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ArchäologieNature Anthropology

Historische Genetik: Gemeinschaft ist mehr als DNA

Eine neue Publikation unter Ägide von ÖAW-Forscher:innen erklärt, warum DNA allein nicht reicht, um zu verstehen, wie Menschen in der Geschichte miteinander verbunden waren.

02.02.2026
Ein Forscher untersucht im Labor menschliche Gebeine
Bioarchäologische Werkzeuge sind für die Geschichtswissenschaften überaus wertvoll - doch auch sie können nur einen Teil der historischen Realität abbilden.
© AdobeStock

Moderne DNA-Analysen haben die Archäologie revolutioniert. Forscher:innen können damit genetische Verwandtschaft über Jahrtausende hinweg rekonstruieren. Doch der Durchbruch hat auch Schattenseiten. Vieles, was menschliche Beziehungen in der Vergangenheit ausgemacht hat, gerät aus dem Blick – weil es nicht im Erbgut steht. Und das, so warnt die Kulturanthropologin Sabina Cveček, Forscherin am Österreichischen Archäologischen Institute der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), sei „ein blinder Fleck, der unser Bild von menschlichem Zusammenleben in der Vergangenheit verzerren kann“.

Paare, Pflegefamilien und Nachbarschaft

In einer neuen Publikation in „Nature Anthropology“ plädiert Cveček gemeinsam mit internationalen Wissenschaftler:innen: „Verwandtschaft ist viel mehr als genetische Verwandschaft. Menschen können eng verbunden sein, auch wenn sie keinerlei genetische Gemeinsamkeit haben.“ Das gilt für Paare genauso wie für Nachbar:innen, Pflegefamilien oder adoptierte Kinder. In vielen Kulturen wurden Kinder zwischen Haushalten weitergegeben, gemeinsam großgezogen oder bewusst in andere Familien integriert. „All diese sozialen Bindungen verschwinden, wenn wir nur auf DNA schauen“, sagt Cveček.

Wenn Archäologie weiterhin fast ausschließlich der Spur der Gene folgt, geht ein Teil der menschlichen Vergangenheit verloren, ist die Forscherin überzeugt. Sie habe sich immer gefragt: „Was kann uns Genetik über kompliziertere Formen der Verwandtschaft sagen, die nicht perfekt zu unseren westlich-zentrierten Vorstellungen von Familie passen – von Vater, Mutter und Kindern.“ In der Archäologie werden etwa immer wieder Gräber gefunden, in denen Menschen gemeinsam liegen, die genetisch keinerlei Beziehung zueinander haben. Oft werden diese Daten dann in Analysen aussortiert. Cveček hält das für einen Fehler, in der Publikation ist von „genetischem Reduktionismus“ die Rede. „Sobald Individuen nicht in genetische Abstammungslinien passen, werden sie ausgeschlossen. Dabei erzählen gerade diese Fälle unglaublich viel darüber, wie Gemeinschaften funktioniert haben“, sagt Cveček. Die große Frage sei aus ihrer Sicht: „Wie kann Genetik auch dann bedeutungsvoll sein, wenn die Individuen nicht genetisch verwandt sind, aber dennoch zusammen begraben wurden?“ Denn das weise auf soziale Verwandtschaft hin statt auf genetische.

Arbeit, die Grenzen überschreitet

Cveček fragte sich gemeinsam mit den anderen Forscher:innen was wäre, wenn diese Fälle und Daten ernst genommen und gleich behandelt würden wie genetische Verwandtschaften. Um neue Wege zu finden, organisierte sie am Österreichischen Archäologischen Institut der ÖAW einen ungewöhnlichen Workshop – aus dem später die aktuelle Publikation hervorging. Zwei Tage lang diskutierten Genetiker:innen, Archäolog:innen, biologische Anthropolog:innen und Kulturanthropolog:innen aus zehn Ländern miteinander. „Wir wollten die Idee stärken, über die Kernfamilie hinauszudenken. Im Sinne von: Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“, erklärt Cveček.

Die Publikation vereint nun Stimmen aus Disziplinen, die selten gemeinsam veröffentlichen. Cveček betont: „Die Ergebnisse drängen einerseits dazu, nicht-genetische Daten ernst zu nehmen, und damit Fälle, in denen Menschen nicht genetisch verwandt sind. Andererseits geht es auch um die Frage: Wie arbeiten wir, um das zu praktizieren und mit wem?“

Natur und Kultur gehören zusammen

Für Sabina Cveček ist klar: Die Zukunft gehört interdisziplinären Teams, die bereit sind, die Komfortzone der eigenen Fachkultur zu verlassen. „Wir arbeiten zu oft in Silos“, sagt die Forscherin. „Es ist bequemer, mit Menschen zu arbeiten, die ähnlich denken. Aber wenn wir die Geschichte wirklich verstehen wollen, müssen wir bereit sein, gemeinsam zu lernen. Unterschiedliche Perspektiven sind keine Schwäche, sie sind die Voraussetzung, um die komplexe Vergangenheit zu verstehen.“

Schlussendlich könnte ein breiteres Verständnis für unsere Welt gewonnen werden: „Wir leben in einer bio-sozialen Welt, also zugleich in Natur und Kultur. Deshalb brauchen wir Natur- und Sozialwissenschaften und mehrere Perspektiven, um uns selbst, unsere Vergangenheit und unsere Zukunft zu verstehen. Wir müssen die Umwelt verstehen, aber auch die Menschen und welche Art von Umgebung sie sich schaffen. Denn es ist nicht nur die Umwelt, die uns formt, wir wirken auch auf die Welt ein und wie wir in ihr leben.“

 

Auf einen Blick

Publikation:

Cveček, S., Herrero-Corral, A., Rebay-Salisbury, K., Banffy, E., Brami, M., Chaix, R., Hrnčíř, V., Johnson, K., Lancy, D. F., Le Roy, M., Mace, R., Schweitzer, P., Sear, R., Seguin-Orlando, A., Shankland, D., Somel, M., Souvatzi, S., Whiteley, P., Žegarac, A. (2025). Beyond Genetics: Exploring Aspects of Non-Biological Kinship in Prehistoric Times. Nat. Anthropol. 2025, 3(4), 10016.
DOI: 10.70322/natanthropol.2025.10016