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Wie viel Moral verträgt die Wissenschaft?

Universitäten sollen frei forschen und lehren können. Aber diese Freiheit beruht auf einer moralischen Ordnung, in der sich Staat und Wissenschaft gegenseitig Grenzen setzen. Der Schweizer Historiker Caspar Hirschi zeigt in einem Vortrag an der ÖAW, warum der Blick auf Max Weber dabei ebenso wichtig ist wie der auf Donald Trump und die AfD in Sachsen-Anhalt.

14.09.2026
© Caspar Hirschi

Wie frei ist Wissenschaft – und wo beginnt ihre Politisierung? Der Schweizer Historiker Caspar Hirschi beschäftigt sich in seinem Vortrag am 17.9.2026 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) unter dem Titel „Die Freiheit der Zugelassenen. Wissenschaftsfreiheit zwischen Moral und Moralisierung“ mit einem Spannungsverhältnis, das die Universitäten seit ihrer Entstehung begleitet. Wissenschaftsfreiheit, so seine These, wird nicht allein durch Gesetze und Verfassungen geschützt. Sie beruht auf einer moralischen Verpflichtung zur Selbstzurücknahme – und zwar auf beiden Seiten.

Hirschi führt diese Idee bis zu Max Weber zurück. Anfang des 20. Jahrhunderts wandte sich der Soziologe gegen politische und weltanschauliche Einschränkungen bei Berufungen und Habilitationen. Zugleich forderte er von Forschenden, ihre akademische Autorität nicht für politische Zwecke einzusetzen. Hirschi fragt aber auch: Wie wird sich dieses Gefüge verändern, sollte die AfD in Sachsen-Anhalt an die Macht kommen? Und: Was bedeutet dieser Lackmustest für andere Länder?

Was bedeutet Wissenschaftsfreiheit?

Caspar Hirschi:  Ich verstehe die Wissenschaftsfreiheit zugleich als ein Grundrecht, ein Privileg und eine moralische Ordnung. Sie gehört in vielen Staaten zum Grundrechtskatalog der liberalen Freiheiten, ist aber im Unterschied zur Meinungs- und Religionsfreiheit das Privileg jener kleinen Minderheit, die wissenschaftliche Lehre und Forschung betreibt. Wie gerade die jüngste Geschichte zeigt, ist die Wissenschaftsfreiheit aber auch auf eine moralische Ordnung der wechselseitigen Selbstzurücknahme angewiesen: Regierende verzichten darauf, die Finanzierung von Lehre und Forschung an konkrete Erwartungen zu knüpfen, und Forschende verzichten darauf, im Namen der Wissenschaft politische Forderungen zu stellen.

Das zeigt sich derzeit besonders deutlich in den USA, wo einfach Gelder gekürzt werden.

Hirschi: Donald Trump ist ein sehr gutes Beispiel dafür, was geschieht, wenn die moralische Ordnung zusammenbricht. Er zeigt, dass Gesetze oder Verfassungsartikel nicht ausreichen, um die Wissenschaftsfreiheit zu schützen. Regierungen können staatliche Mittel einfrieren oder Förderungen an Bedingungen knüpfen und so indirekt steuern, welche Forschung stattfindet und welche nicht. Genau deshalb hängt die Wissenschaftsfreiheit nicht nur am Recht, sondern an einem, wie ich sagen würde, liberalen Ethos.

Wie hängt das mit Max Weber zusammen?

Hirschi: Bis ins frühe 20. Jahrhundert war es in Deutschland normal, dass die Politik Einfluss darauf hatte, wer Professor werden konnte. Wissenschaftsfreiheit war damit im Grunde die Freiheit jener, die bereits einen staatlichen Gesinnungstest bestanden hatten. In Deutschland konnten etwa Marxisten, Sozialisten oder Anarchisten nicht berufen werden. Weber wandte sich entschieden gegen diese Einschränkungen, die er an seiner eigenen Universität erlebte, als Georg Simmel, schon damals ein international anerkannter Soziologe, aus antisemitischen Motiven nicht berufen wurde. Gleichzeitig entwickelte Weber eine Vorstellung davon, was die Wissenschaft selbst zu dieser Freiheit beitragen muss.

Was meinte Weber damit?

Hirschi: Weber sah, dass manche Professoren der Politik in nichts nachstanden, wenn es um Gesinnungsprüfungen bei Berufungen ging, weil sie die Universität auch als eine Institution der politischen Wertevermittlung verstanden. Für Weber war daher klar, dass die Wissenschaftsfreiheit im umfassenden Sinne nur existieren kann, wenn Dozierende im Hörsaal ebenfalls eine konsequente Selbstzurücknahme üben – diesmal in weltanschaulichen Dingen. Darum war ihm die Wechselseitigkeit wichtig.

