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Macht & OhnmachtGeopolitik

USA, Russland, China: Schlägt das Imperium zurück?

Leben wir wieder in einem Zeitalter der Imperien? Was erzählt der Aufstieg und Fall von Supermächten über die Jahrhunderte hinweg über die Gegenwart? Warum ist die EU kein Imperium? Und, warum macht Donald Trump gerade einen Fehler, der den imperialen Anspruch der USA schwächt? Antworten darauf findet der ÖAW-Globalhistoriker und Byzantinist Johannes Preiser-Kapeller im Gespräch.

17.12.2025
Eine halb zerfranste US-Flagge hängt an einem Flaggenmast
Ein Imperium auf dem absteigenden Ast? Die USA verlieren unter Donald Trump an internationalem Status.
© Adobe Stock

Imperien faszinieren die Menschen seit Jahrhunderten. In Sci-Fi-Stories wie „Dune“ oder „Star Wars“ tragen diese stets den Keim des Untergangs in sich. Aber: Was macht ein Imperium eigentlich zu einem Imperium? Eine Grundlage von imperialem Status ist ein sehr weit ausgedehnter Machtbereich. Heute würde man vielleicht Supermacht dazu sagen.

Zugleich sind Imperien aber auch immer ideologisch unterfüttert. „Imperien beanspruchen, dass sie eine Mission haben, dass sie einem höheren Zweck dienen – dass sie die Ordnung aufrechterhalten und diese auch definieren“, sagt der ÖAW-Globalhistoriker und Byzantinist Johannes Preiser-Kapeller. Im Gespräch erklärt er, welche Glaubwürdigkeitsprobleme aktuelle Imperien haben. Und woran die meisten Imperien gescheitert sind.

Hard Power und Soft Power der Imperien

Bei Imperien denkt man an historische Beispiele wie das Römische Reich. Leben wir noch immer in einem Zeitalter der Imperien?

Johannes Preiser-Kapeller: Dazu müssen wir die grundsätzliche Frage klären, was ein Imperium ist. Es handelt sich nämlich nicht nur um einen großen, mächtigen Staat. Imperien beanspruchen, dass sie eine Mission haben, dass sie einem höheren Zweck dienen – dass sie die Ordnung aufrechterhalten und diese auch definieren. Das ist der Unterschied zu einem modernen Nationalstaat, der sich gebunden fühlt ans Völkerrecht und an internationale Abkommen. Ein Imperium wird immer argumentieren:  Wir haben einen höheren Zweck, der uns nicht bindet an diese Regeln. Die von den Imperien vertretene Ordnung wird abgegrenzt von Chaos, Zivilisation von Barbarei.

Imperien beanspruchen, dass sie eine Mission haben, dass sie einem höheren Zweck dienen.

Imperien haben also auch einen ideologischen Anspruch?

Preiser-Kapeller: Dieser ideologische Rahmen muss in zwei Richtungen funktionieren. Nach Innen, um das eigene Volk zu überzeugen, weil ein Imperium auch mit Kosten verbunden ist. Diese Botschaft muss aber auch Gruppen in der Peripherie erreichen – damit diese sich nicht nur als Ausgebeutete sehen, sondern sich zumindest teilweise mit dem Imperium identifizieren können. Man hat das in der Forschung als die Augusteische Schwelle bezeichnet. Damit sich unter Kaiser Augustus das Römische Reich dauerhaft als Imperium etablieren konnte, mussten auch Menschen in den Provinzen außerhalb von Rom annehmen, dass sie profitieren. Ein Imperium kann nicht nur auf Waffen und Gewalt aufgebaut sein. Um tatsächlich dauerhaft als Ordnungsmacht wahrgenommen zu werden, muss auch diese Soft-Power entwickelt werden.

Ein Imperium kann nicht nur auf Waffen und Gewalt aufgebaut sein. Es muss auch Soft-Power entwickelt werden.

Supermacht vs. Imperium

Welche Imperien gibt es heute, auf die diese Definition zutrifft?

Preiser-Kapeller: Wir haben Staaten, die mit imperialen Versatzstücken operieren. Die Bedeutung militärischer und wirtschaftlicher Macht, also von „Hard-Power“, sieht man gerade in den Verhandlungen zwischen den USA und Russland über die Ukraine, wo die Europäer oft nur am Rande sitzen. Aber wenn es um die Soft-Power geht, haben all diese starken, mächtigen Staaten ein Problem. Der Anspruch der Sowjetunion war es, als Hort des Weltkommunismus die ungerechte Weltordnung zu überwinden – und sie fand damit Anklang auch über den Kernraum hinaus. Diese Anziehungskraft ist unter Putin längst weggebrochen, der daneben mit älteren Versatzstücken der imperialen Vergangenheit Russlands operiert, wenn es nützlich erscheint. Ähnlich ist es bei China, das eine lange imperiale Tradition hat; die Fackel des Weltkommunismus konnte die KP in China aber angesichts der stark kapitalistisch beeinflussten Wirtschaftspolitik seit den 1980er-Jahren nicht mehr überzeugend übernehmen. Man versucht jenseits eines chinesischen Nationalismus, Soft-Power aufzubauen, etwa durch Programme für Studierende aus Afrika. Aber deren Reichweite ist bislang im Vergleich beschränkt.

Und die USA?

