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Neue PodcastfolgeHiccup

Zeitreise ins Alte Ägypten

Der ÖAW-Podcast „Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit” ist zurück: Wir reisen mit Wissenschaftler:innen in verschiedene Epochen – vom Alten Ägypten über das Byzantinische Reich bis in die Frühe Neuzeit. Ägyptologin, Archäologin und ÖAW-Mitglied Julia Budka entführt uns in der neuen Folge ins Jahr 1454 v. Chr auf die Nilinsel Sai.

19.12.2025
Durch das Sieben entdeckten Julia Budka und ein sudanesischer Kollege Nehis Siegelabdruck.
© Julia Budka

Zeitreisen sind wissenschaftlichen unmöglich – dennoch dienen sie als spannendes Gedankenexperiment im ÖAW-Podcast „Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit“. In welche Zeit würden Wissenschaftler:innen gerne reisen? Wie lebten die Menschen damals? Und welche Fragen aus der Forschung könnten durch Zeitreisen beantwortet werden? Antworten darauf bietet „Hiccup. Per Schluckauf durch die Zeit“, überall wo es Podcasts gibt.

Gedankenexperiment Zeitreise

Wenn Zeitreisen möglich wären, in welche Zeit und an welchen Ort würden Sie denn gerne reisen und warum?

Julia Budka: Ich würde natürlich mehrere Zeitreisen machen wollen, aber mein absoluter Favorit ist tatsächlich der 15. Oktober 1454 v. Chr. auf die Nilinsel Sai im Nordsudan.

Felsenschriften haben mich schon als Studentin wahnsinnig fasziniert.

Und was ist dort an diesem Tag passiert?

Budka: Wir haben eine Inschrift, die uns verrät, dass an diesem Tag die Bauarbeiten für einen Tempel im Auftrag von König Thutmosis III. begonnen haben. Und der Mann, der diese Inschrift verfasst hat, ist Vizekönig von Kusch, also der höchste Beamte von Nubien zu dieser Zeit, mit dem schönen Namen Nehi. Und der gute Nehi hat auch Felsenschriften hinterlassen. Felsenschriften haben mich schon als Studentin wahnsinnig fasziniert, weil man auf einem Felsen in der Landschaft steht und plötzlich jemanden ganz persönlich vor sich hat.

Was wissen wir denn sonst noch über Nehis Leben?

Budka: Er muss relativ mobil gewesen sein. Wir können ihn über Statuen, Stelen, Felsinschriften und über sein Grab in extrem vielen Orten greifen. Er muss wirklich ein beschäftigter Mann gewesen sein, von dem wir nicht ganz sicher wissen, wo das Grab in Theben liegt. Aber es wurde der Steinsarkophag gefunden, was untermauert, dass er absolut hochrangig war.

Welche Fragen aus Ihrer Forschung könnten Sie mit dieser Zeitreise beantworten?

Budka: Ich habe von 2011 bis 2017 auf der Insel Sai gearbeitet. Dort gibt es vor allem eine ägyptische Stadt, die im königlichen Auftrag gebaut wurde, um die Kolonialverwaltung in Nubien logistisch zu unterstützen. Sie hatte aber auch viele andere Funktionen: Sie war ein Handelszentrum, aber auch ein religiöses Zentrum. Und da kommen wir eben wieder zu Nehi. Nehi brüstet sich damit, dass er einen steinernen Tempel für Thutmosis III. baut. Davor gab es einen Lehmziegel-Tempel. Wenn ich ihm wirklich begegnen würde, würde ich ihn fragen: „Lieber Nehi, wer hat denn jetzt diesen Lehmziegeltempel wirklich gebaut?“ Wir wissen nämlich nicht genau, wie dieser Vorgängertempel datiert.

Da würde die Archäologin in mir sagen: Da nehme ich auf jeden Fall mein iPad mit.

Was würden Sie auf Ihre Zeitreise mitnehmen?

Budka: Da würde die Archäologin in mir sagen: Da nehme ich auf jeden Fall mein iPad mit. Das hält lange vom Akku. Ich kann schnelle Scans, Fotos, Videos und Audioaufnahmen machen. Auch wenn man mit der Vergangenheit nicht herumspielen soll, könnte ich den Leuten vor Ort meine Rekonstruktion des Tempels und der Stadt zeigen. Die würden sich wahrscheinlich kaputt lachen, weil wir uns das so sauber und steril vorgestellt haben. Wir arbeiten aber auch daran, das nachzubessern.

Der Mythos vom Alten Ägypten

Unsere Folge heißt „Zurück ins Alte Ägypten“. Gibt es Mythen oder Missverständnisse rund um diese Epoche, die Sie gerne aufklären würden?

Budka: Es gibt zwei Punkte, die mir wichtig sind. Zum einen ist „das Alte Ägypten“ ein Mythos. Es war nie eine vereinte, Uniforme, monolithe Kultur von 4000 vor unserer Zeit bis in die römische Epoche. Es ist viel kleinteiliger, viel komplexer, viel dynamischer, viel spannender! Wir arbeiten daran zu zeigen, dass Gebiete wie Nubien, die früher immer als ein Randgebiet wahrgenommen wurden, wirklich integraler Bestandteil des Staates sind. Zum anderen gehen die meisten noch immer davon aus, dass Ägypten von einem Absolutismus geprägt war. Kombiniert mit diesem Mythos vom absolutistischen Pharao wird gerne der Mythos des Zentralstaats erzählt. Die moderne Forschung kann aber gut zeigen, dass weder das eine noch das andere stimmt. Die Macht war extrem komplex verteilt, was sich auch am Beispiel von Nehi zeigt. Als höchster Beamte der nubischen Kolonialverwaltung hatte er nicht den einen Hauptsitz, sondern war eben mobil.

 

 

Auf einen Blick 

Das ganze Interview zum nachhören 

Julia Budka studierte Ägyptologie und Klassische Archäologie an der Universität Wien und promovierte im Jahr 2007. Von 2004 bis 2012 war sie an der Humboldt-Universität in Berlin tätig und erhielt den START-Preis des FWF sowie einen ERC Starting Grant im Jahr 2012; dem folgte ein ERC Consolidator Grant 2019. Seit 2015 ist sie Professorin für Ägyptische Archäologie und Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, sowie seit 2019 korrespondierendes ÖAW-Mitglied der philosophisch-historischen Klasse im Inland.