Zurück
GenderforschungAntifeminismus

Trump und die starken Männer

Dominanz, Härte, Antifeminismus – autoritäre Männer wie US-Präsident Donald Trump inszenieren ein rückwärtsgewandtes Männlichkeitsideal. Was dahintersteckt und wie es Gesellschaft, Politik und Geschlechterrollen verändert, erklären ÖAW-Wissenschaftler:innen

23.06.2025
Donald Trump verbündet sich weltweit mit "starken Männern" - so auch bei dem ersten Staatsbesuch eines US-Präsidenten in Nordkorea 2019.
© Shutterstock

Donald Trump: Das ist rhetorische Enthemmtheit, Machogehabe und eine offene Ablehnung von Diversität und Feminismus. Wie die aktuellen Männlichkeitsinszenierungen des US-Präsidenten auf das Rollenverständnis in die Öffentlichkeit wirken, und wie tief es in autoritären, antifeministischen und hierarchischen Weltbildern verwurzelt ist, das haben wir Wissenschaftler:innen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) gefragt.

Verschwesterung statt Broculture

Brigitte Mazohl, Historikerin und von 2013 bis 2017 Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse der ÖAW, sieht in der Inszenierung Trumps nicht nur ein politisches Kalkül, sondern auch eine Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen: „Das Zurschaustellen eines neuen Männlichkeitsbildes von Überlegenheit und Dominanz, das sogar Gewaltbereitschaft integriert, scheint mir auch eine Gegeninszenierung gegen bisher erreichte feministische Erfolge zu sein.“ Frauen hätten sich in den letzten Jahrzehnten einen Platz in manchen Machtpositionen erkämpft – das erzeugt offenbar Widerstand.

Männer, so Mazohl weiter, hätten einen historischen Vorteil, was „Verbrüderung“ betrifft:  „Seit jeher haben Männer sich in Männerbünden organisiert, von den Burschenschaften angefangen bis zu den Kartellverbänden und Freimaurerlogen.“  Ein Phänomen wie „Broculture“ sei eine neue – virtuelle ­­– Ausdrucksform dieser Art von Zusammenschluss. Ein bewusster Gegenpol dazu könne nur in weiblicher Solidarität liegen. Mazohl verweist in diesem Zusammenhang auf das Werk der Soziologin Franziska Schutzbach: „Revolution der Verbundenheit. Wie weibliche Solidarität die Gesellschaft verändert“ – ein Appell zur „Verschwesterung“ in einer zunehmend polarisierten Welt.

Der Showman als Vorbild

Für Katharina Wiedlack, Amerikanistin und Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW, ist Trump vor allem ein „Showman“, einer, der seine „starke“ Männlichkeit TV-reif inszeniert. Dieses Image – hart, überheblich, kompromisslos – trifft offenbar einen Nerv bei vielen, besonders bei männlichen Wählergruppen. Doch damit war er nicht der erste. Wiedlack: „Vladimir Putin, Viktor Orbán und Jair Bolsonaro waren lange vor Trump erfolgreich damit. Aber die USA haben eben immer noch eine starke kulturelle Vorbildwirkung.“

Diese Performance ist nicht nur rhetorisch. Sie reicht tief in gesellschaftliche Strukturen hinein, wie Kommunikationswissenschaftler Andreas Schulz-Tomančok vom Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW und der Uni Klagenfurt betont. Er spricht von „destruktiven Effekten“ auf die Gesellschaft: „Diese neue Männlichkeit fordert eine Restrukturierung gesellschaftlicher Hierarchien ein, in der sich Männern autoritär unterzuordnen ist.“ Die digitale Verbreitung solcher Rollenbilder über Social-Media-Plattformen trage entscheidend dazu bei, insbesondere bei jungen Männern.

Der Gegenschlag zur Emanzipation

Trump, Putin, Orbán und Co. wirken nicht nur als Personen, sondern als Symbole einer gesellschaftlichen Rückwärtsbewegung – einer Reaktion auf die pluralistische, feministische Moderne. Für viele ist Trumps Unverblümtheit eine Wohltat in Zeiten vermeintlich überregulierter politischer Korrektheit. Doch Brigitte Mazohl warnt: „Über kurz oder lang scheitern die Größenphantasien sich überschätzender Menschen am Veto der Realität.“ Die Frage sei jedoch, warum es fast ausschließlich Männer seien, die von dieser Art Selbstüberschätzung angetrieben werden.

