Die Akademie der Wissenschaften in Wien 1938–1945

Der „Anschluss“ im März 1938 bedeutete für die Akademie der Wissenschaften in Wien eine tiefgreifende Zäsur. Der Historiker Oswald Redlich trat als Akademiepräsident zurück, die Akademie legte die Leitung in die Hand des Botanikers und korrespondierenden Mitglieds Fritz Knoll, eines illegalen Nationalsozialisten, der von der NSDAP zum kommissarischen Rektor der Universität Wien ernannt worden war. Am 1. April 1938 wurde der Historiker Heinrich Srbik, ein Vordenker des „Anschlusses“, auf Vorschlag des Unterrichtsministers im österreichischen „Anschluss“-Kabinett und Akademiemitglieds Oswald Menghin mit 43 von 44 Stimmen zum neuen Akademiepräsidenten bestellt und im Juni gleichen Jahres vom Reichsstatthalter Arthur Seyß-Inquart in dieses Amt ernannt. Srbik übte es bis zum 18. Mai 1945 aus. Am 1. Mai 1938 trat er der NSDAP bei.
Nationalsozialisten übernehmen die Führung, jüdische Mitarbeiter:innen werden entlassen
Fritz Knoll machte es zu einer seiner ersten Aufgaben, die Institute der Akademie von Juden zu „säubern“. 45 Mitarbeiter:innen jüdischer Herkunft wurden entlassen, renommierte jüdische Institutsleiter durch illegale Nationalsozialisten ersetzt: Leo Hajek, ein Pionier der Tonaufnahme, wurde am Phonogramm-Archiv durch eine wissenschaftliche Hilfskraft ersetzt. Hans Przibram, der Mitbegründer und Leiter der Biologischen Versuchsanstalt (BVA) im Wiener Prater, musste einem Techniker weichen. Stefan Meyer, der dem Institut für Radiumforschung Weltruhm verschafft hatte, und sein Stellvertreter Karl Przibram wurden durch ihren bisherigen Assistenten ersetzt. Die BVA verlor rund zwei Drittel ihres wissenschaftlichen Personals, darunter Eugen Steinach, den Pionier der Hormonforschung. Das Radiuminstitut verlor rund ein Drittel der Mitarbeiter:innen, darunter die namhafte Physikerin Marietta Blau. Die entlassenen Mitarbeiter:innen überlebten im Untergrund oder wurden zur Emigration gezwungen. Sieben Akademieangehörige fielen dem Holocaust zum Opfer, ein Mitarbeiter der Kirchenväterkommission wurde als Regimekritiker hingerichtet.
Jüdische Mitglieder müssen die Akademie verlassen
Zwischen November 1938 und Februar 1941 mussten sechs ordentliche und 15 korrespondierende Mitglieder die Akademie der Wissenschaften in Wien verlassen – 20 aus „rassischen“ Gründen – unter ihnen die Nobelpreisträger Victor Franz Hess und Richard Willstätter – sowie der Physiker Erwin Schrödinger, ebenfalls ein Nobelpreisträger, weil er politisch unliebsam war. Mit 21 Ausschlüssen verzeichnete die Akademie der Wissenschaften in Wien unter den deutschen Akademien die größte Zahl an vertriebenen Mitgliedern. 1945 kommentierte Srbik seinen Anteil an den Ausschlüssen lapidar wie folgt: „Ich musste dem Ausschließungsbefehl des Reichswissenschaftsministeriums Folge leisten und habe es in der schonendsten Weise getan.“
Die Wegbereiter des Nationalsozialismus machen an der Akademie Karriere

Nationalsozialisten rückten in die freigewordenen Stellen für ordentliche Mitglieder nach, unter ihnen auch namhafte Wissenschaftler wie der Botaniker Fritz Knoll (1939), der Altorientalist Viktor Christian (1939), der Bauingenieur Rudolf Saliger (1939), der Anatom Eduard Pernkopf (1940), der Mathematiker Karl Mayrhofer (1941), der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr (1941) und der Historiker Otto Brunner (1944). Darunter befanden sich die drei NS-Rektoren der Universität Wien (Knoll, Pernkopf und Christian) sowie der „Anschluss“-Rektor der Technischen Hochschule Wien (Saliger). Sie machten im Nationalsozialismus an der Akademie Karriere. Zwei Drittel der neu gewählten Akademiemitglieder waren zum Zeitpunkt ihrer Wahl unter Srbiks Präsidentschaft bereits NSDAP-Mitglieder. Hinweise auf vom Reichserziehungsministerium (REM) in Berlin oktroyierte Zuwahlen von Nationalsozialisten liegen nicht vor.