Weber wollte also gerade eine Forschung, die Regierungen unbequem werden konnte.

Wie lässt sich das auf aktuelle Studienrichtungen wie Gender Studies umlegen, die viel politischen Gegenwind zu spüren bekommen?

Hirschi: Weber würde sagen, dass keine Weltanschauung an der Universität ausgeschlossen werden darf, der eine präzise wissenschaftliche Kritik entspringen kann. Selbst ein Anarchist, der jede Form staatlicher Herrschaft ablehne, könne ein hervorragender Forscher sein, weil er das Bestehende konsequent hinterfrage. Weber wollte also gerade eine Forschung, die Regierungen unbequem werden konnte. Entscheidend war für ihn aber, dass sie höchste wissenschaftliche Qualitätsansprüche erfüllt. Und dafür musste sie aus seiner Sicht ergebnisoffen und für wissenschaftliche Kritik empfänglich sein. Aus diesem Grund ging er mit einzelnen Fächern seiner Zeit hart ins Gericht – und würde es wahrscheinlich auch heute tun, nicht nur, aber auch bei den Gender Studies. Der springende Punkt jedoch ist, dass diese kritische Selbstreflexion für ihn alleinige Aufgabe der Wissenschaft war. Die Politik hatte hier nichts verloren.

Wissenschaft und Ideologie

Wo beginnt dann die Moralisierung von Wissenschaft?

Hirschi: Problematisch wird es, wenn Wissenschaft selbst als Vehikel für bestimmte Werte und politische Forderungen eingesetzt wird. Seit den späten 1960er-Jahren gab es Bestrebungen von den Wirtschafts- über die Umwelt- bis zu den Geistes- und Sozialwissenschaften, die Forschung an progressiven sozialen Werten auszurichten. Das kann dazu führen, dass Wissenschaft von außen als weltanschaulich getriebenes Projekt wahrgenommen wird. Dann haben politische Akteur:innen, die sich von bestimmten Forschungsergebnissen gestört fühlen, ein leichtes Argument: Sie können sagen, diese Wissenschaft sei Ideologie. Wissenschaftlicher Aktivismus erleichtert es politischen Kräften, ihren eigenen Eingriff in die Wissenschaft zu rechtfertigen – und dabei noch zu behaupten, man wolle nur die Politik aus der Wissenschaft verbannen.

Aber gerade Forschungsrichtungen wie Feminismus mussten sich ihren Platz an den Universitäten erst erkämpfen. Ist eine politische Dimension dann nicht unvermeidbar?

Hirschi: Beim Feminismus würde ich die gleiche Haltung einnehmen wie Max Weber gegenüber dem Anarchismus. Die feministische Kritik hat längst bewiesen, dass sie eine äußerst fruchtbare Hinterfragung von wissenschaftlichen Annahmen verschiedener Fächer von der Medizin über die Wirtschaftswissenschaften bis zur Wissenschaftstheorie leisten kann. Auf einem anderen Blatt steht, ob sich daraus konkrete politische Forderungen ableiten lassen. Da wäre ich, ebenfalls gestützt auf Max Weber, skeptisch.

Wo endet diese Selbstzurücknahme? Muss die Wissenschaft auch Positionen offenlassen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind?

Hirschi: Auf keinen Fall. Die Selbstzurücknahme der Wissenschaft bedeutet nicht, dass sie vor der Politik einen Kniefall macht. Im Gegenteil: Sie sichert sich durch ihre weltanschauliche Selbstzurücknahme eine größere Freiheit gegenüber der Politik, indem sie sich auf das konzentriert, was Weber die „schlichte Wissenschaft von den Tatsachen“ nennt. Das bedeutet, den aktuellen Stand des wissenschaftlichen Wissens auch und gerade dann öffentlich zu vertreten, wenn er für die Politik unangenehm ist. Genau darin haben schon frühe Verfechter der Wissenschaftsfreiheit den „Widerstand“ ausgemacht, den die Wissenschaft gegenüber den Mächtigen leisten muss.

Die Trennung von Wissenschaft und Politik

Klimawandel oder Impfungen werden von vielen Teilen der Rechten trotzdem grundlegend in Frage gestellt. Wie kann man damit umgehen?

