26.03.2021

Wie haben Sie das gemacht, Frau Rohrer?

Anneliese Rohrer trifft Studierende: Die österreichische Journalistin erklärt im Gespräch mit jungen Studienstiftler/innen der ÖAW, wie sie zum Schreiben gekommen ist, warum sie einen „Demokratiefimmel“ hat, und was guten Journalismus ausmacht.

Die Journalistin Anneliese Rohrer erzählte jungen Studienstiftler/innen der ÖAW von ihrem beruflichen Lebensweg.
Die Journalistin Anneliese Rohrer erzählte jungen Studienstiftler/innen der ÖAW von ihrem beruflichen Lebensweg. © ÖAW/belle&sass

Jedes Ende kann ein Anfang sein. 2004 wurde die österreichische Politik-Journalistin Anneliese Rohrer, die 1974 ihre Karriere bei der Tageszeitung „Die Presse“ begonnen hatte, in Pension geschickt. Nicht ganz freiwillig, wie sie betont: „Ich war gekränkt. Aber es war das Beste, das mir passieren konnte.“ Rohrer ging für sechs Monate nach New York, drehte mit ihrer Tochter einen Film über Menschenhandel und schrieb das Buch „Charakterfehler. Die Österreicher und ihre Politiker“. Darüber hinaus avancierte sie zu einer der gefragtesten und pointiertesten Kommentarschreiberinnen des Landes. Ihr Fazit: „Oft findet man über Umwege zum Ziel.“

Rohrer ist eine ideale Gesprächspartnerin, um jungen Menschen die Wege und Irrwege des heimischen Journalismus zu erklären. Im Rahmen der „Studienstiftungsgespräche“ gibt es seit Ende 2020 die Möglichkeit für Maturant/innen, die in die Studienstiftung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen wurden, sich in kleinen offenen Gesprächsrunden mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auszutauschen. Das passt gut zum Anliegen der  Österreichischen Studienstiftung, das darin besteht, junge Talente auf ihrem Weg in die Zukunft zu fördern. Beim 90-minütigen Zoom-Meeting antwortete Rohrer auf die Fragen der angehenden Studierenden. Die Themen: Journalismus, Bildungschancen und Netzwerke.

Die Pandemie verengt unseren Blick

„Die Sicherheit war früher größer, so geradlinige Karrieren wie meine gibt es kaum mehr“, erzählt Rohrer: „Gleichzeitig hätte ich auch keine Alternative zur ‚Presse‘ gehabt. Die Auswahl ist heute größer, es gibt mehr Medien und Möglichkeiten. Deshalb: Jammert nicht, geht auf eure Ziele los.“ Sie rät zu einem Sachstudium, und dazu, sich dann das journalistische Handwerk anzueignen. Sie selbst wollte bereits mit 15 Journalistin werden, landete aber erst mit 30 bei der „Presse“.

Eine Frage, die von den Studienstiftler/innen gestellt wurde: Wie verändert die Pandemie den Journalismus? „Eines meiner Hauptthemen ist die Fragilität der Demokratie“, sagt Rohrer, ihre Freunde meinten sogar, sie habe einen „Demokratiefimmel“. Ein aktuelles, beunruhigendes Phänomen sei der „Copy&Paste“-Journalismus. Durch die Pandemie habe sich verstärkt, dass Journalist/innen weniger hinausgehen, um zu recherchieren. Jedes Medium bringe dieselben Geschichten, oft werde auf Meldungen der Austria Presse Agentur (APA) zurückgegriffen. „Viele Themen sind unterbelichtet, weil nur mehr über Covid-19 geschrieben wird: Keiner hat zum Beispiel darüber berichtet, wie mit den Opfern des Terroranschlags vom 2. November in Wien umgegangen wurde. Die Pandemie verengt unseren Blick.“ Schuld an fehlender Recherche sei aber auch die Ausdünnung der Redaktionen. An den Artikeln selbst kritisiert sie, dass sich Bericht und Meinung immer mehr vermengen. Beide Formate gehörten getrennt.

Guter Journalismus kann unterhaltend, informativ, anregend sein. „Wenn sie drei Artikel gerne lesen und einen Mehrwert davon haben, dann ist das eine gute Zeitung“, so Rohrer. Skeptischer steht sie dem Medium Twitter gegenüber. „Ich habe mich wieder abgemeldet, weil ich es nicht gesund finde, ohne Filter und Reflexion sofort einen Kommentar hinauszuhauen.“ In Österreich diene die Twitterblase ohnehin oft nur dem „Vergleich von männlichen Egos“. Wie der ehemalige US-Präsident Donald Trump über Twitter die Welt in Atem gehalten habe, werde wohl noch einigen Generationen Analysematerial liefern.

Greift jetzt nach den Sternen

Rohrer rät, schon beim Studium Gleichgesinnte zu suchen, mit denen man sich austauscht und Netzwerke bildet. „Teilhabe am Politischen ist in Österreich unterentwickelt, aber es ist wichtig, sich im öffentlichen Leben einzumischen.“ Politische Bildung sollte bereits an der Schule vermittelt werden, so Rohrer, die hier ein großes Manko ortet.

Jungen Menschen legt sie nahe, beim Berufswunsch offen zu sein. „Vielleicht liegen euch Videos oder Podcasts mehr als der klassische Printjournalismus. Meine Stärke war nie das Schreiben, sondern dass ich eine Nase für Themen hatte, ein Gespür dafür, wie sich Dinge entwickeln werden.“ Was man aus der Pandemie lernen kann, ist für Rohrer klar: „Man schiebt nichts auf: Hört nicht auf eure Eltern, greift jetzt nach den Sternen.“

 

AUF EINEN BLICK

Die Österreichische Studienstiftung ist eine Initiative der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie fördert und begleitet junge Menschen, die Verantwortung in unterschiedlichsten Bereichen übernehmen wollen, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft.

Die Geförderten werden durch die Studienstiftung auf ihrem persönlichen und intellektuellen Werdegang begleitet und unterstützt.
 

Das ist die Studienstiftung


Die Studienstiftungsgespräche sind ein Angebot für alle jungen Mitglieder der Studienstiftung, sich mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in kleiner Runde treffen und austauschen zu können.
 

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