Wie es „Die Wiener Hausfrau“ mit dem Wahlrecht hielt
Sie nähten, schrieben – und wählten: Frauenzeitschriften um 1919, wie „Die Wiener Hausfrau“, waren viel mehr als bloße Ratgeber. Was sie zu Quellen für kollektive weibliche Zeitzeug:innenschaft macht, darüber spricht ÖAW-Historikerin Eva Tamara Asboth im Interview.
23.04.2025
Frauenzeitschriften wie „Die Wiener Hausfrau“ beeinflussten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die öffentliche Debatte über Frauenrechte.
In einer von Männern dominierten Medienlandschaft boten Frauenzeitschriften nach dem Ersten Weltkrieg erstmals einen Raum, in dem Frauen ihre Lebensrealitäten miteinander teilen und diskutieren konnten. Die Historikerin und Kommunikationswissenschaftlerin Eva Tamara Asboth vom Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat sich intensiv mit den Publikationen dieser Zeit auseinandergesetzt. Ihre Forschung zeigt: Zwischen Kochrezepten und Handarbeitsanleitungen entwickelte sich ein Diskurs über politische Teilhabe, das Frauenwahlrecht und gesellschaftlichen Wandel. Was „Die Wiener Hausfrau“ und andere Zeitschriften dieser Ära prägte, erzählt sie im Interview.
Wählen gehen ist Pflicht
Was zeichnet Frauenzeitschriften der Zeit um 1919 grundsätzlich aus – und worin unterscheiden sie sich von anderen zeitgenössischen Medien?
Eva Tamara Asboth: Frauenzeitschriften richteten sich erstmals explizit an ein weibliches Publikum – das war ein großer Unterschied im damaligen medialen Feld. In der sogenannten „bürgerlichen Öffentlichkeit“, wie sie der Philosoph Jürgen Habermas beschrieben hat, denkt man an männerdominierte Räume, begleitet von einer Presse, die sich vor allem mit politischen, wirtschaftlichen und weltanschaulichen Themen beschäftigte. Die Tageszeitungen und Wochenblätter thematisierten weniger soziale oder private Belange.
Frauenzeitschriften hingegen veränderten dieses Bild. Sie behandelten zwar weiblich konnotierte Themen wie Ehe, Kindererziehung, Kochen oder Handarbeit – aber sie öffneten zugleich einen Raum der Teilhabe. Besonders spannend waren Rubriken wie „Meinungsaustausch“: Leserinnen wurden dazu eingeladen, Beiträge zu verfassen und aufeinander zu reagieren. So entstand ein Forum, in dem Frauen direkt miteinander kommunizierten.
Inwiefern trugen Frauenzeitschriften zur Aufklärung über das damals neu gewonnene Wahlrecht bei?
Asboth: Das neu erworbene Wahlrecht war ein großes Thema. Die Botschaft war klar: Wählen zu gehen ist Pflicht. In der von mir untersuchten Zeitschrift „Die Wiener Hausfrau“ wurde etwa diskutiert, ob eine Frau dieselbe Partei wie ihr Mann wählen müsse. Die Antwort lautete: Nein. Die Frau solle sich selbstständig informieren, sich eine eigene politische Überzeugung bilden – und auch mit anderen Frauen darüber sprechen, z. B. mit ihrer Schwester oder mit Hausangestellten.
In der Zeitschrift „Die Wiener Hausfrau“ wurde etwa diskutiert, ob eine Frau dieselbe Partei wie ihr Mann wählen müsse.
Das kann man als emanzipatorisch deuten, aber es könnte auch heißen, dass die Zeitschrift eine bestimmte politische Richtung fördern wollte – etwa um Hausangestellte von sozialdemokratischen Überzeugungen abzubringen.
Rotes Wien, schwarzes Land
Das war tatsächlich eine Sorge der bürgerlichen Parteien.
Asboth: Wie sich zeigte, wählten viele Frauen in ländlichen Regionen christlich-sozial, vermutlich unter kirchlichem Einfluss. In Wien hingegen war die Mehrheit sozialdemokratisch.
Es wurden sogar verschieden farbige Wahlkuverts für Frauen und Männer eingeführt.
Asboth: Ja, ab 1920 wurden Kuverts mit verschiedenen Farben verwendet, um Wahltendenzen besser nachvollziehen zu können. Das wirkt heute absurd, aber es zeigt, wie sehr man versuchte, das Wahlverhalten zu kontrollieren.
Gab es in der von Ihnen untersuchten Zeitschrift auch Aufrufe, sich politisch zu engagieren oder zu kandidieren?
Asboth: Nicht direkt. Es wurde zwar darüber berichtet, dass Frauen nun politische Ämter übernehmen – auch aus anderen Ländern –, und es gab Fotos von Politikerinnen, etwa Gemeinderätinnen, etwa die „Arbeiterfrau“ Maria Brunner. Aber ein aktiver Aufruf zur Kandidatur war das nicht. Was jedoch deutlich wurde: Frauen sollten das Wahlrecht ernst nehmen. Nach dem Krieg waren sie ohnehin schon stark belastet – mit Haushalt, Kindererziehung, Haushaltsgeldverwaltung, teilweise auch mit der Erwerbsarbeit. Jetzt kam auch noch die Wahlpflicht dazu. Die Botschaft war: Das ist kein „Zusatz“, sondern eine neue Realität. Man müsse sich bewusst mit dieser Veränderung auseinandersetzen.
