Wenn der Online-Mob zuschlägt: Fünf Strategien gegen Hass im Netz
24.10.2025
Seit dem Attentat des rechtspopulistischen US-Aktivisten, Podcaster und Trump-Unterstützer Charles Kirk wütet ein digitaler Mob: Kritiker:innen - darunter Journalist:innen - wurden massiv angegriffen und erhielten teils sogar Morddrohungen. Solche Dynamiken zeigen, wie schnell sich Empörung im Netz in kollektive Hetze verwandelt. Was steckt dahinter, und was können Betroffene tun? Andreas Schulz-Tomančok vom Institut für vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) erklärt, wie Online-Hass funktioniert – und welche Schritte helfen, sich dagegen zu wappnen.
Online-Mobs: Dynamik und Hintergründe
Von einer „Tribunalisierung von Andersdenkenden“ spricht Schulz-Tomančok, wenn es um den Fall Kirk geht. Online-Hetze könne „tribunal-ähnliche“ Strukturen annehmen: Wie bei einer mittelalterlichen Hexenjagd wird gegen Kritiker:innen vorgegangen – auch wenn nur eine kleine, aktive Minderheit die Hetzjagd startet. Durch Algorithmen und Gruppendruck können die Dynamiken verstärkt werden. Konkrete Beispiele aus den USA zeigen das Ausmaß: Menschen, die angeblich etwas Falsches zum Tod von Charlie Kirk gesagt haben, wurden auf Listen gesetzt, öffentlich denunziert und bedroht. „Teilweise hat das für die betroffenen Personen reale Konsequenzen, dass sie dann ihren Job verloren haben oder dass es zumindest angedroht wurde. Das beste Beispiel ist der Late-Night-Host Jimmy Kimmel“, sagt Schulz-Tomančok.
Besonders Medienschaffende und Personen des öffentlichen Lebens sind gefährdet, weil ihre Worte und Handlungen sofort einer großen, oft polarisierten Öffentlichkeit zugänglich sind. In Österreich gibt es ebenso extreme Fälle – etwa jenen der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr und jenen der Journalistin Alexandra Föderl-Schmid.
Fünf Strategien gegen Hass im Netz
Gegenrede einsetzen, Zivilcourage zeigen
„Nachweislich helfen kann die Gegenrede“, sagt Schulz-Tomančok. Damit ist nicht gemeint, dass die Betroffenen selbst tätig werden müssen, sondern vielmehr die solidarische Zivilgesellschaft. Also jene, die den Hass im Netz mitbekommen und sich auf die Seite der Betroffenen stellen können. Auch Organisationen können im Namen der Opfer mit einer solchen Aktion reagieren. Die Gegenrede sollte möglichst sachlich - nicht beleidigend - und immer mit Argumenten, Referenzen, mit Quellen, mit Belegen unterfüttert sein. „Je stärker die Gegenreaktion ausfällt, im Sinne, dass es eine durchdachte Gegenrede ist, umso wirkungsvoller ist sie.“ Die Gegenrede mag gar nicht so sehr gegen die Personen wirken, die Hass verbreiten, sondern jene Leute, die mitlesen. Dass die Mitlesenden sehen: „Okay, da ist noch eine Wehrhafte Zivilgesellschaft.“ So kann auch den betroffenen Personen mitgeteilt werden, dass sie unterstützt werden.Selbst aktiv werden
Schulz-Tomančok rät Betroffenen, alle Hassinhalte zu dokumentieren: „Screenshots erstellen, melden – das sind Schritte, die eine Person selbst machen kann. Und sich damit möglichst nicht aus diesem Diskurs rausdrängen lassen.“ Dabei sind Meldestellen wie ZARA oder HateAid hilfreich.Medienbildung und Medienkompetenz fördern
Ein zentraler Punkt, wenn es um Hass im Netz geht, ist laut Schulz-Tomančok umfassende Medienbildung. „Wir bräuchten mehr davon.“ Der Experte betont, dass Nutzer:innen die Algorithmen von Plattformen wie Facebook, X, Instagram oder Tiktok verstehen müssen, um Hassinhalte zu erkennen: „Du kommst von einem Fitness-Video in die schlimmste Manosphere, wo Misogynie verbreitet wird, wo Charlie Kirk vielleicht als Märtyrer gefeiert wird. Das passiert in Sekunden – wer reguliert das?“ Medienkompetenz könne helfen, die Dynamiken von Plattformen zu verstehen und mit Formen inziviler Kommunikation umzugehen. Schulz-Tomančok weist darauf hin: „Es braucht Schulung, wie man damit umgeht und zwar mit dem Ansatz des Life-long-learnings.“ So sollte Medienbildung und -kompetenz nicht nur an Schulen, sondern auch in Form von anderen Angeboten stattfinden.Bewusstsein für vulnerable Gruppen stärken
Gerade Journalist:innen, Politiker:innen und sexuelle, religiöse und ethnische Minderheiten seien sehr vulnerable Gruppen wenn es um Hass im Netz geht. Es sei wichtig, Solidarität zu zeigen und diese Gruppen zu unterstützen. Am Beispiel von Journalist:innen bräuchte es etwa mehr Medienbildung, um zu zeigen, „dass Journalismus ein vierter Pfeiler der Demokratie ist“, sagt Schulz-Tomančok. Aber auch die Medien sollten sich Strategien überlegen, wie sie auf Plattformen wie Tiktok seriöse und vor allem faktenbasierte Inhalte an bestimmte Zielgruppen bringen und Fact-Checking von hostilen Gerüchten in Hasskommentaren betreiben können.Gemeinsames europäisches Vorgehen
„Die EU muss geschlossen auftreten“, erklärt der Kommunikationswissenschaftler. Solidarität, Vernetzung und Hinweise auf Hilfsangebote seien zentral, um Hass auf großen Plattformen wie X und Tiktok einzudämmen. Ein geeintes Vorgehen helfe, Druck auf Plattformen zu erhöhen und digitale Räume sicherer zu machen: „Die Plattformen müssen noch stärker in die Verantwortung genommen werden. Die EU muss ihre Bürger:innen vor diesen schwach regulierten Inhalten noch besser schützen und darf sich nicht vor außereuropäischen Drohgebärden einschüchtern lassen.“
Online-Hetze bedroht demokratische Diskurse weltweit. Neben dem Fall Kirk in den USA gibt es laut Schulz-Tomančok etwa auch in Deutschland Fälle, bei denen Lehrkräfte, die politische Bildung betreiben und etwa über die AfD aufklären, bedroht werden. „Ich glaube, das könnte auch in Österreich passieren. Gerade deswegen ist es umso wichtiger, Leute zu schützen und gewisse Grundspielregeln zu kennen. Die meisten Leute vergessen ja auch nach wie vor, dass es justiziabel ist, was im Internet passiert. Das muss durch demokratische, Medien- oder Rechtsbildung stärker vermittelt werden“, betont der Experte.
Auf einen Blick
Andreas Schulz-Tomančok studierte Soziologie, Religionswissenschaft, Sozialanthropologie und Kommunikationswissenschaft und ist seit 2022 Nachwuchswissenschaftler am Insitut für Vergleichende Medien- und Kommunikationsforschung der ÖAW.
