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Musikwissenschaft

Wie klingt der Gemeindebau?

Die Vielfalt des Gemeindebaus spiegelt sich auch in den musikalischen Vorlieben seiner Bewohner:innen wider. Warum das zu Konflikten führt, wie durch Musik aber auch Gemeinschaft entstehen kann, hat ein Forschungsprojekt mit Beteiligung des Phonogrammarchivs der ÖAW im Anton-Figl-Hof im 14. Wiener Gemeindebezirk untersucht.

06.11.2024
Die musikalischen Vorlieben im Anton-Figl-Hof untersucht ein Forschungsprojekt mit Beteiligung der ÖAW. © Wikicommons

Wie spiegelt sich die Vielfalt des Gemeindebaus in den musikalischen Vorlieben der Bewohner:innen wider? Welche Rolle spielt Musik und Klang im Alltag, aber auch darin, wie Gemeinschaft imaginiert und Nicht-Zugehörigkeit verhandelt wird? Diesen Fragen widmete sich das Forschungsprojekt „Klingender Gemeindebau“ in Zusammenarbeit mit dem Music and Minorities Research Center der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, Mitarbeiter:innen von Wiener Wohnen und wohnpartner sowie dem Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. ÖAW-Musikethnologin Jasemin Khaleli erklärt im Interview, wie sich das Projekt den Bewohner:innen des Anton-Figl-Hofs im 14. Wiener Gemeindebezirk unter dem Gesichtspunkt der musikalischen Identifikation nähert. 

Trennend & verbindend: Musik im Gemeindebau

Warum fiel die Wahl auf den Anton-Figl-Hof?

Jasemin Khaleli: Er ist mittelgroß, eignet sich daher gut für die Forschungsphase von eineinhalb Jahren und hat als Nachkriegsbau aus den späten 1950er-Jahren im Unterschied zu anderen prestigeträchtigen Gemeindebauten des „Roten Wien“ nur wenige Gemeinschaftsräume. Besonders während der Corona-Pandemie gab es also nur in den Innenhöfen die Möglichkeit, sich zu treffen und Zeit miteinander zu verbringen. Neben den musikalischen Aktivitäten vor Ort haben wir mit 22 Personen Interviews geführt – von einer halben Stunde bis zu zwei Stunden.

Lärmbelästigung ist ein großes Thema in Gemeindebauten.

Was war das Thema dieser Gespräche?

Khaleli: Der Start jedes Interviews war die Frage, welche Rolle Musik im Leben der Bewohner:innen spielt. Uns haben alle geantwortet, dass sie gern Musik hören. Dann haben wir über ihren Musikgeschmack geredet. Aber auch darüber, wie sie ihren Hof musikalisch und klanglich wahrnehmen. Diese Frage zielte auf die Dynamiken zwischen unterschiedlichen Bewohner:innengruppen ab. Lärmbelästigung ist ein großes Thema in Gemeindebauten, einfach weil viele Menschen auf engem Raum zusammenleben. Es ging aber auch um die Frage, was sie sich für den Hof musikalisch wünschen würden. Ob es Aktivitäten gibt, auf die sie Lust hätten. Darauf haben wir reagiert mit Auftritten von Bands wie der Nino aus Wien oder Moša Šišic & Band. Zudem gab es partizipative Formate wie einen Karaoke-Nachmittag und einen Instrumentalworkshop mit Kindern.

Von Balkan- bis Bollywood-Hits 

Welche Konfliktfelder gab es?

Khaleli: Im Endeffekt zeichneten sich die Konflikte zwischen zwei Gruppen ab, die „Alteingesessenen“ und die „Neuzugezogenen“, auch wenn hiermit die Wahrnehmung der ersten Gruppe gegenüber der zweiten gemeint ist, die in sich sehr heterogen ist. Erstere haben sich über die laute Musik im Hof beschwert, auch das Alter spielt da hinein. Wir haben versucht, diese Konflikte abzubilden. Aber wir wollten auch untersuchen, welches Potenzial die Musik für das Zusammenkommen und einen interkulturellen Dialog haben kann. Es gibt eine Gruppe von Frauen, die sich nicht aufgrund ihrer Herkunft zusammengeschlossen hat, sondern eher durch die geteilte Lebenswelt als Mütter. Sie treffen sich tagsüber im Hof und tauschen ihre Lieblingsmusik aus. Das reicht von Balkan- bis zu Bollywood-Hits, die die Bewohner:innen über eine ehemalige Nachbarin aus Indien kennen und tanzen gelernt haben. Die Texte wurden für die jeweils Anderssprachlichen übersetzt. So bekamen diese einen Zugang zu den Liedern.

Musik hat tatsächlich Brücken geschlagen.

Wie kamen die öffentlichen Konzerte und Veranstaltungen an?

Khaleli: Es wurde mitgetanzt und mitgesungen, Musik hat tatsächlich Brücken geschlagen. Ich bekam die Rückmeldung, dass sich an diesem Tag sogar „verfeindete Nachbar:innen“ im Kreistanz wieder die Hand reichen konnten. Solche Momente haben Potential, obwohl sie natürlich keine grundlegenden Probleme wie den Mangel an Ressourcen und Xenophobie ändern können. Viele Bewohner:innen fanden schön, dass man durch die Linse der Musik ins Gespräch kam. Dass nicht der Fokus auf etwas Negativem wie Konfliktdynamiken gelegt wird. Dadurch fühlten sich die Menschen anders gehört, sie konnten über ihre Interessen und Leidenschaften reden. So zum Beispiel hat sich eine Person, die aus dem Irak geflüchtet war und seit einigen Jahren im Anton-Figl-Hof wohnt, am Ende bedankt, endlich einmal über ein Thema sprechen zu können, das freudvoll ist, und Erinnerungen an ihre Heimat und ihre Fluchtgeschichte über einen anderen Fokus zu erzählen.

 

AUF EINEN BLICK 

Jasemin Khaleli hat Musik-, Kunst- und Medienwissenschaften an der Universität Wien und Philipps-Universität Marburg studiert. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Phonogrammarchiv der ÖAW im Kooperationsprojekt ÆSR Lab - Applied/Experimental Sound Research Laboratory.