Preiser-Kapeller: Deren Soft-Power war neben den militärischen und ökonomischen Muskeln bis ins 21. Jahrhundert sehr groß. Der Aufstieg der USA war auch mit der Abwehr anderer, aggressiver imperialer Projekte verknüpft: im Ersten Weltkrieg das deutsche Kaiserreich; im Zweiten Weltkrieg dann Nazi-Deutschland und das japanische Kaiserreich; nach 1945 die Sowjetunion. Dagegen hielt die USA mit den Slogans Freiheit und Demokratie – oft gekoppelt mit dem Erfolg der Populärkultur in Film oder Musik. Wir beobachten unter Trump allerdings gerade, wie Aspekte dieser Soft-Power verblassen. 

Trump als Anti-Imperialist wider Willen

Inwiefern?

Preiser-Kapeller: Er schließt die Grenzen, möchte nicht mehr offen sein für jene Menschen, die zuvor die kulturelle Anziehungskraft ins Land geführt hat, etwa zum Studium. Man steigt aus internationalen Hilfsprogrammen aus, auch im Bereich der Medien.  Dieser Abwendung von der Soft-Power steht der Wunsch gegenüber, unmittelbar materiell und territorial von der eigenen Vormacht zu profitieren – mit dem Träumen von der Eingliederung Grönlands oder Kanadas, oder den Plänen, dass auch Verbündete für den Schutz der USA teuer bezahlen. Damit schwächt man aber die Soft-Power, die zur längerfristigen Funktion von Imperien dazugehört und auch Einfluss dort ermöglicht, wo man nicht mit den militärischen Muskeln präsent ist.

Ein Imperium muss glaubwürdig sein und bleiben. Trump interessieren hingegen offenbar der kurzfristige, auch persönliche Gewinn und die schnelle Erfolgsmeldung in den Medien.

Gleichzeitig möchte sich Trump als großer Friedensmacher profilieren, was ja auch eine Soft-Power wäre.

Preiser-Kapeller: Ein Imperium muss glaubwürdig sein und bleiben, auch über eine Legislaturperiode hinaus. Die Aufrechterhaltung einer internationalen Ordnung verlangt – langfristiges Interesse und Investment. Den derzeitigen Präsidenten interessieren hingegen offenbar der kurzfristige, auch persönliche Gewinn und die schnelle Erfolgsmeldung in den Medien. Viele Kriege, die er angeblich beendet hat, sind deshalb auch nicht wirklich gelöst.

Die Erfolgsformel des Römische Reiches

Woran sind die meisten Imperien gescheitert?

Preiser-Kapeller: Es gibt Imperien, die sehr schnell expandierten und dann innerhalb kürzester Zeit auch wieder zusammenbrachen. Das sieht man bei Eroberern wie Alexander der Große oder Napoleon. Ein langfristig funktionierendes Imperium muss ein Versprechen von Sicherheit und Wohlstand für den Kernraum, aber auch Teile der Peripherie aufrechterhalten. Natürlich können Imperien auch an Überdehnung zugrunde gehen, wenn sie nicht mehr in der Lage sind ihren Verpflichtungen an vielen Schauplätzen nachzukommen. Zu den wirkmächtigsten Imperien gehört das Römische Reich, da es nicht nur über längere Zeit Sicherheit und gewissen Wohlstand im gesamten imperialen Raum aufrechterhielt, sondern auch vormals unterworfene Gruppen so weit integrierte, dass sich diese mit Rom identifizierten, als das Reich etwa in Italien schon zusammengebrochen war. 

Ein Imperium muss ein Versprechen von Sicherheit und Wohlstand für den Kernraum, aber auch Teile der Peripherie aufrechterhalten.

Ist es heute schwieriger geworden, etwa durch Politikverdrossenheit, ein Imperium aufzubauen?

Preiser-Kapeller: Bis vor 200 Jahren waren Imperien nicht demokratisch verfasst. Da ging es darum, vor allem die herrschenden Eliten – im Kernraum oder an der Peripherie – vom imperialen Projekt zu überzeugen. Demgegenüber ist der Nutzen der imperialen Last in Demokratien – wie in Großbritannien nach 1945 oder auch heute in den USA – schwieriger zu vermitteln, insbesondere wenn die ökonomische Ungleichheit zunimmt und das Engagement an entfernten Schauplätzen als teurer Luxus wahrgenommen wird. Gleichzeitig wird jenseits territorialer Macht die Kontrolle über weltumspannende Netzwerke und Technologien, etwa im Bereich der Social Media oder der KI (und der dahinterstehenden Liefer-, Energie- und Rechennetze) immer wichtiger im Ringen um die Vormacht, wobei sich hier auch neue Ungleichheiten auftun.

Gibt es dann heute überhaupt ein Imperium?

Preiser-Kapeller: Ein Imperium im klassischen Sinne, das Ordnung herstellt und eine Mission hat, die glaubwürdig ist, gibt es im Moment nicht. Die militärischen Supermächte haben entweder geringere Soft-Power (Russland, China) oder verabschieden sich gerade von ihr (die USA). Und die EU hätte zwar das Potential, Alternativen gegen autokratische und intolerante Systeme und eine Weltordnung, die nur auf brutaler Stärke basiert, anzubieten, aber es fehlen die Muskeln der Hard-Power.

 

Weitere Informationen

Johannes Preiser-Kapeller leitet den Forschungsbereich "Byzanz im Kontext" am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und lehrt Byzantinistik und Globalgeschichte an der Universität Wien. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die religiösen, politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Vernetzungen innerhalb der Welt des Mittelalters.