Warum wir fasten: Zwischen Buße, Selbstkontrolle und Zellerneuerung
02.04.2026
Ob Verzicht auf Süßigkeiten, Alkohol oder Social Media – Fasten erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance. Während viele Menschen darin vor allem eine Form der Selbstfürsorge sehen, war der ursprüngliche Gedanke ein anderer. In den großen Religionen galt Fasten über Jahrhunderte als spirituelle Praxis, als Bußübung und als Ausdruck der Verbindung zu Gott, so Christian Gastgeber, Historiker am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), im Gespräch.
Warum ist Fasten in so vielen Religionen verankert?
Christian Gastgeber: Fasten ist ein Erbgut, das auch das Christentum aus dem Judentum übernommen hat. Aber auch antike Kulte kannten den Speisenverzicht als religiöse Handlung. Wichtig ist der Kontext: Es gab bewusstes Fasten – also den Verzicht auf eigentlich essbare Nahrung aus moralischen oder religiösen Gründen – und Formen des Verzichts aus gesundheitlichen Motiven. Religiöses Fasten konnte von einer ganzen Gemeinschaft praktiziert werden, etwa als Gemeindefasten, von kleineren Gruppen, in Trauersituationen, oder als persönliche fromme Leistung.
Fasten gehörte zu jenen Handlungen, mit denen man sich religiöse Verdienste erwerben konnte.
Welche Idee steckt hinter dem Fasten?
Gastgeber: Zentral ist der Gedanke der Buße. Durch den Verzicht sollte Gott beeindruckt werden, damit er das Gebet erhört. Fasten gehörte gemeinsam mit Gebet und Almosengeben zu jenen Handlungen, mit denen man sich religiöse Verdienste erwerben konnte. Gleichzeitig schrieb man dem Fasten auch körperliche Reinigungseffekte zu. Daher galt der Zustand des Fastens als ideal, wenn besondere religiöse Handlungen stattfanden, etwa Taufen. Im Volksglauben gab es außerdem die Vorstellung, dass mit Nahrung auch schädliche Geister in den Körper gelangen könnten. Nahrungsmittel, die im Körper eine Veränderung verursachten, etwa Rausch, Blähung, Ausschlag, waren sehr schnell einem Schadgeist zugeschrieben. Generell bestand an Örtlichkeiten wie einem Friedhof eine Gefahr, dass man böse Geister in sich aufnahm.
Die Geschichte des Fastens
Wie hat sich die christliche Fastenzeit entwickelt?
Gastgeber: Die heute bekannten 40 Tage entstanden erst im 4. Jahrhundert. Ursprünglich fasteten Christ:innen nur wenige Tage vor Ostern. Im Westen entwickelte sich daraus eine sechswöchige Fastenzeit, im Osten eine siebenwöchige. Um symbolisch auf die 40 Tage Jesu zu kommen, wurden im Westen noch vier zusätzliche Tage vor dem ersten Fastensonntag ergänzt – von Aschermittwoch bis Samstag.
Zum Leben gehört sowohl körperliche als auch geistige Nahrung.
Wie kann man sich die 40 Tage Jesu in der Wüste vorstellen?
Gastgeber: Die Evangelien liefern erstaunlich wenige Details über das Fasten selbst. Wichtig ist vor allem der Rahmen für die drei Versuchungen durch den Teufel. Ort und Situation – allein in der Wüste, erschöpft und hungrig – erzeugen eine extreme Ausnahmesituation. Der Teufel will Jesus genau in diesem Moment der Schwäche in Versuchung führen. Als er ihn auffordert, Steine in Brot zu verwandeln, antwortet Jesus: Der Mensch lebt nicht nur vom Brot, sondern auch vom Wort Gottes. Damit wird eine zentrale Botschaft formuliert: Zum Leben gehört sowohl körperliche als auch geistige Nahrung.
Warum spielt gerade die Zahl 40 eine Rolle?
Gastgeber: Sie hat einen starken symbolischen Hintergrund. Auch Moses und der Prophet Elias fasteten 40 Tage. Moses tat dies am Berg Sinai, als er die Zehn Gebote empfing. Elias wiederum nahm eine 40-tägige Fastenreise auf Geheiß eines Engels auf sich. Für die frühen Christen war diese Zahl daher unmittelbar mit spiritueller Vorbereitung und göttlicher Aufgabe verbunden.
Jesus als "Fresser und Säufer"?
