Populistische Politik? It’s the economy, stupid!
13.11.2025
Aris Komporozos-Athanasiou ist Professor am UCL Centre for Capitalism Studies, University College London, in seiner Forschung untersucht er den Einfluss der Finanzmärkte auf unser tägliches Leben. Er vertritt die These, dass man dem aktuellen Wahrheitsverlust nicht allein mit einer Stärkung der Rolle von Expert:innen und Faktenchecks lösen kann. Wir müssen die Denkweise der Finanzmärkte analysieren, um zu verstehen, wie unsere Gesellschaft mit Unsicherheit, Chaos und Irrationalität umgeht.
Am 13. November ist Aris Komporozos-Athanasiou zu Gast in Wien: Auf Einladung der Kommission Demokratie in digitalen Gesellschaften hält er einen Vortrag mit dem Titel „The Price of Truth. Finance, Misinformation and the Battle for Reality“ an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Im Gespräch erklärt er, was die aktuelle Wahrheitskrise mit Bitcoin, Trump und dem irrationalen Denken der Märkte zu tun hat. Und wie wir als demokratische Staaten darauf reagieren können.
Ihr Vortrag nennt sich „Der Preis der Wahrheit“. Warum geht es dabei?
Aris Komporozos-Athanasiou: Die größte Herausforderung vor der wir als Gesellschaft gerade stehen ist die Wahrheitskrise. Menschen können immer schwerer entscheiden, was real ist und was fake news sind. Normalerweise erklären wir diese Krise damit, dass viel auf die Digitalisierung geschoben wird. Dass es populistische Politiker:innen gibt, die diese Verwirrung ausnutzen. Wir haben Medien, die sagen, wir müssen die Wahrheit zurückbringen, wir müssen mehr Beweise vorlegen. Unser Ansatz zur Lösung des Problems ist, die rationalen Fähigkeiten der Menschen zu schulen. Aber ein Faktor fehlt immer in der Debatte: die Wirtschaft. Wir sehen keinen Zusammenhang zwischen dem Finanzwesen und unseren täglichen Leben. Dass wir das Denken der Märkte übernommen haben, wie wir Wahrheit betrachten.
Das Denken der Finanzwelt und die Welt der Verschwörungstheorien sind durchaus ähnlich.
Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Komporozos-Athanasiou: Nehmen wir The Magnificent Seven, das sind die wichtigsten Tech-Aktien wie Alphabet, Amazon, Apple oder Nvidia, deren Marktkapitalisierung größer ist als das Bruttoinlandsprodukt von Deutschland. Ihr Wert macht rund 40 Prozent des gesamten S&P 500-Index in den Vereinigten Staaten aus. Wir sprechen über astronomische Bewertungen. Was diese tatsächlich rechtfertigt, ist unklar. Man hat beim Finanzwesen immer die Vorstellung von einem präzisen Zahlenwerk, das sehr rational begründet ist. Aber, wieviel Wert diesen Tech-Unternehmen zugesprochen wird, ist höchst irrational. Diese verrückten Bewertungen sind absolut fantastisch und spekulativ.
Weil bei Aktien immer die Zukunft eingepreist wird.
Komporozos-Athanasiou: Genau, sie bewerten die Zukunft. Aber niemand kennt diese. Prognosen sind zwangsläufig spekulativ. Es werden Milliarden von US-Dollar in Start-Ups gepumpt, ohne Beweise, ob diese jemals erfolgreich sein werden. Das sind Wetten wie im Kasino. Es gibt also diese Art von Glauben, dass die Zukunft etwas bringen wird. Dieses Denken beeinflusst auch unser Wertesystem und wie wir unsere Politik betrachten. Die neuen politischen Vertreter:innen sind bereit, ähnlich verrückte Wetten auf die Zukunft einzugehen, ohne Beweise dafür vorzulegen.
Wie sieht das konkret aus?
