Zurück
Digitales kulturelles Erbe

WEB-Lexikon über vergessene Wörter

Was hat die Kartoffel mit der Trüffel zu tun? Wann ist ein Mensch "takt"? Und warum ist es unhöflich, beim Essen zu "daufen"? Antworten darauf findet man im weiterentwickelten Online-Wörterbuch zu den bairischen Mundarten in Österreich und Südtirol, erzählt ÖAW-Sprachforscher Philipp Stöckle.

10.12.2024
© AdobeStock

Vieles klingt für uns heute fremd bis unverständlich. Aber lange sagte man im Dialekt, jemand "dauft", wenn es einer Person beim Essen an Manieren fehlte. Man wusste auch, was es bedeutet, wenn jemand nach einer durchzechten Nacht wieder "takt" ist. Und was gemeint ist, mit einem "gscheckerten Wurstl zu tandern". Der Sprachforscher Philipp Stöckle vom Austrian Centre for Digital Humanities und Cultural Heritage (ACDH-CH) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschäftigt sich mit den Veränderungen in der Sprache. Er untersucht und beschreibt Dialektwörter und Ausdrücke, die nur mehr selten verwendet werden.

Stöckle ist seit 2016 redaktioneller Leiter des „Wörterbuchs der bairischen Mundarten in Österreich“ (WBÖ), ein 1911 initiiertes Langzeitprojekt der ÖAW, das den bairischen Wortschatz in Österreich und dem benachbarten Südtirol dokumentiert. Im Laufe des 20. und frühen 21. Jahrhunderts sind insgesamt fünf gedruckte Bände des Wörterbuchs erschienen, die die Artikelstrecken A, B/P, C, D/T und E abbilden. Im Jahr 2020 machte das Wörterbuch den Wechsel ins Internet. Seither werden die Artikel ab dem Buchstaben F auf dem „Lexikalischen Informationssystem Österreich“ (LIÖ) online gestellt. Die gedruckten Bände werden nun retro-digitalisiert und im neuen Gewand online veröffentlicht. „Heuer haben wir den vierten Band überarbeitet, er umfasst die Buchstaben D und T. Nächstes Jahr folgt der fünfte mit E. Parallel bearbeiten mein Team und ich die Strecke G und K“, so Stöckle. G und K klingen im bairischen Dialekt oft gleich, wie etwa bei dem Wort "knotzen" bzw. "gnotzen", deshalb werden die beiden Buchstaben gemeinsam behandelt.

Quelle für Mundarten

Das historische Material des WBÖ wird nicht nur für lexikographische Zwecke genutzt, sondern auch für andere Forschungszwecke, wie beispielsweise die Untersuchung von Sprachwandel im Vergleich mit neueren Dialektdaten. Zudem beschreitet das WBÖ beim Verfassen der Artikel neue Wege, indem die lexikographische Arbeit künftig durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz unterstützt wird.

Das Online-Dialektwörterbuch ist eine faszinierende Quelle, um den mundartlichen Sprachschatz zu erkunden. Aber auch, um die Genese von Wörtern, die wir heute noch verwenden, besser zu verstehen. Es wendet sich explizit nicht nur an Expert:innen und Sprachforscher:innen, sondern auch an die interessierte Öffentlichkeit. Wir haben fünf Begriffe herausgegriffen, um zu zeigen, wie spannend das sein kann.

TANDERN

Wir kennen den Ausdruck Tandler noch heute für einen Altwarenhändler. Eher abwertend hingegen ist das Wort tandern. Früher bedeutete es, dass man seine Zeit totschlägt oder ineffektiv arbeitet. Neutraler und allgemeiner konnte man es verwenden, um zu beschreiben, dass man mit einem Gegenstand spielerisch hantiert, oder dass Kinder mit etwas spielen. Auch die Spielzeuge hatten lustige Namen: Flöcköhunderl oder gscheckert Wurstln sagte man zu Stoffhündchen.

Takt

Selbst nach einer durchzechten Nacht kann man wieder takt sein. Man drückte mit diesem Adjektiv aus, dass man wieder bei Kräften ist. Man konnte aber auch takt für sein Alter sein, also ziemlich rüstig, oder damit betonen, dass jemand von sympathischer Wesensart ist. Da bin ich takt beschreibt auch, dass man im Beruf kompetent ist. Seine Wurzeln in der Musik zeigt takt etwa bei gleichmäßigen Handlungen. Ist jemand sehr rhythmisch und harmonisch unterwegs, so geht er oder sie schön takt.

Tartúffel

Eigentlich handelt es sich um ein italienisches Lehnwort für den Trüffel, da er dem Erdapfel, einer damals noch neuen bzw. selteneren Gemüsesorte im Aussehen sehr ähnlich war. Im Wieser Kochbuch von 1795 stand, „man nehme ein Stück von einem Artofel“. Ende des 16. und Anfang des 17. Jahrhunderts setzte sich dann die Bezeichnung Kartoffel durch. Als Abwandlungen gab es daneben auch die Erdtoffel, die dem Erdapfel schon sehr ähnlich war.

Techteln

Bei einem Techtelmechtel ist allen klar, was gespielt wird: eine oft unerlaubte oder geheime sexuelle Beziehung, die (dann hoffentlich von beiden Seiten) nicht ganz ernst genommen wird. Zu techteln bedeutete aber in den Dialekten lange Zeit auch, gedankenlos und gleichförmig dahinzureden. Wenn einem das auf die Nerven ging, dann sagte man einfach: Heng ainmal, ös is Zeit, dein dunáschláchtigs Techteln. Also: Hör' dein verfluchtes, sinnloses Gerede auf. Ebenso konnte techteln aber auch leicht regnen, also nieseln, bedeuten.

Daufen

Nicht nur beim Fine Dining geht daufen gar nicht. Wer sein Essen hastig verschlingt, unschön isst oder sogar hinunterwürgt, der muss sich sagen lassen, er solle doch besser kauen: ḡu̇ət khai, et lai ḏau̇v əs aßn ahȱ inin. Auch nicht sonderlich ordentlich ist, wenn man die Bettwäsche oder sein Hemd zerdauft, also zerknittert.