Rund 1.600 nichtheimische Pflanzenarten wachsen mittlerweile in Österreich – Tendenz steigend. Die meisten von ihnen bleiben selten und unauffällig, einige aber breiten sich massiv aus und verändern dadurch Ökosysteme nachhaltig, etwa der Götterbaum oder amerikanische Flusskrebse, die heimische Arten verdrängen. Im Interview ordnet der Biodiversitätsforscher Franz Essl das Phänomen invasiver Arten in die größere Krise des globalen Artensterbens ein, erläutert die Rolle von Klimawandel und Landnutzung – und zeigt anhand des Asiatischen Laubholzbockkäfers, dass gezieltes Gegensteuern durchaus Erfolg haben kann.
Was genau macht eine Art erfolgreich invasiv?
Franz Essl: Ein zentraler, für viele Menschen kaum sichtbarer Faktor globaler Umweltveränderungen ist, dass wir Menschen Arten heute weltweit ausbreiten – in einem Ausmaß, das es früher nicht gab. Viele tausend Arten werden auf diese Weise verschleppt und bleiben dann oft dauerhaft dort, wo sie eingeführt wurden. Ein Beispiel sind Zierpflanzen: Rund 10.000 Arten wachsen bei uns in Gärten und auf Grünflächen. Manchmal wird das zum Sprungbrett für eine Ausbreitung in natürliche Lebensräume. Ob sich eine Art dann tatsächlich ausbreitet und im schlimmsten Fall invasiv wird, hängt vom Zusammenspiel bestimmter Arteigenschaften mit den Lebensräumen ab, auf die sie trifft. Besonders erfolgreich sind Anpassungskünstler, sogenannte Generalisten, die gut mit menschlich veränderten Umweltbedingungen zurechtkommen, etwa Arten, die man häufig in Städten findet. In Österreich sind das zum Beispiel wärmeliebende oder nährstoffliebende Arten.
Innerhalb von nur 25 Jahren sind das einige der häufigsten Arten in Österreich geworden.
Ein Beispiel, bitte.
Essl: Nehmen wir das Jahr 2000 als Referenz: einige Arten, die heute in Österreich allgegenwärtig sind, gab es damals bei uns noch gar nicht, etwa die Reiswanze, den Buchsbaumzünsler oder den Asiatischen Marienkäfer. Innerhalb von nur 25 Jahren sind das einige der häufigsten Arten in Österreich geworden. Dieser Prozess läuft bereits vor unseren Augen ab und wird sich mit fortschreitendem Klimawandel und weiterer Landnutzungsintensivierung eher noch beschleunigen, mit spürbaren Folgen nicht nur für die Ökologie, sondern auch für die Gesellschaft.
Invasive Arten als Gefahr für die Biodiversität
Sind invasive Arten automatisch eine Gefahr für die Biodiversität?
Essl: Nicht unbedingt, aber die Zahlen sind beachtlich. Wir haben in Österreich etwa 1.600 nichtheimische Pflanzenarten, verglichen mit 3.000 heimischen Arten, also ein Anteil von rund 50 Prozent, der in den vergangenen Jahrzehnten rasch gestiegen ist. Entscheidend ist aber: Der Großteil dieser Arten ist selten oder nur unbeständig. Das heißt: Sie werden eingeschleppt und verschwinden irgendwann wieder, ohne dass sich dauerhafte Bestände etablieren. Nur ein kleiner Teil breitet sich massiv aus. Bekannte Beispiele sind Robinie, Götterbaum oder Staudenknöterich. Diese können Umweltveränderungen, landwirtschaftliche Ertragsverluste oder – seltener, aber relevant – gesundheitliche Folgen verursachen, etwa Allergien durch Ragweed. Unsicher bleibt oft, wie sich eine Art entwickelt: Es kann Jahrzehnte dauern, bis sich zeigt, ob eine anfangs seltene Art dauerhaft selten bleibt oder sich doch noch zu einem Problem entwickelt.
Nur ein kleiner Teil breitet sich massiv aus.
Wie ordnet sich die Ausbreitung invasiver Arten in die größere Biodiversitätskrise ein?
Essl: An erster Stelle des globalen Artenrückgangs steht die Übernutzung und Zerstörung naturnaher Lebensräume – durch Besiedelung, intensive Landwirtschaft, Verbauung von Gewässern oder Entwässerung von Feuchtgebieten. Der Klimawandel ist eine zunehmend massive, zusätzliche Bedrohung, die vor keinem Schutzgebiet haltmacht. Und ja, auch die Einschleppung nicht heimischer Arten ist relevant, bei uns etwa durch den Asiatischen Marienkäfer, der heimische Marienkäferarten verdrängt, oder durch amerikanische Flusskrebse, die die Krebspest übertragen, die die heimischen Flusskrebsarten an den Rand des Aussterbens bringt. In Österreich steht dieser Faktor nicht an erster Stelle, gewinnt aber zunehmend an Bedeutung.