Ältere Akademiemitglieder wie der Ägyptologe Hermann Junker, der Prähistoriker Oswald Menghin und Präsident Srbik hatten als Mitglieder antisemitischer Vereinigungen und des Deutschen Klubs, dem Sammelbecken österreichischer Anschlussbefürworter, schon vor 1938 den Boden für die Machtübernahme der Nationalsozialisten an der Akademie bereitet. Bis 1939 wurden 17 der 19 Mitglieder der sogenannten Bärenhöhle, eines geheimen Kreises antisemitischer Professoren an der Universität Wien, der in der Zwischenkriegszeit erfolgreich Karrieren jüdischer Wissenschaftler:innen verhindert hatte, in die Akademie gewählt. Unter ihnen befanden sich prononcierte Antisemiten wie der Bärenhöhle-Gründer und Paläobiologe Othenio Abel der der Musikwissenschaftler Robert Lach.
Die Akademie der Wissenschaften in Wien war – gerechnet nach der NSDAP-Zugehörigkeit ihrer Mitglieder – die nationalsozialistischste Wissenschaftsakademie des „Dritten Reiches“: Vor dem Verbot des NSDAP im Mai 1945 war mehr als jedes zweite Akademiemitglied auch Mitglied der NSDAP gewesen.
Die nazifizierte Akademie
Im April 1938 gab sich die Akademie eine nationalsozialistische Satzung. Sie nahm das Führerprinzip auf, stellte ihre Tätigkeit „in den Dienst des deutschen Volkes“ und beschränkte die Zuwahl von ordentlichen Mitgliedern auf „Reichsbürger“. Auch die Stiftungen und Preise, Akademiekommissionen sowie die Forschungsprogramme wurden nazifiziert: 1942 wurde eine neue Kommission zur Herausgabe von Schriften zur Rassenkunde und menschlichen Erblehre eingesetzt. Der älteste Akademiepreis, der Ignaz L. Lieben-Preis, wurde wegen des jüdischen Hintergrunds der Stifterfamilie eingezogen. Die Forschung wurde auf die für Staat und Partei bedeutende Volkstums- und Kernforschung ausgerichtet. Srbiks Ambitionen, die Akademie auszubauen und stärker an die NS-Wissenschaft des „Altreichs“ anzubinden, wurden durch die Berliner Zentralstellen vereitelt. Wien war als Wissenschaftsstandort ein Nebenschauplatz. Trotzdem blieb die Akademie bis 1945 linientreu auf NS-Kurs. Im Februar 1945 setzte sich Srbik nach Tirol ab.
Entnazifizierung ohne Konsequenzen
Im Mai 1945 wählten die in Wien verbliebenen Mitglieder eine neue interimistische Leitung, den Chemiker Ernst Späth und den Philologen und Pädagogen Richard Meister, der Mitglied der antisemitischen Professoren-Clique Bärenhöhle gewesen, aber in der NS-Zeit politisch unauffällig geblieben war. Meister betrieb die ungewollte Entnazifizierung im Rahmen der gesetzlichen Notwendigkeiten so schleppend wie möglich: Ab August 1945 stellte er die Akademiemitgliedschaft der ehemaligen NSDAP-Parteigänger ruhend. Vier ehemalige NSDAP-Mitglieder – Christian, Knoll, Mayrhofer und Pernkopf – wurden im Oktober ausgeschlossen. 1946 auch noch Oswald Menghin. 1948 hob Meister die Ruhendstellungen und Ausschlüsse auf der Grundlage des Amnestiegesetzes wieder auf. Die meisten ehemaligen Nationalsozialisten (auch Srbik) schienen schon im ersten nach 1945 publizierten Mitgliederverzeichnis (1949 für 1948) wieder auf. Sie konnten neue Mitglieder wählen und bestehende Forschungsprogramme mit den vorhandenen Apparaturen und den in der NS-Zeit gesammelten Materialen in angepasster Form fortführen. Während an den Hochschulen viele ehemalige Nationalsozialisten auf Dauer ausgeschlossen blieben, legte sich durch die Reaktivierung ihrer Akademiemitgliedschaft in der Zweiten Republik ein langer Schatten des Nationalsozialismus auf die Österreichische Akademie der Wissenschaften.