Komporozos-Athanasiou: Hedgefonds suchen nach KI-Technologien und rechnergestützter Algorithmik. Die Rationalität dieser Tools zur Mustersuche ist nicht das, was wir normalerweise unter einer Bewertung von Fakten verstehen. Sie suchen nach bizarren Korrelationen. Das einzige Kriterium ist nicht die Tatsache, ob es richtig oder falsch ist, sondern, ob es am Ende des Tages einen Gewinn bietet. Ein Tool, das Wettervorhersagen in Indien mit dem Milchpreis in Brasilien korreliert, ergibt keinen logischen Sinn. Aber es kann zu Gewinnen führen – und dann handeln die Hedgefonds danach. Das ist ähnlich zu Verschwörungstheorien, die auch nach Mustern funktionieren. Sie kümmern sich nicht so sehr um die zugrundeliegenden Beweise, es geht ihnen darum, wie sie Dinge miteinander verbinden können, um ein neues Narrativ zu erzeugen. Das Denken der Finanzwelt und die Welt der Verschwörungstheorien sind also durchaus ähnlich.
Bitcoin und andere Kryptowährungen haben zu unserer Wahrheitskrise wesentlich beigetragen. Sie sind von Fundamentaldaten völlig losgelöst.
Welche Rolle spielen Kryptowährungen in diesem System?
Komporozos-Athanasiou: Der Wert von Bitcoin ist abhängig von der kollektiven, öffentlichen Stimmung. Es gibt eine flexible Vereinbarung, dass der Preis steigen wird. Eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung, der nichts zugrunde liegt. Ich denke, Bitcoin und andere Kryptowährungen haben zu unserer Wahrheitskrise wesentlich beigetragen. Sie sind eine Anlageklasse, die anders als Rohstoffe und andere Vermögenswerte von den Fundamentaldaten völlig losgelöst ist. Bei der letzten US-Wahl hat sich Donald Trump erfolgreich als der erste Krypto-Präsident der USA inszeniert, was ihm sehr genutzt hat. Mehr als die Hälfte der finanziellen Unterstützung für Trump kamen aus dem Krypto-Bereich. Wir sehen aber auch in Europa, dass rechte Parteien wie die AfD sehr kryptofreundlich sind. Es gibt eine Allianz zwischen einer aufstrebenden populistischen Rechten, die ebenfalls in vielerlei Hinsicht sehr verschwörerisch sind, und Kryptowährungen.
Das ursprüngliche Versprechen von Bitcoin war doch, dass er dezentral ist, keiner staatlichen Regelung unterliegt und durch die Blockchain transparent ist.
Komporozos-Athanasiou: Bitcoin war als Alternative zum zentralisierten Bankwesen gedacht. Mittlerweile ist er Mainstream, es hat mehr als ein Drittel der Amerikaner:innen Investitionen in Krypto getätigt. Dabei ist Krypto eine sehr widersprüchliche Welt: Bitcoin hat extremere Kursschwankungen als alle anderen Anlagen, gilt in den Köpfen vieler aber trotzdem als sicher. Junge Menschen sehen Krypto als eine der wenigen Möglichkeiten, schnell reich zu werden. Sie finden in den traditionellen Institutionen keine Antworten und Sicherheit mehr. Sie erleben diese Welt als verwirrend und abweisend. Sie versuchen nicht mehr, Situationen zu kontrollieren oder zu verändern, sondern wollen herausfinden, wie sie davon profitieren können. Und die Märkte sind so aufgebaut, dass sie von Instabilität, Unordnung und volatilen Ereignissen profitieren – das schließt auch unsere Wissenssysteme und die Bewertung der Wahrheit ein.
Es gibt eine Allianz zwischen einer aufstrebenden populistischen Rechten und Kryptowährungen.
Chaos und Instabilität als Muster für die Gegenwart?
