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TechnologieDebatte

Social-Media-Verbot: „Wir verlagern die Verantwortung auf die Nutzer:innen“

Eine Altersgrenze für soziale Medien soll Kinder schützen. ÖAW-Technikfolgenforscher Fabian Fischer erklärt, warum die Umsetzung schwierig ist – und welche Nebenwirkungen drohen.

13.04.2026
Kinder und Jugendliche unter 14 Jahren soll das Social-Media-Verbot betreffen.
© Adobe Stock

Die österreichische Regierung plant ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige. Es soll Kinder und Jugendliche besser vor problematischen Inhalten und Sucht schützen. Doch wie lässt sich eine solche Regelung technisch umsetzen – und zu welchem Preis? Fabian Fischer vom Institut für Technikfolgen-Abschätzung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) hat gemeinsam mit der Arbeiterkammer Wien kürzlich eine Studie zum Thema durchgeführt. Im Interview erklärt er, warum viele Fragen noch offen sind – und warum eine breitere Debatte dringend notwendig wäre.

Unklare Ziele, komplexe Umsetzung

Herr Fischer, ein Social-Media-Verbot für unter 14-Jährige soll kommen. Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen?

Fabian Fischer: Aus meiner Sicht ist noch unklar, was genau eigentlich das Ziel ist: Welches Problem soll damit konkret adressiert werden? Das Zweite ist die technische Umsetzung: Wie soll das überhaupt funktionieren? Und das hängt eng mit einem dritten Punkt zusammen: Viele der technischen Ansätze sind relativ leicht umgehbar. Das heißt, man muss davon ausgehen, dass ein Teil der Jugendlichen an so einem Verbot vorbeikommen wird. Folglich stellt sich auch die Frage, wie stark die eingesetzten Technologien in das Online-Leben aller eingreifen – bei gleichzeitig möglicherweise begrenzter Effektivität. Das Risiko von negativen Nebenwirkungen ist durchaus groß.

Welche technischen Möglichkeiten zur Altersverifikation gibt es derzeit überhaupt?

Fischer: Wir haben uns in einer aktuellen Studie gemeinsam mit der Arbeiterkammer neun verschiedene Ansätze angesehen. Die einfachste Variante ist die Selbstauskunft, also etwa ein Klick auf das Feld „Ich bin über 18“ oder die Eingabe eines Geburtsdatums. Das ist datensparsam, aber natürlich sehr leicht zu umgehen, weil man hier auch falsche Angaben machen kann. Dann gibt es Verhaltensanalysen: Plattformen werten mithilfe von KI und Algorithmen aus, welche Inhalte man konsumiert, wann man online ist oder wie man sich im Netz bewegt, und schätzen daraus das Alter. Oft wird das mit weiteren Methoden kombiniert – etwa einer Gesichtsanalyse oder einem Abgleich mit einem Ausweis. Ein anderer Ansatz ist die Verifikation über Dokumente oder Kreditkarten. Und dann gibt es noch staatliche Lösungen wie die ID Austria oder künftig eine europäische digitale Identitäts-Wallet - eine sogenannte European Digital Identity Wallet oder eine Brieftasche für digitale Identitäten. Besonders interessant sind datensparsame Ansätze, bei denen nur bestätigt wird: „Diese Person ist über 14“ – ohne weitere Details preiszugeben. Das wäre aus Datenschutzsicht am besten.

Wie realistisch ist eine schnelle Umsetzung solcher Systeme?

Fischer: Der Zeitplan ist aus meiner Sicht sehr ambitioniert. Zumindest die Frist, die ursprünglich im Gespräch war, nämlich der 1. September, halte ich für äußerst unrealistisch. Man muss ja nicht nur die Technik entwickeln, sondern auch sicherstellen, dass sie sicher funktioniert, keine Datenschutzlücken hat und von den Online-Plattformen überhaupt implementiert wird. Auf EU-Ebene sieht man, dass solche Systeme nicht in wenigen Monaten entstehen. Gleichzeitig gibt es bereits eine Entwicklung, die hier relevant ist: Die sogenannte eIDAS-Verordnung 2.0 verpflichtet alle Mitgliedstaaten, ihren Bürger:innen bis Anfang 2027 eine europäische digitale Identitäts-Wallet zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet: Eine technische Infrastruktur, die auch für Altersnachweise nutzbar sein wird, soll ohnehin kommen – und zwar in relativ kurzer Zeit. Diese Systeme hätten den Vorteil, dass sie europaweit funktionieren und grenzüberschreitend genutzt werden können. Aus meiner Sicht wäre das eine naheliegende technische Grundlage für Altersverifikation. Die Frage ist daher auch, ob man jetzt kurzfristig eigene Lösungen einführt – oder stärker auf diese europäischen Systeme aufbaut, die ohnehin vorgesehen sind. Derzeit ist allerdings noch unklar, wie weit Österreich bei der Umsetzung der EU-Vorgaben ist.

