Donald Trumps gläubige Armee: Die Rolle der Evangelikalen in der US-Politik
22.12.2025
Wie kann ein amerikanischer Präsident, der vielfach mit Luxus, Skandalen und Provokationen in Zusammenhang gebracht wird, von gläubigen Christ:innen als göttlich legitimiert gelten? Andrew Bunnell, US-amerikanischer Religionswissenschaftler, erklärt im Gespräch mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die komplexe Welt der US-Evangelikalen: von Loyalität über Angst vor kulturellem Verlust bis hin zu bewusster Identifikation mit Donald Trumps Lebensstil. Gleichzeitig könnten neue Enthüllungen rund um Jeffrey Epstein das Lager spalten – doch die Bewegung, die Trump groß gemacht hat, ist älter, mächtiger und unabhängig von seiner Person.
Evangelikale Gruppen
Wie erklären Sie die Tatsache, dass Donald Trump – ein Politiker mit offen hedonistischem Lebensstil – von vielen Evangelikalen als „von Gott auserwählt“ angesehen wird?
Andrew Bunnell: Um die vielen unterschiedlichen Gruppen von Evangelikalen zu verstehen, muss man zunächst einen Schritt zurücktreten und bedenken, dass sich etwa 150 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten selbst als Evangelikale einordnen würden. Unter diesem Label „Evangelikal“ verbergen sich also sehr unterschiedliche Menschen – ähnlich wie sich in Europa viele unterschiedliche Gruppen unter dem Label „katholisch“ zusammenfassen lassen.
Die vierte Gruppe ist die beunruhigendste, auch wenn sie die kleinste ist.
Welche evangelikalen Gruppen sind das?
Bunnell: Ich sehe in den USA vier Kategorien: Die älteste Gruppe amerikanischer Evangelikaler lehnt jede Vermischung von Kirche und Staat strikt ab. Sie hatten Einfluss, etwa in der Verfassung oder bei großen sozialen Bewegungen, sind aber eine Minderheit.
Eine zweite Gruppe sagt: „Wir billigen Trumps Lebensstil nicht, aber er ist das kleinere Übel im Vergleich zur politischen Linken.“ Das ist eine ziemlich große Gruppe, möglicherweise die Mehrheit.
Die dritte Gruppe sieht ihn fast wie eine Art Retterfigur, weil sie befürchtet, dass sie die Aspekte der amerikanischen Gesellschaft verliert, die ihr am meisten am Herzen liegen. Diese Unterstützung gründet also auf Angst – Angst vor Verlust und kultureller Verdrängung.
Und die vierte Gruppe ist die beunruhigendste, auch wenn sie die kleinste ist. Diese Gruppe schätzt tatsächlich genau die Eigenschaften, die Trump ausmachen – seinen Lebensstil, seine Rhetorik, die Art, wie er Menschen behandelt –, weil sie sich selbst in ihm wiedererkennt. In bestimmten Teilen der evangelikalen Welt spiegeln die inneren Machtstrukturen Trumps Verhalten wider, sodass sie sich mit ihm identifizieren. Diese Teile der evangelikalen Kirche sind vor allem mit etwas verbunden, das als „Prosperity-Bewegung“ bekannt ist, die glauben, dass Wohlstand der sichtbare Beweis für Gottes Gunst ist. Unter Labels wie „Seven Mountains“ sind sie derart stark an Macht gebunden, dass ihr Christentum nicht mehr wirklich um Gott geht, sondern darum, Einfluss zu bewahren. Trump erhält diese Machtstruktur aufrecht.
Deal mit Donald Trump
Wenn man seine Kundgebungen betrachtet, ähneln diese oft Megakirchenversammlungen.
Um gewählt zu werden, hat sich Trump den evangelikalen Hardliner:innen angenähert. Welche politischen Zugeständnisse hat er gemacht?
Bunnell: Trump hatte eine Art politischen Instinkt. Er erkannte richtig, dass es eine große Gruppe von Amerikaner:innen gab, die sich von beiden Parteien nicht gehört fühlten – und dass viele von ihnen kirchlich verbunden waren. Deshalb umging er die Parteieliten und sprach die Menschen direkt auf populistische Weise an. Wenn man seine Kundgebungen betrachtet, ähneln diese oft Megakirchenversammlungen: Er auf der Bühne, Musik, emotionale Energie – sehr ähnlich wie ein Prediger, der mit seiner Gemeinde interagiert.
