Gründlich wie ein Lexikon: So verblüffend verwaltet unser Gehirn Sprachen
14.07.2026
Wer mehrere Sprachen spricht, schaltet die jeweils andere nicht einfach aus. Isabella Fritz will mithilfe von Hirnstrommessungen entschlüsseln, wie mehrsprachige Menschen die richtigen Wörter finden. Für ihre Forschung erhielt sie den diesjährigen FWF-ASTRA-Preis und baut damit ihre eigene Forschungsgruppe am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) auf. Im Interview spricht sie über das Sprachgehirn, mentale Wörterbücher und darüber, wie Grundlagenforschung den Fremdsprachenunterricht langfristig verbessern könnte.
Es ist unmöglich, eine Sprache einfach „auszuschalten“. Wenn ich Deutsch spreche, läuft mein Englisch im Hintergrund trotzdem mit.
Herzlichen Glückwunsch zum FWF-ASTRA-Preis! Ihr ausgezeichnetes Projekt trägt sinngemäß den Titel „Das Sprachgehirn entschlüsseln“. Was genau möchten Sie herauszufinden?
Isabella Fritz: Ich versuche herauszufinden, wie das Gehirn funktioniert, wenn jemand mehr als eine Sprache spricht, etwa eine Erst- und eine Fremdsprache. Wie interagieren diese Sprachen im Gehirn? Denn eines wissen wir bereits: Es ist unmöglich, eine Sprache einfach „auszuschalten“. Wenn ich gerade Deutsch spreche, läuft mein Englisch im Hintergrund trotzdem mit – und umgekehrt. Aber wir wissen bisher überraschend wenig darüber, wie das Gehirn es schafft, dass wir nicht durcheinanderkommen und trotzdem die richtigen Wörter finden.
Laute fordern Gehirn heraus
Sie konzentrieren sich dabei auf die Phonologie, also die Funktion und Position von Lauten im Lautsystem. Warum?
Fritz: Weil die Laute beim Hören das Erste sind, was das Gehirn verarbeiten muss. Zuerst muss es erkennen: Kommt hier überhaupt Sprache an – und nicht irgendein anderes Geräusch, wie gerade eben der Bohrer vor meinem Fenster? Dann muss das Gehirn die einzelnen Sprachlaute erkennen und verarbeiten, denn einzelne Laute für sich haben noch keine Bedeutung. Erst ihre Kombination ergibt ein Wort, das ich im Gehirn wiederfinde.
In den Sprachen der Welt gibt es etwa 600 mögliche Konsonanten und 200 mögliche Vokale. Doch jede einzelne Sprache nutzt davon nur einen kleinen Ausschnitt: das Englische etwa rund 44, das Deutsche ungefähr genauso viele. Manche Laute gibt es in beiden Sprachen, andere nicht. Das englische „th“ etwa bereitet vielen Deutschsprachigen Schwierigkeiten, dabei ist der Unterschied zwischen „thinking“ und „sinking“ physiologisch nur eine Frage von wenigen Millimetern Zungenposition. Weil dieser Laut in unserer Erstsprache aber schlicht nicht vorkommt, fällt uns die Produktion oft so schwer. Genau solchen Fragen gehe ich nach: Wie bringt das Gehirn zwei Sprachen mit unterschiedlichen Lautsystemen unter einen Hut?
Wie funktioniert das Ganze, wenn zwei Sprachen sich sehr stark unterscheiden?
Es geht also zunächst um verwandte, germanische Sprachen mit ähnlichen Lautsystemen, konkret im Deutschen und im Englischen?
Fritz: Genau, ich schaue mir zunächst Sprachen an, die sich sehr ähnlich sind, und untersuche dann Schritt für Schritt, wie Wörter miteinander interagieren, die sich zunehmend stärker unterscheiden. Zum Projekt gehört auch das Norwegische. Es ist zwar ebenfalls eng mit dem Deutschen und Englischen verwandt, weist im Lautsystem aber bereits größere Unterschiede auf. Spannend wird es auch bei der Frage, die über das aktuelle Projekt hinausgeht: Wie funktioniert das Ganze, wenn zwei Sprachen sich sehr stark unterscheiden? Wird das dann im Gehirn anders abgespeichert? Auch darüber wissen wir bislang sehr wenig. Es gibt also noch viel zu erforschen.