Risiken für Datenschutz und Teilhabe

Ihre Studie warnt auch vor Nebenwirkungen. Welche könnten das sein?

Fischer: Eine Nebenwirkung für uns alle ist, dass ja nicht nur Kinder sich ausweisen werden müssen. Es ist zum Beispiel unklar, ob sich jede Person künftig ausweisen muss, um überhaupt Inhalte zu sehen. Mit einem Beispiel erklärt: Wenn ich einen Link zu einem YouTube-Video geschickt bekomme und YouTube ist eine der Plattformen, die reguliert werden soll, muss ich dann, obwohl ich keinen YouTube-Account habe, dort irgendwie mein Alter feststellen lassen? Oder muss ich dann einen Account anlegen, nur damit ich ein YouTube-Video schauen kann, weil bei der Account-Erstellung das Alter festgestellt werden kann? Das könnte dazu führen, dass noch mehr Menschen gezwungen sind, auf Plattformen Accounts anzulegen. Ein zweiter Punkt ist, dass die Datensicherheit leiden könnte. Viele Verfahren arbeiten mit hochsensiblen Daten – Gesichtsbildern, Ausweisen oder Verhaltensdaten. Solche Daten sind extrem interessant für Hacker. Es gab bereits Fälle, in denen solche Datensätze gestohlen wurden. Und dann gibt es gesellschaftliche Folgen: Viele wichtige Funktionen – Information, Austausch, Unterstützung zum Beispiel in Form von Lernvideos oder Selbsthilfegruppen – finden heute online statt. Ein vollständiges Verbot könnte diese Möglichkeiten einschränken, gerade für junge Menschen. Einmal angenommen, man ist ein junger Mensch am Land, der im Offline-Leben einfach keinen Anschluss hat, weil er halt seine Spezialinteressen hat und zum Beispiel eher ein Nerd ist. Der findet aktuell vielleicht gut online Anschluss. Aber all diese Möglichkeiten würden wegfallen, weil das Verbot ja strikt und allumfassend sein sollte für unter 14-Jährige.

Könnte ein Verbot auch dazu führen, dass Jugendliche auf andere Plattformen ausweichen?

Fischer: Ja, das ist sehr wahrscheinlich. Es ist ja nicht klar definiert, was genau unter Social Media fällt. Viele problematische Inhalte – etwa Mobbing, Radikalisierung oder auch gefährliche Inhalte – finden auch über Messenger wie WhatsApp oder Telegram, Spieleplattformen oder andere Dienste wie KI-Anwendungen statt. Wenn man nur bestimmte Plattformen reguliert, besteht die Gefahr, dass sich die Nutzung einfach verlagert – teilweise in weniger regulierte Räume.

Welche Rolle spielt Medienkompetenz in dieser Debatte?

Fischer: Eine sehr große. Ein Problem wäre, wenn man Social Media bis 14 Jahre verbietet und Jugendliche dann plötzlich ohne Vorbereitung ab 14 damit konfrontiert sind. Das wäre wie ein Sprung ins kalte Wasser, da müsste auf jeden Fall ein Übergang vorbereitet werden. Noch wichtiger sind aber die Bezugspersonen – also Eltern oder ältere Geschwister – und wie sie agieren. Selbst wenn man etwa eine Altersverifikations-App nutzt, könnte ein Elternteil diese mit den eigenen Daten einrichten und die Bestätigung weitergeben. Dann wird zwar technisch korrekt übermittelt, dass jemand über 14 ist – tatsächlich nutzt aber vielleicht ein zwölfjähriges Kind den Zugang. Das heißt, viele dieser Systeme lassen sich relativ leicht umgehen, wenn das soziale Umfeld nicht eingebunden ist. Während man beim Thema Medienkompetenz Kinder und Jugendliche über Schule und Lehrpläne noch vergleichsweise gut erreichen kann, ist das bei Erwachsenen deutlich schwieriger. Hier gibt es noch großen Bedarf an Information und Unterstützung – auch in unterschiedlichen Formaten und für verschiedene Zielgruppen, mehrsprachig und nicht nur für Akademiker-Eltern zum Beispiel. Auch die Vorbildwirkung von Bezugspersonen darf nicht unterschätzt werden: Wenn Eltern selbst sehr viel Zeit auf Social Media verbringen, wird es schwer zu vermitteln, warum Kinder das nicht tun sollten.

