27.04.2021

Wehrmacht und Widerstand

Das Heldendenkmal im Äußeren Burgtor ist ein zentraler Gedächtnisort der Republik, der von Beginn an mit Konflikten verbunden war. Ein neues Buch nimmt diese nun unter die Lupe. Mitherausgeberin Heidemarie Uhl von der ÖAW erklärt im Interview die verschiedenen Schichten dieses Denkmals.

© Wikimedia/Txllxt TxllxT/CC BY-SA 4.0

Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg wurde 1934 als Prestigeobjekt der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur errichtet und den Gefallenen des Ersten Weltkrieges gewidmet. Nach 1945 wurden hier die Widersprüche und Konflikte der Zweiten Republik manifest. Das offizielle Österreich gedachte sowohl der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Wehrmachtssoldaten als auch des Widerstands gegen das NS-Regime. Hinzu kam: Der Bildhauer Wilhelm Frass, der die Skulptur des „Toten Kriegers“ in der Krypta geschaffen hatte, war illegaler Nationalsozialist gewesen. Er hinterlegte ein Zeugnis seiner politischen Haltung in einer Metallhülse im Sockel der Skulptur. Sein Mitarbeiter Alfons Riedel übermittelte der Nachwelt einen pazifistischen Gegenentwurf.

Um diese konfliktreiche Geschichte, die nach wie vor nicht abgeschlossen ist, geht es auch in dem neu erschienenen Band „Gedächtnisort der Republik. Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg“, das von der Historikerin Heidemarie Uhl vom Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und ihren Kollegen Richard Hufschmied (Heeresgeschichtliches Museum) und Dieter A. Binder (Universität Graz) herausgegeben wurde. Beleuchtet werden die unterschiedlichen Stationen, von der Planung und Umsetzung über patriotische Veranstaltungen zur Finanzierung, der Kontaminierung im Nationalsozialismus bis zu neuen Konzepten über die Rolle dieses zentralen Denkmals der Republik im 21. Jahrhundert. „Der Weiheraum für den Widerstand ist im Zustand von 1965. Eine Neugestaltung durchzuführen, wäre eine Aufgabe für die Zukunft“, so Uhl im Interview.

Was macht das Heldendenkmal am Äußeren Burgtor so speziell, dass Sie ihm ein ganzes Buch widmen?

Heidemarie Uhl: Spannend ist die Diskrepanz zwischen seiner praktischen Unsichtbarkeit und seiner Bedeutung als das einzige offizielle Denkmal der Republik Österreich für militärische Kriegstote und die Opfer des Nationalsozialismus. Das Heldendenkmal war 1934 das wichtigste geschichtspolitische Projekt der Dollfuß-Schuschnigg-Diktatur. Es war auch dezidiert ein Denkmal gegen das Rote Wien, das am Zentralfriedhof ein Friedens-Mahnmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs errichtet hatte.

Wie wurde es in der Zeit des Nationalsozialismus genutzt?

Uhl: Adolf Hitler legte nach seiner berühmten Rede am Heldenplatz einen Kranz nieder. Das Regime hat versucht, die österreichischen Gefallenen in seine militärische Tradition einzubinden.

Wie ging man nach 1945 mit diesem Ort um?

Uhl: Die ersten Aktivitäten waren eine Messe an Sonntagen für die Gefallenen. Kameradschaftsverbände und der Verband der Unabhängigen (VdU) haben bald schon versucht, diesen Ort für sich zu okkupieren. Das offizielles Österreich war bis zum Staatsvertrag sehr zurückhaltend. 1955 ist auch hier eine entscheidende Zäsur.  

Was hat sich mit Abschluss des Staatsvertrages verändert?

Uhl: Es herrschte die Meinung, dass alles, was bisher im Sinne der Opferthese nicht möglich gewesen war, nun doch wieder geht. Das sichtbarste Zeichen dafür war die Umdeutung der gefallenen Wehrmachtssoldaten von Opfern zu Helden. Im November 1955 fanden die ersten gemeinsamen Veranstaltungen von Kameradschaftsbund und dem neu gegründeten Bundesheer statt. Dass das offizielle Österreich nun auf das Heldengedenken an die Wehrmacht einschwenkte, zeigt sich an den 1958/1959 angebrachten Jahreszahlen 1939 und 1945.

Gab es Widerstand dagegen?

Uhl: Das ist eine sehr komplexe Zeit, wo der Rechtsradikalismus öffentlich wieder massiv auftrat. Erst durch Proteste konnte erreicht werden, dass 1959 am Heldendenkmal eine Tafel für den Widerstand angebracht wurde. 1965 wurde dann der Weiheraum für den österreichischen Widerstand eingerichtet.

Im Grunde handelt es sich also um zwei Denkmäler in einem, die in einem Spannungsfeld zueinanderstehen?

Uhl: Im Heldendenkmal werden die Widersprüche des österreichischen Gedächtnisses sichtbar, denn es besteht aus zwei konkurrierenden Gedenkorten: im linken Flügel des Burgtors das Gedenken für den Widerstand, im rechten für die Wehrmacht. Bis 2012 bleibt das so. Die Proteste gegen die Kranzniederlegungen deutschnationaler Burschenschaften am 8. Mai in der Krypta des Heldendenkmals haben 2012 das Bundesheer bewogen, dem Gerücht nachzugehen, dass sich im Sockel des Denkmals ein nationalsozialistisches Huldigungsschreiben des Bildhauers Wilhelm Frass befindet. Mit dem Fund dieses Schriftstücks war die Krypta verbrannte Erde. Seither haben hier auch keine offiziellen Kranzniederlegungen mehr stattgefunden.

Welche Rolle spielt das Bundesheer?

Uhl: Das Heldendenkmal hat Anstoß zu einem Klärungsprozess im Bundesheer gegeben. Es gab markante Änderungen: 2019 wurde ein Ehrenmal für das Bundesheer der Zweiten Republik errichtet und zugleich in der Krypta eine Tafel mit einer expliziten Distanzierung vom Nationalsozialismus angebracht. Das ist schon ein sehr starkes Statement.

Wie soll es weitergehen mit diesem Denkmal?

Uhl: Der Weiheraum für den Widerstand gegen das NS-Regime ist im Zustand von 1965. Weder wurden neue Opfergruppen eingeschrieben noch hat sich ästhetisch etwas verändert. Eine Neugestaltung wäre dringend notwendig. Und die Kontroversen um das staatlich-militärische Gedenken im Heldendenkmal haben gezeigt: Was am Heldenplatz fehlt, ist ein Denkmal der Republik Österreich. Das wären Aufgaben für die Zukunft.

 

AUF EINEN BLICK
 

Heidemarie Uhl ist Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien und Graz und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Das Buch „Gedächtnisort der Republik. Das Österreichische Heldendenkmal im Äußeren Burgtor der Wiener Hofburg“ wurde herausgegeben von Heidemarie Uhl, Richard Hufschmied und Dieter A. Binder. Es hat 464 Seiten mit 392 Abbildungen und ist 2021 im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen.

 


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