Iran nach Khamenei: Wie geht es weiter?
03.03.2026
Nach den jüngsten Militärschlägen der USA und Israels auf iranische Militär‑, Atom‑ und Führungsstrukturen – bei denen der Oberste Führer Ali Khamenei getötet wurde – hat ein Krieg im Nahen Osten begonnen. Vor diesem Hintergrund steht die politische Zukunft des Iran zur Debatte: Der Tod Khameneis eröffnet ein Machtvakuum, in dem Revolutionsgarden, religiöse Eliten und Oppositionsfiguren um Einfluss ringen. Wie sich diese Dynamik im Kontext des Krieges, möglicher innenpolitischer Umbrüche entwickelt und welche Rolle die iranische Protestbewegung spielen kann, darüber spricht Robert Steele, der am Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) forscht, im Interview.
Was kommt nach dem Tod Khameneis?
Die Situation im Iran ist sehr dynamisch. Wie wird der Tod von Ali Khamenei, dem Obersten Führer, die politische Machtstruktur des Landes beeinflussen?
Robert Steele: Er wird enorme Auswirkungen haben, vor allem, weil Khamenei eine konstante Figur im modernen Iran und in der Islamischen Republik war. Er war in den 1980er-Jahren Präsident und wurde nach Khomeini Oberster Führer, sodass er fast die gesamte Geschichte der Republik aus der Machtzentrale heraus mitgestaltet hat. Ihn zu ersetzen, ist besonders bedeutsam – vor allem während eines Krieges.
Die Revolutionsgarden werden erheblichen Einfluss darauf haben, wer der nächste Oberste Führer wird.
Khamenei ist bereits älter, hatte Krebs und überlebte in den 1980er-Jahren ein Attentat. Viele gingen von einer friedlichen Nachfolge aus, doch jetzt geschieht sie mitten im Konflikt. Derzeit agiert ein Dreiergremium als Oberster Führer, während die Versammlung der Experten bald den nächsten Führer wählen wird. Diese Wahl wird die Ausrichtung des Landes zeigen – Hardliner oder eher progressive Kräfte. Entscheidende Akteure sind auch die Revolutionsgarden: Sie kontrollieren ein Drittel der Wirtschaft und haben Einfluss auf die Außenpolitik. Sie werden erheblichen Einfluss darauf haben, wer der nächste Oberste Führer wird.
Beobachter:innen sprechen von einem möglichen Machtvakuum. Wer könnte es füllen: religiöse Eliten, die Revolutionsgarden oder Oppositionsfiguren wie Reza Pahlavi?
Steele: Es gibt verschiedene Szenarien und vieles hängt davon ab, wie sich der Krieg in den kommenden Wochen entwickelt. Eine Möglichkeit ist, dass das Regime überlebt – vielleicht geschwächt, aber dennoch überlebt. In diesem Szenario könnte es noch isolationistischer werden oder eine Führung wählen, die eine stärkere Integration in die internationale Gemeinschaft anstrebt.
Das Regime hat gewarnt, dass jeder, der beim Protestieren gesehen wird, als US-amerikanischer oder israelischer Unterstützer behandelt und ins Visier genommen wird.
Ein anderes Szenario ist der Zusammenbruch des Regimes, was möglicherweise einen Bürgerkrieg auslöst. Regionen mit Minderheiten – wie jene der Kurd:innen, der Araber:innen in Khuzestan oder Belutschistan – könnten dies als Gelegenheit für separatistische Bewegungen sehen, die aber nur mit erheblicher Unterstützung durch ausländische Akteure gelingen würden. Ein Zusammenbruch der zentralen Kontrolle könnte den Weg für bewaffneten Widerstand öffnen.
Eine dritte Möglichkeit ist der Übergang zu einem demokratischeren System, wie es Reza Pahlavi und seine Unterstützer anstreben. Wie realistisch dies ist, wird stark diskutiert. Pahlavis Vorteil ist, dass er die sichtbarste Oppositionsfigur ist und die breiteste Unterstützung sowohl innerhalb als auch außerhalb des Iran genießt. Während der jüngsten Proteste im Dezember und Januar skandierten die Menschen seinen Namen mehr denn je. Das bedeutet nicht, dass die Mehrheit der Iraner:innen ihn unterstützt, zeigt aber, dass er eine lautstarke und beachtliche Basis im Land hat.
Ein weiterer Grund für seine Unterstützung im Iran ist das Fehlen einer organisierten inländischen Opposition. Proteste entstehen spontan, und das Regime blockiert aktiv Kommunikation – besonders das Internet – und verhaftet potenzielle Führer im Land.
Proteste sind zu gefährlich
Zur iranischen Protestbewegung: Welche Auswirkungen hat die militärische Eskalation innerhalb des Landes?
