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Frauen in der GeschichteBuchpräsentation

Zu Unrecht vergessen: Frauen in der Politik der Habsburgermonarchie

Sie waren Übersetzerinnen, Wahlrechtskämpferinnen, Protagonistinnen des Natur- und Umweltschutzes, eine „Frau Konsulin“ oder oberösterreichische Pilgerinnen: Frauen hatten im Habsburgerreich einen durchaus größeren politischen Handlungsspielraum als lange vermutet. Ein neuer Themenband von ÖAW-Forscherinnen versammelt spannende Beispiele.

28.05.2025
Kaiserin Elisabeth von Österreich ("Sissi") kennt jede:r. Aber dass auch viele andere Frauen in der Politik der Habsburgermonarchie eine aktive und wichtige Rolle spielten, wird oft vergessen. © Franz Xaver Winterhalter/Wikimedia Commons

Geschichtsschreibung wurde im Hinblick auf politisches Handeln lange auf die Perspektive auf Amtsträger innerhalb staatlicher Strukturen beschränkt. Dadurch wurden Frauen als politische Akteurinnen oft übersehen. Erst neuere Forschungsansätze nehmen auch informelleres Handeln unter die Lupe – und entdecken dadurch erstaunlich viele Frauen, die schon früh auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen Einfluss genommen haben.

Im 19. Jahrhundert wurde mit der Entstehung der bürgerlichen Öffentlichkeit Männern der öffentliche Raum und Frauen die private Sphäre zugeschrieben, was Auswirkungen bis in die Gegenwart hat. Dass dieses einseitige Bild nicht stimmt, beweisenBarbara Haider-Wilson und Waltraud Schütz, beide wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), als Herausgeberinnen ihres jüngsten Buches „Frauen als politische Handelnde“, das Beiträge zur Handlungsmacht in der Habsburgermonarchie von 1780–1918 versammelt.  „Man sieht, dass Frauen in ganz vielen Bereichen politisch aktiv waren, die man bislang kaum untersucht hat. Der Bogen reicht dabei von einer Konsulin zu Übersetzerinnen, Protagonistinnen des Natur- und Umweltschutzes über oberösterreichische Pilgerinnen und Akteurinnen im Wissenschaftsbereich bis zu Tabakarbeiterinnen in Sarajewo“, erklären die Herausgeberinnen. Viele dieser Frauen haben sich gar nicht als politisch Handelnde bezeichnet, können von der Geschichtsschreibung aber heute so eingeordnet werden.

Mangelnde Wertschätzung

Die sichtbar gemachten Frauen verfolgten dabei nicht unbedingt emanzipatorische Ziele, wie Akteurinnen aus dem deutschnational-völkischen Milieu zeigen. In Nachrufen wurde eine der Vertreterinnen dieser Strömung, Emma Rößler (1880–1918), als „glühende Verehrerin deutscher Art und Sitte“ gefeiert, im Vereinsmilieu wurde sie als „stille Arbeitsbiene“ in den Hintergrund gedrängt. Sie selbst vertrat völkische Rollenverteilungen: Die Frau solle passiv sein und zu Hause wirken, der Mann stehe in der Öffentlichkeit. „Heidrun Zettelbauer zeigt, dass sie mit ihrem Handeln diese Grenzen überschritt – und zu Lebzeiten mit mangelnder Wertschätzung zu kämpfen hatte“, so Schütz.

Durchaus selbstbewusst trat hingegen Teresina Lippich von Lindburg (1854–1923/4) auf, die als Ehefrau eines Generalkonsuls in Albanien diplomatisch aktiv war. Nach dem Tod ihres Mannes betonte sie in Bittgesuchen, um finanzielle Ansprüche durchzusetzen, ihren diplomatischen Einsatz. „Sven Mörsdorf zeigt, dass Teresina Lippich bereits zu Lebzeiten ihres Mannes als gleichberechtigte Partnerin agierte. Die beiden waren, was wir heute als Arbeitspaar bezeichnen würden. Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, auf vorhandene Quellen einen neuen Blick zu werfen“, betont Haider-Wilson.

Auch Wallfahrten boten Schlupflöcher für Frauen, um politisch aktiv zu werden. „Man bezeichnete Volkswallfahrten ins Heilige Land als friedliche Kreuzzüge, Frauen aus vielen Kronländern, zunächst Tirol und Oberösterreich, haben sich in Habsburgermonarchie schnell Zugang zu dieser Form des Aktivismus errungen“, so Haider-Wilson: „In der von Männern verfassten Pilger-Literatur wurden sie oft als Hausfrauen bezeichnet, obwohl die allermeisten schon damals einen Beruf ausübten.“

Schwierige Quellenlage

Als Übersetzerinnen waren Frauen unter anderem aus der sozialdemokratischen Frauenbewegung tätig, die um 1900 Artikel und Interviews aus dem Ausland zugänglich machten – durchaus gedacht als Vorbildfunktion, um Frauen in ihrem Aktionismus zu bestärken, wie Julia Kölbl in ihrem Beitrag zeigt.

In vielen Fällen ist die Quellenlage schwierig, weil es kaum sogenannte Ego-Dokumente gibt, in denen die Akteurinnen stolz von ihren Leistungen berichten. „Wir sehen auch in den behördlichen Schriften, dass Frauen, wenn sie ein Unternehmen gründen wollten, stets betonen mussten, dass sie ihre Familie versorgen müssen oder eine kranke Mutter zu pflegen haben. Sonst wären sie von den Behörden nicht ernst genommen worden. Dass eine Frau nicht nur aus finanziellen Motiven, sondern auch aus – heute würde man sagen – Selbstverwirklichungsgründen, ein Unternehmen gründet, wurde anders als bei Männern nicht akzeptiert“, so Schütz.

 

Auf einen Blick

Das Buch „Frauen als politisch Handelnde“ ist 2025 im transcript Verlag erschienen und umfasst 336 Seiten. Es wurde herausgegeben von Barbara Haider-Wilson und Waltraud Schütz. ISBN: 978-3-8376-7231-2

Der Band wurde im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Parlament und Demokratie - gestern und heute" erstmals präsentiert, in der das Parlamentsarchiv und die Parlamentsbibliothek neue Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit vorstellen.