Komporozos-Athanasiou: Politische Scharlatane scheinen die am besten geeignete Lösung für dieses Chaos zu sein. Die liberale Kraft, die sagt, sie bringe Kontrolle und Wissenschaft zurück, klingt in diesem Zusammenhang irrelevant. Das Finanzwesen bietet einen Leitfaden für die Klasse der politischen Populist:innen. Donald Trumps Zollkrieg ergibt wenig Sinn. Die Tarife sind erfundene Zahlen, die absurd hoch, willkürlich gesetzt und frei erfunden waren. Trotzdem wurden sie von der gesamten Weltpolitik akzeptiert. Ein Land nach dem anderen wurde dazu gedrängt, auf der Grundlage von fiktiven Fakten zu verhandeln. Dadurch haben sich die Zölle aber erst „realisiert“. Das ist ein Beweis dafür, wie dieser finanzgetriebene Ansatz des „fake it till you make it“ zum vorherrschenden Mittel wird, um die Wahrheit (im Gegensatz zu „Beweisen“) zu legitimieren.
Wir konzentrieren uns als Gesellschaft nicht mehr darauf, Dinge zu reparieren. Wir denken, dass sie ohnehin kaputt sind, und versuchen einfach, Gewinne mitzunehmen?
Komporozos-Athanasiou: So ist es. Wir werden zu Opportunisten und haben keine Wahl, weil es gewissermaßen eine Überlebensstrategie ist. Wir versuchen, dieser volatilen Welle zu folgen und zu sehen, wohin sie uns trägt. Eine zentrale Frage, die ich in meinem Vortrag zu beantworten versuche, ist: Wie können Demokratien im Zeitalter des Populismus und des Chaos die Wahrheit zurückerobern? Mit Marktregulierung und staatliche Interventionen werden wir es allein nicht schaffen. Ich bin kein Befürworter des freien Marktes, aber finde: Wir müssen aus der Volatilität lernen, daraus, wie die Finanzwelt sie zu einer Waffe macht. Es braucht eine breitere und sehr offene Debatte, wie wir Fakten bewerten. Wir können der Wahrheitskrise nicht begegnen, indem wir lediglich Trumps Faktenchecks durchführen oder Fake News unterbinden. Die Herausforderung besteht darin, einen Teil der Marktlogik selbst auf demokratische Ziele auszurichten.
Wie könnte das konkret aussehen?
Komporozos-Athanasiou: Das bedeutet, Institutionen aufzubauen, die einfallsreich sind und nicht nur versuchen, dem Markt und seiner Preisgestaltung der Wahrheit hinterherzulaufen. Vielmehr müssen sie von der epistemischen Offenheit des Finanzwesens lernen – seiner Bereitschaft, kreativ mit Unsicherheit und Volatilität umzugehen – und sogar mit einem anderen Einsatz der Instrumente der Spekulation und Preisgestaltung experimentieren, um das wertzuschätzen, was für Gesellschaften wirklich wichtig ist – vom Klima bis zur sozialen Sicherheit. So wird den Bürger:innen Raum gegeben, eine gerechtere Verteilung von Risiken und Unsicherheiten zu gestalten. Staatliche Interventionen, die dieser Logik folgen, akzeptieren beispielsweise nicht einfach die (oft verzerrte) Wahrheit der Marktpreise in wichtigen Sektoren wie Energie, Wohnen und öffentlicher Infrastruktur – sie formen sie kreativ, um gesellschaftlichen Bedürfnissen und Werten gerecht zu werden.
Auf einen Blick
Aris Komporozos-Athanasiou ist Professor of Economy and Society am University College London und Gründungsdirektor des UCL Centre for Capitalism Studies. In Kürze erscheint sein neues Buch “Real Fake: TheTruth Crisis of Capitalism” bei MIT Press.
Sein Vortrag "The price of truth. Finance, misinformation and the battle for reality" findet am 13. November um 17.30 Uhr im Seminarraum 1 im Arkadenhof des Campus der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) statt (Eingang: Bäckerstraße 13, 1010 Wien).
