Für die frühen Menschen im sogenannten Jungpaläolithikum, also der Zeit vor etwa 45.000 bis 12.000 Jahren, waren Mammuts eine wichtige Ressource. Anhäufungen von Mammutknochen zählen heute zu den eindrucksvollsten Zeugnissen der Eiszeit. Ein weltweit vernetztes Forschungsteam hat nun die alte DNA dieser Knochenfunde untersucht und ist dabei zu einem erstaunlichen Ergebnis gekommen: Während verstreut aufgefundene Reste einzelner Mammuts deutlich häufiger von männlichen Tieren stammen, sind die untersuchten Mammuts aus Knochenanhäufungen, die der Jagd durch Menschen zugeschrieben werden, überwiegend weiblich. Die Studie, an der auch das Österreichische Archäologische Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beteiligt ist, ist in der Fachzeitschrift Current Biology erschienen.
Über 500 Mammuts genetisch bestimmt
Die Forschenden untersuchten die Genome von insgesamt 521 Wollhaarmammuts aus Europa, Asien und Nordamerika. 100 Tiere stammten aus elf archäologischen Fundstellen mit größeren Knochenanhäufungen – zeigen also Hinweise auf menschlichen Einfluss, während 421 Tiere verstreute Funde aus überwiegend natürlichen Kontexten repräsentieren, was nahelegt, dass Letztere eines natürlichen Todes gestorben sind. Das genetische Geschlecht konnte bei allen Individuen bestimmt werden.
Das Ergebnis ist deutlich: Bei den verstreuten Funden waren 66,5 Prozent der Tiere männlich. In den Knochenanhäufungen mit menschlichem Einfluss waren dagegen 70 Prozent weiblich. „Der Gegensatz zwischen den beiden Fundkontexten ist besonders spannend“, sagt ÖAW-Archäologe Marc Händel, der Ko-Autor der Studie ist. „In natürlichen Fundkontexten finden wir vor allem männliche Mammuts, an menschlich geprägten Fundplätzen dagegen vor allem weibliche. Das spricht dafür, dass die eiszeitlichen Menschen bestimmt haben, welche Mammuts sie nutzten – offenbar bevorzugt weibliche Tiere beziehungsweise Herden, in denen weibliche Tiere häufiger vorkommen.“
Die Jagd auf vorzugsweise weibliche Tiere wird auch durch archäologische Befunde untermauert, etwa an der wichtigsten österreichischen Fundstelle in Langmannersdorf in Niederösterreich: Dort wie an anderen Fundorten mit Mammutknochenanhäufungen wurden Steinartefakte, Schlag- und mögliche Schnittspuren an Knochen sowie Nachweise für Feuer wie etwa Holzkohlen und gebrannte Knochen gefunden, die in den natürlichen Fundkontexten nicht nachweisbar sind. An einigen Fundstellen fanden sich außerdem Geschossspitzen aus Stein in den Mammutknochen. „Bemerkenswert ist auch die Verteilung der Knochen auf der Fundstelle in Langmannersdorf, die zeigt, dass die Tiere wahrscheinlich außerhalb des bisher untersuchten Areals erlegt und grob zerlegt wurden und nach dem Transport an der Fundstelle weiterverarbeitet wurden“, wie Marc Händel von der ÖAW erklärt.
Warum die Eiszeitjäger weibliche Mammuts bevorzugten
Warum gerade weibliche Tiere häufiger erlegt wurden als männliche, lässt sich durch die aktuelle Studie noch nicht eindeutig beantworten, betonen die Forschenden. Eine mögliche Erklärung liefert die Sozialstruktur der Mammuts: Ähnlich wie heutige Elefanten dürften weibliche Tiere mit ihren Jungtieren in Herden gelebt haben, während ausgewachsene Männchen die Herden verließen und eher einzeln oder in kleinen Gruppen unterwegs waren. Die Herden mit weiblichen Tieren waren für die Jäger:innen daher möglicherweise leichter aufzuspüren als einzelne männliche Individuen und ihre Bewegungen waren besser vorhersehbar. Weibchen mit Nachwuchs könnten zudem weniger mobil und damit leichter zu erbeuten gewesen sein.
Die Forschenden schließen deshalb nicht aus, dass die Menschen nicht bewusst „weibliche Mammuts“ auswählten, sondern schlicht häufiger auf weiblich dominierte Herden trafen.
Mammutherden auf der Spur
Ob tatsächlich gezielt Mutter-Kind-Verbände oder bestimmte Altersgruppen bejagt wurden, soll nun durch die Kombination von genetischer Geschlechtsbestimmung und osteologischer Altersbestimmung weiter untersucht werden. Damit lässt sich die Struktur der Mammutherden rekonstruieren, etwa ob männliche Tiere in den anthropogenen Fundstellen überwiegend Jungtiere sind. Ergänzende Strontium- und Sauerstoffisotopenanalysen sollen zudem Hinweise auf die Wanderungen und den jahreszeitlichen Verlauf der Bewegungen der Mammuts liefern – die unsere weit entfernten Vorfahren möglicherweise kannten und zu ihrem Vorteil genutzt haben könnten.
Auf einen Blick
Publikation:
Hannah M. Moots et al.: “Paleogenomic sex inference of mammoth remains sheds light on the anthropogenic nature of bone accumulations”, Current Biology 36 (2026), 1–10.
DOI: 10.1016/j.cub.2026.07.023



