Hören durch Training verbessern
07.09.2026
Oft wird angenommen, dass unsere Sinne nicht verändert werden können. Wer schlecht sieht, braucht eine Brille. Wer schlecht hört, ein Hörgerät. Die technische Hilfe kommt zum Einsatz, Ende der Geschichte, mehr geht eben nicht. Beverly A. Wright sieht das anders. Die Professorin der Northwestern University erforscht, wie unsere Sinne trainiert werden können. Sie untersucht perzeptuelles Lernen – fragt also, wie sich Wahrnehmungsfähigkeiten durch Übung verbessern lassen. Ihr Schwerpunkt liegt auf dem Hören: Wie lernen Menschen, Klänge, Tonhöhen, Rhythmen oder Sprachlaute genauer zu unterscheiden oder wiederzuerkennen? Und welche Art von Training führt dazu, dass diese Verbesserung auch anhält? Ihre Forschung reicht von einfachen Hörreizen bis zu Sprache und Musik. Dabei arbeitet Wright mit Erwachsenen mit normalem Hörvermögen, fragt aber auch, wie sich Lernprozesse mit dem Alter, bei Hörverlust sowie bei Sprach- und Lesestörungen verändern.
Derzeit ist Wright als Berta Karlik Fellow am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zu Gast. Im Interview erklärt sie, warum Hören ein bisschen wie Muskeltraining ist, weshalb es beim Üben auf die richtige Dosis ankommt – und was ihre Forschung für klinische Rehabilitation und Sprachlernen bedeuten könnte.
Hören lernen
Frau Wright, Sie erforschen auditives Lernen. Was ist denn das überhaupt?
Beverly A. Wright: Wenn ein Sinnessystem nicht gut funktioniert, denken wir oft zuerst an technische Hilfe. Wenn man unscharf sieht, bekommt man eine Brille. Wenn man schlecht hört, bekommt man ein Hörgerät. Dann entsteht schnell der Eindruck: Das ist jetzt das Beste, was möglich ist. Aber das stimmt nicht unbedingt. Unsere Sinnessysteme können trainiert werden. Sie können sich verbessern – über das hinaus, was technische Hilfsmittel allein leisten. Man kann sich das ein bisschen wie bei Muskeln vorstellen: Wenn man merkt, dass man nicht mehr so stark ist wie früher, ist es ganz selbstverständlich zu sagen: Dann mache ich Übungen, dann trainiere ich. Bei Sinnesleistungen denken wir selten so. Aber auch sie können durch Übung verbessert werden. Diese Verbesserung nennt man perzeptuelles Lernen.
Unter welchen Bedingungen führt Training dazu, dass eine Verbesserung entsteht – und dass sie auch langfristig bleibt?
Wie untersuchen Sie, ob Hören trainierbar ist?
Wright: Mich interessiert, welche Regeln es für perzeptuelles Lernen gibt. Also: Unter welchen Bedingungen führt Training dazu, dass eine Verbesserung entsteht – und dass sie auch langfristig bleibt? Im Labor beginnen wir meistens mit sehr einfachen Aufgaben. Zum Beispiel fragen wir: Welcher von zwei Tönen klingt höher? Die Person hört zwei Tonhöhen, trifft eine Entscheidung, und dann kommt die nächste Entscheidung. Im Laufe des Trainings machen wir den Unterschied zwischen den beiden Tönen immer kleiner. Wenn jemand besser wird, bedeutet das: Die Person kann zwei Tonhöhen unterscheiden, die näher beieinanderliegen als zuvor.
In unseren Experimenten variieren wir die Trainingsabläufe, indem wir Faktoren wie die Anzahl, die zeitlichen Abstände und die Art der Trainingsdurchgänge verändern – ebenso wie die Zahl der Aufgaben, die trainiert werden. Meist beginnen wir damit, Lernen bei grundlegenden Wahrnehmungsaufgaben zu untersuchen, etwa beim Unterscheiden zweier Tonhöhen. Danach gehen wir zu komplexeren Fällen über – zum Beispiel zur Wahrnehmung von Sprachlauten in einer Fremdsprache oder zum Verstehen von Sprache mit fremdem Akzent.
Interessant ist, dass die Prinzipien, die wir beim Lernen mit einfachen Aufgaben finden, bisher auch für komplexere Aufgaben gelten. Das deutet darauf hin, dass wir grundlegende Mechanismen des Lernens beobachten.
Regelmäßiges Training ist entscheidend
Welche dieser Lernregeln ist besonders wichtig?
Wright: Eine wichtige Erkenntnis ist, dass es so etwas wie eine Lernschwelle zu geben scheint. Man muss innerhalb einer Trainingseinheit eine kritische Zahl an Trainingsdurchgängen erreichen, damit dauerhaftes Lernen ausgelöst wird. Die Person muss sich also für eine bestimmte Zeit auf die Aufgabe konzentrieren und Entscheidungen treffen.
Wird die Schwelle in einer weiteren Trainingseinheit erneut überschritten, verbessert sich die Leistung wieder.
Bevor diese Schwelle erreicht ist, bleibt das Gelernte nicht wirklich hängen. Am nächsten Tag sieht es dann so aus, als hätte die Person die Aufgabe nie geübt. Sobald diese Schwelle aber überschritten ist, ist die Leistung am nächsten Tag besser. Wird die Schwelle in einer weiteren Trainingseinheit erneut überschritten, verbessert sich die Leistung wieder.