Hirschi: Die Wissenschaft kann und soll geduldig und genau aufzeigen, was der wissenschaftliche Erkenntnisstand zu Impfungen und zum Klimawandel ist, und welche Konsequenzen drohen, wenn bestimmte Impf- und Klimaziele verfehlt werden. Was sie nicht tun sollte, ist, in die Rolle der politischen Opposition zu schlüpfen, auch dann nicht, wenn selbst Regierungen wissenschaftliche Tatsachen abstreiten. Das ist Aufgabe demokratischer Parteien.

Wissenschaft darf also nicht politischer Aktionismus werden?

Hirschi: Wissenschaft hat ihre Stärke bei Aussagen darüber, was ist und was nicht ist, was geschehen ist, geschieht und geschehen könnte. Sie hat aber wenig Autorität darüber, was sein soll. Wissenschaftlicher Aktivismus verwischt genau diese Grenze. Er setzt Wissenschaft als Begründung zur Durchsetzung politischer Ziele ein. Das ist eine unwissenschaftliche Haltung. Professor:innen können durchaus Politik machen. Weber selbst gründete 1918 eine liberale Partei mit und arbeitete am Entwurf der Weimarer Verfassung mit. Er tat dies jedoch nicht als Soziologe, sondern als politisch engagierter Bürger. Entscheidend ist die Trennung der Rollen: Wenn Wissenschaftler:innen politisch handeln, tun sie das als Bürger:innen – nicht im Namen ihres Faches und nicht unter Berufung auf die wissenschaftliche Autorität ihrer Institution.

Von Deutschland bis in die USA 

Was bedeutet das für den Umgang mit autoritären politischen Kräften wie der AfD?

Hirschi: Der Fall Sachsen-Anhalt könnte ein Lackmustest dafür werden, wie weit der gesetzliche Schutz der Wissenschaftsfreiheit tatsächlich reicht. Meine These ist, dass er weniger weit reicht, als man lange geglaubt hat. Eine Landesregierung könnte beispielsweise Mittel für Universitäten einfrieren. Sie könnte informell signalisieren, dass Förderungen nur dann wieder fließen, wenn bestimmte Fachrichtungen abgeschafft oder andere eingerichtet werden. Auf diese Weise lässt sich erheblich auf Lehre und Forschung einwirken. Hinzu kommt, dass einzelne Bundesländer über gemeinsame Entscheidungsstrukturen Einfluss auf die Wissenschaftspolitik in der gesamten Bundesrepublik nehmen können. Wenn ein Land bei Entscheidungen ausschert, die Einstimmigkeit voraussetzen, können bestimmte Projekte oder Förderlinien blockiert werden.

Wie können Universitäten darauf reagieren?

Hirschi: Sie sollten gegenüber der Politik sehr reserviert auftreten, wenn ihnen unter Druck kurzfristige Lösungen angeboten werden. Es darf nicht dazu kommen, dass Universitäten auf Kuhhändel eingehen, die den Betrieb kurzfristig entlasten, sie langfristig aber in eine stärkere Abhängigkeit vom Staat bringen. Das haben wir in den USA gesehen. Einige Universitäten waren bereit, ihre akademische Freiheit einzuschränken, damit staatliche Forschungsmittel möglichst schnell wieder fließen. Langfristig schaden sich Hochschulen damit selbst. Denn sie liefern den faktischen Beweis, dass sie politisch erpressbar sind.

Und in Sachen Forschung?

Hirschi: Hier geht es darum, die Wissenschaftsfreiheit performativ vorzuleben, indem zu allen Themen, auch und gerade jenen, die bei der Regierung unbeliebt sind, auf höchstem wissenschaftlichem Niveau geforscht, gelehrt und publiziert wird. Das ist der beste Beweis für den Nutzen einer freien Wissenschaft, und er ist viel stärker als irgendwelche politischen Protestrituale auf dem Campus. Sollte diese Forschung von Seiten der Politik behindert werden, dürfen Universitätsleitungen nicht davor zurückschrecken, gegen die eigene Regierung zu klagen. 

 

Auf einen Blick 

Caspar Hirschi ist Historiker und Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. 

Hirschis Vortrag am 17. September 2026 im Festsaal der ÖAW unter dem Titel „Die Freiheit der Zugelassenen. Wissenschaftsfreiheit zwischen Moral und Moralisierung“ ist zugleich die Keynote zu einer internationalen Konferenz mit dem Titel "The Moralization of Science”. Sie fragt danach, wie moralische Werte die Wissenschaft prägen, und wie die Wissenschaft wiederum die moralischen und politischen Debatten moderner Gesellschaften prägt.