina ist sein Lebenswerk. Klaus Albrecht Schröder brennt für diese Aufgabe, die gerade zu Beginn seiner Karriere eine immense Herausforderung gewesen sein muss. „Die Albertina war eine rein grafische Sammlung. Dieses Alleinstellungsmerkmal war zugleich ihre Achillesverse“, erzählt Schröder: „Künstlerisch wurde die Trennung von Gattungen ab den 1960er-Jahren obsolet, Zeichnungen unter Quarantäne zu stellen, war anachronistisch. Ich wollte ein modernes Museum errichten: Sie sehen bei uns nicht nur Zeichnungen, Sie sehen Kunst.“

Bei den „Studienstiftungsgesprächen“ haben Maturant/innen, die in die Studienstiftung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen wurden, die Möglichkeit, sich in kleinen offenen Gesprächsrunden mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auszutauschen. Der Andrang im Studiensaal der Albertina war groß, die Studierenden wollten wissen, wie überhaupt entschieden wird, was für die Sammlung angekauft wird. „Unser Wachstum wurde über Schenkungen und Stiftungen angetrieben. Ich zitiere immer gern den Forscher Alexander von Humboldt: Wir sind so arm, deshalben sammeln wir nicht Kunst, sondern Sammler.“ Und was wird angekauft? „Fast nur zeitgenössische Kunst. Alte Kunst verliert bis auf ein paar große Namen komplett an Bedeutung.“

Fingerspitzengefühl trifft Zielstrebigkeit

Ein Maturant möchte wissen, wie Schröder dieser schwierige Transformationsprozess gelungen ist? „Ich hatte eine klare Vision“, sagt der Kunsthistoriker: „Man muss zwei Paradoxe in sich vereinen als Direktor der Albertina: Unglaublich sensibel mit Künstler/innen und Sammler/innen sein und zugleich eine Elefantenhaut haben, wenn es darum geht, Ziele durchzusetzen, bei denen man auch medial auf Gegenwind stößt.“

Und wie steht die Albertina zur Restitution? „Es gibt bei uns keine Kolonialdiebstähle, aber Raubgut, das während des Nationalsozialismus und darüber hinaus von jüdischen Sammler/innen stammt. Ich finde, man muss dieses Raubgut restituieren, und das ist auch bereits mit 3.000 bis 4.000 Werken passiert. Wir haben eine eigene Abteilung für Restitutionsforschung, die inhaltlich unabhängig arbeitet.“

Die angehenden Student/innen stellen sich das Treffen mit Sammler/innen besonders interessant vor. Schröder muss enttäuschen: „Es ist nicht leicht mit ihnen umzugehen, denn es gibt keinen Grund, ein Kunstwerk einem Museum zu schenken oder zu leihen.“ Aber auch Treffen mit Kunstschaffenden haben ihre Tücken. „Es ist ein Privileg, dass ich jede/n Künstler/in der Welt treffen kann. Gleichzeitig haben gerade junge Künstler/innen unglaubliche Erwartungen, wenn ich zu ihnen ins Atelier komme.“

Digitalisierung in der Kunstwelt

Eine Maturantin fragt, wie der Albertina-Direktor mit der Schnelllebigkeit durch die Digitalisierung umgeht. „Als ich in den 1990er-Jahren auf der Art Basel war, hat man jedes Mal die gleichen Kunstschaffenden gesehen. Mittlerweile trifft man kaum jemand im nächsten Jahr wieder. Das Neue ist sofort wieder alt. Heute sind 90 Prozent der Umsätze aus der Gegenwartskunst. Die Preise sind teilweise obszön.“ Schröder hat keine falschen Erwartungen an die Bedeutung von Kunst: „Nur sieben Prozent der Menschen gehen ins Museum.“ Aber vielleicht geht es dem einen oder anderen wie Klaus Albrecht Schröder selbst. Durch seinen Großvater kam er erstmals mit bildender Kunst in Berührung: „Ich war wie vom Donner gerührt“, erinnert er sich: „Und wusste, ich möchte Künstler werden.“ Mit der Kunstkarriere hat es zwar nicht geklappt, aber eines der wichtigsten Museen der Welt zu leiten, hat sogar seine einst so skeptischen Eltern versöhnt.

 

Auf einen Blick

Die Österreichische Studienstiftung ist eine Initiative der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie fördert und begleitet junge Menschen, die Verantwortung in unterschiedlichsten Bereichen übernehmen wollen, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft. Die Geförderten werden durch die Studienstiftung auf ihrem persönlichen und intellektuellen Werdegang begleitet und unterstützt.

Das ist die Studienstiftung

Die Studienstiftungsgespräche sind ein Angebot für alle jungen Mitglieder der Studienstiftung, sich mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in kleiner Runde treffen und austauschen zu können.

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