Gleichzeitig bringt es nichts, deutlich länger weiterzutrainieren, wenn diese kritische Menge bereits erreicht ist. Dann verschwendet man im Grunde Zeit. Es kann Stunden dauern, bis eine weitere Trainingseinheit wieder sinnvoll ist. Diese Information ist wichtig für praktische Anwendungen. Oft wird in festen Zeiteinheiten geübt: fünf Minuten, zehn Minuten, so viel Zeit wie eben verfügbar ist. Aber es kann sein, dass das zu wenig ist – oder dass schon eine Minute genügt und der Rest nicht mehr hilft.
Aktive Aufmerksamkeit und passives Hören
Gibt es Möglichkeiten, das Training noch effizienter zu machen?
Wright: Ja. Eine weitere Erkenntnis ist, dass man sich nicht während der gesamten Trainingseinheit auf die Aufgabe konzentrieren und aktiv Entscheidungen treffen muss, um die Lernschwelle zu erreichen. Es scheint zu genügen, wenn man diese Entscheidungen für eine relativ kurze Zeit trifft. Danach können die Klänge auch passiv präsentiert werden. Man hört sie also im Hintergrund, ohne ständig Entscheidungen treffen zu müssen. Diese Kombination aus kurzer aktiver Aufmerksamkeit und passivem Hören kann weiterhin gutes Lernen ermöglichen und zugleich den nötigen Aufwand stark reduzieren – in manchen Fällen um etwa 75 Prozent. Das hat großes praktisches Potenzial.
Was sind die großen offenen Fragen?
Wright: Eine wichtige Frage ist, wie wir diese kritische Trainingsmenge vorhersagen können. Die Schwelle taucht in unseren Studien immer wieder auf, unterscheidet sich aber je nach Aufgabe. Wenn jemand lernen soll, Tonhöhen besser zu unterscheiden, braucht es eine bestimmte Zahl an Durchgängen. Geht es bei der Lernaufgabe stattdessen um die Dauer eines Klangs oder um Sprachlaute in einer Fremdsprache, ist diese Zahl anders. Das Prinzip scheint dasselbe zu sein, die konkrete Menge unterscheidet sich aber. Es wäre sehr hilfreich, wenn wir vorhersagen könnten, wie viel Training für eine bestimmte Aufgabe nötig ist. Dann ließe sich diese Regel leicht in der Praxis anwenden.
Eine weitere große Frage ist, welche Veränderungen stattfinden, damit das Gelernte langfristig bestehen bleibt. Wir wissen, dass diese Veränderungen nach dem Ende einer Trainingseinheit auftreten, kennen die Details aber noch nicht. Wenn wir sie besser verstehen, könnten daraus Methoden entstehen, um Lernen gezielt zu verbessern – und um Lernschwierigkeiten besser zu diagnostizieren.
Perzeptuelles Lernen spielt in vielen Lebensbereichen eine Rolle.
Warum ist es wichtig, diese Lernprozesse besser zu verstehen?
Wright: Perzeptuelles Lernen spielt in vielen Lebensbereichen eine Rolle. Es ermöglicht Musiker:innen, feiner auf kleine Unterschiede zwischen musikalischen Tönen zu reagieren, Ärzt:innen, unregelmäßige Herzschläge zu erkennen, und Menschen, die eine Sprache lernen, Sprachlaute in Fremdsprachen besser zu unterscheiden. Darüber hinaus ist perzeptuelles Lernen ein Grundpfeiler der klinischen Rehabilitation bei Wahrnehmungsstörungen.
Gleichzeitig wird perzeptuelles Training bisher oft angewendet, ohne ausreichend zu berücksichtigen, was wir aus der Grundlagenforschung über Lernen wissen. Ich bin überzeugt, dass dieses Wissen perzeptuelles Training effizienter und wirksamer machen würde.
Berta Karlik Fellowship
Was bedeutet das Berta Karlik Fellowship für Sie und Ihre Forschung?
Wright: Es ist wie Weihnachten, jeden Tag. Es erinnert mich daran, wie viel Spaß Wissenschaft machen kann. Ich arbeite hier mit meinen großzügigen Kolleg:innen an mehreren Projekten und lerne sehr viel. Manchmal habe ich von einem Thema schon gehört, und dann sagt jemand: Komm und hör dir das an. Und plötzlich verstehe ich es besser. Auch neue Möglichkeiten entstehen. Man spricht mit jemandem, und plötzlich sagen beide: Ja, lass uns das machen. Das ist wunderbar. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit.
Auf einen Blick
Beverly A. Wright ist Professorin am Department of Communication Sciences and Disorders der School of Communication an der Northwestern University. Sie erforscht auditive Wahrnehmung und perzeptuelles Lernen: also die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen lernen, Klänge, Tonhöhen, Rhythmen oder Sprachlaute besser zu unterscheiden. Ihre Forschung reicht von einfachen Hörreizen bis hin zu Sprache und klinisch relevanten Fragestellungen, etwa Hörverlust sowie Sprach- und Lesestörungen. Von April bis September 2026 ist sie Berta Karlik Fellow am Institut für Schallforschung der ÖAW.
Das Berta Karlik Fellowship ist nach der Physikerin Berta Karlik benannt, dem ersten weiblichen Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Es richtet sich an herausragende MINT-Wissenschaftlerinnen aus aller Welt und soll internationalen Austausch sowie nachhaltige Kooperationen mit ÖAW-Instituten ermöglichen.
Neben den Berta Karlik Fellowships gibt es an der ÖAW auch Academy Fellowships. Sie sollen international ausgewiesenen Forschenden Sabbaticals an ÖAW-Instituten ermöglichen und ihnen Zeit für neue Forschungsideen ohne Lehr- oder Verwaltungsaufgaben geben. Zu den Academy Fellows zählen etwa der Demograf Mohammad Jalal Abbasi-Shavazi am Vienna Institute of Demography und der Historiker Pieter Judson am Institut für Kulturwissenschaften.