Plattformen in der Pflicht?

Sie haben immer für eine breitere öffentliche Diskussion plädiert. Was fehlt derzeit?

Fischer: Mir geht in der aktuellen Debatte ein transparenterer Umgang mit der Frage ab, wie das technisch umgesetzt werden soll. Auch rechtliche Fragen sind nicht vollständig geklärt, wobei ich kein Rechtsexperte bin: Es gibt mit dem europäischen Digital Services Act ein Gesetz, das Vollharmonisierung in der EU vorsieht. Das heißt, dass es da eigentlich keine nationalen Gesetzgebungen geben soll oder die ungültig wären. Es ist also die Frage, inwiefern Österreich überhaupt wirksame Gesetze in dem Bereich verabschieden kann. Außerdem werden in der Debatte oft unterschiedliche Themen vermischt: Handyverbote in Schulen, was als Social Media gilt und Suchtmechanismen. Ich habe das Gefühl, da wird sehr viel rein projiziert, was für Probleme ein Social-Media-Verbot alles lösen soll. Und es gibt ja auch die Debatte, dass man VPNs verbieten möchte, weil sie es leicht machen, Verbote zu umgehen. Aber VPNs verwenden wir auch, um zum Beispiel auf das Firmennetzwerk zuzugreifen. Oder auch um Zensur zu umgehen in autokratischen Systemen. Das ist also auch kompliziert. Wichtige Fragen wären: Was ist das konkrete Ziel? Wie kann man es erreichen? Welche Nebenwirkungen nimmt man in Kauf? Und wie verhindert man, dass Maßnahmen einfach umgangen werden?

Gibt es aus Ihrer Sicht Alternativen zu einem Verbot?

Fischer: Man kann die aktuelle Debatte auch als Konsequenz einer mangelnden Rechtsdurchsetzung gegenüber Online-Plattformen sehen. Es gibt bereits Regeln – etwa die Datenschutz-Grundverordnung oder den europäischen Digital Services Act –, die Plattformen verpflichten, Minderjährige zu schützen. Diese werden aber oft nicht ausreichend durchgesetzt und die Datenschutzbehörde hat nicht genug Ressourcen. Ein bisschen kann man die aktuelle Entwicklung so verstehen: Wir haben es nicht geschafft, dass Plattformen ausreichend moderieren, dass sie gute Schutzmaßnahmen umsetzen und problematische Strukturen – wie Infinite Scrolling oder Empfehlungsalgorithmen – in den Griff bekommen. Stattdessen müssen jetzt gewissermaßen die Nutzer:innen dafür zahlen. Es ist einfacher, die Verantwortung auf die Nutzer:innen zu verlagern und zu sagen, sie können sich nicht ausreichend selbst kontrollieren und brauchen deshalb staatliche Regulierung, als den Plattformen klar vorzuschreiben, dass sie ihre Systeme ändern müssen. Es wäre sinnvoll, sich genauer anzusehen, welche Instrumente es bereits gibt und wie man deren Durchsetzung stärken kann. Auch in Österreich gibt es hier schon Expertise. International sieht man ebenfalls Entwicklungen in diese Richtung: In den USA wurden kürzlich große Plattformen wie Google beziehungsweise Alphabet und Meta zu Schadenersatzzahlungen wegen sogenanntem „addictive design“ verurteilt. Ein solcher Ansatz könnte breiter wirken. Denn von all diesen Mechanismen sind nicht nur Kinder und Jugendliche betroffen. Auch Erwachsene leiden darunter – etwa wenn Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben plötzlich viel Zeit online verbringen und dort in problematische Nutzungsmuster geraten. Mehr Druck auf Plattformen könnte daher nicht nur Kinder besser schützen, sondern insgesamt zu einem verantwortungsvolleren digitalen Umfeld beitragen.