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MarketingArchäologie

In Oasen in der arabischen Wüste gab es bereits in der Bronzezeit „Marken“

Forscher:innen von Uni Wien, ÖAW und TU Wien zeigen, dass Marken keine moderne Erfindung des Kapitalismus sind.

19.08.2026
Qurayyah-Lackkeramik (QPW) 4, früher bekannt als »Midianitische Keramik«.
© Qurayyah Joint Archaeological Project

Gab es Marken bereits vor der modernen Gesellschaft, in nicht-kapitalistischen Wirtschaftssystemen? Ein internationales Team unter der Leitung von Marta Luciani von der Universität Wien hat unerwartete Erkenntnisse über den Handel in der Bronzezeit geliefert: Ja, Marken gab es tatsächlich schon vor 3.200 Jahren. Neue Erkenntnisse zu Funden in der Oase Qurayyah im Nordwesten Arabiens bieten beispiellose Einblicke in die Herstellung zweifarbig bemalter Keramik. Die Forscher:innen wiesen nach, dass die Gefäße so unverwechselbar, ansprechend und begehrt waren, dass sie in jeder Hinsicht als „Marke“ betrachtet werden müssen. Die Ergebnisse wurden kürzlich in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht.

Ein internationales Team unter der Leitung von Marta Luciani von der Universität Wien hat in Zusammenarbeit mit Pamela Fragnoli vom Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und Johannes H. Sterba von der Technischen Universität Wien mehrere Dutzend Keramikgefäße aus der Bronzezeit aus der Oase Qurayyah im Nordwesten Arabiens untersucht. Den Forscher:innen gelang es, alte Fehlannahmen über die berühmte Midianitische Keramik zu widerlegen und erstmals nachzuweisen, dass der Ursprung dieser Ware tatsächlich in der Oase Qurayyah lag.

„Unsere Entdeckung verdeutlicht, dass selbst in der kargen Umgebung von Wüstenoasen, wo lebenswichtige Ressourcen wie Wasser, Brennstoff und Ton knapp waren, lokale Gemeinden in der Bronzezeit gesellschaftlich eingebunden waren. Schon damals waren sie Teil größerer Netzwerke, in denen technologisches Know-how mit benachbarten Regionen wie der südlichen Levante und Syrien geteilt wurde. Die Oasenbewohner:innen waren einfallsreich und erfinderisch genug, um ihr eigenes Keramikrepertoire zu schaffen und sogar zu exportieren“, sagt die Studienleiterin Marta Luciani vom Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien.

Kriterien zur Identifizierung antiker Marken erarbeitet

Die Forscher:innen kamen schließlich zu dem Schluss, dass die Gefäße so unverwechselbar, ansprechend und begehrt waren, dass sie als Marke betrachtet werden. Dadurch gelang schließlich auch eine bahnbrechende Erkenntnis: die Archäolog:innen erarbeiteten genaue Kriterien zur Identifizierung antiker Marken: visuelle Identität, materielle Konsistenz, technologische Kontinuität, zentralisierte Produktion, Exportzirkulation, lokale Nachahmung, beabsichtigte kommerzielle Reichweite und kultureller Ruf.

„Die Schlussfolgerungen unserer Studie reichen somit über die Archäologie und die langfristige Beziehung zwischen Menschen und natürlichen Ressourcen in klimatisch extremen Regionen hinaus. Sie erstrecken sich auf Bereiche wie die wirtschaftlichen Mechanismen, die die Beziehungen zwischen Produzent:innen und Konsument:innen über Zeit und Raum hinweg vermitteln“, fügt Luciani hinzu, Archäologin und Teamleiterin des Netzwerks „Human Evolution and Archaeological Science“ (HEAS) an der Universität Wien.

„Entscheidend für diese erstmalige Entdeckung war unser interdisziplinärer und multiskalarer Ansatz, bei dem die Untersuchung von stratigraphischem Material, die Technologie der Gefäßformung sowie die petrographische Analyse von Keramikdünnschnitten unter dem Polarisationsmikroskop kombiniert wurden“, erklärt Pamela Fragnoli, Leiterin des Keramiklabors des Österreichischen Archäologischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, „abgeglichen mit chemischen Fingerabdrücken der Gefäßzusammensetzung, bis hin zu deren Spurenelementen, die mittels Neutronenaktivierungsanalyse ermittelt wurden“, fügt Johannes H. Sterba, Leiter des Zentrums für Markierung und Isotopenproduktion an der TU Wien, hinzu.

Doralice Klainscek, Doktorandin an der Universität Wien und Mitautorin der Studie, erklärt: „Die ersten Exemplare der bemalten Keramik aus Qurayyah wurden vor 3.600 Jahren hergestellt. Unsere auffälligste Entdeckung war die Feststellung, dass die Produktion bemalter Keramik fortgesetzt wurde und sich dabei ständig weiterentwickelte (Abb. 2). Vier Jahrhunderte später, vor ca. 3.200 Jahren, schufen die Menschen ein blühendes Repertoire an zweifarbig bemalten Tieren und menschlichen Ritualen (Abb. 3): Dies wurde zum Markenzeichen, das über Hunderte von Kilometern nach Norden in die südliche Levante exportiert wurde, zu Stätten wie Tell el-Kheleifeh und sogar zum Timna-Heiligtum der ägyptischen Göttin Hathor, sowie nach Süden bis nach Nordarabien. Die Töpfertradition von Qurayyah hörte nicht auf und blieb noch weitere tausend Jahre bis weit in die späte Eisenzeit hinein in der Oase verankert.“

 

Auf einen Blick

Publikation:

Marta Luciani, Pamela Fragnoli, William D. Gilstrap, Johannes H. Sterba, Doralice Klainscek, Joseph A. Greene, Stephen Bourke, Paul Donnelly: Creating a brand. Genesis, transformation and diffusion of Qurayyah Painted Ware. In: PLOS One, 2026.
DOI: 10.1371/journal.pone.0351296

Studie:

Die Studie entstand im Rahmen des FWF-Projekts „ANAPAN. Ein neuer Ansatz zur Keramik Arabiens und seiner Nachbarländer“ (Projektnummer I06562) unter der Leitung von Prof. Dr. Marta Luciani. Gemeinsam mit Ahmed Abualhassan von der Heritage Commission (HC) des saudischen Kulturministeriums leitet sie das „Qurayyah Joint Archaeological Project“. Die HC ermöglichte alle notwendigen Probenahmeverfahren.