Steele: Das ist momentan schwer zu sagen. Nach der Bekanntgabe von Khameneis Tod gingen einige Menschen feiern, doch es löste keinen Massenaufstand aus. Wir müssen geduldig sein. Erst letzten Monat hat das Regime ein Massaker verübt – die Schätzungen reichen von Tausenden bis zu Zehntausenden Toten. Viele sind noch traumatisiert. Ein neuer Protest so bald wäre extrem riskant, besonders bei weiterhin fallenden Bomben. Das Regime hat gewarnt, dass jeder, der beim Protestieren gesehen wird, als US-amerikanischer oder israelischer Unterstützer behandelt und ins Visier genommen wird.
Das Regime ist bewaffnet und organisiert, während die Opposition größtenteils unbewaffnete Zivilist:innen sind.
In der iranischen Diaspora reichen die Reaktionen auf das militärische Eingreifen von Jubel bis Empörung. Und im Iran?
Steele: Die Menschen sind sehr gespalten. Viele in der Diaspora feierten Khameneis Tod, der ein Symbol der Unterdrückung war, doch gleichzeitig gibt es Angst vor der Zukunft und Sorge um die Familie. Mit Luftangriffen und abgeschaltetem Internet ist die Kommunikation schwierig, was die Sorge verstärkt. Die Ängste sind real: Selbst wenn Eliten, die bei den Angriffen ins Visier genommen werden, wenig Sympathie erzeugen, geraten auch Zivilist:innen ins Kreuzfeuer. Zum Beispiel traf eine Rakete eine Mädchenschule im Süden Irans und tötete 100–150 Kinder. Weder Israel noch die USA haben die Verantwortung übernommen, doch die Tragödie zeigt die harten Realitäten, denen die Menschen im Iran nun ausgesetzt sind.
Zurück zur Zeit des Schahs?
Was genau bräuchte die iranische Zivilgesellschaft, um langfristige politische Veränderungen zu ermöglichen?
Steele: Hätten Sie mich das letzte Woche gefragt, hätte ich anders geantwortet. Viele Protestierende hatten eine Intervention gefordert. Iran hat in den vergangenen Jahren wiederholt Proteste erlebt. Jedes Mal hoffen die Menschen, das Regime könnte gestürzt oder bedeutende Liberalisierungen erreicht werden, doch Proteste wurden stets brutal unterdrückt. Zuletzt haben die Dimension der Tötungen und die Gewalt die Menschen glauben lassen, dass Veränderung ohne fremde Hilfe nicht möglich ist – das Regime ist bewaffnet und organisiert, während die Opposition größtenteils unbewaffnete Zivilist:innen sind.
Kommunikation ist eine weitere Hürde: Das Regime schaltet das Internet ab, Tools wie Starlink könnten den Protestierenden helfen, extern Verbindung aufzunehmen. Was der Iran braucht, ist eine Regierung, die international wieder integriert ist, Expertise und Ressourcen nutzt – besonders bei dringenden Problemen wie Wasserknappheit. Auch wirtschaftliche Stabilisierung ist entscheidend: Die Proteste im Dezember wurden durch steigende Kosten und eine zusammenbrechende Währung angefacht. Eine Aufhebung von Sanktionen und Verhandlungen mit den USA werden wesentlich sein.
Reza Pahlavi genießt Unterstützung als Erinnerung an das vorrevolutionäre Iran, das trotz seiner Mängel wohlhabend, gebildet und mit mehr Freiheiten versehen war.
Die Iraner:innen wollen letztlich Frieden, Sicherheit und gute Arbeitsplätze. Deshalb genießt Reza Pahlavi Unterstützung – nicht nur als Symbol für einen demokratischen Übergang, sondern auch als Erinnerung an das vorrevolutionäre Iran, das trotz seiner Mängel wohlhabend, gebildet und mit mehr Freiheiten versehen war, besonders für Frauen. Viele sehen diese Zeit als Ideal, nach dem es sich zu streben lohnt.
Auf einen Blick
Robert Steele ist Postdoktorand am Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und arbeitet an der Kultur- und Geistesgeschichte des modernen Irans, mit Schwerpunkt auf der Zeit der Pahlavi-Dynastie. Er hat einen Doktortitel in arabischen und islamischen Studien von der University of Exeter und einen MPhil in Nahoststudien von der University of Manchester. Von 2021 bis 2022 war er Gastwissenschaftler am Department of International History der London School of Economics, und von 2019 bis 2021 war er der erste Jahangir and Eleanor Amuzegar Postdoctoral Fellow in Modern Iranian History am Department of Near Eastern Languages and Cultures der University of California, Los Angeles.