Hirnströme bei der Verarbeitung von Daten
Sie messen dafür Hirnströme. Wie kann man sich so eine Studie vorstellen?
Fritz: Die meisten experimentellen Studien haben sich bisher mit dem Lesen in einer Fremdsprache beschäftigt. Mein Projekt hingegen befasst sich mit der Verarbeitung gesprochener Sprache und der Sprachproduktion. Dafür müssen die Testpersonen zum Beispiel verschiedene Wörter aussprechen, und ich beobachte währenddessen, was im Gehirn passiert. Oder ich lasse Wörter verarbeiten, die im Deutschen und Englischen einander mehr oder weniger ähnlich klingen, und analysiere, ob das Gehirn dadurch die Wörter schneller oder langsamer verarbeiten kann. Muss es mehr arbeiten – oder helfen ihm die Ähnlichkeiten?
In unserem Gehirn haben wir ein mentales Lexikon: Jedes Wort hat seinen eigenen Eintrag.
Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
Fritz: Es gibt sehr viele Wörter, die identisch geschrieben, aber unterschiedlich ausgesprochen werden – etwa „Signal“ oder „Pilot“. Im Deutschen betone ich sie anders als im Englischen bei „signal“ oder „pilot“. Irgendwo im Gehirn muss also markiert sein: Jetzt ist Englisch dran, jetzt muss sich die Betonung ändern. In unserem Gehirn haben wir ein mentales Lexikon, das man sich wie Wikipedia vorstellen kann: Jedes Wort hat seinen eigenen Eintrag. Aber gibt es dieses Wikipedia für alle Sprachen gemeinsam, oder für jede Sprache einzeln? Und wo und wie finde ich die jeweils relevante Information?
Neue Perspektiven für Fremdsprachenunterricht
Inwiefern lassen sich Ihre Forschungserkenntnisse langfristig auch für den Fremdsprachenunterricht nutzbar machen?
Fritz: Es gibt viele Wege, wie sich unsere Forschung in den Fremdsprachenunterricht einbringen lässt. Ich suche aktiv den Dialog, um zu erfahren, was aus der Linguistik, der Psycholinguistik oder auch den Neurowissenschaften für den Unterricht und für Schüler:innen hilfreich sein könnte. Dabei hat sich zum Beispiel gezeigt: Wenn ich einen bestimmten Laut in einer Fremdsprache nicht produzieren kann, liegt das oft daran, dass ich den entsprechenden Unterschied gar nicht höre – weil dieser Unterschied in meiner eigenen Sprache keine Rolle spielt und ich ihn schlicht nicht brauche. Das kann dazu führen, dass ich überzeugt bin, ein Wort genauso auszusprechen, wie es mir vorgesagt wurde, obwohl das objektiv nicht stimmt. Ich glaube, da ist noch Luft nach oben, um diesen Dialog weiterzuführen – und vor allem, um zu klären, wie man im Unterricht gezielt mit der Erstsprache arbeiten kann und wann man sich besser ganz auf die Fremdsprache konzentriert.
Was bedeutet der ASTRA-Preis konkret für Ihre Forschung?
Fritz: Mit dieser finanziellen und zeitlichen Absicherung kann ich am Institut für Schallforschung der ÖAW meine eigene Gruppe aufbauen. Ich werde Teil des Phonetik-Clusters sein, in dem bereits einige Linguist:innen arbeiten. Im Rahmen des Projekts kann ich eigene wissenschaftliche Mitarbeitende anstellen und meine Forschungsfragen konsequent vorantreiben.
Auf einen Blick
Isabella Fritz untersucht in ihrem Projekt „Phonologie im bilingualen mentalen Lexikon“, wie Ähnlichkeiten in den Lautsystemen verschiedener Sprachen das Verstehen und Sprechen beeinflussen. Der FWF-ASTRA-Preis unterstützt herausragende Postdocs beim Aufbau eines eigenständigen Forschungsprofils. Für das Projekt wurden 1 Million Euro bewilligt.

