„Byzanz über Byzanz hinaus"
17.08.2026
Wie strahlt Byzanz über die Grenzen des byzantinischen Reichs hinaus? Darauf legt der "25th International Congress of Byzantine Studies" in Wien, der Expert:innen aus der ganzen Welt anziehen wird, seinen Schwerpunkt. Claudia Rapp, Byzantinistin und Direktorin des Instituts für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), erzählt im Interview, was Wien zu einem besonderen Ort für die Erforschung von Byzanz macht.
Claudia Rapp: 1981, beim letzten Wiener Kongress unter der Federführung von Herbert Hunger, war ein großes Thema erstmals prominent vertreten: Frauen in Byzanz. Die damaligen Kongressakten gelten bis heute als maßgeblicher Meilenstein in dieser Forschungsrichtung. Unser diesjähriges Thema lautet „Byzanz über Byzanz hinaus – Byzantium beyond Byzantium“. Es geht uns darum zu zeigen, wie Byzanz als Kultur über die Grenzen des byzantinischen Reiches hinaus ausgestrahlt hat – als Magnet und Anknüpfungspunkt für umliegende Kulturen, sowohl in der Gleichzeitigkeit als auch in der diachronen Betrachtung mit einer Wirkungsgeschichte bis in die Gegenwart.
Mit diesem Kongress wollen wir zugleich zeigen, wie eine Byzantinistik im 21. Jahrhundert aussehen kann: mit einer breiten Aufstellung aller Forschergenerationen und im Dialog mit verwandten Fachdisziplinen—so arbeiten wir ja auch an der ÖAW—und mit bewusst flachen Hierarchien damit Doktorand:innen dasselbe Publikum erhalten wie arrivierte Professor:innen.
Wien als Byzantinistik-Hotspot
Was macht Wien zu einem besonderen Ort für die Erforschung des Byzantinischen Reichs?
Rapp: Wien blickt auf eine sehr lange Forschungstradition in der Byzantinistik zurück. Man könnte sagen: Byzantinistik avant la lettre. Schon bevor das Fach unter diesem Namen etabliert wurde, gab es hier intensive Forschungen zu mittelalterlichen Dokumenten und Urkunden in griechischer Sprache, herausgegeben von dem Slawisten Franz von Miklosich in Zusammenarbeit mit dem Altphilologen Joseph Müller. Der erste Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Josef von Hammer-Purgstall, war Orientalist und beschäftigte sich ebenfalls mit diesen größeren historischen Zusammenhängen.
Geht man noch weiter zurück, stößt man auf Ogier Ghiselin de Busbecq, der im 16. Jahrhundert im Auftrag der habsburgischen Kaiser griechische Handschriften aus Istanbul mitbrachte. Sie legten den Grundstock der Österreichischen Nationalbibliothek. Und im 12. und 13. Jahrhundert pflegten die Babenberger Heiratsallianzen mit byzantinischen Prinzessinnen.
Hinzu kommt, dass die Byzantinistik als Fach an viele andere Disziplinen anschlussfähig ist: an die klassische Philologie, griechische Literatur- und Geistesgeschichte, an westeuropäische wie osteuropäische Geschichte, an die Neogräzistik – und zunehmend auch an die Erforschung der Kontakte zum Nahen Osten und darüber hinaus.
Die Bedeutung von Eurasien
Sie leiten das Eurasien-Cluster. Welche neuen Fragen beschäftigen Sie in diesem Bereich?
Rapp: Jede Zeit stellt ihre eigenen spezifischen Fragen – und heute fragen wir nach globalen Zusammenhängen. Wir spüren sie auf in der Bewegung von Ideen und Religionen, in der Wanderung von Kunstwerken und Stilsprachen. Das Drachenmotiv etwa, das ursprünglich aus dem Osten stammt und sich in veränderter Form in der westlichen Kunst wiederfindet, wäre ein anschauliches Beispiel.
Heute fragen wir nach globalen Zusammenhängen.
Zunehmend interessant wird für uns auch die Klima- und Umweltgeschichte. Mein Kollege Johannes Preiser-Kapeller zeigt etwa, wie Vulkanausbrüche im Pazifik Folgen hatten, die sich über Byzanz hinaus bis nach Island nachweisen lassen – und die in den zeitgenössischen Quellen, jeder in ihrer eigenen Sprache, ihren Niederschlag fanden.
Im April war ich mit einer Exkursion des Eurasien-Clusters in China, in der Turfan-Oase. Ähnlich wie im Katharinenkloster am Sinai wurden dort in einem erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten Raum alte Handschriften gefunden – darunter christliches Schriftgut und Texte in syrischer Sprache, gelegentlich auch mit Anklängen an Byzanz. Das zeigt eindrücklich, wie weit diese kulturelle Ausstrahlung reichen kann.
Worauf freuen Sie sich beim diesjährigen Kongress besonders?
Rapp: Wir haben jeden Tag Plenarsitzungen zu hochaktuellen Themen, die verschiedene Subdisziplinen zusammenbringen: Archäologie, Kunstgeschichte, Umweltgeschichte. Besonders gespannt bin ich auch auf ein Panel und eine Abendveranstaltung über das mittelalterliche Nubien im heutigen Sudan, wo die Verbindung zu Byzanz durch das Christentum einst sehr stark war. Das inschriftliche Material aus dieser Region – griechische Texte auf Kirchenwänden – ist einzigartig und wird gerade von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in Polen frisch erforscht.
Dazu gibt es ein reichhaltiges Rahmenprogramm: Konzerte, Ausstellungen – darunter die gerade eröffnete Papyrusausstellung „Spurensuche Byzanz: Fragmente des griechischen Mittelalters“, eine Münzausstellung hier im Haus in der Otto Wagner Postsparkasse sowie eine Ikonenausstellung in der griechischen Gemeinde zum Heiligen Georg. Wir hoffen, auf diese Weise Byzanz auch einer breiteren Öffentlichkeit näherzubringen.
Auf einen Blick
Claudia Rapp ist Direktorin des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW, sowie wirkliches ÖAW-Mitglied und Professorin für Byzantinistik und Neogräzistik an der Universität Wien.