Viele Evangelikale sagten: „Wir glauben nicht, dass er wirklich an diese Dinge glaubt, aber wenn wir ihn unterstützen, bekommen wir, was wir wollen.“ Und Trump lieferte viele dieser Versprechen in seiner ersten Amtszeit. In diesem Sinne war es eine sehr überlegte, transaktionale Entscheidung vieler Wähler:innen.
Christlicher Nationalismus
Welche Faktoren sind für den enormen Aufstieg des christlichen Nationalismus in den Vereinigten Staaten verantwortlich?
Bunnell: Dazu gibt es in letzter Zeit hervorragende wissenschaftliche Arbeiten. In meiner eigenen Forschung argumentiere ich, dass das, was wir heute als christlichen Nationalismus bezeichnen, schon vor einem Jahrhundert blühte. Während die großen Kirchen zurückgingen, wuchsen evangelikale Kirchen, und der christliche Nationalismus verlagerte sich mit diesem Wandel von links nach rechts.
Heute ist der christliche Nationalismus fest nach rechts gerückt.
US-Amerika hatte schon immer die Vorstellung, ein auserwähltes Volk mit einer besonderen Mission Gottes zu sein. Heute ist der christliche Nationalismus fest nach rechts gerückt, und mit dem Aufstieg der Rechten ist er in Konflikt mit dem liberalen intellektuellen Establishment geraten – Universitäten und andere Eliteninstitutionen. Dieser Konflikt hat dem christlichen Nationalismus neue Aufmerksamkeit verschafft, obwohl er schon lange existiert.
Die heutige Version gewann in den 1950er Jahren während der antikommunistischen Ära an Stärke, wuchs dann in den 1960er- und 1970er-Jahren durch Figuren wie Jerry Falwell und Pat Robertson, die die Idee propagierten, „Amerika für Gott zurückzuerobern“. Was wir heute sehen, ist der Höhepunkt von 50, 60, 70 Jahren dieses wachsenden Bewegungsstärke, die schließlich echte politische Macht erlangt hat.
Epstein-Skandal als Prüfstein
Könnten neue Enthüllungen über Jeffrey Epstein eine Spaltung innerhalb der MAGA-Bewegung verursachen?
Bunnell: Interessant ist, dass diese Informationen in verschiedenen Formen schon länger existieren. Aber ja, aktuelle Berichte könnten eine Spaltung auslösen.
Nehmen wir Marjorie Taylor Greene – eine sehr lautstarke „America First“-Figur. Im vergangenen Monat kritisierte sie die Administration heftig. Sie behauptet zwar weiterhin, Trump zu unterstützen, ist aber offensichtlich verärgert, fühlt sich verraten und kündigte sogar ihren Rücktritt aus dem Kongress an. Ja, es gibt also Spaltungspotenzial. Unter den zuvor beschriebenen evangelikalen Gruppen könnten einige sich von Trump abwenden, wenn sie überzeugt werden, dass er mit dem Epstein-Netzwerk verbunden war.
Diese Bewegung existierte lange vor Trump und wird einen neuen Anführer finden.
Aber: Selbst wenn Trumps Unterstützung zusammenbricht, verschwindet die Bewegung, die ihn erst stark machte, nicht. Diese Bewegung existierte lange vor Trump und wird einen neuen Anführer finden, falls Trump unbequem oder zu toxisch wird. Ich spreche hier von institutionalisierter Religion als politischem Machtinstrument. Das ist etwas völlig anderes als individueller Glaube oder persönliche Religiosität. Diese Unterscheidung ist wichtig. Viele Menschen mit aufrichtigem Glauben setzen sich heute aus Gewissensgründen mit Themen wie den Epstein-Enthüllungen auseinander.
Auf einen Blick
Andrew Bunnell ist Wissenschaftler im Bereich der globalen Amerikanistik. Er ist Honorarprofessor am University College London. Gemeinsam mit ÖAW-Mitglied und Soziologin Kristina Stoeckl arbeitet er an einer Publikation zum Thema: Religion und Dissens über die liberale Demokratie.
