11.05.2021

Wie haben Sie das gemacht, Frau Ederer?

Die ehemalige Politikerin und Industriemanagerin Brigitte Ederer diskutierte mit jungen Studienstiftler/innen der ÖAW über fehlende soziale Durchlässigkeit, warum man auf sein Bauchgefühl hören soll, und weshalb man als Frau oft harte Bretter bohren muss.

Die Politikerin und Managerin Brigitte Ederer erzählte jungen Studienstiftler/innen der ÖAW von ihrem beruflichen Lebensweg.
Die Politikerin und Managerin Brigitte Ederer erzählte jungen Studienstiftler/innen der ÖAW von ihrem beruflichen Lebensweg. © ÖAW/belle&sass

Brigitte Ederer, 1956 in Wien geboren, hat schon viele Karrieren hinter sich. Sie war die jüngste Abgeordnete im Nationalrat, hat als Europa-Staatssekretärin bei Bundeskanzler Franz Vranitzky an den Weichen für den EU-Beitritt Österreichs mitgeschraubt, war Bundesgeschäftsführerin der SPÖ und wechselte 2000 von der Politik in den Vorstand der Siemens AG Österreich. So weit, so bekannt.

Dass noch andere Talente in ihr schlummern, bewies Ederer in einem „Studienstiftungsgespräch“, das Maturant/innen, die in die Studienstiftung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen wurden, die Möglichkeit bietet, sich in kleinen offenen Gesprächsrunden mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens auszutauschen. „Wo sehen Sie sich in 20 Jahren?“, fragt Ederer eine angehende Studentin aus Klagenfurt: „Als Ärztin oder in einer internationalen Rechtsanwaltskanzlei?“

Man muss für etwas brennen

Ihre spontane Berufsberatung trifft einen Punkt. Die junge Frau ist gespalten, ihre Eltern sind beide Mediziner, es gibt eine Praxis zu übernehmen, sie zieht es aber mehr Richtung Rechtswissenschaft. Welchen Weg soll man einschlagen? „Der Bauch sagt einem das Richtige“, betont Ederer. „Am Ende des Tages muss man für etwas brennen. Man sollte sich selbst und seinen Werten treu bleiben. Ich wäre zum Beispiel keine gute Ärztin geworden, dafür fehlt mir die Geduld.“

Acht Studienstiftler/innen kamen mit Ederer ins Gespräch, es herrschte reger Austausch über sehr unterschiedliche Themen, von den Schwächen und Stärken der EU, welche Erfahrungen eine Frau in Führungspositionen macht, bis zur Frage wie die ehemalige Politikerin die Corona-Entscheidungen ihrer Kolleg/innen bewertet. „Wir haben alle zu Lebzeiten noch keine Pandemie erlebt, das ist eine neue Herausforderung“, sagt Ederer. „Wenn ich verantwortlich gewesen wäre, hätte ich es ruhig angegangen. Es ist leider nicht gelungen, die Bevölkerung langfristig zu motivieren.“

Was möchte ich in fünf Jahren erreicht haben?

Aber auch soziale Durchlässigkeit in der Gesellschaft war ein zentrales Thema. Gleich zu Beginn erzählt Ederer, dass sie ein uneheliches Kind ist, was in den Nachkriegsjahren als sozialer Makel galt: „Meine Mutter war eine einfache Frau. Aber eines war ihr wichtig: Ihr Kind sollte es besser haben. Sie hat alles getan, damit ich studieren konnte.“ Ederer zweifelt, ob eine Aufstiegsgeschichte wie ihre heute noch möglich wäre: „Die Gesellschaft hat sich verhärtet, die Durchlässigkeit ist geringer geworden.“

Eine Schülerin der Wiener HTL Rennweg möchte wissen, wie man mit dem Gegenwind umgeht, den man als Frau in Spitzenpositionen erfährt. „Ich hatte in der Politik immer Männer, die mich gefördert haben“, sagt Ederer. „Erst in der Wirtschaft habe ich gemerkt, dass es sehr wohl eine gläserne Decke gibt, dass es Frauen schwerer haben, in führende Positionen zu gelangen.“ Sie habe in ihrer gesamten Karriere keinen Mann erlebt, der sich einen Job nicht zugetraut hätte. Frauen seien viel selbstkritischer. „Das fängt schon bei der Erziehung an, Mädchen müsste mehr Selbstbewusstsein beigebracht bekommen.“

Sie habe sich stets die Frage gestellt: Was möchte ich in fünf Jahren erreicht haben? „Das Bohren harter Bretter ist sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik wichtig. Es gibt Widerstände, wenn man etwas verändern möchte.“ Sie erzählt sehr offen darüber, warum sie nach 17 Jahren in der Politik müde war. „Man erlebt sehr viel Hass, damals noch in Briefen und auf der Straße, soziale Medien gab es ja noch nicht in dem Ausmaß“. Welchen Preis bezahlt man in Führungspositionen? „Man ist einsam, weil man nur wenigen vertrauen kann.“

Bleibt noch die Frage, was sie jetzt in der Pension macht? „Ich passe viel auf die Kinder meiner Nichten auf und erfreue mich des Lebens. Und ich lese viel Zeitungen, vor allem die Wirtschaftsseiten.“

 

AUF EINEN BLICK

Die Österreichische Studienstiftung ist eine Initiative der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie fördert und begleitet junge Menschen, die Verantwortung in unterschiedlichsten Bereichen übernehmen wollen, ungeachtet ihrer sozialen Herkunft. Die Geförderten werden durch die Studienstiftung auf ihrem persönlichen und intellektuellen Werdegang begleitet und unterstützt.

Das ist die Studienstiftung


Die Studienstiftungsgespräche sind ein Angebot für alle jungen Mitglieder der Studienstiftung, sich mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in kleiner Runde treffen und austauschen zu können.

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