Ukraine: Wieviel Kulturerbe wurde zerstört?
08.02.2026
Materielles und immaterielles Kulturerbe wird durch Kriege massiv beschädigt. In der Ukraine ist es schwierig, das gesamte Ausmaß dieser Zerstörung zu erfassen, insbesondere in den aktiven Militärzonen im Osten und Süden des Landes. Als bestätigt gilt allerdings, dass das russische Militär bewusst Museen, Kirchen und Bibliotheken ins Visier genommen hat, die für das ukrainische Volk von Bedeutung sind.
Forscher:innen versuchen, die Zerstörung des ukrainischen Kulturerbes mithilfe von Satellitendaten zu dokumentieren, wie beispielsweise durch das amerikanische Conflict Observatory. Aber erst Bodenbeobachtungen können ein konkretes Bild geben, betont Ian Kuijt, Professor für Anthropologie an der University of Notre Dames (USA). Er war Teil eines internationalen Teams von Archäolog:innen und Filmemacher:innen, das zwischen 2023 und 2025 während drei Aufenthalten in der Zentral- und Nordostukraine die gezielte Zerstörung von Kulturerbe dokumentierte. Daraus sind mehrere Kurzfilme entstanden, unter anderem „Targeting Beauty“, die auf internationalen Filmfestivals gelaufen sind. Im Gespräch erklärt Kuijt, der im Dezember 2025 am Österreichischen Archäologischen Institut der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) eine neue Vortragsreihe eröffnete, welche Herausforderungen es dabei gab.
Krieg gegen die Kultur
Warum ist es wichtig, die Dokumentation über die Zerstörung des Kulturerbes in der Ukraine voranzutreiben?
Ian Kuijt: Ein Großteil der internationalen Aufmerksamkeit, die der Ukraine derzeit entgegengebracht wird, hängt entweder mit der Art des militärischen Konflikts oder mit dem Verlust von Menschenleben zusammen. Aber es gibt noch eine andere, verborgene Geschichte, wie sich dieser Krieg auf Geschichte, Identität und Kultur auswirkt. Kirchen, Museen, Bibliotheken sind bewusst Ziele der russischen Angriffe. In Wirklichkeit konzentriert sich diese umkämpfte Landschaft auf die Frage, welche Kultur man hat, ob man russisch oder ukrainisch ist. Um zu dokumentieren, was in welchem Ausmaß zerstört ist, muss man vor Ort sein. Aber viele Gebiete des Landes können gar nicht betreten werden. Wir können zwar über Satelliten, wie sie auch die UNESCO verwendet, feststellen, welche Kirchen beschädigt sind. Wir wissen dann zwar, dass der Himmelfahrtskirche in Lukaschiwka ein Teil des Dachs fehlt, aber wir wussten lange nicht, was das für den Innenraum bedeutet. Wir haben dort gefilmt – und mussten feststellen, dass diese Kirche von Innen absolut entkernt ist. Es gab mehrere Feuer. Die Fußböden wurden durch das Ausbrennen der Holzbalkenbereiche völlig zerstört. Die Fenster sind alle weg, die Glasarbeiten sind vernichtet.
Kirchen unter Beschuss
Solche Schäden sieht man also erst vor Ort?
Kuijt: Absolut. Hinzu kommt, dass wir vieles noch nicht abschätzen können. In den ersten Wochen des Konflikts wurde von Einheimischen versucht, Statuen mit Sandsäcken zu schützen. Bei Kirchen gab es den Ansatz, die Buntglasfenster mit Blechen oder Sperrholzplatten von außen abzudecken. Dazu musste ins Gebäude gebohrt werden, was rasch und relativ unüberlegt passiert ist. Die Glasmalerei mag zwar geschützt sein, aber jetzt gibt es eine Reihe von großen Schraubenlöchern, die Holz, Putz, Stein und alles andere, was sich darunter befindet, beschädigt haben. Aus archäologischer Sicht kommt noch das Problem hinzu, dass wichtige Kulturerbe-Stätten durch den Bau von Schützengräben, den Einsatz von Minen und die Errichtung militärischer Befestigungsanlagen zerstört oder beschädigt wurden.
Die Schäden sind enorm, vor allem in den östlichen und nördlichen Gebieten.
Wie schätzen Sie das Ausmaß der Zerstörung ein?
Kuijt: Die Schäden sind enorm, vor allem in den östlichen und nördlichen Gebieten. Und wir wissen, dass wahrscheinlich eine große Anzahl archäologischer Stätten unter der Oberfläche beeinträchtigt wurden. Selbst, wenn sofort Frieden wäre, würde es Jahre dauern, abzuschätzen, wie groß der Schaden tatsächlich ist. Selbst in nicht mehr besetzten Regionen wie Chernihiv und Kharkiv erschweren Landminen und nicht explodierte Munition den Zugang zu vielen Gebieten, sodass es nicht möglich ist, das Ausmaß der Schäden zu beurteilen.
Gab es Programme, um wichtige Gemälde oder Bücher ins Ausland zu bringen?
Kuijt: Mit der groß angelegten Invasion im Jahr 2022 mussten viele Museen sehr schnell Entscheidungen treffen, um die Materialien in ihren Museen zu schützen, jedoch ohne Input seitens des Kulturministeriums oder der nationalen Regierung. Einzelne ukrainische Museen gingen in den Notfallmodus und packten ihre Sachen zusammen, verteilten sie an verschiedene Orte innerhalb der Ukraine, manchmal auch außerhalb der Ukraine. Das Problem daran: Vieles war provisorisch, es war nicht für die Länge dieses Krieges fachgerecht verpackt. Man hat keine Garantie, dass man Archivierungsbedingungen wie Temperatur oder Feuchtigkeit kontrollieren kann. Wir können noch nicht abschätzen, welche Auswirkungen der Versuch, diese Materialien zu schützen, auf lange Sicht tatsächlich hat. Vielleicht ist der Schaden größer als der Nutzen.
Kulturgüter landen am Schwarzmarkt
Sind viele Objekte auf dem Schwarzmarkt gelandet?
Kuijt: In Museen in besetzten Regionen, darunter Cherson, Melitopol und Mariupol, wurden Sammlungen enteignet und nach Russland gebracht, während in anderen Fällen Artefakte von russischen Soldaten geplündert wurden, um sie zu behalten oder zu verkaufen. Das meiste in den ersten sechs Monaten: von Landmaschinen über Museumssammlungen bis hin zu Dingen aus Bibliotheken, aber auch Gold und Silber. Das wird genau erforscht. In einigen Fällen tauchen Wertgegenstände tatsächlich in westlichen Auktionshäusern auf oder auf einem illegalen Antiquitätenmarkt. Bis zu einem gewissen Grad hat sich das verlangsamt, weil die Expansion derzeit stagniert. Es gibt keine neuen Gebiete und neue Museen, die geplündert werden könnten.
Auf einen Blick
Ian Kuijt forscht als Anthropologe an der University of Notre Dames (USA). Im Dezember 2025 eröffnete er die neue Vortragsreihe “Fragile Past: Destruction of Cultural Heritage in Crisis Zones”, gemeinsam organisiert von der Einheit Heritage Science und der Initiative „Zukunftarchäologie“ am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW.
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