Global betrachtet ist die Einschleppung von Arten vor allem auf Inseln ein riesiges Thema. Inseln zeichnen sich durch einzigartige Arten aus, die in Isolation entstanden sind und oft nirgendwo sonst vorkommen, etwa Galápagos mit seinen vielen nur dort vorkommenden Arten.
Die Ausbreitung invasiver Arten
Fehlt es invasiven Arten grundsätzlich an natürlichen Feinden?
Essl: Ökosysteme sind komplex, und auch die Ausbreitung von Arten folgt nicht einer einfachen Ursache, sondern resultiert aus dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Fehlen natürliche Gegenspieler, verschafft das eingeschleppten Arten einen Konkurrenzvorteil, der zu rascher, massiver Ausbreitung führen kann.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist vor allem bei Tieren die Übertragung von Krankheiten auf heimische Konkurrenten. Ein drastisches Beispiel sind eingeschleppte amerikanische Flusskrebsarten, die heute schätzungsweise mehr als 99 Prozent aller Flusskrebse in österreichischen Gewässern ausmachen. Sie übertragen eine Pilzerkrankung, die sogenannte Krebspest, die für sie selbst harmlos ist, für heimische Krebsarten ist sie aber fast immer tödlich: Sobald sie in Kontakt kommen, brechen ganze Populationen zusammen.
Sobald sie in Kontakt kommen, brechen ganze Populationen zusammen.
Bei Pflanzen sind es eher Pflanzenfresser, die zurückbleiben. Häufig sind das hoch spezialisierte Insekten, die selten mit eingeschleppt werden. Die Pflanze kann sich im neuen Gebiet also weitgehend ungestört ausbreiten.
Und inwiefern beschleunigt die Klimakrise die Ausbreitung invasiver Arten?
Essl: Unser Klima war traditionell durch kalte Winter mit langen Frostperioden und warme, aber nicht heiße Sommer geprägt. Der Klimawandel verändert das derzeit rasant. Bleiben strenge Fröste und lange Schneebedeckung aus, verschafft das wärmeliebenden, oft immergrünen Pflanzenarten einen entscheidenden Vorteil: Sie überleben unsere Winter mittlerweile, während sie früher an strengen, langen Wintern gescheitert wären. Ein Beispiel ist der Kirschlorbeer, der auch gerne als Gartenpflanze verwendet wird. Viele dieser Arten schaffen inzwischen den Sprung aus den Gärten in naturnahe Lebensräume, in Wälder, Auen oder andere Ökosysteme. Gleichzeitig geraten heimische, an das historische Klima angepasste Arten zunehmend unter Stress durch Hitze und milde Winter.
Wirksam eingreifen lässt sich vor allem bei Arten, die noch ganz am Anfang ihrer Ausbreitung stehen.
Gibt es wirksame Maßnahmen, um diese Entwicklung einzudämmen?
Essl: Entscheidend ist, an den Ursachen anzusetzen: eine Landnutzungspolitik, die Übernutzung von Lebensräumen vermeidet, sowie eine Klimapolitik, die extreme Hitzebelastung eindämmt. Selbst bei rascher politischer Kurskorrektur bleiben solche Veränderungsprozesse aber langfristig. Wirksam eingreifen lässt sich vor allem bei Arten, die noch ganz am Anfang ihrer Ausbreitung stehen. Ein Beispiel ist der Asiatische Laubholzbockkäfer, der 2000 aus China nach Österreich eingeschleppt wurde. Seine Larven schädigen verschiedene Laubbäume und können zum Absterben der Bäume führen. Durch rasche, aufwendige Gegenmaßnahmen konnte der Befall erfolgreich beseitigt werden. Dabei kamen erstmals speziell trainierte Spürhunde zum Einsatz, die befallenes Holz aufspüren. Zusätzlich führte die EU strengere Vorschriften für Holzverpackungen ein, um die Einschleppung solcher Schädlinge künftig zu verhindern.
Auf einen Blick
Franz Essl ist Ökologe, lehrt am Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien und ist Mitglied des Leitungsteams des Österreichischen Biodiversitätsrates. Seine umfassende Expertise in der Biodiversitätsforschung bringt er unter anderem im Nationalkomitee Man and the Biosphere der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ein. 2022 wurde er zu Österreichs Wissenschaftler des Jahres gewählt.

