





Elizabeth I., Napoleon, Karl Marx, Franz Joseph I. und viele mehr: Es sind nicht primär Entscheidungen und Strukturen, die die Geschichte Europas erfahrbar und zugänglich machen, sondern dessen Menschen. Doch die Forschung zu Lebensgeschichten, die es lange gewohnt war, in einer nationalhistorischen Dimension zu denken, ist im Zeitalter von Globalisierung und europäischer Integration an ihre Grenzen gestoßen. Die Konferenz „Europa baut auf Biographien“ machte es sich daher zum Ziel, zur Überwindung dieser Grenzen beizutragen. Veranstaltet vom Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), dessen Forschungsbereich Österreichisches Biographisches Lexikon (ÖBL), dem Austrian Center for Digital Humanities der ÖAW und dem Institut für Stadt- und Regionalforschung der ÖAW wurden bei der mehrtägigen Tagung in Kooperation mit der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) Ansätze, Methoden und Perspektiven der biographischen Forschung ausgelotet. Und damit neue Grundlagen für die Erforschung von Lebensgeschichten im Europa des digitalen 21. Jahrhunderts skizziert.
„Biographische Information ist von grundlegender Bedeutung für unsere Kultur“, stellte Johanna Rachinger, Generaldirektorin der ÖNB, zum Auftakt der Konferenz fest. Denn es sind Menschen, die Leistungen erbringen und die als Schöpfer/innen derselben wahrgenommen werden. Daher sei die wissenschaftliche Aufarbeitung von Lebensgeschichten durch die Biographik, so die ÖNB-Generaldirektorin weiter, von großer Wichtigkeit.
Biographik im Umbruch
Die Biographik befindet sich freilich in einem Umbruch, wie auch ÖAW-Klassenpräsidentin Brigitte Mazohl zum Beginn der Konferenz bestätigte. Dieser Umbruch steht vor allem mit einem in Zusammenhang: den „Möglichkeiten, die die digitale Revolution mit sich gebracht hat und die mittlerweile nahezu alle Bereiche der Geisteswissenschaften erfasst haben“, wie Mazohl unterstrich.
Auch an Forschungseinrichtungen der ÖAW wird dieser Umbruch vollzogen. Neben dem Austrian Center for Digital Humanities der ÖAW und dem Institut für Stadt- und Regionalforschung ist es vor allem das Institut für Neuzeit- und Zeitgeschichtsforschung (INZ) sowie dessen ÖBL, die die biographische Forschung neu ausrichten. „Das ÖBL ist eines von wenigen Einrichtungen, die systematische und transnationale Grundlagenforschung betreiben“, führte Michael Gehler, Direktor des INZ, aus. Diese transnationale Ausrichtung schaffe am ÖBL geeignete Voraussetzungen, um die Bemühungen zur Entwicklung einer europäischen Biographik voranzutreiben.
Innovative Methoden, vernetzte Inhalte
Dem diente auch die Tagung „Europa baut auf Biographien“, wie Gehler betonte: „Die Konferenz hat sich zum Ziel gesetzt, Ausgangspositionen zu benennen, Dimensionen zu erkennen und Perspektiven für eine Biographie der Europäistik oder eine europäische Biographik zu entwickeln.“ Dies beinhalte einerseits, innovative Ansätze und Methoden der digitalen Welt, von der Modellierung von Biographiedaten über historische Netzwerkanalysen bis zu neuen sich daraus ergebenen Forschungsfragen, zu bündeln und miteinander zu verknüpfen. Anderseits gehe es aber auch darum, der Europäisierungsforschung neue Impulse zu geben, indem die nationalen Biographiesammlungen aus unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet und deren Vernetzung vorangetrieben wird.
Am Ende des gemeinsamen Weges, den die ÖAW nicht zuletzt mit dieser Konferenz beschreitet, soll nichts weniger stehen als ein neues Lexikon Europas – eine gemeinsame wissenschaftliche Biographie der Europäerinnen und Europäer.