Der Buchdruck – die erste Medienrevolution und ihre Effekte
17.10.2024
Mühselig verfasste Handschriften wurden durch Gutenbergs Innovation von Druckwerken abgelöst, welche in Folge eine Globalisierung des Wissens ermöglichten und eine ähnliche Revolution auslösten wie Jahrhunderte später das Internet. Ein großes interdisziplinäres Wissenschaftler:innennetzwerk aus ganz Zentraleuropa untersucht nun in den kommenden vier Jahren im Zuge der EU-finanzierten COST Action „Print Culture and Public Spheres in Central Europe (1500–1800)“ die so entstandenen Wechselwirkungen zwischen Druck und Öffentlichkeiten seit dem 16. Jahrhundert. Im Interview erzählen die beiden Initiatorinnen, Marion Romberg, Gastwissenschaftlerin von der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraums (IHB) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, und Mona Garloff vom Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie der Universität Innsbruck, von ihrem Forschungsvorhaben.
Wie der Buchdruck die Welt verändert hat
Anfang Oktober startet ihr Projekt, worum geht es dabei konkret?
Mona Garloff: Der Buchdruck hat große Änderung in der Frühen Neuzeit hervorgerufen und wir wollen zeigen, was er konkret bewirkt hat und wie durch ihn und das Entstehen von verschiedensten Medien wie Zeitungen und Bücher, aber auch Musikalien, erst Öffentlichkeit zu Stande kommen konnte. Den Zeitraum, den wir untersuchen, ist vom 16. Jahrhundert bis zum ausklingenden 18. Jahrhundert, darunter fallen natürlich die Auswirkungen auf die Ideen der Aufklärung. Räumlich ist das Projekt im Bereich Zentraleuropa angesiedelt, denn wir wollen national übergreifend die Entstehung von Öffentlichkeiten in Europa untersuchen.
Wie genau definieren Sie Öffentlichkeit?
Garloff: Diese muss man breit betrachten und darf sie nicht allein auf alphabetisierte Menschen anwenden. Denn natürlich partizipieren auch Leute, die nicht des Lesens fähig sind, an den gedruckten Medien, da sie auch über das Weiter-Erzählen, die öffentliche Berichterstattung auf Plätzen und sogar das Singen daran teilhaben konnten.
An einem Flugblatt haben alleine 30 bis 40 Leute partizipiert, weil es zirkuliert ist, vorgelesen wurde und Inhalte weitererzählt wurden.
Marion Romberg: Die Forschung sagt, dass an einem Flugblatt alleine 30 bis 40 Leute partizipiert haben, weil es zirkuliert ist, vorgelesen wurde und Inhalte weitererzählt wurden.
Es konnte also fast jeder an Informationen kommen, auch in sogenannten öffentlichen Räumen. Welche waren das beispielsweise?
Garloff: Es gab einerseits bewusste Institutionalisierungsprozesse, etwa dass man im 18. Jahrhundert erste öffentliche Bibliotheken eingerichtet hat. In Österreich entstand etwa die erste in Innsbruck unter Maria Theresia. Andererseits gab es Marktplätze, Kirchen und auch nicht öffentliche Bibliotheken wie jene von Adeligen, zu denen auch nicht nur die Besitzer selbst Zutritt hatten.
Und dieses öffentlich machen von Wissen überwand auch Landesgrenzen?
Garloff: Da wir uns die Thematik unter nationalübergreifenden Perspektiven anschauen, können wir auch erkennen, dass es eine europaweite Zirkulation von Schriften und somit Verbreitung von Wissen gab, Ideen wurden also global ausgetauscht. Das hat das gesellschaftliche Leben immens geprägt.
Vernetzte Forschung
Noch zum Hintergrund des Projektes – das ist ja kein klassisches Forschungsvorhaben?
Romberg: Genau, unser Projekt wird im Rahmen des EU-Förderprogramms COST (European Cooperation in Science and Technology) Action gefördert. Diese Förderschiene unterstützt ein interdisziplinäres Forschungsnetzwerk darin, ein bestimmtes Thema gemeinsam zu untersuchen. So werden über einen Zeitraum von vier Jahren eine Vielfalt von Vernetzungsaktivitäten wie Konferenzen, Workshops, Summer Schools oder Forschungsaufenthalte unterstützt. Bis jetzt haben wir schon über 70 Mitglieder aus 25 Ländern. Dieses Netzwerk kann und soll über die nächsten vier Jahre noch weiter anwachsen.
492 Anträge wurden EU-weit eingereicht, nur 60 gefördert. Sie sind als eine der wenigen aus Österreich erfolgreich, oder?
Romberg: Wir sind eines von drei Projekten aus Österreich, das gefördert wurde – und außerdem eines der ganz wenigen geisteswissenschaftlichen Projekte überhaupt.
Startschuss ist in Brüssel am 7. Oktober, was ist das Ziel nach den vier Jahren?
Romberg: Am Schluss wollen wir ein Kompendium auf den Markt bringen, welches die vielen unterschiedlichen Ergebnisse der verschiedenen Arbeitsgruppen nationalübergreifend darstellen und zusammenführen soll sowie eine Datenbank mit einem annotierten Katalog digitaler Ressourcen zur Buchgeschichte in den verschiedenen Teilnehmerländern unserer COST Action. Und natürlich ein tolles globales Netzwerk verschiedenster Forscher:innen.
AUF EINEN BLICK
Marion Romberg ist seit 2023 Gastwissenschaftlerin am Institut für die Erforschung der Habsburgermonarchie und des Balkanraumes und war davor wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungsbereich Geschichte der Habsburgermonarchie und Leiterin des Projektes "The Viennese Court – A prosopographical Portal" (VieCPro). Von 2017 bis 2023 lehrte sie an den Universitäten Wien, Bonn und Salzburg. Seit Mai 2023 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte der Rheinischen Friedrich-Wilhelms Universität Bonn.
Mona Garloff ist seit 2023 Assistenzprofessorin am Institut für Geschichtswissenschaften und Europäische Ethnologie an der Universität Innsbruck. Nach dem Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaft in München und Paris promovierte sie 2013 an den Universitäten Frankfurt am Main und Trient. Ihre Forschungsbereiche sind unter anderem Buchhandelsgeschichte und Geschichte der Habsburgermonarchie.
Weitere Informationen bietet die Webseite der COST Action „Print Culture and Public Spheres in Central Europe (1500–1800)“: https://www.cost.eu/actions/CA23137/