Wie stand Jesus selbst zum Fasten?
Gastgeber: Ihm wurde sogar vorgeworfen, freiwillige Fastentage nicht einzuhalten. Kritiker bezeichneten ihn deshalb polemisch als „Fresser und Säufer“. Jesus kritisierte vor allem das demonstrative Fasten. Wer öffentlich zeigt, wie sehr er verzichtet, betreibt eine Art religiöse Inszenierung. Jesus hat damit das Zurschaustellen des Fastens vor der Gemeinschaft als „schauspielerische Performance“ gemeint. Für ihn sollte Fasten ein innerer Akt sein – eine persönliche Beziehung zwischen Mensch und Gott, nicht eine Leistung für das Publikum.
Gab es in Österreich besondere Fastentraditionen?
Gastgeber: Ja, etwa die sogenannte Fastensuppe oder „Stosuppe“. Sie besteht aus einfachen Zutaten wie Wasser, Sauermilch, Sauerrahm, Mehl, Kümmel und Salz und war vor allem im Südosten Österreichs verbreitet. In Kirchen wird während der Fastenzeit außerdem oft ein Fastentuch verwendet, das das Kreuz verhüllt. Und natürlich kennt man hierzulande den Heringsschmaus am Aschermittwoch. Allerdings hat man manchmal den Eindruck, dass dabei der Gedanke des Verzichts etwas in den Hintergrund tritt. Das zeigt sich auch im überreichen Angebot an Mehlspeisen, die als Ersatznahrung für Fleisch – und nach Aufhebung der Ausnahme von Eiern und Milch als verbotenes, weil tierisches Nahrungsmittel in der Fastenzeit – eine besondere Rolle spielten und perfektioniert wurden.
Social Media-Verzicht in der Fastentradition
Viele Menschen verzichten heute auf Social Media oder Konsum. Ist das auch Fasten?
Gastgeber: Im religiösen Sinn nicht ganz. Christliches Fasten ist auf ein höheres Ziel ausgerichtet und mit dem Gottesdienst verbunden. Es geht um Buße, Selbstreflexion und die Beziehung zu Gott. Wenn man die religiöse Dimension ausklammert, bleibt aber ein wichtiger Kern: die bewusste Selbstbeschränkung und die Fähigkeit, das eigene Verhalten zu korrigieren und zu reinigen.
Moderne Formen des Verzichts haben diesen Dialogpartner verloren.
Ist Fasten heute zu sehr zu einer Form der Selbstoptimierung geworden, anstatt anderen zu geben?
Gastgeber: Ursprünglich ging es nicht darum, Nahrung zu sparen, um sie anderen zu geben. Almosen waren zwar ein wichtiger Bestandteil des christlichen Lebens, aber eine eigene Praxis. Fasten sollte vor allem die persönliche Beziehung zu Gott stärken. Moderne Formen des Verzichts haben diesen Dialogpartner verloren. Dennoch bleibt ein Grundgedanke bestehen: Der Mensch kann sein Verlangen durch Vernunft kontrollieren und sein Leben bewusst verändern.
Beim Fasten wurde aber auch getrickst, oder?
Gastgeber: Natürlich. Wo Menschen sind, gibt es kreative Auslegungen. Schon früher wurde diskutiert, welche Lebensmittel erlaubt sind und welche nicht. Selbst in der Fastenzeit gab es einen Lockerungstag am Donnerstag. Denn Fasten bedeutete auch den Verzicht auf Baden. Nur wie wäre dann die Gemeinde am Ostersonntag nach 40-tägigem Waschverzicht in der Kirche zusammengekommen? Sehr realistisch wurden daher für die Osterliturgie das frische Gewand und das Bad eingefordert. Letztlich hing die Strenge der Fastenpraxis stark davon ab, wie sehr sie von kirchlichen Autoritäten oder von der Gesellschaft eingefordert wurde. Wir finden Kirchenhäupter, die mit sehr toleranten Ansichten verwundern; es gibt aber auch die Fanatiker und Rigoristen.
AUF EINEN BLICK
Christian Gastgeber studierte Klassische Philologie an der Universität Wien und schloss 2001 sein Doktoratsstudium am Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien ab (Promotio sub auspiciis). 2010 erfolgte die Habilitation an der Universität Wien. Er ist Privatdozent wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie Projektleiter an der Abteilung Byzanzforschung des Instituts für Mittelalterforschung der ÖAW.