Eine Antwort auf diese Frage scheint auch in der sogenannten „Manosphere“ zu liegen – einem digitalen Biotop, das sich zunehmend in politische Diskurse einmischt. „Die ‚Manosphere‘ ist ein loses Netzwerk von Individuen und Gruppen, die vorgeben, sich mit den Problemen von Männern zu befassen“, erklärt Katharina Wiedlack. Doch hinter Themen wie Partnerschaft, Fitness oder Vaterschaft verbergen sich oft antifeministische und rechtspopulistische Ideologien. Für viele junge Männer, die sich orientierungslos und überfordert fühlen, bieten diese Gruppen einfache Antworten – und klare Feindbilder: Frauen, LGBTQI+, Minderheiten. „Misogynie und Hass auf Minderheiten wird als Selbstermächtigung zelebriert“, so Wiedlack.

Schulz-Tomančok analysiert diese digitalen Milieus als eine neue, radikale Kultur der Verachtung: „Diese toxische politische Männlichkeit legitimiert Hass gegen jene Gruppen, die der gewünschten neuen (alten) Ordnung gegenüberstehen – der Macht weißer heterosexueller Männer.“ Die „Manosphere“ verbinde Incel-Kreise, Maskulinisten, Abtreibungsgegner:innen und rechte Bewegungen in einem globalen antifeministischen Netzwerk. Dass diese Dynamiken realpolitische Folgen haben, zeigt der Rückbau gleichstellungspolitischer Maßnahmen weltweit. Rechte Parteien und Bewegungen – und mit ihnen die „starken Männer“ – nutzen die digitale Wut als politische Waffe, um demokratische Prinzipien zu schwächen und gesellschaftliche Macht neu zu verteilen.

Prekäre und fragile Männlichkeit

Was motiviert diese Rolle rückwärts? Die Antwort liegt vielleicht weniger in der Stärke als in der Unsicherheit. „Die psychologische Genderforschung spricht von ‚prekärer und fragiler Männlichkeit‘“, erklärt Brigitte Mazohl. Wenn solche Männer ihre Männlichkeit bedroht sehen, reagieren sie mit Aggression – ein Mechanismus, der sich auch in steigenden Femizid-Zahlen und Gewalttaten widerspiegelt.

Was also tun gegen diese Entwicklungen? Hoffnung setzt Mazohl in ein gesellschaftliches Klima, in dem auch Schwäche als Stärke gelten darf: „Ich hoffe auf das ‚analoge‘ Beispiel von Frauen und Männern, die stark genug dafür sind, auch Schwäche zeigen zu können.“ Nur durch das Aufbrechen rigider Geschlechterrollen und das Vorleben alternativer Männlichkeitsbilder könne langfristig etwas verändert werden.

Ähnlich sieht das Katharina Wiedlack. Sie hebt die Notwendigkeit positiver männlicher Vorbilder und sozialer Netzwerke hervor, die jungen Männern Zugehörigkeit bieten – ohne sie in Hass und Abwertung zu treiben. Denn die Gefahr liegt gerade in der Einfachheit der Antworten, die autoritäre Männlichkeit verspricht. Und Andreas Schulz-Tomančok ergänzt: „Der Schutz demokratischer Prinzipien und das Eintreten für Gleichberechtigung dürfen nicht als Schwäche, sondern müssen als Ausdruck gesellschaftlicher Reife verstanden werden.“

 

AUF EINEN BLICK

Brigitte Mazohl ist Wirkliches Mitglied der ÖAW seit 2008 und war Präsidentin der philosophisch-historischen Klasse der Österreichischen Akademie der Wissenschaften von 2013 bis 2017. 

Katherina Wiedlack ist Assistenzprofessorin für Anglophone Kulturwissenschaften am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien. Sie ist Mitglied der Jungen Akademie der ÖAW seit 2020. 

Andreas Schulz-Tomančok studierte Soziologie, Religionswissenschaft, Sozialanthropologie und Kommunikationswissenschaft und ist seit 2022 Nachwuchswissenschaftler am Insitut für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW.