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GeopolitikIranistik

Zwischen Rivalität und Allianz: Iran und den Westen vereint wechselhafte Geschichte

Iranist Giorgio Rota spricht im ÖAW-Talk über Jahrhunderte der historischen Annäherungen und Entfremdungen zwischen Iran und Europa.

27.02.2026
Europa und Persien verbindet eine lange Geschichte diplomatischer Beziehungen - zu sehen etwa beim Besuch der persischen Delegation unter Mirza Mohammad-Reza Qazvini bei Napoleon I. im Jahr 1807.
© Wikimedia Commons/Public Domain

Die Beziehungen zwischen dem Iran und Europa sind heute so angespannt wie selten zuvor. Sanktionen, geopolitische Konflikte rund um Atomprogramme, gegenseitiges Misstrauen, innenpolitische Entwicklungen im Iran und ein zunehmend instabiles Umfeld prägen das Verhältnis.

Wie blickt man aus der Geschichte auf die gegenwärtigen Spannungen zwischen dem Iran und dem Westen? Und was lässt sich daraus für zukünftige Beziehungen ableiten? Giorgio Rota vom Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den politischen und kulturellen Kontakten zwischen Persien und Europa – von antiken Rivalitäten über diplomatische Allianzen der Habsburgerzeit bis zu den komplexen Wahrnehmungen der Gegenwart. Im Interview erklärt Rota, warum der Iran und Europa in der Vergangenheit nicht nur Gegner, sondern zeitweise enge Partner waren und unter welchen Voraussetzungen sich die Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen erneuern könnten.

Allianz mit dem Feind des Feindes

Die Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen gelten heute als schwierig. Einst waren die beiden Regionen aber enge Partner. Wie sah diese frühere Beziehung aus?

Giorgio Rota: In der Antike war Persien der Erzfeind des Römischen Reichs. Es kam zu zahlreichen Konflikten, zwischen Römern und Parthern, später zwischen Römern und Sassaniden und schließlich zwischen dem Oströmischen Reich und den Sassaniden. Mit der arabisch-islamischen Expansion im 7. Jahrhundert verschwand der persische Staat zunächst, und das Gebiet wurde Teil größerer Reiche, bis zu den mongolischen Eroberungen im 13. Jahrhundert. Gleichzeitig befand sich Europa in der Epoche der Kreuzzüge und sah sich mit den Mamluken konfrontiert, die Ägypten und Syrien beherrschten und militärisch äußerst stark waren. Sie zerstörten schrittweise die Kreuzfahrerstaaten im Heiligen Land. In dieser Situation suchten europäische Kräfte nach Verbündeten. Die mongolischen Herrscher im Iran boten sich an, zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Mongolen Buddhisten und so die „natürlichen Feinde“ der Mamluken. Damit entstand das Modell einer Allianz mit dem Feind unseres Feindes, ein Muster, das später beim Iran immer wieder auftauchen sollte.

Im Iran bestehen ambivalente Gefühle gegenüber dem Westen: eine Mischung aus Faszination und Ablehnung.

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen dem Iran und dem Westen heute beschreiben?

Rota: Heute sind die Beziehungen eindeutig schlecht. Das hängt einerseits mit der politischen Linie der Islamischen Republik seit 1979 zusammen, die sich bewusst weder dem Westen noch dem damaligen Ostblock anschließen wollte. Wegen seiner Vergangenheit hat der Iran in den letzten 100 Jahren eine Hass- und Liebes-Beziehung mit dem Westen, mit Europa und auch mit Amerika. Im Iran bestehen ambivalente Gefühle gegenüber dem Westen: eine Mischung aus Faszination und Ablehnung. Viele Iraner:innen sehen sich kulturell als Teil des Westens, fühlen sich aber von westlichen Staaten nicht als ebenbürtige Partner anerkannt. Zugleich empfinden sie sich als Opfer europäischer imperialistischer Politik. Diese Wahrnehmungen sind historisch zum Teil begründet, zum Teil überzeichnet – aber in der Politik zählt eben nicht nur die Realität, sondern auch die Wahrnehmung derselben. Die Beziehungen leiden daher sowohl unter der politischen Ausrichtung Teherans als auch unter dem Gewicht historischer Erfahrungen und gegenseitiger Projektionen.

Wie sich die Situation verbessern könnte

Wie steht es speziell um die österreichisch-iranischen Beziehungen?

Rota: Österreich hat aufgrund seiner Neutralität nach 1945 traditionell ein eher pragmatisches Verhältnis zum Iran gepflegt. Historisch gesehen reicht der Kontakt jedoch sehr viel weiter zurück: Die Habsburger – als Träger des Heiligen Römischen Kaisertums – spielten eine zentrale Rolle in europäischen Bündnisprojekten mit Persien. Seit Karl V. suchten mehrere Habsburger Herrscher aktiv nach Allianzen mit persischen Herrschern gegen das Osmanische Reich. Diese Kontakte setzten sich über Jahrhunderte fort, selbst nachdem die unmittelbare militärische Bedrohung durch die Osmanen abgenommen hatte. Der Iran war bis zu den Sanktionen der Europäischen Union auch ein bedeutender Lieferant von Rohstoffen wie Öl und Gas.

Das Land ist im Nahen Osten aufgrund seines schiitischen Profils und historischer Rivalitäten weitgehend isoliert.

Die Lage ist derzeit angespannt, Europa versucht zum Beispiel mit Sanktionen das Atomprogramm des Iran zu begrenzen. Unter welchen Umständen könnten sich die Beziehungen zwischen dem Iran und dem Westen verbessern?

Rota: Eine Verbesserung wäre nur möglich, wenn der Iran seine geopolitische Lage neu bewertet. Das Land ist im Nahen Osten aufgrund seines schiitischen Profils und historischer Rivalitäten weitgehend isoliert. Aus wirtschaftlicher und technologischer Sicht wäre eine Öffnung nach Westen jedoch sinnvoll und wahrscheinlich die effizienteste Option. Dafür wäre allerdings eine grundlegende strategische Neuausrichtung erforderlich – fast eine kopernikanische Wende. Die politische Führung müsste anerkennen, dass der bisherige Kurs in die Sackgasse geführt hat. Eine solche Kehrtwende ist für jedes Land schwierig, für den Iran besonders, weil über Jahrzehnte eine stark antiwestliche Rhetorik gepflegt wurde. Dennoch zeigt die Geschichte – etwa die relativ guten Beziehungen zwischen Israel und dem Iran unter dem letzten Schah –, dass solche Veränderungen möglich sind.

Aus der Geschichte lernen

Warum ist es wichtig, dass wir uns die historischen Beziehungen zwischen dem Iran und Europa genauer ansehen?

Rota: Weil sie zeigen, dass Partnerschaften grundsätzlich möglich sind. Geopolitisch hat der Iran eine außerordentlich strategische Lage: Es fungiert als Brücke zwischen verschiedenen Weltregionen. Dieses Potenzial wurde in der Vergangenheit häufig erkannt. Früher verhinderten jedoch Distanz, langsame Kommunikation und vor allem mangelnde Kenntnisse über den jeweils anderen stabile Beziehungen. Wo Informationen fehlten, wurde mit Projektionen und Wunschvorstellungen gearbeitet – ein Muster, das man auch in persönlichen Beziehungen kennt. Heute ist Kommunikation kein Problem mehr, aber das Wissen über den der Iran – und umgekehrt das Wissen der Iraner:innen über Europa – bleibt lückenhaft. Politische Spannungen erschweren zudem den wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Austausch. Viele Menschen können nicht einfach reisen; für Forschende ist der Zugang ebenfalls eingeschränkt. Die direkte Erfahrung des anderen fehlt – und damit bleibt Raum für Missverständnisse und Vorurteile.

 

Auf einen Blick

Giorgio Rota ist Senior Researcher Associate am Institut für Iranistik der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Er arbeitet zu den politischen, diplomatischen und kulturellen Beziehungen zwischen dem Iran und Europa, insbesondere vom 15. Bis zum späten 18. Jahrhundert.