03.09.2021

"Thanados" macht Gräber zugänglich

ÖAW- Forscher/innen arbeiten an einer App, um alle publizierten Daten zu frühmittelalterlichen Grabfunden in Österreich Open Access zugänglich zu machen. ÖAW-Archäologin Nina Brundke erzählt im Interview, wie auch Laien interaktiv die Daten etwa nach der damaligen Skorbutrate, dem durchschnittlichen Sterbealter oder dem Vorkommen von Silberringen durchstöbern können, um mehr über die Lebensumstände des frühen Mittelalters zu erfahren.

Die Datenbank THANADOS sammelt Daten zu zehntausenden Grabfunden aus über 170 Jahren Forschungsgeschichte. © ÖAW/Daniel Hinterramskogler

Wie viele Frauen wurden im frühmittelalterlichen Österreich mit Goldschmuck bestattet? Wo litten die Menschen an einem Mangel von Vitamin C? – „THANADOS“, Akronym für „The Anthropological and Archaeological Database of Sepultures”, kann das beantworten. Für diese Datenbank werden Daten zu zehntausenden Grabfunden aus über 170 Jahren Forschungsgeschichte gesammelt und digitalisiert. „Unser Ziel ist, alle bekannten frühmittelalterlichen, das heißt, aus der Zeit zwischen dem 6. und 11. Jahrhundert stammenden Gräberfelder Österreichs zu erfassen“, erklärt Nina Brundke. Die Archäologin am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW leitet das Projekt gemeinsam mit Stefan Eichert vom Naturhistorischen Museum Wien. Im Interview schildert sie was Thanados zu bieten hat und gibt Einblick in ihre Arbeit.

Frau Brundke, das Thanados-Projekt hat im Juni 2019 gestartet und läuft noch bis Oktober 2021. Wo stehen die Arbeiten im Moment?

Nina Brundke: Bis Anfang 2021 haben wir 251 Gräberfelder mit über 3.000 Gräbern, 3.500 Bestattungen und 6.400 Funden erfasst. Bis Oktober wollen wir, alle bisher erforschten Gräberfelder im Gebiet des heutigen Österreich erfassen, die ins Frühmittelalter, also ungefähr auf das 6. bis 11. Jahrhundert datieren. Von der ersten Publikation vor etwa 170 Jahren, die sich mit dem Gräberfeld von Köttlach in Niederösterreich befasst, bis hin zu aktuellsten Forschungsarbeiten, sollen alle frühmittelalterlichen Grabfunde über „THANADOS“ zu finden sein. Wir rechnen damit, dass wir insgesamt etwa 500 Gräberfelder mit zehntausenden Gräbern und Grabbeigaben bearbeiten werden.

170 JAHRE FORSCHUNG IN EINER WEBAPP

Wie kann man sich das Sammeln und Digitalisieren all dieser Daten vorstellen?

Brundke: An Thanados arbeitet ein Team aus Archäolog/innen, Anthropolog/innen, Historiker/innen und Computerwissenschaftler/innen. Unsere Daten stammen aus wissenschaftlichen Büchern, Aufzeichnungen und Artikeln, die im Laufe der letzten rund 170 Jahre zu den frühmittelalterlichen Gräberfeldern in Österreich veröffentlicht wurden. Diese Publikationen werden in mühevoller Kleinarbeit gesichtet. Alle dort vorhandenen archäologischen und anthropologischen Daten zu Gräberfeldern, Gräbern, Bestattungen und Grabbeigaben werden dann in die Datenbank OpenAtlas eingegeben – Texte werden getippt, Abbildungen gescannt – um sie auf diese Weise strukturiert zu erfassen.

Bei dieser Open Source Technologie handelt es sich um eine Eigenentwicklung der ÖAW.

Brundke: Ja, die Open Atlas Datenbank ist ebenfalls an der ÖAW beheimatet, und zwar am Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage. Thanados, die von uns entwickelte Webapplikation, greift auf die in OpenAtlas gespeicherten Daten zu und macht sie auf einfache, anschauliche Weise zugänglich.

Zusätzlich bieten wir verschiedenste Möglichkeiten zum Download der Daten an. Dabei ist wichtig, dass jeder Eintrag über einen Persistent Identifier verfügt. Das heißt, er ist immer unter dem gleichen Link online zu finden und damit zitierbar und als Referenz nutzbar.

Was ist der Nutzen dieser archäologischen Plattform?