Was Frauenzeitschriften deutlich machten: Frauen sollten das Wahlrecht ernst nehmen.
In der „Wiener Hausfrau“ steht dann beispielsweise: „Wir haben im Kriege viel Arbeit geleistet, Unsägliches gelitten. Arbeiten wir nun und verzweifeln wir nicht, der Stimmzettel ist eine Macht! Man hat uns gerufen in schwerster Stunde, beweisen wir unsere Kraft, stehen wir den Männern zur Seite wie im Kriege, und die Zukunft wird mit Gott wieder heller werden!“ (Das Wahlrecht der Frauen, Wiener Hausfrau, 29.12.1918, S. 3)
Das Private wird politisch
Wie stellte die von Ihnen untersuchte Frauenzeitschrift die Errungenschaften der Frauenbewegung dar?
Asboth: „Die Wiener Hausfrau“ wollte eigentlich nicht politisch wirken – sie sahen sich eher als Unterstützungsmedium, besonders während des Krieges. Es ging darum, eine Community zu schaffen, Austausch zu ermöglichen, Trost zu geben. Aber auch hier finden sich politische Positionen – nur subtiler, eingebettet in den Alltag. Genau das ist spannend: Hier überlagern sich private und öffentliche Sphären. In der feministischen Kommunikationswissenschaft ist das ein zentrales Thema: Das Private wird nicht mehr nur als unpolitisch angesehen. Gerade in diesen Austauschforen wird sichtbar, dass persönliche Erfahrungen sehr wohl politisch sein können.
Ein Beispiel, bitte.
Asboth: Eine Antwort auf eine Einsendung zum Thema Frauen, Beruf und Aufgaben im Haushalt war beispielsweise: „Eine Tochter ist, weil sie Weib ist, nicht Magd. Sie hat denselben Anspruch auf Bewegungsfreiheit wie der Sohn. Welche Mutter würde auch nur daran denken, dem Sohn das zuzumuten, was der Haustochter oder der im Beruf stehenden Tochter zugemutet wird. … Erkämpft euch [Töchter] das Recht, das man den Söhnen kampflos einräumt. Nur wer den Willen zur Freiheit hat, wird frei! Eine Mutter, die ihren Töchtern nachgegeben hat und glücklich ist.“ (Wiener Hausfrau, 12.1.1919, S. 5)
Und welche Bedeutung hatten Frauenzeitschriften für die bürgerlich-liberale Frauenbewegung im Vergleich zur sozialdemokratischen?
Asboth: In parteipolitischen Frauenzeitschriften wurde gezielt versucht, politische Öffentlichkeit herzustellen. Etwa „Die Unzufriedene“ der sozialdemokratischen Partei setzte sich aktiv für Gleichstellung ein, rief zur Wahlteilnahme auf und bot Frauen ein Forum für politische Bildung und Aktivismus. „Die Wiener Hausfrau“ hingegen, als Beispiel der bürgerlich-liberalen Publikationen, kann als Quelle für kollektive weibliche Zeitzeug:innenschaft gelesen werden – eine Stimme jener Hausfrauen, die keine öffentlichen Ämter hatten, aber dennoch ihren Platz im politischen Wandel suchten.
„Frau Maria Brunner, der erste weibliche Gemeinderat in Deutsch-Oesterreich.“ (Wiener Hausfrau, 12.1.1919, S. 3)
Beworbene Bücher zu den Themen Heirat, Mutter und Kindererziehung waren keine Seltenheit in der Wiener Hausfrau. (Wiener Hausfrau, 19.9.1919, S. 5)
Das Titelblatt der Ausgabe vom 2. März 1919 zeigt das unbeschwerte Bild von jungen „Mädchen bei einer gemütlichen Geburtstagsfeier“, wohl eher eine Wunschvorstellung aus alter Zeit, wenn man die Textbeiträge über finanzielle und Wohnraumschwierigkeiten liest. (Wiener Hausfrau, 2.3.1919, S. 1)
„Frau Maria Brunner, der erste weibliche Gemeinderat in Deutsch-Oesterreich.“ (Wiener Hausfrau, 12.1.1919, S. 3)
Beworbene Bücher zu den Themen Heirat, Mutter und Kindererziehung waren keine Seltenheit in der Wiener Hausfrau. (Wiener Hausfrau, 19.9.1919, S. 5)
Das Titelblatt der Ausgabe vom 2. März 1919 zeigt das unbeschwerte Bild von jungen „Mädchen bei einer gemütlichen Geburtstagsfeier“, wohl eher eine Wunschvorstellung aus alter Zeit, wenn man die Textbeiträge über finanzielle und Wohnraumschwierigkeiten liest. (Wiener Hausfrau, 2.3.1919, S. 1)
AUF EINEN BLICK
Eva Tamara Asboth ist Medienhistorikerin und PostDoc am Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Sie promovierte an der Universität Wien zu den Ursprüngen und Umdeutungen westlicher Geschichtsbilder über Serbien und die serbische Bevölkerung. Aktuell untersucht sie die Medienlandschaft in der Zwischenkriegszeit in Österreich aus einer Genderperspektive.
This site uses cookies. They ensure essential functionalities of the website and enable us to continuously optimize content. Help us by agreeing to the collection of statistical data and the presentation of external multimedia content. You can change your cookie settings at any time. Further information can be found in the privacy settings and by clicking the Data Protection Link.