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TechnologieJugendschutz

Social Media für Jugendliche: Lernen von Indonesien

Indonesien hat als zweites Land weltweit Social-Media-Verbote für Jugendliche eingeführt. Warum die drittgrößte Demokratie der Welt diesen Schritt gewagt hat, erklärt ÖAW-Sozialanthropologe Martin Slama.

28.04.2026
Eine Gruppe von Jugendlichen steht im Kreis und hält Smartphones in Händen
© AdobeStock

Seit Ende März 2026 sind in Indonesien Plattformen wie TikTok, YouTube und Instagram für Minderjährige unter 16 Jahren generell verboten, für 16- bis 18-Jährige nur mit elterlicher Zustimmung erlaubt. Martin Slama, der am Institut für Sozialanthropologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zu Indonesien forscht, erklärt im Interview, warum das Gesetz auf breite gesellschaftliche Zustimmung stößt, welche Rolle dabei islamische Organisationen und generationelle Hierarchien spielen – und warum sich Indonesien in dieser Debatte vor Österreich sieht.

Indonesien gilt als eine der sozialmedienfreudigsten Gesellschaften der Welt. Warum hat ausgerechnet dieses Land nun eines der strengsten Social-Media-Verbote für Jugendliche eingeführt?

Martin Slama: Bereits im Titel des Gesetzes steht, dass es hier um den „Schutz von Kindern“ geht, wobei Menschen unter 18 Jahren als „Kinder“ definiert werden. Es besagt, dass im Alter von 16 bis 18 Jahren der Gebrauch von sozialen Medien nur mit Zustimmung der Eltern erlaubt ist und unter 16 Jahren gar nicht. Dass hier Jugendliche in ihrer Mediennutzung eingeschränkt werden, ist für mich nicht sonderlich überraschend, da in Indonesien das Alter eine wichtige Rolle dabei spielt, wie gesellschaftliche Hierarchie gedacht wird. Zum Beispiel ist das Worte für Bruder und Schwester im Indonesischen das gleiche, wobei jedoch immer unterschieden wird, ob es sich um eine:n ältere:n oder jüngere:n Bruder bzw. Schwester handelt. Hierarchie wird innerfamiliär also nicht hauptsächlich nach Geschlecht, sondern nach Alter konstruiert. Und wer als Kind definiert wird, hat grundsätzlich weniger Handlungsmacht als Erwachsene. Kinder einzuschränken, wird also überwiegend als legitim angesehen. Die weit verbreitete Akzeptanz von recht steilen sozialen Hierarchien zwischen den Generationen erklärt zumindest teilweise, warum das Gesetz hauptsächlich auf Zustimmung stieß. 

Australien hat das Verbot als weltweit erstes Land eingeführt, Europa diskutiert es. Sehen Sie hier eine westlich geprägte Debatte, die auf die digitale Alltagskultur Indonesiens übertragen wird?

Slama: Indonesien und Australien sind Nachbarländer. Das australische Verbot war sicher ein Anstoß, aber nicht der einzige Grund. Als es in den Medien präsentiert wurde, war die Reaktion in Indonesien durchaus: „Das gibt es jetzt erst in Australien, wir gehören noch zu den Ersten, die so etwas einführen.“ Das Thema war also bereits in Indonesien selbst virulent, bevor europäische Länder es groß aufgegriffen haben. Interessanterweise wird in den indonesischen Medien sogar Österreich erwähnt – als Land, das Indonesien nachziehen soll.

Schutz auf TikTok, YouTube & Co.

Indonesiens Digitalministerin Meutya Hafid begründet das Verbot u.a. mit dem Schutz vor Pornografie, Cybermobbing und Suchtverhalten. Welche Plattformen sind konkret verboten?

Slama:  Seit 27 .März 2026 sind Accounts auf sogenannten Hochrisiko-Plattformen für Kinder und Jugendliche verboten. Zu diesen Plattformen zählen YouTube, TikTok, Facebook, Instagram, Threads, X (vormals Twitter) und Roblox. Messengerdienste wie WhatsApp unterliegen keiner Beschränkung.Die Ministerin betont, dass das Verbot rund 70 Millionen Kinder in Indonesien schützen wird.

Die Mehrheit der Bevölkerung hat das Verbot begrüßt – nach dem Motto „Wir schützen die Kinder, das ist eine gute Sache.“

Mit über 280 Millionen Einwohner:innen ist Indonesien das viertbevölkerungsreichste Land der Welt und zugleich das bevölkerungsreichste muslimisch geprägte Land. Wie hat die Bevölkerung reagiert?

Slama: Die Mehrheit der Bevölkerung hat das Verbot begrüßt – nach dem Motto „Wir schützen die Kinder, das ist eine gute Sache.“ Es gab aber auch kritische Stimmen, etwa vom Vorsitzenden von Amnesty International Indonesia, der von einer Einschränkung von Kinderrechten sprach, sowie von jungen Menschen selbst, die nicht nur bedauerten, dass siejetzt nicht mehr YouTube schauen können, sondern auch darauf hinwiesen, dass sie soziale Medien zum Lernen verwenden.

Ich habe hauptsächlich in muslimischen Communities in Indonesien geforscht. Die großen islamischen Organisationen des Landes stehen hinter dem Gesetz, wie auch die offiziellen Vertreter der anderen staatlich anerkannten Religionsgemeinschaften, wie dem Christentum, Hinduismus, Buddhismus, Konfuzianismus. Obwohl in Indonesien soziale Medien Teil des religiösen Alltagslebens wurden, werden diese in islamischen Communities durchaus auch kontroversiell diskutiert. Ein interessanter Aspekt ist etwa der Begriff „Riya“, der das Zurschaustellen frommer Handlungen, um damit Anerkennung zu erlangen, beschreibt. Wenn man also die eigene Frömmigkeit auf den sozialen Medien teilt, besteht ein gewisses Risiko, dass dies dann von anderen Muslim:innen als „Riya“ angesehen und damit als sündhaftes Verhalten negativ bewertet wird.

Wahlalter und Social Media

Man darf wählen, aber nicht uneingeschränkt Social Media nutzen.

Ab welchem Alter darf man in Indonesien wählen? Gibt es hier eine Parallele zur Social-Media-Regelung?

Slama: Das Wahlalter in Indonesien liegt bei 17 Jahren und für Personen, die verheiratet sind, auch darunter. Es gibt also eine gewisse Diskrepanz: Man darf wählen, aber nicht uneingeschränkt Social Media nutzen. Interessantes Detail: Die Definition von „Erwachsensein“ hängt in Indonesien stark damit zusammen, ob jemand verheiratet ist oder nicht. Das Heiratsalter wurde 2019 jedoch von 16 auf 19 Jahre hinaufgesetzt. Ausnahmen gibt es nur, wenn das von den Eltern vor einem Gericht beantragt wird. Laut dem neuen Gesetz darf man die verbotenen Plattformen unabhängig davon aber auch dann nicht nutzen.

 

Auf einen Blick

Martin Slama ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialanthropologie der ÖAW. Forschungsaufenthalte führten ihn u.a. an die Universität Freiburg, die Australian National University und mehrfach nach Indonesien, wo er zahlreiche Feldforschungen durchführte. 2016 habilitierte er sich am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Er leitete an der ÖAW das Projekt „Social Media and Islamic Practice: Consequences of Being Digitally Pious in Indonesia".