Thanados soll Forscher/innen die Arbeit erleichtern, indem all diese verstreuten, analogen Informationen nun gesammelt, digital und visuell aufbereitet zur Verfügung stehen. Aber auch die breite Öffentlichkeit ist herzlich eingeladen, die Plattform zu nützen, um einen Einblick in archäologisch-anthropologische Forschung und in diese Periode der österreichischen Geschichte zu bekommen.

DASHBOARDS ZUM FORSCHEN

Was können Interessierte in Thanados alles erfahren und entdecken?

Brundke: Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich hier archäologische und anthropologische Daten anzeigen zu lassen und die Gräberfelder, Gräber und Funde interaktiv zu erkunden. Die Daten können in Form von Texten, Abbildungen, Grafiken oder Geodaten, also Kartierungen, abgerufen werden. Inhaltlich hat man die Möglichkeit, sich einzelne Gräberfelder genauer anzuschauen. Man kann zum Beispiel Gräberfeldpläne mit Informationen zum Geschlecht der Bestatteten ansehen, oder eine Übersicht, welche Objekte in welchem Grab gefunden wurden.

Ich kann zum Beispiel fragen, wo überall Kopfschmuckringe aus Silber gefunden wurden. Oder ich kann mir auf einer Karte anzeigen lassen, wo Menschen mit bestimmten Krankheiten, wie etwa Skorbut beerdigt wurden."

Eine unserer neuesten Entwicklungen sind Dashboards, die für jedes Gräberfeld zur Verfügung stehen. Dort werden Informationen zu verschiedenen für Archäologie und Anthropologe wichtigen Parametern in Form von Diagrammen, Statistiken oder Netzwerkgraphen visualisiert. Man kann sich also beispielsweise Grabtiefen oder mittleres Sterbealter der Bestatteten in Grafiken anzeigen lassen. Gleichzeitig ist es natürlich auch möglich, jedes Grab und die dazu vorhandenen Daten einzeln anzusehen. Und es können auch Suchen durchgeführt werden, die mehrere Gräberfelder umfassen. Ich kann zum Beispiel fragen, wo überall Kopfschmuckringe aus Silber gefunden wurden. Oder ich kann mir auf einer Karte anzeigen lassen, wo Menschen mit bestimmten Krankheiten, wie etwa Skorbut, d.h. Vitamin C Mangel, beerdigt wurden.

AUCH FÜR BREITE ÖFFENTLICHKEIT

Abgesehen von inhaltlichen Aspekten, sind Ihnen auch technisch-ethische Standards wichtig?

Brundke: Genau, Thanados soll sowohl von Wissenschaftler_innen als auch von einer breiten Öffentlichkeit völlig frei und unkompliziert genützt werden können. Das ist uns extrem wichtig. Unter thanados.net kann die Website ohne irgendwelche Zugangsbeschränkungen eingesehen werden. Wichtig ist uns auch, dass wir ausschließlich mit Open Source Technologien arbeiten.

Thanados soll sowohl von Wissenschaftler/innen als auch von einer breiten Öffentlichkeit völlig frei und unkompliziert genützt werden können."

FAIR-PRINZIPIEN FÜR DATEN

Und auch die FAIR Principles der wissenschaftlichen Arbeit mit Daten liegen uns sehr am Herzen. Das bedeutet, die Daten sollen findable, accessible, interoperable und re-usable sein. Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Daten auch langfristig als Open Data unter offenen Lizenzen zur Verfügung stehen und nicht irgendwann, wie bei vielen anderen Projekten, möglicherweise nicht mehr zugänglich sind. Das ist uns ein großes Anliegen.

Gibt es Pläne für die Zukunft, über das unmittelbare Ende des Projekts hinaus?

Brundke: Schon bisher sind im Laufe des Projekts einige spannende internationale Kooperationen entstanden. Für die Zukunft würden wir derartige Kooperationen gerne weiter ausbauen und Thanados langfristig zu einer europäischen Forschungsdatenbank über heutige Staats- und historische Epochengrenzen hinweg machen.

 

AUF EINEN BLICK

Nina Brundke studierte Archäologie und Biologie in Deutschland und Österreich. Heute arbeitet sie als Osteoarchäologin am Österreichischen Archäologischen Institut und dem Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Gemeinsam mit Stefan Eichert vom Naturhistorischen Museum leitet sie das Thanados-Projekt, das durch das Go!Digital Next Generation-Programm der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gefördert wird.

THANADOS-PROJEKT

 


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