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FrauenbildungGeschlechtergeschichte

Geografie, Physik und Turnen: Was lernten Mädchen im 19. Jahrhundert?

Am 11. Februar macht die UNESCO mit dem Internationalen Tag für Frauen und Mädchen in der Wissenschaft auf die wissenschaftlichen Leistungen von Frauen aufmerksam. Denn seit Jahrhunderten wurde diesen der Zugang zu Forschung und Bildung erschwert. ÖAW-Gastforscherin Waltraud Schütz spricht im Podcast "Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit" über Frauenbildung im Wien des 19. Jahrhunderts.

11.02.2026
Junge Frauen in einer Bibliothek in Washington, D.C. (um 1900 von Frances Benjamin Johnston Collection)
© Shutterstock

Bildung für Frauen stand in der Habsburgermonarchie des 19. Jahrhunderts stark zur Debatte. Denn während der Bedarf nach Berufsausbildungen für Frauen wuchs, war die Erfüllung der Hausfrauen- und Mutterrolle noch immer eine zentrale Aufgabe. 

Welche Rolle Mädchenschulen im Wien der 1850er Jahre spielte, erklärt Waltraud Schütz, Gastforscherin am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), im Interview mit dem ÖAW-Podcast “Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit”. Darin reisen wir mit Forscher:innen in die Vergangenheit und klären, welche Erkenntnisse die Forschung durch das Gedankenexperiment Zeitreise gewinnen könnte. 

Gedankenexperiment Zeitreise

Wenn Zeitreisen möglich wären, in welche Zeit und an welchen Ort würden Sie gerne reisen? 

Waltraud Schütz: Ich würde gerne zum 3. Februar 1856 nach Wien reisen. An diesem Tag fand im Mädcheninstitut von Betty und Marie Fröhlich eine halbjährliche Prüfung statt und anlässlich dieser Prüfung wurde ein Gemälde der Kaiserin Elisabeth enthüllt. Es ging darum, den Kindern patriotische Gefühle einzuflößen und Vaterlandsliebe zu vermitteln. Die junge Kaiserin war für Mädchen aus wohlhabenden Schichten, die das Publikum solcher Schulen waren, ein großes Vorbild.  

Es gab also damals schon einen Sisi-Kult? 

Schütz: Ja, denn das wurde sehr dadurch befördert, dass in den 1850er Jahren sich die Fotografie stark verbreitete. Es wurden Carte de Visite-Alben modern. Das waren kleine Einsteckalben für Fotos und Kaiserin Sisi war mit ihrer Familie eine beliebte Abbildung. 

Frauenbildung im 19. Jahrhundert

Kehren wir zu der Mädchenschule zurück. Wie können wir uns diese Schule vorstellen?

Schütz: Mädchenschulen gab es in der Habsburger Monarchie schon jahrhundertelang – zuerst im klösterlichen Kontext. Als die Unterrichtspflicht 1774 eingeführt wurde, sollten alle in die Schule gehen. Da ging es um Alphabetisierung. Private Mädchenschulen entstanden, weil der Staat sich einfach nicht um die weitere Mädchenbildung gekümmert hat. Das eröffnete Frauen die Möglichkeit, unternehmerisch tätig zu werden. Das Mädcheninstitut von Betty und Marie Fröhlich für Mädchen aus gehobenen Schichten wurde 1849 gegründet und vermittelte vor allem Wissen, das zur Vorbereitung des Ehelebens dienen sollte.  

Astronomie, Geschichte und Geografie wurden um 1800 ganz wichtig in der Mädchenbildung.

Welche Fächer wurden da unterrichtet? 

Schütz: Abgesehen von Normalgegenstände, Rechnen, Schreiben, Lesen und Religion wurde zum Beispiel Physik unterrichtet. Astronomie, Geschichte und Geografie wurden um 1800 ganz wichtig in der Mädchenbildung und sollte auch durch Mütter vermittelt werden. Dabei gab ging es vor allem um Vaterlandskunde.  

 

Warum war der Patriotismus so wichtig? 

Schütz: Das ist in der Zeit der napoleonischen Kriege entstanden. Das war ein großer Einschnitt für die Menschen, weil der Krieg plötzlich nach Hause gekommen ist. Um zu verhindern, dass die Menschen aufbegehren und revolutionär werden – wie in Frankreich 1789 – sollten die Menschen in der Liebe zum zur kaiserlichen Familie geschult werden. 

Im 19. Jahrhundert gibt es eine große Diskussion, ob Frauen Turnunterricht erhalten soll oder nicht. 1869 wird Turnunterricht verpflichtend für Mädchen und Buben an Schulen eingeführt. Im Institut Fröhlich gibt es zum Beispiel schon davor Gymnastikunterricht, weil auch der gesunde Mutterkörper befördert werden sollte. In den 1870er Jahren schaffte der Turnunterricht eine Diskussion: Sollen Frauen Muskeln haben? Wie soll der weibliche Körper geformt sein? Was ist Schönheit? Diese Fragen sieht man auch bei der Kaiserin Elisabeth und ihrem Turnen: Bei dieser Zurichtung des Körpers geht es sehr stark um Selbstoptimierung. 

Von der Mutterrolle zur Karrierefrau

Warum hat sich Frauenbildung im 19. Jahrhundert rentiert – wenn es doch hauptsächlich um die Vorbereitung auf die Ehe ging? 

Schütz: Um 1800 kommt mit der Aufklärung die Idee auf, dass nur gebildete Mütter auch die nächste Generation von Söhnen erziehen können. Das heißt, wenn die Mütter nicht gebildet sind, dann sind die Söhne möglicherweise auch nicht gebildet. Es ging also sehr stark um diese Mutterrolle. Das haben Frauen sich aber zu eigen gemacht und gesagt: Ich nehme diese Mutterrolle an und werde damit unternehmerisch tätig - zum Beispiel in der Leitung von Mädchenschulen oder als Lehrerinnen.  

Frauen durften nicht in der Verwaltung arbeiten. Sie durften keine Politik betreiben und auch nicht studieren.

Welche Berufschancen gab es für Frauen im 19. Jahrhundert?  

Schütz: Frauen durften nicht in der Verwaltung arbeiten. Sie durften keine Politik betreiben und auch nicht studieren. Aber man findet Frauen in allen anderen Branchen – von der Krapfenbäckerin bis zur Spitzenfabrikantin – sehr oft mit Ausnahmeregelungen. Im frühen 19. Jahrhundert durften Einzelpersonen eine Petition an den Kaiser stellen, um gewisse Ausnahmen vom Gesetz zu erreichen. Im Bereich der Mädchenbildung war das nicht nötig: Aufgrund der Idee der Mütterlichkeit wurden Frauen in der Mädchenbildung anerkannt. Das war eine einzigartige Möglichkeit, gerade für Frauen aus bürgerlichen Schichten, denen nicht so viele Berufsmöglichkeiten offen waren.

 

 

Auf einen Blick  

Das ganze Interview AUF Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit

Waltraud Schütz ist Gastforscherin am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Ihr Schwerpunkt liegt auf Frauen- und Geschlechtergeschichte in der Habsburgermonarchie im 19. Jahrhundert.